Sieben Filme des Jahres

Kino / DVD / VoD

2017 war ein großartiges Jahr für das nicht-heterosexuelle Kino! Nachdem im Februar mit Barry Jenkins‘ Meisterwerk „Moonlight“ erstmals – und trotz einiger Bühnenunruhen – ein offen schwuler Film mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden war, liefen fast im Monatsrhythmus mitreißende queere Filme in den deutschen Kinos an: von Sebastián Lelios mit dem Teddy ausgezeichnetem Porträtfilm „Eine fantastische Frau“ über die transsexuelle Marina und Francis Lees rauhem Liebesfilm „God’s Own Country“ bis zu Robin Campillos in Cannes gefeiertem Aids-Aktivismus-Drama „120 BPM“. Wir haben für Euch unsere sieben Lieblingsfilme zusammengetragen und stellen Sie in Schlüsselmomenten und den Worten unserer Autor_innen noch einmal vor. Die Reise durch das queere Filmjahr führt uns in ein Dinner in Miami und in die Hochmoore Schottlands, auf eine Polizeistation in Santiago de Chile und die Untiefen der Wälder Nordportugals, in die Wildnis Montanas, ins gentrifizierte Brooklyn und in ein Schlafzimmer in Paris.


Moonlight

 

Foto: dcm

„Jahre später, im dritten Kapitel, wird Chiron immer noch schlecht schlafen. Er lebt in Atlanta, hat sein Innerstes in einem durchtrainierten Körper eingeschlossen, Sehnsucht spricht nur noch aus seinen Augen, wenn niemand ihn sieht. (…) Diesen Schutzwall aus Muskeln und Schmuck trägt Kevin mühelos ab, als er Chiron in einer schlaflosen Nacht nach langer Zeit anruft. Trevante Rhodes lässt Chiron schlucken, mit geschlossen Augen Kevins Worten folgen, sie öffnen und mit suchendem Blick Halt durch Zeit und Raum suchen. Wie ein kalter Schauer laufen Jahre des Verzichts über Chirons Rücken, während ihm die Stützpfeiler, die er sich umgelegt hat, weg gleiten. Er wird in sein Auto steigen und die neun Stunden nach Miami durchfahren, um zu dieser Stimme zurück zu kehren. Kevin wird in dem Diner, in dem er arbeitet, für Chiron so liebevoll kochen, dass dessen Fluchtinstinkt getriggert wird. Die Kamera fährt bereits auf die Tür zu, doch Chiron bleibt. Sie werden noch einmal das Meer im Mondschein besuchen. In Kevins Wohnzimmer kann man es rauschen hören.“

aus „Blaue Jungen am Wasser“ von Noemi Yoko Molitor
(sissy-Besprechung zu „Moonlight“)


God’s Own Country

 

Foto: Edition Salzgeber

„Es gibt Filme, deren prätentiöse Sprachlosigkeit nur verhüllen soll, dass hier jemand nicht viel zu sagen hat – vorgetäuschte Tiefsinnigkeit. Hier aber spricht das Schweigen, etwa wenn Gheorghe anlässlich der Geburt eines Tiers drei kleine Narzissen auf den Esstisch stellt. In diesem zurückgenommenen Film mit seinem Grau und Braun und den erschöpften Grüntönen löst das ästhetisch fast eine Explosion an Farbe und Schönheit aus. Wenn einmal gesprochen wird, ist es nur das Nötigste. Gheorghe führt seinen Chef auf einen Berg und zeigt ihm, dem hier Geborenen, seine Heimat, als lege er sie ihm zu Füßen. ‚It’s beautiful here, but lonely.‘ (…) Geht das, kann das gut gehen? Zwei wortkarge Männer in einer halbvergessenen Ecke der Welt, die ein Leben zusammen führen, eine gefährdete Liebe leben und gemeinsam ihre Existenz bestreiten? Auf eine moderne, realistische Art ein veritabler Liebesfilm? Es geht. Das ist selten: ein queerer Film, der nicht fragt, was fehlt, sondern was geht.“

aus „In stürmischen Höhen“ von Matthias Frings
(sissy-Besprechung zu „God’s Own Country“)


Eine fantastische Frau

 

