Verrückt nach Cécile

Trailer

Als ihre Freundin Schluss macht, ist Océanerosemarie nur einen Moment lang am Boden zerstört. Schließlich hat die quirlige und party-erprobte Osteopathin eine durchgeknallte Familie und ungefähr 76 Ex-Freundinnen, die sie auf Trab halten. Doch dann lernt sie beim Joggen die bildhübsche Cécile kennen – und verliebt sich Hals über Kopf. Um Céciles Herz zu gewinnen, muss sich Océanerosemarie einiges einfallen lassen – und sich fragen, was sie im Leben und vom einer Beziehung wirklich möchte… „Verrückt nach Cécile“ bedient sich genüsslich den Genre-Konventionen der zu Recht als heteronormativ verufenen Romantic Comedy, um diese im nächste Moment auf absurd-komische und reichlich queere Weise zu unterwandern. Endlich! Eine entzückende lesbische Liebeskomödie! Im März ist der Liebesreigen aus Frankreich in der queerfilmnacht zu sehen.

Foto: Edition Salzgeber

Wenn wir nicht mehr können, schau’n wir uns ’ne RomCom an

von Barbara Schweizerhof

Die romantische Komödie genießt keinen besonders guten Ruf. Das hat naturgemäß damit zu tun, dass sie Teil des Frauenkultursegments ist, man könnte auch gleich sagen: Damenprogramm. Deshalb muss der ernsthafte Versuch, sich damit auseinanderzusetzen, auch unweigerlich mit einer Begriffskorrektur beginnen, auf die zudem meist männliche Experten hinweisen: Die bessere, korrektere Übersetzung zu „Romantic Comedy“ wäre „Liebeskomödie“, heißt es. Daran, dass letztere in aller Regel der Inbegriff von „Chick Flick“ ist, ändert auch das nichts. Wenn man die vielen mittelmäßig bis schlechten Filme Revue passieren lässt, die in den letzten Jahren unter der Bezeichnung „Liebeskomödie“ ins Kino kamen, keimt der Verdacht auf, dass das schlechte Ansehen des Genres nicht ganz von ungefähr kommt: stereotype Frauen- und Männerbilder werden da auf flache Weise gegeneinander ausgespielt, noch immer geht es um das Finden von „Mr. Right“ und ein Happyend im schönen Prinzessinnenkleidchen. Weder ein gelegentlich angedeuteter „Sex-Positivismus“ noch die eine oder andere schwule Nebenfigur können die starre Heteronormativität des zugrunde liegenden Plots aufbrechen. Regisseur_innen, die gegenwärtig als fortschrittlich oder gar transgressiv gelten wollen, lassen von der RomCom besser die Finger.

Umso erstaunlicher, dass die französische Sängerin und Performerin Océanerosemarie sich für ihr Regiedebüt (zusammen mit Cyprien Vial) eben dieses lädierte Genre ausgesucht hat. Die Hauptfigur, die sie selbst spielt, übernimmt sie quasi aus ihrem Bühnenprogramm „La lesbienne invisible“, mit dem sie jahrelang erfolgreich tourte. Auch sie heißt Océanerosemarie, ist allerdings Osteopathin und eine Frau, die mitten im Leben steht. Die ersten Szenen charakterisieren sie in klassischer RomCom-Montage als  selbstsichere Berufstätige, rasante Rollerfahrerin und wildes Party-Girl, fest eingebunden in einem sozialen Netz von schwulen, lesbischen und auch ein paar heterosexuellen Freunden und Arbeitskollegen. Selbst mit ihrer Mutter versteht sie sich prima, wenn diese auch anmahnt – auch das ist klassische Liebeskomödien-Manier –, dass das Fräulein Tochter statt ständig die Freundinnen zu wechseln sich doch endlich mal festlegen solle.

