Eine fantastische Frau

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Spätestens seit seinem berührenden und vielfach preisgekrönten Porträtfilm „Gloria“ (2013) gilt der chilenische Regisseur Sebastián Lelio als Meister des sozialrealistischen Melodrams. In seinem neuen Film erzählt er die Geschichte einer anderen fantastischen Frau aus Santiago de Chile: der Kellnerin und Sängerin Marina, die einst ein Mann war. Als ihr Partner stirbt, muss sie sich gegen perfide Anfeindungen behaupten und darum kämpfen, um ihren Geliebten trauern zu dürfen. „Eine fantastische Frau“ wurde auf der Berlinale uraufgeführt und dort gleich doppelt ausgezeichnet: mit dem Silbernen Bären für das Beste Drehbuch und dem Teddy Award für den Besten Spielfilm. Ab morgen ist Lelios mitreißendes queeres Selbstverteidigungs und –ermächtigungsdrama im Kino zu sehen.

Foto: Piffl Medien

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von Barbara Schweizerhof

Die gleiche Geschichte könnte auch einen ganz anderen Film ergeben: Ein Mann hat für seine jüngere Geliebte Frau und Familie verlassen. Und dann, gerade als er sein neues Glück genießen will, stirbt er. Die zurückgelassene Geliebte muss es daraufhin nicht nur mit den Feindseligkeiten von Seiten seiner Familie aufnehmen, die sie von den Trauerfeiern ausschließen wollen. Sie muss auch für sich eine neues Leben beginnen, eine neue Identität finden…

Eine solche Geschichte hat das Zeug zum großen Melodram. Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio spielt durchaus mit solchen Genre-Erwartungen, wenn er seinen Film „Eine fantastische Frau“ mit Aufnahmen der stürmischen Fluten der berühmten Wasserfälle von Iguazú beginnen lässt und mit einem Score, der seelische Aufwühlung signalisiert. Dann erst begleitet die Kamera für einige Zeit Orlando, und man ist als Zuschauer wieder ganz im Genre des sozial interessierten Realismus, der bereits Lelios Frauendrama „Gloria“ (2013) bei aller aufwallender Gefühle den Charme der Sachlichkeit verlieh.

Orlando, dem die Lebenserfahrung im leicht grau gewordenen Gesicht steht, ist Chef einer kleinen Firma; seinen Feierabend beginnt er mit Saunagang und Massage. Abends betritt er einen sich wenig exklusiv gebenden Club, auf dessen kleiner Bühne eine junge Frau singt. Wenig später lädt Orlando die Sängerin zum Essen ein. Orlando und Marina, so stellt sich heraus, sind seit kurzem ein Paar. Mit dem Restaurantbesuch feiern sie Marinas Geburtstag, zu dem Orlando ihr eine gemeinsame Reise nach Iguazú schenkt. Aber dann, noch in der selben Nacht, schlägt das Unglück zu. Orlando beklagt Kopfweh, Übelkeit, fällt um. Nach einer chaotischen Fahrt ins Krankenhaus und einigem bangen Warten bekommt Marina den Bescheid: ein Aneurysma, es war nichts mehr zu machen. Den Zusammenbruch erlaubt sich die bis dahin wohl beherrschte junge Frau erst hinter der verschlossenen Kabinentür der Krankenhaus-Toilette.

Auch der andere, wenn man so will, konventionellere Film könnte von der schwierigen Phase erzählen, die die junge Frau nach dem Tod des Geliebten durchleiden muss. Doch Lelios Film handelt von viel mehr. Die Figur, die die „gewöhnliche“ Oberfläche dieses Films gewissermaßen von innen nach außen kehrt, ist die Frau im Zentrum. Daniela Vega, die Marina verkörpert, ist transsexuell; und transsexuell ist auch die Figur, die sie im Film spielt. Dem „Fantastischen“ des Titels kommt in diesem Kontext ein reiches Feld an Assoziationen zu: „Eine fantastische Frau“ ist nicht nur ein Kompliment, es ist auch ein Verweis auf die imaginäre Konstruktion, die dem „Gender“ Frau zugrunde liegt, auf die Vorstellungen, die wir von Frauen haben und vor allem davon, wie und was diese Frauen sein sollen.

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Wie schon in „Gloria“ belegt Lelio mit „Eine fantastische Frau“ sein Talent zur präzisen Abbildung eines Milieus. Von der bescheidenen Hochhauswohnung, die Orlando mit Marina teilt, über die anspruchslose Bar, in der Marina als Sängerin auftritt bis zur Disco, in der die beiden verliebt zu zeitlos-sentimentaler Popmusik unter einer altmodischen Spiegelkugel tanzen: die Details sprechen von der Provinzialität Chiles, vom Lebensgefühl der Abseitsstehenden und Ausgeschlossenen, deren Träume und Gefühle dabei weder kleiner noch unbedeutender sind als die der Menschen, die in den Kulturmetropolen dieser Welt zu Hause sind.