Foto: Piffl Medien

„In verschiedenen Szenen (…) führt Lelios Film vor Augen, wie sehr die Umgebung Marinas Transsexualität als Provokation empfindet. Ihr sanftes und betont wenig aggressives Auftreten nutzen sie wieder und wieder, um eigene Aggressionen, ja Sadismen auszuleben. Besonders brutal ist dabei eine Handlung, die ganz ohne manifeste Gewalttätigkeit auskommt, sondern gar noch unter der Ausrede, Gewalt zu verhindern, stattfindet: Die mit dem Fall beauftragte ‚Sittenpolizistin“ besteht auf einer Ganzkörperuntersuchung Marinas. Man wolle sehen, ob sie blaue Flecken habe. Zum Mitmachen durch die Ankündigung gezwungen – andernfalls müsste man untersuchen, ob sie nicht schuldig sei an Orlandos Tod –, muss Marina sich vor den Augen der Polizistin und eines Arztes ausziehen. Die Kamera zeigt nur ihren Oberkörper und im nächsten Schnitt die mehr als vielsagenden Blicke der beiden auf ihren Unterleib. ‚Wir wissen, wer du bist!‘, scheinen die Blicke zu behaupten, die Marinas Penis registrierend zur Kenntnis nehmen und die reine Biologie über alles stellen wollen, ‚uns kannst du nichts vormachen!‘. Marinas Blick aber hält dagegen, stolz und verzweifelt zugleich: ein bannendes ‚Ihr habt keine Ahnung!'“

aus „Ihr wisst nicht, wer ich bin“ von Barbara Schweizerhof
(sissy-Besprechung zu „Eine fantastische Frau“)


Der Ornithologe

 

Foto: Edition Salzgeber

„Zu Beginn hat Fernando noch festen Boden unter den Füßen. Sein Geländewagen steht nahe des Platzes, an dem er an einer Flussbiegung sein Lager aufgeschlagen hat. Von hier aus geht die Reise im Kajak weiter, flussabwärts, auf der Suche nach einer seltenen Art schwarzer Störche. Doch die wird der Ornithologe nicht finden. Während sein Blick nach oben gen Himmel geht, an dem anmutig ein Adler seine Kreise zieht und wiederum ihn studiert, gerät er mit dem Kajak in Stromschnellen. Er verliert sein Boot und vielleicht sogar sein Leben. Als der Blick das nächste Mal auf Fernando fällt, treibt er reglos auf dem Rücken im seichten Wasser am Flussufer. Lin und Fei, zwei junge chinesische Pilgerinnen, die hoffnungslos vom Jakobsweg abgekommen sind, finden Fernando und fischen ihn aus dem Wasser. Man könnte auch sagen: Er ist ihnen, ohne es zu ahnen, ins Netz gegangen. Schließlich sind alle derart glühende Katholik*innen in der Nachfolge Jesu auch Menschenfischer*innen. Tod, wo ist dein Stachel? In João Pedro Rodrigues’ Fernando-Legende ist er abgebrochen oder zumindest stumpf geworden. Die Rettung des Ornithologen durch die Chinesinnen markiert nur den Auftakt eines ganzen Reigens von Wiederauferstehungen. Nur ist dieser Fisch im Netz der Pilgerinnen, den sie an sich binden wollen und das zur Not auch im wörtlichen Sinne, ein Ungläubiger. Die jungen Frauen erkennen ausgerechnet in Fernando aber den Heiligen Antonius. Wer stirbt, kehrt zurück und wird ein anderer.“

aus „Ins Klare“ von Sascha Westphal
(sissy-Besprechung zu „Der Ornithologe“)


Certain Women

 

Foto: Peripher

„Gina ist der ‚Boss‘ ihrer aus Mann und Teenagertochter bestehenden Kleinfamilie, was aber keineswegs bedeutet, dass man es ihr leicht macht, ihre Vorstellungen und Bedürfnisse durchzusetzen. Irgendwo in der wunderbar ungestalteten Wildnis Montanas (wo alle drei Geschichten nach der Vorlage der von dort stammenden Autorin Maile Meloy spielen) haben Gina und ihr Mann ein Stück Land gekauft, auf dem dereinst ein Haus entstehen soll. Bislang verbringen sie die Wochenenden auf dem Grundstück noch mit Zelten. Ihr altmodischer Nachbar Albert will nicht recht verstehen, warum sie es ist, die bei den Verhandlungen um einen Haufen Sandsteine das Wort anführt. Gegenüber Ginas Mann Ryan drückt er in einem unbeobachteten Moment sein Verständnis aus: ‚Ich weiß, ihre Frau ist bei ihnen angestellt‘. Dessen Dementi – ‚Nein, es ist umgekehrt‘ – scheint an Albert abzuprallen. Auch innerhalb ihrer Familie geht Ginas Brotverdiener-Status keineswegs mit Autorität einher. Im Gegenteil, Tochter und Mann verbünden sich wie automatisch gegen das, was sie als Ginas Ansprüchlichkeit empfinden. ‚Ich bin hier immer die Böse‘, klagt sie, aber Michelle Williams hält ihre Figur frei von Selbstmitleid. Womit ihr ein faszinierendes Porträt dessen gelingt, mit welchen Zugeständnissen Emanzipation im Alltag einhergeht – und mit welchen Einbußen an Sympathie Frauen, die etwas zu sagen haben, rechnen müssen.“

aus „Certain Women“ von Barbara Schweizerhof
(sissy-Besprechung zu „Certain Women“)


Little Men

 

