Little Men

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Sommer in Brooklyn. Der 13-jährige Jake zieht mit seinen Eltern in das Haus des verstorbenen Großvaters und freundet sich dort mit dem gleichalten Tony an, dessen Mutter eine Boutique im Erdgeschoss führt. Während ihre Eltern miteinander über die Immobilie in Konflikt geraten, erkunden Jake und Tony ihr Viertel und schmieden Pläne für die Zukunft. Bis die Gentrifizierung auch ihre Freundschaft bedroht. Ira Sachs hat nach „Keep the Lights On“ (2012) und „Liebe geht seltsame Wege“ (2014) wieder einen großen kleinen Film darüber gemacht, wie sich Entwicklungen in der Stadtstruktur New Yorks auf Freundschaften und Liebesbeziehungen auswirken.

Foto: Salzgeber

Schwebende Freundschaft

von Toby Ashraf

Es war ein besonderer Moment, als sich Regisseur Ira Sachs im letzten Jahr nach einer Aufführung von „Little Men“ vor dem vorwiegend jugendlichen Berlinale-Publikum auf der Bühne outete. Zum einen outete er sich als schwuler Mann, er outete sich aber vor allem, und in diesem Moment fast wichtiger, als Vater. Für einen Moment war es still im Publikum, und man konnte förmlich spüren, wie dieses von Sachs selbstverständlich und beiläufig erwähnte Konzept der Regenbogenfamilie bei manchen im Publikum erst einmal sacken musste. Er ist natürlich nicht wichtig zu wissen, dass der Regisseur, der diesen umwerfend einfühlsamen Film über die neue Freundschaft zweier New Yorker Jungs gemacht hat, selbst Vater ist, oder seit langem in New York wohnt, aber es sind kleine Schlüssel des Privaten, mit denen man die Türen zum Werk von Ira Sachs nach dem Dahinschmelzen während des Films noch einmal neu öffnen kann.

Als humanistisch werden seine Filme oft bezeichnet, und tatsächlich gibt es kaum jemanden, bei dessen Filmen man so schnell das Gefühl bekommt, ganz Teil dieser sehr genau beobachteten, sehr präzise, aber unaufgeregt beschriebenen Welt zu sein. Man war irgendwie schon Teil dieser manchmal zerstörerischen Beziehung zweier junger Männer in „Keep the Lights On“ und hatte bei „Liebe geht seltsame Wege“ bereits nach wenigen Minuten den Wunsch, entweder einen dieser beiden schwulen Großväter zu haben, oder aber einer von ihnen zu sein. Die Geschichten dieser drei in mancherlei Hinsicht komplementären Filme sind sicherlich nicht außergewöhnlich oder wahnsinnig unkonventionell erzählt, aber genau das gibt Sachs den Raum, sich vom Was auf das Wie zu konzentrieren. Wie Jake da in der ersten Einstellung von „Little Men“ im Klassenraum sitzt und die Welt um ihn herum keine Relevanz zu haben scheint. Wie wir mit diesem Bild ohne viel Dialog gleich einen Eindruck des introvertierten, sensiblen Jungen vermittelt bekommen, der andere Interessen verfolgt als seine Mitschüler_innen. Andere Regisseure hätten hier schnell einen einsamen Außenseiter eingeführt – es wäre eine leichte Übung –, aber Ira Sachs hat in dieser einen Einstellung mit der Kamera bereits mitten hineingeschaut in diesen Jake und ihn gewissermaßen als Held etabliert.

Am besten lässt sich „Little Men“ eben in solchen Momenten beschreiben, in kleinen Aufnahmen einer Wirklichkeit, dessen vollkommene Konstruiertheit vielleicht deshalb so schnell in Vergessenheit gerät, weil es Ira Sachs darum geht, mit großer Genauigkeit etwas Privates zu vermitteln. Jake erfährt zufällig am Telefon, in einer weiteren atemberaubend beiläufigen Szene, vom Tod seines Großvaters, der für die Familie weitreichende Konsequenzen hat. Die Mutter, Psychologin, und der Vater, Theater-Schauspieler, erben ein Haus in Brooklyn und ziehen mit Jake aus Manhattan weg. Ein interessanter Drehbucheinfall, denn man muss sich automatisch fragen, wie dieses Brooklyn einmal ausgesehen hat, als der Großvater dort ein Haus kaufte. Wie dieses New York einmal ausgesehen haben muss, wie günstig wohl die Mieten waren und wie ethnisch divers die Nachbarschaften ausgesehen haben müssen, bevor erst Bürgermeister Rudy Giuliani mit seinem eisernen Besen durch die Stadt fegte, und später eben dieses Brooklyn zum meist gentrifizierten Ort der Welt wurde.

