Moonlight

Trailer • Kino

Nun startet er endlich in den deutschen Kinos, der erste mit dem „Oscar“ für den Besten Film des Jahres ausgezeichnete Spielfilm mit nicht-heterosexueller Geschichte. Es gibt so viel Buzz und Gerede über „Moonlight“, über „Oscars“ jetzt nicht mehr „so white“, schwule vs. queere Hauptfigur, den vermeintlichen Gegenentwurf zum „La La Land“, den Siegeszug eines Films aus mehrfacher Minderheitenposition heraus, dass unserer Text lieber wieder auf den Film selbst schauen möchte – auf sein Material, seinen Fluss, seine konstanten Transformationen. Es werden hoffentlich sowieso alle ins Kino gehen und sich selbst ein Bild machen.

Foto: dcm

Blaue Jungen am Wasser

von Noemi Yoko Molitor

Auf dem Mond fallen alle Objekte gleich langsam, egal wie schwer oder zart sie sind. Auf der Erde folgt das Meer der Anziehungskraft dieses von bremsender Atmosphäre befreiten Himmelskörpers. Die Gravitation des Mondes setzt das Wasser in Bewegung. Es ebbt und flutet, zieht sich zurück, bis es schließlich alles erfüllt.

An der Küste Miamis, dort, wo Barry Jenkins‘ „Moonlight“ spielt, kann die Brise sogar für einen Moment die Zeit anhalten. Oder Jungen, die nicht weinen dürfen, zu Tränen rühren.

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„Moonlight“ erzählt von einem Kind, das für sich selbst sorgen muss. Chiron (Alex R. Hibbert) ist vielen Kräften ausgesetzt. Der Macht, die Drogen über seine Mutter Paula (Naomie Harris) haben, mit der er in den Projects in Miamis Stadtteil Liberty City Ende der Achtziger lebt. Der Gewalt, mit der Zeichen verletzlicher Männlichkeit schon im Kindesalter von Altersgenossen bestraft werden. Aber auch der zufälligen Liebe zweier Menschen, die zu seiner erweiterten Familie werden. Und der vorsichtigen Freundschaft, die ihn mit Kevin verbindet.

Für seine Erzählung über eine prekäre Selbstfindung entwickelt Jenkins‘ Film eine Bildkraft, die von der Wucht der Gezeiten mitgerissen scheint und gleichzeitig die Sanftheit einer einzelnen, sich in immer feinere Tropfen formenden Welle in sich trägt. Jenkins taucht seine Figuren nicht in die visuellen Konventionen eines Neorealismus, wie er so häufig für Geschichten über Armut als voyeuristischer Abstandhalter eingesetzt wird, sondern lässt sie in Mondlicht baden.

Immer wieder erfasst James Laxtons Kamera dafür das Meer oder den Himmel in Blau- und Lilatönen, die die Qualität einer Traumwelt annehmen und Orte und Momente markieren, in denen Chiron „gesehen“ wird – wahrgenommen und verstanden im Sinne des Englischen „seen“. Tatsächlich wirkt hier ein „queerer gaze“, wie Jenkins und Co-Autor Tarell Alvin McCraneys ihn im Rückblick auf die Produktion beschrieben haben. Ein Blick, der Scham, Schmerz und Schönheit in ihrer Gleichzeitigkeit zeigt und Verletzlichkeit schildert, ohne queeres Leid und Leben zum Märtyrertum zu verklären.

Der Film basiert auf McCraneys unveröffentlichtem Skript „In Moonlight Black Boys Look Blue“, das er viele Jahre nach dessen Entstehen gemeinsam mit Jenkins zum Drehbuch für „Moonlight“ entwickelt hat. Seinem Ursprung im Theater verwandt schildert der Film Chirons Leben in drei Episoden, in denen drei verschiedene Schauspieler Chiron als Kind, als Jugendlichen und als jungen Erwachsenen verkörpern. Alex Hibbert (i. Little), Ashton Sanders (ii. Chiron) und Trevante Rhodes (iii. Black) entwickelten ihre jeweilige Interpretation der Figur unabhängig voneinander zu drei Facetten, die über den Film hinweg zu einer Persönlichkeit verschmelzen, deren Gefühle weniger in Worten Ausdruck finden als in ihren Gesichtszügen und Blicken, in der vorsichtigen Beobachtung einer Umwelt, die immer wieder auf Chiron einstürzt.

