Kritiken (Film)

4th Man Out

4th Man Out

Was passiert, wenn beste Freunde plötzlich einen Schwulen in ihrer Mitte haben? Andrew Nackmans „4th Man Out“ verpasst dem Buddy-Movie einen queeren Twist. SISSY nimmt die derbe Komödie zum Anlass, um einen Blick zurück in die Geschichte eines verrufenen Genres zu werfen: auf Freundschaftsbekundungen am Lagerfeuer, Schwulenwitze und eindeutige Untertöne. Von Axel Schock.
Like You Mean It

Like You Mean It

In seinem Regiedebüt „Like You Mean It“ erzählt der in Österreich geborene Filmemacher Philipp Karner nüchtern und undramatisch von der Lebens- und Liebeskrise eines erfolglosen Schauspielers in Hollywood – und wurde von der L.A. Times dafür mit Andrew Haigh („Weekend“) und Ira Sachs („Keep the Lights On“) verglichen. Auch bei Karner fehlen die einstigen Eckpfeiler schwuler Narrative wie Coming-out, HIV oder gesellschaftliche Diskriminierung; auch sein Film wird vor allem durch einen intimen Blick auf Beziehungsdynamiken strukturiert. Aber hält „Like You Mean It“ auch ansonsten dem Vergleich mit den Aushängeschildern des „New-Wave Queer Cinema“ stand? Von Carsten Moll.
Holding the Man

Holding the Man

Endlich hat auch Australien ein großes Period-Piece, das von den Folgen von HIV/AIDS in seinen ersten, verheerendsten Jahren erzählt. „Holding the Man“ basiert auf der gleichnamigen Autobiografie des Schauspielers, Autors und Aktivisten Timothy Conigrave, der 1994 im Alter von nur 34 Jahren an AIDS starb – zwei Jahre nach dem Tod seines langjährigen Partners John Caleo. Neil Armfields Adaption des Buchs ist nicht nur ein Zeitstück, sondern auch ein zeitloses Liebesdrama. Die persönliche Tragödie eines Paares wird darin zu einer politischen Geste, die zu Tränen rührt. Von Christian Weber.
Freeheld

Freeheld

Auf der Grundlage eines Oscar-gekrönten Kurzdokumentarfilms über eine wahre Begebenheit erzählte Peter Solletts Weepie mit Star-Power die Geschichte einer kranken Polizistin, die 2006 dafür kämpfen muss, dass ihre Pension nach ihrem Tod ihrer Partnerin übertragen wird. Julianne Moore und Ellen Page verkörpern das heute sehr viel anschlussfähigere lesbische Beharren auf bürgerlichen Träumen nach einem Drehbuch von Ron Nyswaner, der 1993 schon das Thema Aids im Mainstreamkino unterbringen konnte. Von Michael Eckhardt.
Boulevard

Boulevard

Kurz vor seinem Tod schlüpfte Robin Williams für "Boulevard" in die Rolle eines unscheinbaren Bankangestellten, der nach Jahrzehnten der Selbstverleugnung endlich seinem homoerotischen Begehren nachgibt. Das klingt nach altbackener Coming-out-Narration und schablonenhaften Dramaturgie. Und leider klingt es nicht nur so. Williams macht das Melodram von Dito Montiel trotzdem zur letzten Bühne seiner großen Kunst der empathischen Vertiefung. Von Michael Kienzl.
Sommer wie Winter

