Acid

Trailer Kino

Sasha ist 20 und hat keinen richtigen Plan für sein Leben. Gerade ist sein Kumpel Vanya einfach so vom Balkon gesprungen. Nach der Beerdigung geht Sasha mit seinem besten Freund Pete und Freundin Karina erst mal in den Club, feiern. Dort lernen die drei den Künstler Vasilisk kennen, der ihnen Zuhause seine Arbeit vorführt: Er löst alte Politiker-Büsten in Säure auf. Am nächsten Morgen trinkt Pete einen Schluck der Flüssigkeit und landet im Krankenhaus. Als er wieder sprechen kann, findet er endlich Worte für das Chaos um sich. Das Regiedebüt des russischen Schauspielers Alexander Gorchilin – bekannt aus seiner Zusammenarbeit mit Kirill Serebrennikov („Leto“, 2018) – ist ein abgründiges Porträt der Jugend im heutigen Russland. Den jungen Männern in „Acid“ scheint es ökonomisch an nichts zu mangeln, emotional wirken sie jedoch verwahrlost und orientierungslos. Stefan Hochgesand über einen Not-Coming-of-Age-Film mit ätzender Wirkung, der in seiner teils virtuosen Filmsprache an das Frühwerk Xavier Dolans erinnert – und jetzt im Kino zu sehen ist.

Foto: Edition Salzgeber

Why Does My Heart Feel So Bad

von Stefan Hochgesand

Eine Preiselbeere misst, selbst wenn das Licht und der Boden besonders gut waren, kaum je mehr als einen Zentimeter Durchmesser. Und doch kann eine Preiselbeere, kann das Wissen um Preiselbeeren, eine große Sache sein: Wanyas Mutter weigert sich im letzten Moment, ihren Sohn zu verabschieden. Ein schöner Spaß sei die Beerdigung gewesen, bricht es aus ihr am Grab heraus; er, Wanya, könne nun wieder herausklettern aus dem Sarge, sie habe Preiselbeeren für ihn mitgebracht. Die hat er wohl gerne gemocht, oder zumindest nicht das Gegenteil behauptet. Peinlich berührt schauen neben ihr Wanyas Freunde vor sich hin. Nur Petya schaltet auf Konfrontation: „Preiselbeeren?! Was wussten Sie schon über ihn? Sein Geburtsgewicht vielleicht.“ Aber nicht, bei wem er Schulden hatte. Nicht, dass Wanya mit der und mit der und mit der und mit dem geschlafen habe. Petya zeigt auf die Freunde am Grab. Solche Sachen nicht!

Der verhinderte oder zumindest stark gestörte Dialog, die nicht stattgefundenen Gespräche zwischen den Generationen ist eins der zentralen Themen im Regiedebüt des russischen Filmemachers Alexander Gorchilin. Dass er dabei ein exzellentes Gespür für Details hat, lassen schon die Preiselbeeren erahnen – sinnlich, sauer, bitter und ein klein bisschen süß auch, aber so dezent, wie es nur eben geht.

Kurz vorher war die Kamera noch sehr nah an Wanya: Im Stroboskoplicht perlt ihm der Schweiß übers Gesicht. Die Lampen tünchen seine Haut ins Rotlicht. In seinen Augen eine namenlose Angst. Was sind das für Gedanken, die ihn durch den Kopf gehen? Wanya, nackt, kauert sich hinter einem Mülleimer im Raum zusammen, schreit. Kaum später steigt er über ein Geländer. Petya, auf dem Nachbarbalkon, sagt: Ja, wenn Wanya springen wolle, solle er es eben tun. Und der tut es. Ob sein Kopf nun auch im Wortsinn geplatzt ist, sehen wir nicht mehr. „Why Does My Heart Feel So Bad“ von Moby erklingt, diese Sentimental-Electronica, die seit fast 20 Jahren fast totgespielt wurde und im Kontext dieser intensiven Bilder eine neue, unerhörte Kraft tankt.

Und das muss man erst mal hinkriegen. Wer kann sowas schon? Ja, Xavier Dolan wohl auch. Überhaupt verführt so einiges an „Acid“ dazu, den früh vom Schauspieler zum Regisseur gereiften Alexander Gorchilin, der gerade mal 27 ist, als den neuen, den russischen Dolan zu feiern: dieser Spürsinn für perfekte Bilder mit schönen Menschen in denkbar unschönen Situationen; dafür, wieviel und wie das Licht darauf leuchten muss; aber auch für die Komik, die ein wenig vom Drama entlasten kann, zumindest kurzfristig. Etwa wenn Sashas Oma ihren Enkel dazu ermuntert, seinen schmerzenden Schwanz in ein Glas mit roter Flüssigkeit zu tränken, die halb nach Kirschmarmelade aussieht, halb nach Roten Beten.

Apropos: „Warum erzählst du allen von meinem Pimmel?“, will Sasha von Petya im Club wissen. Die beiden scheinen zwar beste Freunde zu sein, aber das geht dann vielleicht doch zu weit. Der schwule Konzeptkünstler Vasilisk hat nämlich von Petya erfahren, dass Sashas Schniedel jüngst beschnitten wurde. Vasilisk will (und wird) ihn fotografieren, „aus rein künstlerischen Gründen“, denn Sashas Gemächt sei genial. Wobei bei Vasilisk und seiner Vision von Kunst Vorsicht geboten ist: Nachdem der Club von der Polizei geräumt wurde und der harte Kern in Vasilisks Atelier strandet, verrät der nämlich auch, dass man als Künstler anfangs subversiv sein sollte, nur um danach Zeug zu produzieren, das nichts bedeutet, aber den Rubel rollen lässt. Wie zum Beispiel die Sowjet-Skulpturen seines Vaters, die Vasilisk in einer Badewanne mit dem filmtitelgebenden ätzenden Säure ertränkt, die der Pionierplastik allen propagandatauglichen Triumph-Touch raubt. Hat das wirklich nichts zu bedeuten, wenn da ein schwuler Mann die Gebilde seines Vaters auseinanderprickelt, ja, dekonstruiert? Die Nacht endet mit einem bisexuellen Vierer.

