Film

All of Us Strangers

All of Us Strangers

Drehbuchautor Adam lebt in einem fast leeren Hochhaus am Rande von London. Eines Nachts steht sein mysteriöser Nachbar Harry vor der Tür, flirtet mit ihm und bittet um Einlass. In den nächsten Tagen und Wochen entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung von höchster Intimität. Währenddessen schreibt Adam an seinem neuen Drehbuch, das ihn zum Ort seiner Kindheit führt. In dem alten Haus der Familie trifft er auf seine Eltern, die noch immer genauso alt sind wie an dem Tag, an dem sie 30 Jahre zuvor tödlich verunglückten. Wie kaum ein anderer Regisseur kann der Brite Andrew Haigh („Weekend“, „Looking“) schwule Erfahrungen und Gefühle in die Sprache des Kinos übersetzen. „All of Us Strangers“ mit dem Leinwandtraumpaar Andrew Scott und Paul Mescal ist sein bisher schönstes und tiefgreifendstes Werk – und einer der berührendsten Filme der letzten Jahre. Andreas Köhnemann über eine bittersüße Kinoerfahrung.
Maestro

Maestro

Als „unerschrockene Liebesgeschichte“ beschreibt Netflix sein Leonard-Bernstein-Biopic „Maestro“ und meint damit natürlich die komplexe Beziehung zwischen der Musikerlegende und seiner Ehefrau, der chilenischen Schauspielerin Felicia Montealegre – und eben nicht eine von Bernsteins diversen schwulen Beziehungen. Gerade wurde Bradley Coopers ziemlich normativer Ritt durch das Liebesleben des Dirigentenstars für sieben Oscars nominiert. Christian Lütjens kann dem Schauspiel und der Inszenierung zwar Einiges abgewinnen, findet aber auch, dass der Film die Sprachlosigkeit, die in den 1950er- und 1960er-Jahren im Umgang mit Homosexualität vorherrschte, durchaus reproduziert, indem er entscheidende Kontexte nur andeutet oder ganz aulässt.
Knochen und Namen

Knochen und Namen

Jetzt im Kino: Boris und Jonathan sind seit vielen Jahren ein Paar, haben sich aber nicht mehr viel zu sagen. Schauspieler Boris vergräbt sich immer tiefer in die Proben zu einem neuen Film mit der ambitionierten Regisseurin Jeanne und vermischt dabei reale und fiktive Charaktere. Jonathan versucht seine Stimme als Schriftsteller neu zu definieren. Durch die Tage des Ringens um Distanz, Nähe, Vertrauen, Verlangen und Verlustangst geistert Jonathans kleine Nichte Josie. Fabian Stumm erzählt in seinem fein gewebtem Langfilmdebüt von der tatsächlichen und möglichen Abwesenheit der Anderen. Cosima Lutz über einen zugleich herzzerreißend traurigen und wahnsinnig komischen Film, bei dem immer, wenn Wahrheit offenbar werden könnte oder tatsächlich offenbar wird, Kaffee ins Spiel kommt.
Die Spur deiner Lippen

Die Spur deiner Lippen

Eine namenlose Pandemie versetzt ganz Mexiko in einen Lockdown. B-Movie-Schauspieler Román sitzt alleine in seinem Apartment fest. Auf der anderen Straßenseite wohnt Aldo. Die beiden lernen sich online kennen, sie können miteinander reden und sich über Videochats sehen, aber sie können sich nicht berühren. Doch die Sehnsucht, die Lippen des anderen zu spüren, wird immer größer. In seinem neuen Spielfilm zeigt der zweifache Teddy-Preisträger Julián Hernández („Mil Nubes – Liebessehnsucht“, „Raging Sun, Raging Sky“), wie Begehren und Lust gerade im Moment von Einsamkeit und Isolation ins Unermessliche wachsen können. „Die Spur deiner Lippen“ spiegelt dabei nicht nur die sexuellen Erfahrungen von alleinlebenden Menschen während der Covid-Pandemie, sondern auch die Tabuisierung von schwuler Lust während der Aids-Epidemie. Christian Lütjens über eine vielschichtige, erotische Parabel, die die Eigendynamik von Fantasien und Sehnsüchten im Angesicht einer unberechenbaren Weltlage mit ganz eigenen Stilmitteln verhandelt.
Norwegian Dream

Norwegian Dream

Der 19-Jährige Pole Robert ist gerade an die norwegische Küste gezogen. In einer Fischfabrik nahe Trondheim will er genug Geld verdienen, um die Schulden seiner Mutter begleichen zu können. Er findet schnell Anschluss bei den anderen Polen im Team und verliebt sich in Ivar, den Adoptivsohn des Fabrikeigentümers. Doch während Ivar offen schwul ist, will Robert seine Gefühle lieber geheim halten. Leiv Igor Devolds Spielfilmdebüt ist im Januar in der Queerfilmnacht zu sehen und startet am 1. Februar im Kino. Stefan Hochgesand über eine mitreißende schwule Liebesgeschichte mit großem sozialem Bewusstsein.
Queer Glauben

