Sommer wie Winter

Sommer wie Winter

Das Queer Cinema ist das Versprechen eines Kinos, das nicht auf Identität fixiert ist. Es will seine Figuren nicht festlegen auf das Mann-Sein, Frau-Sein, Schwul-Sein, Lesbisch-Sein, Weiß-Sein, Arm-Sein, Schön-Sein. Darin keine Folie sehen, vor der etwas Melodramatisches passiert. Nicht nur dabei zusehen, wie seine Figuren Identität erlangen oder verfehlen, gegen die Welt, gegen die widrigen Umstände, auf sich allein gestellt große „Ich“-Entscheidungen fällend. Obwohl das Coming-out in den meisten Filmen eine Identitätserzählung ist, die abbricht, wenn die Hauptfigur endlich „ich“ sagt, und die danach scheinbar nichts mehr zu erzählen hat, ist Sébastien Lifshitz mit „Sommer wie Winter …“ ein Coming-out-Film-Klassiker gelungen, der es nicht bei der Coming-out-Erzählung belässt, sondern seine Hauptfigur mit einem Reichtum an Geheimnissen und ungelösten Widersprüchen ausstattet. Jan Künemund blickt auf Lifshitz' ersten Langfilm zurück – und auf das sinnliche Spielfilmwerk, das folgte.
Life Is a Moment

Life Is a Moment

„Bollywoods Antwort auf ‚Brokeback Mountain‘“ versprachen indische Medien, als 2010 „Dunno Y… Na Jaane Kyun“ in die dortigen Kinos kam. Der Film – ein B-Movie um die Liebe zwischen einem Geschäftsmann und einem schwulen Nachwuchsschauspieler, das von plötzlichen Handlungsumschwüngen, Softporno-Ästhetik und allerhand Klischees geprägt ist – lässt den Vergleich gewagt erscheinen. Die Quasi-Fortsetzung „Life Is a Moment“ hat es nun aber sogar in die deutschen Kinos geschafft. Ein Film, dem es an Zwischentönen mangelt, der sich vielleicht aber gerade deswegen als Ausgangspunkt für einen kleinen Diskurs über Queerness in Bollywood anbietet. Von Florian Krauß.
Caracas, eine Liebe: Interview mit Lorenzo Vigas

Caracas, eine Liebe: Interview mit Lorenzo Vigas

Lorenzo Vigas legt Wert darauf, in seinem preisgekrönten Drama "Caracas, eine Liebe" keine dezidiert schwule, sondern eine universelle Liebesgeschichte zu erzählen. Dennoch zeigt sein Film auch, wie verbreitet Homophobie noch heute in weiten Teile Lateinamerikas ist. Viele Eltern hätten lieber einen Gangster als Sohn als eine Schwuchtel. Mit Thomas Abeltshauser hat er darüber gesprochen, was das mit Katholizismus und Machokultur zu tun hat.
Steel

Steel

Daniel hat ein Leben, von dem andere nur träumen: Er sieht blendend aus, moderiert die heißeste Talk-Show im US-Fernsehen und kriegt jeden Kerl ins Bett. Doch wie aus dem Nichts kommen eines Tages die Panikattacken, und sie werden immer schlimmer. Daniels einziger Kontakt zur Außenwelt ist bald nur noch Alexander, den er auf einer Party kennengelernt hat. Doch der scheint ein Geheimnis zu haben. Eines, das Daniel tief in die eigene Vergangenheit führt... Der aus München stammende Regisseur Sven J. Matten verwischt in seinem erotischen Psychodrama die Grenzen zwischen Gegenwart und Erinnerung, Realität und Imagination, irrationaler Angst und einem Trauma aus Schuld und Verlust. Von Frank Brenner.
Plein Sud: Interview mit Sébastien Lifshitz

Plein Sud: Interview mit Sébastien Lifshitz

In "Plein Sud", Sébastien Lifshitz' drittem Spielfilm, sitzt Sam am Steuer seines alten Ford und ist auf dem Weg nach Süden. Auf dem Rücksitz ein Geschwister-Paar, Léa und Matthieu, die Sam als Anhalter mitgenommen hat. Léa liebt die Männer, Matthieu auch. Auf ihrer langen Reise werden sie sich kennen lernen, sich herausfordern, sich verlieben. Aber Sam hat ein Geheimnis, eine alte Wunde, die wieder aufgerissen ist – er hat nach langer Zeit eine Nachricht von seiner Mutter erhalten und jetzt will er sie wiedersehen. Für SISSY sprach Gerhard Midding mit Lifshitz über seinen Film.
Tangerine L.A.

