God’s Own Country

Trailerqueerfilmnacht

Im Oktober geht es in der queerfilmnacht in die Berge und Hochmoore Yorkshires, die von Briten wegen ihrer rauen Schönheit auch „God’s Own Country“ genannt werden. Inmitten dieser archaischen Landschaft erzählt Regisseur Francis Lee die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Schafsfarmer Johnny und dem rumänischen Saisonarbeiter Gheorghe derart mitreißend und bildgewaltig, dass der Film seit seiner Weltpremiere in Sundance von der Filmkritik kontinuierlich als „britisches ‚Brokeback Mountain‘“ bezeichnet wird. Für sissy schreibt Matthias Frings, warum „God’s Own Country“ den filmischen Vergleich zu Ang Lees Meilenstein des Queer Cinema nicht zu scheuen braucht und dennoch eine ganz andere, dreckigere und realistischere Perspektive auf seine Figuren und ihre Liebe entwickelt.

In stürmischen Höhen

von Matthias Frings

Es ist einfach zu verlockend, sich den Pitch für diesen Film vorzustellen: „Genauso wie ‚Brokeback Mountain‘, nur Schafe statt Pferde, Züchter statt Cowboys, und nicht Wyoming sondern die Yorkshire Mountains. Ach ja, und statt der ewigen Bohnen wärmen sie sich täglich ein Curry aus dem Plastikbecher auf. Ansonsten alles wie gehabt: Tiere, Lagerfeuer, Einsamkeit vor grandioser Naturkulisse und eine Liebe unter Männern, die einem die Tränen in die Augen treibt!“

So abgeschmackt sich der Vergleich auch anhört, trifft er – auf eine Art – doch zu. „God’s Own Country“ zeigt das alles: eine maskuline Welt, die Zuneigung als Schwäche denunziert, die süße Schwere des Tabus Homosexualität, eine Liebe, die sich über die ureigensten Bedürfnisse der Körper in Hand, Herz und Sprache vorarbeitet. Entstanden ist ein Film von großer Wucht, der mit Sujetkenntnis und Kunstfertigkeit glänzt – und keinen Vergleich scheuen muss.

Im Gegenteil ist eine solche Gegenüberstellung nicht uninteressant, weil sie den unterschiedlichen Fokus dieser beiden Filme deutlich macht: Francis Lees Filmerzählung über zwei schwule Männer, die weit abseits jeder homosexuellen Infrastruktur leben, konzentriert sich mit großer Zuneigung auf seine beiden Protagonisten Johnny und Georghe. Während die Cowboys Ennis und Jack ihre Liebe weder leben können, noch sie überhaupt gegen die Umwelt verteidigen, stellt sich das englische Drehbuch genau diese Frage: Was wäre, wenn diese beiden Männer auf dem Land nicht einfach zwei Männer wären, sondern ein Paar; wenn ihr Feind nicht die Umwelt wäre, sondern sie selbst?

Romantisch fängt es an, Landleben aus dem Reiseprospekt. Wir sehen ein Bauernhaus aus grauem Felsstein – ein angesagtes Boutiquehotel im Countrystyle, könnte man vermuten –, darüber einen fotografiebereiten Sternenhimmel, der sich unmerklich aufhellt. Doch dann guten Morgen Realität! Nahaufnahme des nackten Rückens von Johnny, Jungbauer, Mitte 20, verkatert. Kotzend hängt er über dem Klo. Und so körperlich wird er auch weiterhin vorgestellt: Er pisst und frisst, knallt die Türen und schweigt auf eine Art, dass es schon wieder in den Ohren schallt.

Nur bei der trächtigen Kuh scheint ganz kurz ein anderer Mann auf: „Es ist bald soweit“, beruhigt er sie, während er einen Arm in Ihren Arsch steckt. „Dein Johnny-Boy ist doch bei dir.“

photo by Agatha A. Nitecka

„God’s Own Country“ so nennt man einen Teil Yorkshires wegen seiner Schönheit. Emily Brontë nutzte diese Landschaft als Folie für die Leidenschaften in ihrem Roman „Wuthering Heights“ (1847), und in einem Gedicht von Ted Hughes wird sie als „a stage for the performance of heaven“ besungen. Auf diese Bühne tritt nun der gutaussehende, schweigsame Gheorghe, ein rumänischer Wanderarbeiter. Er hat seinen heimischen Bauernhof aufgeben müssen und verdingt sich wie so viele Osteuropäer saisonweise in England.