Queer Glauben

Sie ist lesbisch, sie ist gläubig, und vielleicht bald Priesterin. Stefanie Arnold macht sich in der Schweiz mit der Weihe zur Diakonin auf den Weg in den kirchlichen Dienst. Doch passt sie als lesbische Frau, die in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, in eine Institution, die seit Jahrhunderten von patriarchalen Strukturen bestimmt wird? Und wie kämpfen andere Menschen aus der queeren Community für ihren Platz in der Kirche? In „Queer Glauben“ fragt Regisseurin Madeleine Corbat, ob und wie Queersein und christlicher Glauben zusammenfinden können. Dabei begleitet sie nicht nur eine lesbische Priesteranwärterin, sondern auch einen transmaskulinen Theologiestudenten und andere nicht-heteronormative Menschen auf ihren individuellen Lebens- und Glaubenswegen. Barbara Schweizerhof über einen Film, in dem sich queere Liebes- und Gotterfahrungen spiegeln.
Life Is Not a Competition, But I’m Winning

Life Is Not a Competition, But I’m Winning

Wenn die Sportgeschichte von den Siegern geschrieben wird, wo bleiben dann all jene, die nie an den großen Wettbewerben teilnehmen durften? In Julia Fuhr Manns semidokumentarischem Debütfilm entert ein Kollektiv queerer Athlet:innen das Olympiastadion von Athen und ehrt dort diejenigen, für die das Siegerpodest niemals vorgesehen war. Sie treffen Amanda Reiter, eine trans Marathonläuferin, die mit den Vorurteilen der Sportveranstalter:innen zu kämpfen hat, und Annet Negesa, eine 800m-Läuferin, die von den internationalen Sportverbänden zu einer hormonverändernden Operation gedrängt wurde. Gemeinsam erschaffen sie eine radikale Utopie. Noemi Yoko Molitor über einen Film, der den normativen Machtgefällen, die der Leistungssport bis heute erzeugt, reparative Bilder und Gesten entgegensetzt.
Captain Faggotron Saves the Universe

Captain Faggotron Saves the Universe

Ein kiffender Jesus, verspielte Aliens und dämonische Furries – selten war der Weg zu Weltenrettung und Selbstakzeptanz so hilarious wie in „Captain Faggotron Saves the Universe“! Andreas Köhnemann erkennt in Harvey Rabbits ultra-campem Superhelden-Film Wiedergänger:innen der Hauptfiguren aus den queeren Midnight Movies der 70er Jahre. Doch Captain Faggotron hat Dr. Frank N. Furter aus „The Rocky Horror Pictures Show“ (1975) und Dawn Davenport in „Female Trouble“ (1974) eine entscheidende Sache voraus.
Captain Faggotron Saves the Universe: Video-Interview mit Harvey Rabbit

Captain Faggotron Saves the Universe: Video-Interview mit Harvey Rabbit

Jetzt im Kino: Father Gaylord ist streng bibeltreu und natürlich überhaupt nicht schwul. Als sein Ex-Lover Queen Bitch vom Planeten Oberon droht, die Erde mit Hilfe eines magischen Rings in eine kinky Utopie zu verwandeln, sieht sich der Priester zur Intervention berufen. Superheld Captain Faggotron soll den Ring zurückgewinnen und die Ordnung wiederherstellen. Doch ist eine Welt, in der Father Gaylord seine Liebe zu Queen Bitch verstecken muss, wirklich die, in der wir leben möchten? Harvey Rabbits schamloser Fantasy-Film „Captain Faggotron Saves the Universe“ ist ein rauschendes Fest für Fans von Trash und Camp. Im Interview, das im Rahmen der Deutschlandpremiere auf dem Queerfilmfestival entstanden ist, erzählt der Regisseur und Autor über Puppies am Filmset, flamboyante Kleidung und warum John Waters unbedingt seinen Film anschauen sollte.
Indian Summer

Indian Summer

London, Mitte der 1990er. Tonio ist der Startänzer in seiner Ballettgruppe. Schön, stolz, selbstbewusst, eine Primadonna in jeglicher Hinsicht – und HIV-positiv. Für ihn ist klar, dass er bald seinem Lover Drew und seinem besten Freund Ramon in den Tänzerhimmel folgen wird. Bis dahin will er seine Zeit auskosten und tanzen bis zum Umfallen. Keine Frage, dass er in dem neuen Prestigestück der Kompanie die Hauptrolle übernimmt. Und dann tritt plötzlich auch noch Jack in sein Leben – ein ruhiger Typ mit leichtem Übergewicht, Bart und großem Herz. „Indian Summer“ (auch bekannt unter dem Titel „Alive & Kicking“) von Regisseurin Nancy Meckler („Sister My Sister“) und Drehbuchautor Martin Sherman („Bent“) ist ein Klassiker über Lebensfreude und Mut im Umgang mit Aids. Axel Schock über die klug und genau beobachtete Studie einer ambivalenten Beziehung, in der verdichtet Aspekte der Aids-Krise ausgeleuchtet sind, die sonst in Filmen vernachlässigt werden.