Eine Ahnung davon bekommen wir durch die Figur der Leonor Cavelli, gespielt von der chilenischen Schauspielerin Paulina García, deren Sohn Tony bald Jakes Freund werden soll. Leonor arbeitet in einem Ladengeschäft im Haus des Großvaters und befindet sich in einer der wenigen Blasen, die noch nicht von Mieterhöhungen und dem Ausverkauf ganzer Nachbarschaften betroffen zu sein scheint. Ihr Laden ist klein und scheint nicht eben gut zu laufen, aber mit Jakes Großvater verband sie eine Freundschaft, in der es kein Profitdenken gab. Dieser Konflikt, zwischen der migrantischen Mieterin und den neuen, weißen, aber ebenfalls nicht gesichert lebenden neuen Besitzern, bildet die Folie, vor der sich die Freundschaft von Jake und Tony entfaltet.

Foto: Salzgeber

Auch Tony ist eine Figur, die man nach wenigen Augenblicken zu kennen oder zumindest zu verstehen meint: ein vorlauter, ein bisschen auf cool gebürsteter Junge, dessen schnelle Bande zum stillen Jake aber gleich verrät, dass sich unter seiner selbstbewussten Fassade ein großes Herz verbirgt. Tony will Schauspieler werden, Jake zeichnet. Beide Jungen sind Künstler, und obwohl Sexualität noch keine große Rolle zu spielen scheint und der Film vorsichtig genug ist, dieses Thema, mindestens in Bezug auf Jake, in der Schwebe zu belassen, gelingt es Sachs doch sehr deutlich und wieder wunderbar selbstverständlich, zwei Figurenporträts zu entwickeln, die man nicht mit konformer Männlichkeit in Verbindung bringt. Beide Schauspieler, Theo Taplitz und Michael Barbieri, atmen dabei soviel Natürlichkeit, dass man oft denken mag, man beobachte sie einen Sommer lang bei ihrem Erwachsenwerden und Ira Sachs habe sich erst hinterher überlegt, das Ganze als Spielfilm anzulegen. Überhaupt ist es mehr als erstaunlich, wie eine derart politisch aufgeladene Rahmenhandlung – seien es die Generationskonflikte oder die Klassenunterschiede, das Thema des Außenseitertums oder eben das des Verschwindens von bezahlbarem Wohnraum – beim Beobachten dieser beiden Jungen derart in den Hintergrund gelangen kann. Nein, es geht hier doch um einen Sommer in New York, um die zarten Zukunftspläne von kleinen Männern, denen die Welt noch offen steht, die sich noch nicht entscheiden oder diese ganzen schrecklichen Fragen beantworten müssen, deren Antworten die Erwachsenen unglücklich zu machen scheinen. Nein, es geht hier um Momente wie die erste Schauspielstunde, das gemeinsame Videospielen, die Fahrten durch die Straßen einer Stadt, die eben erst mal für die Zeit einer Jugend geschichtslos bleibt und lediglich mit den eigenen, persönlichen Geschichten gefüllt werden will.

Foto: Salzgeber

Und sicherlich geht es eben auch nicht darum, ob Ira Sachs selbst Kinder hat und deshalb so viel zu verstehen scheint, oder ob er dieses New York nun gut kennt, oder ob er schwul ist. Aber es schadet auch nicht, all dies zu wissen, wenn man einen unglaublich kostbaren und so besonderen Film wie diesen zu sehen bekommt – zu wissen, dass diese Liebe für die Menschen, die wir da sehen, mehr ist als eine bloße, schnelle Erfindung.




Little Men
von Ira Sachs
US
2016, 85 Minuten, FSK 0,
engl. OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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