Foto: Edition Salzgeber

„Als humanistisch werden Ira Sachs‘ Filme oft bezeichnet, und tatsächlich gibt es kaum jemanden, bei dessen Filmen man so schnell das Gefühl bekommt, ganz Teil dieser sehr genau beobachteten, sehr präzise, aber unaufgeregt beschriebenen Welt zu sein. Man war irgendwie schon Teil dieser manchmal zerstörerischen Beziehung zweier junger Männer in ‚Keep the Lights On‘ und hatte bei ‚Liebe geht seltsame Wege‘ bereits nach wenigen Minuten den Wunsch, entweder einen dieser beiden schwulen Großväter zu haben, oder aber einer von ihnen zu sein. Die Geschichten dieser drei in mancherlei Hinsicht komplementären Filme sind sicherlich nicht außergewöhnlich oder wahnsinnig unkonventionell erzählt, aber genau das gibt Sachs den Raum, sich vom Was auf das Wie zu konzentrieren. Wie Jake da in der ersten Einstellung von ‚Little Men‘ im Klassenraum sitzt und die Welt um ihn herum keine Relevanz zu haben scheint. Wie wir mit diesem Bild ohne viel Dialog gleich einen Eindruck des introvertierten, sensiblen Jungen vermittelt bekommen, der andere Interessen verfolgt als seine Mitschüler_innen. Andere Regisseure hätten hier schnell einen einsamen Außenseiter eingeführt – es wäre eine leichte Übung –, aber Ira Sachs hat in dieser einen Einstellung mit der Kamera bereits mitten hineingeschaut in diesen Jake und ihn gewissermaßen als Held etabliert.“

aus „Schwebende Freundschaft“ von Toby Ashraf
(sissy-Besprechung zu „Little Men“)


120 BPM

 

Foto: Edition Salzgeber

„Als Sean und Nathan das erste Mal miteinander schlafen, sprechen sie auch über ihre Geschichte mit dem Virus. Sean erinnert sich an seinen Mathelehrer, der ihn, er war gerade 16, infiziert hat; und Nathan erzählt von einem jungen Mann, der ohne Kondom mit ihm schlafen wollte, obwohl seine Infektion offensichtlich war. In Lapoiries Bildern, in denen hier Licht und Schatten geradezu miteinander zu tanzen scheinen, nehmen die Erinnerungen Gestalt an. Seans Lehrer und Nathans One-Night-Stand materialisieren sich aus den Schatten und sind plötzlich Teil der Beziehung der beiden. Der Virus verändert die Verhältnisse. Das Vergangene wird Gegenwart und strahlt weiter in die Zukunft aus. In dieser ungeheuer zarten und intimen Szene von symbolischer Kraft fällt der zentrale Satz des Films: ‚Verantwortung kann man nicht teilen‘, verkündet Sean dem verunsicherten, von tief sitzenden Schuldgefühlen geplagten Nathan. ‚Wenn du jemanden infizierst, bist du zu 100% verantwortlich. Und wenn du infiziert wirst, auch.‘ Das ist eben kein Widerspruch. Jeder hat die ungeteilte Verantwortung für all seine Taten wie auch für seine Versäumnisse. Und dieser Gedanke geht weit über Sex und Aids hinaus. Er erfüllt jede Einstellung, jeden Schnitt des Films. Mitterand ist, wie die ‚Mitterand coupable‘-Plakate der Aktivisten unterstreichen, für die Toten der Epidemie verantwortlich. Und die schweigende Mehrheit genauso. Zugleich sind aber auch die Aktivisten zu 100% dafür verantwortlich, ob und was sich verändert. Leben heißt Verantwortung tragen. Darin liegen der Schrecken und die Hoffnung, mit denen Robin Campillos Vergegenwärtigung des Vergangenen einen infiziert.“

aus „Verantwortung kann man nicht teilen“ von Sascha Westphal
(sissy-Besprechung zu „120 BPM“)




Moonlight
von Barry Jenkins
US 2016, 111 Minuten, FSK 12,
deutsche SF & englische OF mit deutschen UT,
dcm



God’s Own Country
von Francis Lee
UK 2017, 104 Minuten, FSK 12,
deutsche SF &
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber



Eine fantastische Frau

von Sebastián Lelio
CL/US/DE/ES 2017, 104 Minuten, FSK 12,
deutsche SF & spanische OF mit deutschen UT,
Piffl Medien



Der Ornithologe
von João Pedro Rodrigues
PO/FR/BR 2016, 118 Min., FSK 16,
portugiesische OF mit deutsche UT
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



Certain Women
von Kelly Reichardt
US
2016, 105 Minuten, FSK 0,
engl. OF mit deutschen UT,
Peripher



Little Men
von Ira Sachs
US
2016, 85 Minuten, FSK 0,
engl. OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber


DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



120 BPM
von Robin Campillo
FR
2017, 144 Minuten, FSK 16,
französische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber

Seit 30. November hier im Kino.


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