Tangerine L.A.

Die Sundance-Überraschung des mit Hollywood-Taschengeld finanzierten "Tangerine L.A." wird vor allem dem Umstand zugerechnet, dass er innovativ, nämlich nur auf iPhones, gefilmt ist. Der Filmemacher Sean Baker, auch in seinen frühen Filmen gesellschaftlich marginalisierten Menschen mit großer Hollywood-Optik zur Seite stehend, hat aber aus genauer Beobachtung eine tatsächlich rührende Weihnachtsgeschichte gedreht, ohne die soziale Realität von Transgender-SexarbeiterInnen zu beschönigen. Und er ist der Empfehlung seiner DarstellerInnen gefolgt: „Sieh zu, dass der Film Spaß macht – sonst sehen wir ihn uns nicht an!“ Von Rajko Burchardt.
Caracas, eine Liebe

Caracas, eine Liebe

Ein gut situierter älterer Herr stellt zwielichtigen Jungs nach, die er nach Belieben kaufen kann. Von Caracas, der angeblich gefährlichsten Stadt der Welt, sieht man in diesem nach ihr benannten Spielfilm allerhöchstens ein paar Straßenecken. Und von Liebe gar nichts. "Caracas, eine Liebe" von Lorenzo Vigas Castes erhielt 2015 den Goldenen Löwen auf dem Filmfestival von Venedig. Eine bedeutende Auszeichnung für ein so hartes wie konsequentes Vabanquespiel, das keine Sieger kennt. Von Michael Eckhardt.
Girls Lost

Girls Lost

Alexandra-Therese Keining lässt ihren Film „Girls Lost“ mit einer Warnung beginnen: „Wenn Sie blind für alles Andersartige sind, ist diese Geschichte nichts für Sie!“ Wer könnte bei einem solchen Versprechen widerstehen!? Die Verfilmung des schwedischen Young-Adult-Bestsellers „Pojkarna“ hält, wovor sie warnt: „Girls Lost“ ist ein queeres Märchen über das Aufbegehren aller Sinne, das verträumt zwischen Coming-of-Age, Fantasy und Teenager-Romanze wandelt und mit beeindruckender Leichtigkeit alle üblichen Geschlechtergrenzen verwischt. Von Beatrice Behn.
Gayby Baby

Gayby Baby

Die australische Regisseurin Maya Newell ist als Kind zweier lesbischer Mütter groß geworden. In ihrem international viel beachteten Dokumentarfilm porträtiert sie nun vier Kinder aus Regenbogenfamilie - und das so überzeugend, dass der Film in ihrer Heimat mittlerweile in vielen Schulen auf dem Lehrplan steht und zur 'Förderung der Akzeptanz für die Vielfalt von Familienformen' eingesetzt wird. "Gayby Baby" ist leicht zugänglich und zuckersüß wie ein guter Popsong, aber vielleicht braucht es genau das als Mittel gegen die Ignoranz und Vorurteile, die auch hierzulande noch große Teile der familienpolitischen Wortmeldungen zum Thema bestimmen. Von Natália Wiedmann.
Wie schön du bist

Wie schön du bist

Braucht große Kunst echte Gefühle? Was ist Schönheit? Und was eigentlich Liebe? Joseph Graham stellt in seinem amourösen Episodenfilm "Wie schön Du bist" die ganz großen Fragen. Sein Reigen um vier emotional verwundete Großstädter, die im Lauf einer Nacht zueinanderfinden, erzählt von Writer’s Block und kreativer Potenz, unerfüllter Sehnsucht und größter Lust, nie enden wollender Einsamkeit und plötzlicher Gemeinschaft. Von Frank Brenner.