Foto: Edition Salzgeber

Aber Océanerosemarie – und hier beginnt das leise, aber feine Verfremdungsprojekt, das die Regisseurin und Autorin mit „Verrückt nach Cécile“ unternimmt – ist eben doch nicht die klassische RomCom-Heldin, und das keineswegs nur wegen ihrer sexuellen Orientierung. Erstens ist sie ein Stück älter und zweitens spiegelt sich genau das in ihrem komplizierten Liebesleben. Da gibt es Fantine, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die zu Beginn des Films in dramatischem Ton mit Océane Schluss macht, um dann beleidigt darüber zu sein, dass sie es so gelassen nimmt. Und es gibt Stella, eine Modellschönheit mit italienisch-rumänischem Flair und einem Ehemann, zu dem sie unbeirrt zurückkehrt – nach traurigem Abschiednehmen von Océane im Anschluss ihrer leidenschaftlichen Treffen. Und das sind nur die beiden letzten Stationen des offenbar erfüllten Liebeslebens der Osteopathin, wie man der fast endlosen Namensliste entnehmen kann, die die Mutter ihr einmal augenzwinkernd und natürlich völlig frei von jedem Vorwurf vorträgt.

Foto: Edition Salzgeber

Genregemäß muss auf einen solchen Auftakt das „meet cute“ mit Mrs. Right folgen. „Verrückt nach Cécile“ enttäuscht nicht, verfolgt aber auch hier mit komödiantischer Beharrlichkeit das Verfahren, den herkömmlichen Mustern neues Leben einzuhauchen: Wo sonst „weiblichere“ Begegnungsgelegenheiten wie Einkaufen, Lunchen oder Einparken vorherrschen, entdeckt Océane ihre große Liebe beim Joggen im Wald. Wobei sie wie ein Spanner im Gebüsch sitzt, während Cécile, dargestellt von Alice Pol, sich unbeobachtet glaubend, Purzelbäume schlägt. Ihr Zusammentreffen ist ein Missverständnis mit körperlichem Missgeschick, ganz in bewährter RomCom-Manier. Aber die Art und Weise wie sich hier zwei Frauen in ihrer athletischen Körperlichkeit bewundern und attraktiv finden, ist völlig neu im Genre.

Foto: Edition Salzgeber

Das macht „Verrückt nach Cécile“ zu einem bestechend leichten und großen Sehvergnügen: Wie hier einerseits immer wieder die Vorgaben des Genres erfüllt, ja affirmiert, und andererseits mit selbstverständlicher Gelassenheit die üblichen Vorstellungen des weiblichen Verhaltens in einer „Liebeshandlung“ revolutioniert werden. Die betont sportliche Physis beider Frauen spielt dabei eine große Rolle, wobei das Schöne daran ist, dass sich die Sportlichkeit weder im Optimierungswunsch der Körper erschöpft noch als Widerspruch zu erotischer Ausstrahlung dargestellt wird. Mit anderen Worten: Cécile braucht keine aufwendige „Verpackung“ an Kleidung und Schminke, um Océane als „Geschenk“ zu erscheinen. Und umgekehrt muss auch Océane ihr burschikoses Wesen nicht ablegen, um Verwundbarkeit zu zeigen oder sexy zu sein. Die Frauen werden hier spürbar nicht mit externalisiertem, männlichen Blick, sondern mit personenbezogenem Interesse betrachtet, das Schönheit und Attraktivität selbst bestimmt.

Foto: Edition Salzgeber

Für den RomCom-Kenner mag die Handlung von „Verrückt nach Cécile“ wenig Überraschendes bieten, aber die unangestrengte Art, mit der Océanerosemarie ein anderes Begehren ins vormals starr heterosexuelle Gerüst hineinbringt, wiegt die Wiederholungen mehr als auf. Zumal eine Gruppe von originellen Nebenfiguren zur Stelle ist, um Océanes Liebes-Auf und -Ab mit freundschaftlich-sarkastischen Kommentaren zu begleiten und damit für Pointen im flotten Komödientiming zu sorgen. Als Störfaktor in Océanes Liebesleben erweist sich nur Ex-Freundin Fantine, die mit einer widersprüchlichen Intrige nach der anderen ihr Glück mit Cécile verhindern will. Laure Calamy spielt diese „Bösewichtin“ mit so viel Temperament, dass sie zu jener sprichwörtlichen Kraft wird, die mit bösem Willen letztlich das Gute schafft. Auch das sieht man in weiblicher Variante viel zu selten. Océanemarierose belegt mit „Verrückt nach Cécile“, dass die RomCom sehr wohl erneuert werden kann, und zwar gerade als Damenprogramm.




Verrückt nach Cécile
von Océanrosemarie & Cyprien Vial
FR 2017, 86 Minuten, FSK 6,
französische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

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