Girls Lost

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Alexandra-Therese Keining lässt ihren Film „Girls Lost“ mit einer Warnung beginnen: „Wenn Sie blind für alles Andersartige sind, ist diese Geschichte nichts für Sie!“ Wer könnte bei einem solchen Versprechen widerstehen!? Die Verfilmung des schwedischen Young-Adult-Bestsellers „Pojkarna“ hält, wovor sie warnt: „Girls Lost“ ist ein queeres Märchen über das Aufbegehren aller Sinne, das verträumt zwischen Coming-of-Age, Fantasy und Teenager-Romanze wandelt und mit beeindruckender Leichtigkeit alle üblichen Geschlechtergrenzen verwischt.

Foto: Edition Salzgeber

Was ich alles sein kann…

von Beatrice Behn

„Girls Lost“ beginnt unheimlich: Kim rennt und stolpert durch einen nächtlichen, mondbeschienen Wald, die aufquellende Synthesizer-Musik kündigt Übernatürliches an. Das Bild des Vollmonds wird in tanzende, maskierte Gestalten überblendet. Der Film spricht eine zweite Mahnung aus: „Wenn Sie mit offenen Augen durchs Leben gehen, sollten Sie jetzt aufpassen!“ Der Marker ist gesetzt. Achtung, jetzt geht es los! Was dann aber zunächst folgt, ist kein Horrorfilm, sondern ein Jugenddrama im 1980er Jahre-Retroschick.

Kim, Momo und Bella sind beste Freundinnen, mitten in der Pubertät und in ihrer Schule am untersten Ende der ‚Nahrungskette‘ angekommen. Die innige Vertrautheit zwischen den drei Nerds irritiert viele ihrer MitschülerInnen. Der Alltag ist für die Mädchen eine Quälerei aus Beleidigungen und Beschämungen, ja sogar Tritten und Schlägen. Ruhe finden sie nur in Bellas Gewächshaus, in das sie sich an den Nachmittagen flüchten. Inmitten der Unmengen exotischer Blumen entdeckt Bella eines Tages einen unbekannten Samen. Gemeinsam pflanzen ihn die Mädchen ein und schon am nächsten Tag ist eine eigenartige, dunkle Blüte gewachsen, aus der ein Nektar tritt, der nach Vanille duftet. Von Neugier getrieben kosten die Mädchen den Extrakt – und plötzlich wird alles anders.

Die drei Freundinnen erwachen am nächsten Morgen als Jungs, mit allem Drum und Dran. Und aus „Girls Lost“, dem Jugenddrama, wird ein märchenhafter Körpertauschfilm. Kim, Momo und Bella verbringen einen ausgelassenen Abend in Gesellschaft der Jungs, die sie zuvor, als sie noch Mädchen waren, tyrannisiert haben. Sie genießen plötzlich all die Privilegien, die man offenbar hat, wenn man als männlich und hetero wahrgenommen wird. Die Welt liegt ihnen zu Füßen. Nur ist die Wirkung des Nektars am nächsten Tag ebenso plötzlich wieder verschwunden, wie sie auftrat. Besonders schlimm ist das für Kim, denn ein Typ zu sein fühlt sich für sie viel natürlicher an als ihr alter Körper. Sie will mehr von diesem Nektar! Und dann ist da noch Tony, ein kleinkrimineller Junge, der auch nicht so richtig weiß, wer er ist. Genau das findet Kim aber so spannend an ihm. Momo findet die Sehnsucht ihrer Freundin derweil gar nicht lustig – denn sie ist heimlich in Kim, das Mädchen, verknallt.

„Girls Lost“ erweitert die typische Frage des Coming-of-Age-Films: Für Kim, Moma und Bella geht es weniger darum, wer sie sind, sondern vielmehr, was sie alles sein können. Die Gender- und Sexualitätskonstellationen, die der Film durchspielt, sind fließend, Kategorisieren sind von keinerlei Interesse. Ist Kim jetzt trans*? Und Momo lesbisch? Egal! Um die Verwandlungsmöglichkeiten ihrer ProtagonistInnen darzustellen, führt Regisseurin Alexandra-Therese Keining raffiniert Versatzstücke aus den unterschiedlichsten Genres zusammen. So wie die Geschlechter und sexuellen Anziehungen der Figuren im ständigen Fluss sind, nimmt sich Keining aus den verschiedenen Gattungen, was sie gerade braucht, um ihrer Geschichte die nötigen romantischen, fantastischen  oder spannungsgeladenen Elemente zu geben. So changiert ihr Film zwischen Jugenddrama, Körperverwechslungsgeschichte und beinah Cronenbergschen Körper-Horror. „Girls Lost“ plädiert für fluide Systeme, in denen alle Möglichkeiten offen stehen und grundsätzlich neben- und miteinander existieren dürfen. Nur bei einer Sache legt sich der Film fest: Wer sich nur innerhalb des patriarchalen, heteronormativen Systems aufhält, dem entgeht geht das Magische. Aber das wussten wir ja schon immer.




Girls Lost
von Alexandra-Therese Keining
SE 2015, 106 Minuten, FSK 12,
schwedische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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