Foto: Edition Salzgeber

Man staunt als (westlicher) Zuschauer, wie viel möglich ist in diesem Film, der sogar Fördergeld vom russischen Kulturministerium bekommen hat. Trotz „Homopropaganda-Verbot“ seit 2017, das unter anderem Pride-Paraden unterbindet und queeren Aktivismus teils brutal unterdrückt. Und trotz der Tatsache, dass Gorchilin seit einem Jahrzehnt Kirill Serebrennikow seinen Mentor nennt, der international gefeierte Theater- und Filmregisseur („Der die Zeichen liest“), der in Russland eine Art Staatsfeind ist, von 2017-2019 anderthalb Jahre Hausarrest fristen musste und noch immer drangsaliert wird. Vor diesem Hintergrund scheint sich „Acid“ an der Grenze zur Zensur zu bewegen: Ein queerer Vibe durchzieht den Film, und doch sehen wir keinen einzigen homosexuellen Kuss. Von Sasha glauben seine Mama und seine Oma zwar, dass er schwul sei – er selbst aber leugnet es und hat Sex mit der minderjährigen Schwester seiner Freundin. „Wieso liebst du deinen Petya so?“, fragt die Mutter. „Du tust alles für ihn!“ Wenn man es darauf anlegt, kann man „Acid“ wohl auch so sehen, dass da eine lockerliberale Jugend im emotionalen Elend dümpelt: eine debile Jugend ohne Gott, aber mit sehr viel Schrott, gefühlsmäßig.

Foto: Edition Salzgeber

Der Wendepunkt im Film ist der Morgen danach, nach dem Verkehr zu viert: Morgenstund hat Gold im Mund, sagt man, aber das Leben läuft eben oft anders, als man so sagt, und deswegen bringt die Morgenstund für Petya: Säure im Mund. Diese Flasche, die da auf dem Plattenspieler kreist, im türkistrunkenen Atelier, zieht ihn magisch an. Er nippt an ihr, fast wie an einer Eichel, er schluckt, er erschrickt, er erbricht und bricht. Im Krankenhaus klebt man ihm einen Verband über seine Lippen, der an die reduzierte, invertierte Version einer altgriechischen Theatermaske denken lässt. Persona.

Sasha reißt sich den Arsch auf, um Petya zu retten. Auf die Eltern kann man sich in diesem Film ohnehin nicht verlassen, sie sind mit den Gedanken stets woanders. Spannender sind da schon die anderen, jugendlichen „Nebenfiguren“. Eine besonders schöne Szene in „Acid“ spielt auf einem Hochhausdach: Karina, die noch keine 16 ist und obendrein die jüngere Schwester von Sashas Freundin Vika, hat einen eisigen Melancholie-Blick, der aus ihren graublauen Augen funkelt. Man weiß oft nicht, ob sie noch Ballerina oder schon Ninja ist. Sie hat den Schlüssel zum Dach, woher auch immer. Nun schwingt sie sich auf die Belüftung und die Hochhausbrüstung, tanzt. Sie setzt ein analoges Like unter Sashas Penis-Polaroid. Sie klemmt ihre Kippe in eine Wäscheklammer, die sie Sasha dann ans Ohrläppchen heftet: Er solle nur warten, fünf Sekunden, dann tue all das nicht mehr weh. So sei es auch mit ihrer Schwester Vika, die Sashs leid ist.

Foto: Edition Salzgeber

Sasha, der sich über weite Strecken nur treiben ließ und Angst vor der Widerrede hat – davor, seine Mutter oder seine „Freundin“ Vika vor den Kopf zu stoßen – findet heraus, was er will. Die Angst, andere zu brüskieren, schwindet. Doch das geschieht hier nicht so „straight“, wie in einem leichtgestrickten Feel-Good-Movie. Gorchilin lässt in seinem umwerfendem Debüt die Kamera kreisen, die Horizontale zur Vertikalen werden  und den Boden zur Decke. Einen doppelten Boden gibt es auch, wortwörtlich. Blutigen Sex. Einen kleinen Faustkampf-Showdown unter Männern. Am Ende hat Sascha, der zuhause elektronische Musik macht und gern als Musikproduzent Fuß fassen würde, seinen Ton gefunden. Dass er ihn in der beeindruckenden Schlussszene gerade mit einem zuvor toxischen Objekt erzeugt, ist Teil eines subversiven Fingerzeigs, der den ganzen Film bestimmt. Auch Gorchilin hat seinen Ton gefunden mit diesem Wunderdebüt. Die anderen mögen sagen, was sie wollen. All die, die meinen, uns besser zu kennen als wir uns selbst. Der Schriftzug „Allen Müttern und Vätern gewidmet“ leitet den Abspann ein.




Acid
von Alexander Gorchilin
RU 2018, 98 Minuten, FSK 16,
russische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Ab 8. August hier im Kino

 

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