Certain Women

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Kelly Reichardts neuer Film erzählt drei Geschichten über Frauen in Montana. Langsam und konzentriert arbeitet sie die Vielschichtigkeit in den scheinbar unspektakulären Episoden aus dem Leben der Heldinnen heraus. Am schönsten vielleicht im dritten Teil, in dem eine Pferdepflegerin sich allmählich in die unerfahrene Anwältin aus der Großstadt verliebt, die von Kristen Stewart gespielt wird – wer mag es ihr verdenken. Es entwickelt sich eine der schönsten lesbischen Beinahe-Romanzen, die in letzter Zeit im Kino zu sehen waren.

Emanzipation im Wilden Westen

von Barbara Schweizerhof

Ausrufezeichen, Superlative und Übertreibungen sind gewissermaßen das Stilgebot unserer Zeit. Die Filme von Kelly Reichardt muss man sich als das exakte Gegenteil davon vorstellen: leise, zurückhaltend, unparteiisch. Das Spannende daran ist, dass sie dadurch nicht etwa wie aus der Zeit gefallen erscheinen, sondern im Gegenteil einen wie freigeräumten Blick gewähren auf das, was oft wegen Unauffälligkeit ausgespart oder übersehen wird, auf das Alltägliche jenseits der Social Media, auf die Normalität abseits von „La La Land“.

„Certain Women“, der neueste Film von Reichardt könnte deshalb auch gut den Titel „Übersehene Frauen“ tragen. Geht es doch um vier Heldinnen, die zwar ihr Leben einigermaßen im Griff haben, die selbstständig sind und emanzipiert, die aber dennoch nicht den üblichen Stoff für das abgeben, was man sonst im Kino oder auch im Fernsehen zu sehen gewöhnt ist. Und das nicht nur, weil ihr Leben sich in den wenig beachteten Weiten von Montana abspielt, wo Straßen bleistiftgerade und ohne Randbefestigung eine kalte Steppenlandschaft vor bergigem Hintergrund durchkreuzen. Und wo „Städte“ aus losen Ansammlungen von Flachbauten und Parkplätzen bestehen, in denen noch der provisorische Charakter des „Wilden Westens“ nachhallt.

Da wäre zum Beispiel die Rechtsanwältin Laura (Laura Dern), die sich in der ersten der drei Geschichten, die Reichardt in „Certain Women“ erzählt, mit einem lästigen Klienten auseinandersetzen muss. Statt dass ihr Anwaltsstatus ihr Macht und Aufmerksamkeit verschafft, wie es vor allem Serien so gerne zeigen, erlebt Laura ihren Job als ermüdende Dienstleistung, völlig ohne Gewinn fürs eigene Ego. Im Gegenteil – ihr Klient, dem sie seit Monaten vergeblich die Aussichtslosigkeit seines Falles erklärt, bekommt dasselbe aus dem Mund eines männlichen Kollegen gesagt und zeigt sich plötzlich einsichtig: „okay“. „Es wäre so erholsam, wenn man als Frau mal den gleichen Effekt haben könnte“, seufzt Laura ihrem Liebhaber daraufhin am Telefon vor. Der möchte offenbar gerade mit ihr Schluss machen, aber da drängt sich ein weiteres Mal der Klient ins Bild, diesmal mit einem emotionalen Zusammenbruch, für den er mit männlicher Selbstverständlichkeit das mütterliche Mitgefühl seiner Anwältin einfordert.

Die Mischung aus einerseits Gebraucht- und andererseits Übersehen-Werden, die die Existenz von Reichardts Heldinnen bestimmt, wird vielen Frauen vertraut erscheinen. Nicht immer muss sich das in solchen Extremen wie bei Laura zeigen: Als ihr Klient zur klassischen Radikallösung des amerikanischen Mannes schreitet, mithin zur Waffe greift und eine Geisel nimmt, schickt man sie wenig zimperlich mitten ins Geschehen. Zur realistischen Einschätzung des Täters als im Grund harmlos mischt sich dabei eine gewisse Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber. Mit ihrer Opferbereitschaft wird einfach gerechnet.