Auch ihn führt der Film fast wortlos ein. Das Sprechen übernehmen seine aufmerksamen Blicke und vor allem seine Hände. Mit sanfter Ausdauer reibt er ein scheinbar totes Lämmchen kurz nach der Geburt mit Heu regelrecht ins Leben. Und es wird der erste emotionale Moment dieser beginnenden Liebesgeschichte, wenn er die an einem Zaun aufgeritzte Hand des verletzten Johnny in die seine nimmt, sie mit Spucke desinfiziert und ihm so andeutet, dass Zärtlichkeit unter Männern möglich ist.

Es braucht allerdings eine Weile, den mürrischen Johnny aufzutauen, einen vor den Latz, um genau zu sein. Natürlich geht es nicht ohne Balzrituale, das muss physisch ausgehandelt werden, Streiten, Schreien, Toben, Raufen, der übliche Affentanz. „Du Zigeuner!“, schreit der eine, „Freak“ antwortet der andere. Prompt kommt ein „Schwuchtel“ zurück, und sie müssen lachen, als Gheorghe mit „Selber Schwuchtel!“ pariert.

Es gibt Filme, deren prätentiöse Sprachlosigkeit nur verhüllen soll, dass hier jemand nicht viel zu sagen hat – vorgetäuschte Tiefsinnigkeit. Hier aber spricht das Schweigen, etwa wenn Gheorghe anlässlich der Geburt eines Tiers drei kleine Narzissen auf den Esstisch stellt. In diesem zurückgenommenen Film mit seinem Grau und Braun und den erschöpften Grüntönen löst das ästhetisch fast eine Explosion an Farbe und Schönheit aus. Wenn einmal gesprochen wird, ist es nur das Nötigste. Gheorghe führt seinen Chef auf einen Berg und zeigt ihm, dem hier Geborenen, seine Heimat, als lege er sie ihm zu Füßen. „It’s beautiful here, but lonely.“ Und damit ist alles gesagt, über die Landschaft wie über Johnny. An dieser Stelle erklingt Musik, ansonsten bleibt auch sie Ausnahme, wird so sparsam und effektbewusst eingesetzt wie die Sprache.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit ist in dieser Filmerzählung alles an seinem rechten Platz. Schwer zu glauben, dass es sich um ein Spielfilmdebüt handelt. Einleuchtender wird diese stilistische Prägnanz, wenn man weiß, dass Francis Lee jahrelang als Schauspieler gearbeitet hat. Es erklärt seine traumhafte Schauspielerführung. Und sein ganz großes Plus: Er ist in dieser Landschaft groß geworden. Er weiß sehr genau, wovon er redet, die Eltern hatten hier ihren Bauernhof. Kein Wunder also, dass sämtliche Kommandos, Blicke und Gesten sitzen.

Für Schauspieler ist dies buchstäblich matschiges Terrain. Kaum etwas ist peinlicher, als Topschauspier, die versuchen, mit festem Blick auf den nächsten Filmpreis elegant die Mistgabel zu schwingen. Also hat Lee seine beiden Hauptdarsteller dazu verdonnert, einige Wochen auf einem echten Bauernhof zu arbeiten, Tiere zu versorgen, Zäume zu reparieren, Mauern zu bauen. Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Die beiden agieren so wortlos vertraut miteinander, auch in den Sexszenen, dass man sie jederzeit für ein Liebespaar in real life halten könnte.

Josh O’Connor legt als Johnny eine fulminante Charakterstudie hin, ein Mann, der scheinbar die ganze Welt auf seinen Schultern trägt, jung und von kantiger Schönheit zwar, aber verstockt, einsam, unglücklich. Doch unmerklich öffnet er sich, und sein Gesicht wird weicher. Und wenn er dann wirklich einmal lacht, geht die Sonne auf.

Alec Secareanu hat als Gheorghe den gefährlicheren Part. Er ist der Retter, doch jedes zu dick aufgetragene Gramm Innigkeit ließe den Film ins Sentiment abdriften. Er aber hält die Balance lässig, bleibt vielschichtig, lässt immer wieder aufblitzen, wie sehr ihn der Verlust seines eigenen Hofes und Landes schmerzt. Denn auch das ist dieser Film: Eine Beschreibung der Veränderung des Landlebens in Zeiten der Globalisierung.

Geht das, kann das gut gehen? Zwei wortkarge Männer in einer halbvergessenen Ecke der Welt, die ein Leben zusammen führen, eine gefährdete Liebe leben und gemeinsam ihre Existenz bestreiten? Auf eine moderne, realistische Art ein veritabler Liebesfilm? Es geht. Das ist selten: ein queerer Film, der nicht fragt, was fehlt, sondern was geht.




God’s Own Country
von Francis Lee
UK 2017, 104 Minuten, FSK 12,
deutsche Synchronfassung &

englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Edition Salzgeber

Im Oktober in der queerfilmnacht.

Ab 26. Oktober bundesweit im Kino.

Homepage zum Film

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