Andererseits sind es gerade die ausgestellte Normalität und das „Mainstreamige“ von Orlandos und Marinas Vorlieben und Geschmack, die die misstrauischen Blicke, die sie umgeben, und die verächtliche Behandlung, die Marina erlebt, so brutal erscheinen lassen. Ein Beispiel für diese alltäglichen Reaktionen liefert der diensthabende Arzt im Krankenhaus: Bevor er Marina mitteilt, was mit Orlando geschehen ist, fragt er sie nach ihrem Namen. „Marina Vidal“ antwortet sie. Der Arzt lässt seinen Blick demonstrativ an ihrem Körper hoch- und runtergleiten: „Das ist doch ein Pseudonym?“

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In seiner Geschichte um die Trauerarbeit einer jungen Frau verpackt Lelio ein ganzes Kompendium an Reaktionen auf Marina und ihre Transsexualität, das dennoch nie etwas Mechanisches oder Aufzählendes bekommt. Da gibt es die vorgeschützte Sachlichkeit des besagten Arztes, der die Kriminalpolizei herbeiruft, weil er sich eine Beziehung wie die zwischen Orlando und Marina nur als Perversion vorstellen kann, in der Gewalt zur Tagesordnung gehört. Da gibt es den zwar freundlichen, aber auch schrecklich charakterschwachen Bruder Orlandos, der Marinas Anruf hektisch mit „Ich weiß, wer du bist!“ unterbricht, bevor sie sich als Orlandos Geliebte vorstellen kann. Es gibt die hochmütige Exfrau, die keine Möglichkeit zur verbalen Demütigung von Marina auslässt. Und es gibt Orlandos erwachsenen und aggressiven Sohn, der Marina körperlich einschüchtert und bedroht. In der äußerlich gewalttätigsten Szene des Films führt er den Mob an, der Marina in ein Auto zerrt, sie fesselt, mit Beleidigungen traktiert – „Wie traust du dich nur einen Rock zu tragen mit deinen Fußballerbeinen?“ – und ihr mit Tesaband das Gesicht verunstaltet.

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In verschiedenen Szenen, mal subtil wie im Fall des Krankenhausarztes, mal vulgär und offen bei Orlandos Sohn, führt Lelios Film vor Augen, wie sehr die Umgebung Marinas Transsexualität als Provokation empfindet. Ihr sanftes und betont wenig aggressives Auftreten nutzen sie wieder und wieder, um eigene Aggressionen, ja Sadismen auszuleben. Besonders brutal ist dabei eine Handlung, die ganz ohne manifeste Gewalttätigkeit auskommt, sondern gar noch unter der Ausrede, Gewalt zu verhindern, stattfindet: Die mit dem Fall beauftragte „Sittenpolizistin“ besteht auf einer Ganzkörperuntersuchung Marinas. Man wolle sehen, ob sie blaue Flecken habe. Zum Mitmachen durch die Ankündigung gezwungen – andernfalls müsste man untersuchen, ob sie nicht schuldig sei an Orlandos Tod –, muss Marina sich vor den Augen der Polizistin und eines Arztes ausziehen. Die Kamera zeigt nur ihren Oberkörper und im nächsten Schnitt die mehr als vielsagenden Blicke der beiden auf ihren Unterleib. „Wir wissen, wer du bist!“, scheinen die Blicke zu behaupten, die Marinas Penis registrierend zur Kenntnis nehmen und die reine Biologie über alles stellen wollen, „uns kannst du nichts vormachen!“. Marinas Blick aber hält dagegen, stolz und verzweifelt zugleich: ein bannendes „Ihr habt keine Ahnung!“

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Es kommt einem ungeheuer banal vor, auf die Aktualität eines Films wie „Eine fantastische Frau“ hinzuweisen. Die Auseinandersetzung in mehreren US-amerikanischen Bundesstaaten darum, wie Transsexuelle öffentliche Toiletten zu benutzen haben, oder Donald Trumps impulsiv verfügter Ausschluss von Transgender-Soldaten aus der US-Armee sind jüngste Beispiele eines heftigen backlash, der auf Jahre scheinbar größer gewordener Toleranz folgt. Lelios Film lässt die große politische Ebene aus, aber in der Genauigkeit seiner Schilderung all der „kleinen“ Situationen, denen Marina ausgesetzt ist, bringt er mit schneidender Klarheit auf den Punkt, wie sich auch die diese Art der Demütigungen und feindseligen Reaktionen addieren. Lelio zeigt dabei präzise auf, dass Marina nicht die Ursache der Vorurteile darstellt, sondern dass ihr Abweichen von der Norm ausgenutzt wird, um Ängste und Unsicherheiten in kleine Aggressionen abzuleiten.

In einer Szene leistet sich Lelio dann doch etwas sehr Plakatives: Ein starker Sturm weht durch die Straßen und Marina stemmt sich ihm entgegen mit aller Kraft – bis sie fast hinfällt in ihrer Schieflage. Aber noch in diesem fast Slapstick-haften Auftritt bewahrt sich Daniela Vega als Marina eine trotzige Würde, wie überhaupt ihre zurückhaltende und beherrschte Darstellung dem Film einen eigenen Stempel aufdrückt. Sobald die Kamera auf ihrem Gesicht verweilt oder sie durch die Straßen begleitet, sei es zu Fuß oder beim Autofahren, wird aus dem Liebesdrama mit Melo-Untertönen eine Art Action-Thriller, allein durch das, was Vega in Mimik und Körperhaltung ausdrückt. Man sieht, wie Marina um ihre Identität kämpft, fest entschlossen, mit jeder Faser ihres Körpers, gegen alle Widerstände. Sie ist ihre eigene Heldin und kein Blick von außen kann ihr das nehmen.




Eine fantastische Frau
von Sebastián Lelio
CL/US/DE/ ES 2017, 104 Minuten, FSK 12,
deutsche Synchronfassung & spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Piffl Medien

Website des Films

Ab 7. September hier (SF) & hier (OmU) im Kino.


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