Sommer wie Winter

Das Queer Cinema ist das Versprechen eines Kinos, das nicht auf Identität fixiert ist. Es will seine Figuren nicht festlegen auf das Mann-Sein, Frau-Sein, Schwul-Sein, Lesbisch-Sein, Weiß-Sein, Arm-Sein, Schön-Sein. Darin keine Folie sehen, vor der etwas Melodramatisches passiert. Nicht nur dabei zusehen, wie seine Figuren Identität erlangen oder verfehlen, gegen die Welt, gegen die widrigen Umstände, auf sich allein gestellt große „Ich“-Entscheidungen fällend. Obwohl das Coming-out in den meisten Filmen eine Identitätserzählung ist, die abbricht, wenn die Hauptfigur endlich „ich“ sagt, und die danach scheinbar nichts mehr zu erzählen hat, ist Sébastien Lifshitz mit „Sommer wie Winter …“ ein Coming-out-Film-Klassiker gelungen, der es nicht bei der Coming-out-Erzählung belässt, sondern seine Hauptfigur mit einem Reichtum an Geheimnissen und ungelösten Widersprüchen ausstattet. Jan Künemund blickt auf Lifshitz' ersten Langfilm zurück – und auf das sinnliche Spielfilmwerk, das folgte.
Life Is a Moment

Life Is a Moment

„Bollywoods Antwort auf ‚Brokeback Mountain‘“ versprachen indische Medien, als 2010 „Dunno Y… Na Jaane Kyun“ in die dortigen Kinos kam. Der Film – ein B-Movie um die Liebe zwischen einem Geschäftsmann und einem schwulen Nachwuchsschauspieler, das von plötzlichen Handlungsumschwüngen, Softporno-Ästhetik und allerhand Klischees geprägt ist – lässt den Vergleich gewagt erscheinen. Die Quasi-Fortsetzung „Life Is a Moment“ hat es nun aber sogar in die deutschen Kinos geschafft. Ein Film, dem es an Zwischentönen mangelt, der sich vielleicht aber gerade deswegen als Ausgangspunkt für einen kleinen Diskurs über Queerness in Bollywood anbietet. Von Florian Krauß.
Steel

Steel

Daniel hat ein Leben, von dem andere nur träumen: Er sieht blendend aus, moderiert die heißeste Talk-Show im US-Fernsehen und kriegt jeden Kerl ins Bett. Doch wie aus dem Nichts kommen eines Tages die Panikattacken, und sie werden immer schlimmer. Daniels einziger Kontakt zur Außenwelt ist bald nur noch Alexander, den er auf einer Party kennengelernt hat. Doch der scheint ein Geheimnis zu haben. Eines, das Daniel tief in die eigene Vergangenheit führt... Der aus München stammende Regisseur Sven J. Matten verwischt in seinem erotischen Psychodrama die Grenzen zwischen Gegenwart und Erinnerung, Realität und Imagination, irrationaler Angst und einem Trauma aus Schuld und Verlust. Von Frank Brenner.
Tangerine L.A.

Tangerine L.A.

Die Sundance-Überraschung des mit Hollywood-Taschengeld finanzierten "Tangerine L.A." wird vor allem dem Umstand zugerechnet, dass er innovativ, nämlich nur auf iPhones, gefilmt ist. Der Filmemacher Sean Baker, auch in seinen frühen Filmen gesellschaftlich marginalisierten Menschen mit großer Hollywood-Optik zur Seite stehend, hat aber aus genauer Beobachtung eine tatsächlich rührende Weihnachtsgeschichte gedreht, ohne die soziale Realität von Transgender-SexarbeiterInnen zu beschönigen. Und er ist der Empfehlung seiner DarstellerInnen gefolgt: „Sieh zu, dass der Film Spaß macht – sonst sehen wir ihn uns nicht an!“ Von Rajko Burchardt.
Caracas, eine Liebe

Caracas, eine Liebe

Ein gut situierter älterer Herr stellt zwielichtigen Jungs nach, die er nach Belieben kaufen kann. Von Caracas, der angeblich gefährlichsten Stadt der Welt, sieht man in diesem nach ihr benannten Spielfilm allerhöchstens ein paar Straßenecken. Und von Liebe gar nichts. "Caracas, eine Liebe" von Lorenzo Vigas Castes erhielt 2015 den Goldenen Löwen auf dem Filmfestival von Venedig. Eine bedeutende Auszeichnung für ein so hartes wie konsequentes Vabanquespiel, das keine Sieger kennt. Von Michael Eckhardt.