Im ersten Kapitel sehen wir ihn als neunjährigen Jungen einen Topf kochendes Wasser zur Badewanne schleppen und Spüli ins Wasser schütten. Diese Geste eines selbstgebastelten Schaumbads zeugt von tiefer Einsamkeit, gleichzeitig zeigt Jenkins hier aber auch die Überlebenskraft eines Schwarzen Jungen, die so im Kino selten gewürdigt wird.

Chiron kann sich um sich selbst kümmern. Aus dem Mund seiner Mutter klingen diese Worte nach Verdrängung und verzweifelter Selbsttäuschung. Und doch wird Chiron sich um sich kümmern, so gut er kann, auch indem er Hilfe von außen annimmt, ohne die er wahrscheinlich untergehen würde. Diese kindliche Entscheidung zeugt von einer inneren Kraft, die man liebevoll als „Resilience“, als „Unverwüstlichkeit“ bezeichnen könnte, als Fähigkeit, durch Gewaltverhältnisse hindurch am Leben zu bleiben.

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Juan, gespielt von Mahershala Ali, bemerkt Chiron, als er sich vor einer Gruppe Jungen, die ihn verfolgen, in ein leerstehendes Haus flüchtet. Instinktiv bleibt er, sieht nach und übernimmt schließlich einen Platz in Chirons Alltag, spricht ihn mit Respekt an und dabei nie schlecht über Chirons Mutter. Dem Film gelingt es, Paulas Vernachlässigung ihres Sohnes zu zeigen, ohne es sich einfach zu machen und sie dafür allein verantwortlich zu machen. Für ihr Kind ist Paulas Drogensucht fatal, doch der Film erlaubt auch bei dieser Figur keine simple Schuldzuschreibung, sondern zeigt ein komplexen Netz aus Selbstmedikation, intergenerationalem Trauma und einer Gesellschaft, die Schwarzes Leben für nicht schützenswert erachtet.

Auch wenn Juans relative Freiheit aus dem gleichen Drogengeschäft kommt, das Paula und ihren Sohn aus der Welt zu reißen droht, werden er und seine Partnerin Teresa (Janelle Monáe) auf Chiron achtgeben. Die Care Work jenseits von Blutsverwandtschaft, die er durch die Schwarze Community erfährt, unterläuft dabei auch den Alleinanspruch queerer Narrative auf das Konzept der Wahlfamilie.

Das Paar sorgt mit für einen Jungen, dessen Männlichkeit von seiner Umwelt als anders gelesen wird, noch bevor er selbst überhaupt ein Konzept von Schwulsein hat. In Teresas und Juans Haus kann Chiron endlich in Ruhe schlafen. Und fragen, was eine Schwuchtel ist. Die lebensrettende Antwort spielt Ali so einfühlsam, dass diese Szene auch für queere Erwachsene auf der anderen Seite der Leinwand reparative Wirkung entfaltet.

Juan bringt Chiron noch weitere Dinge bei. Wie er sich hinsetzen muss, um einen Raum im Auge zu behalten. Dass es auf der ganzen Welt Schwarze Menschen gibt, auch in Kuba, wo er herkommt. Dass er selbst entscheiden darf, wer er sein will und wen er einmal lieben möchte. Er tut dies ohne die Illusion, Chiron vor einer Welt, die Homosexualität verachtet und Schwarze existentiell bedroht, retten zu können. Diese Ordnung wird in Form der School-to-Prison-Pipeline zuschlagen, genau dann, als Chiron zum ersten Mal selbst zurückschlägt ¬– nachdem er sein Gesicht, sein ganzes Sein, im Waschbecken mit Eiswasser betäubt hat.