In einer ähnlichen Zwickmühle befindet sich auch Gina (Michelle Williams), die in der zweiten Episode von „Certain Women“ im Mittelpunkt steht. Gina ist der „Boss“ ihrer aus Mann und Teenagertochter bestehenden Kleinfamilie, was aber keineswegs bedeutet, dass man es ihr leicht macht, ihre Vorstellungen und Bedürfnisse durchzusetzen. Irgendwo in der wunderbar ungestalteten Wildnis Montanas (wo alle drei Geschichten nach der Vorlage der von dort stammenden Autorin Maile Meloy spielen) haben Gina und ihr Mann ein Stück Land gekauft, auf dem dereinst ein Haus entstehen soll. Bislang verbringen sie die Wochenenden auf dem Grundstück noch mit Zelten. Ihr altmodischer Nachbar Albert (Rene Auberjonois) will nicht recht verstehen, warum sie es ist, die bei den Verhandlungen um einen Haufen Sandsteine das Wort anführt. Gegenüber Ginas Mann Ryan (James Le Gros) drückt er in einem unbeobachteten Moment sein Verständnis aus: „Ich weiß, ihre Frau ist bei ihnen angestellt“. Dessen Dementi – „Nein, es ist umgekehrt“ – scheint an Albert abzuprallen. Auch innerhalb ihrer Familie geht Ginas Brotverdiener-Status keineswegs mit Autorität einher. Im Gegenteil, Tochter und Mann verbünden sich wie automatisch gegen das, was sie als Ginas Ansprüchlichkeit empfinden. „Ich bin hier immer die Böse“, klagt sie, aber Michelle Williams hält ihre Figur frei von Selbstmitleid. Womit ihr ein faszinierendes Porträt dessen gelingt, mit welchen Zugeständnissen Emanzipation im Alltag einhergeht – und mit welchen Einbußen an Sympathie Frauen, die etwas zu sagen haben, rechnen müssen.

Völlig frei von solch unterschwelligen „Anklagen“ gegen überkommende patriarchale Wahrnehmungen und Strukturen ist die dritte Geschichte in „Certain Women“ vor allem deshalb, weil sie sich, anders als in der Vorlage, zwischen zwei Frauen abspielt. Lily Gladstone verkörpert darin eine namenlos bleibende Ranch-Helferin, die ganz auf sich allein gestellt eine kleine Pferdefarm durch den Winter bringt. Eines Abends stolpert sie auf der Suche nach Abwechslung von ihrem einsamen Alltagsleben in einen Abendkurs und ist auf den ersten Blick vollkommen fasziniert von der juristischen Lehrbeauftragten Elizabeth (Kristen Stewart). Durch eine überraschend charmante Kombination aus Schüchternheit und Sturheit gelingt es der Pferdepflegerin, die Routine eines gemeinsamen Abendessens mit der Juristin Elizabeth nach dem Kurs zu entwickeln. Mit strahlenden Augen, aber wenigen Worten, sitzt sie im Diner einer hektisch essenden, völlig erschöpften Elizabeth gegenüber. Die drängt auch noch stets zum baldigen Aufbruch, weil ihr vier Stunden Fahrzeit auf dem Weg nach Hause bevorstehen.

Es sind Aufnahmen eines schmerzlichen Missverständnisses: Was für die eine ein lästiger und belastender Job ist, empfindet die andere als Glücksfall und Schicksalsbegegnung. Reichardts Regiekunst des Understatements und der Unaufgeregtheit findet hier zu ungeahnter emotionaler Tiefe: ohne viel Dialog entfaltet sich eine Erzählung über die Hoffnung auf Verbindung, über Einsamkeit und Überforderung, aber auch über Selbstgenügsamkeit und Weiterwerkeln. Man schaut Lily Gladstone zu, wie sie ihre Pferde versorgt, am Steuer ihres Pick-ups sitzt, durch eine fremde Stadt stromert – und man begreift so viel über das „kleine“ Leben dieser Frau und über noch viel mehr, dass man bei der Beschreibung fast zu Superlativen und Ausrufezeichen greifen möchte.




Certain Women
von Kelly Reichardt
US
2016, 105 Minuten, FSK 0,
engl. OF mit deutschen UT,
Peripher

Hier im Kino zu sehen.


 

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