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Das Element Wasser wird in „Moonlight“ zum Träger der raren Momente, in denen Chiron erfährt, wie es sich anfühlt, wenn sein Körper ihm selbst gehört. Im Meer bringt Juan ihm das Schwimmen bei und hält dabei seinen Hinterkopf in den Händen. Im Meer schwimmt die Kamera auf der Wasseroberfläche und lässt die Zuschauer_innen neben Chiron in die Wellen eintauchen – und mit ihm in einen Übergang von Unsicherheit zu freiem Schweben.

Das Bad, das Eintauchen ins Wasser, ist Zeichen neuer Erfahrungen, der Initiation, des Wandels, aber auch der Fluidität und Freiheit. In der Traumdeutung steht Wasser für erweiterte Bewusstseinszustände und Veränderung, für Kräfte der Zerstörung und Regenerierung. Jenkins betonte in einem Interview, dass sich diese Symbolkraft vor dem Hintergrund der Middle Passage (des transatlantischen Sklavenhandels), noch potenziert. Als Chiron sich aus Juans Armen traut und im offenen Wasser schwimmt, ist die Küste schon nicht mehr sichtbar.

Der Meeresstrand ist auch der Ort, an dem Chiron und Kevin sich als Jugendliche treffen und lieben. Ein einziges Mal – bevor Kevin von einem Mitschüler gezwungen wird, Chiron zu verprügeln. Die Traurigkeit in den Augen der beiden in diesem Moment, ihr Festhalten aneinander, auch durch die Schläge hindurch, setzten in Chiron einen Willen frei, der ihn entgrenzt. Er entfacht eine augenscheinliche Befreiung, die ihn am Ende zu einem noch tieferen Rückzug in sich selbst drängt.

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Jahre später, im dritten Kapitel, wird Chiron immer noch schlecht schlafen. Er lebt in Atlanta, hat sein Innerstes in einem durchtrainierten Körper eingeschlossen, Sehnsucht spricht nur noch aus seinen Augen, wenn niemand ihn sieht. Das Bad im Eiswasser ist zum Ritual geworden, zum Zeichen einer selbst auferlegten Abhärtung, die doch das Ergebnis der Kräfte ist, die sie erzwungen haben. Kontrolliert steuert er in einer parallelen Einstellung zur Eröffnungsszene des Films sein Auto wie Juan, von dem er mehr als nur den Kleidungsstil übernommen hat.

Diesen Schutzwall aus Muskeln und Schmuck trägt Kevin mühelos ab, als er Chiron in einer schlaflosen Nacht nach langer Zeit anruft. Trevante Rhodes lässt Chiron schlucken, mit geschlossen Augen Kevins Worten folgen, sie öffnen und mit suchendem Blick Halt durch Zeit und Raum suchen. Wie ein kalter Schauer laufen Jahre des Verzichts über Chirons Rücken, während ihm die Stützpfeiler, die er sich umgelegt hat, weg gleiten.

Er wird in sein Auto steigen und die neun Stunden nach Miami durchfahren, um zu dieser Stimme zurück zu kehren. Kevin wird in dem Diner, in dem er arbeitet, für Chiron so liebevoll kochen, dass dessen Fluchtinstinkt getriggert wird. Die Kamera fährt bereits auf die Tür zu, doch Chiron bleibt. Sie werden noch einmal das Meer im Mondschein besuchen. In Kevins Wohnzimmer kann man es rauschen hören.




Moonlight
von Barry Jenkins
US 2016, 111 Minuten, FSK 12,
deutsche Synchronfassung, englische OF mit deutschen UT, englische OF

Aktuell hier als DF, als OmU und OF im Kino zu sehen.
Hier findet Ihr die Webseite zum Film.

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