Adam Silvera: Was mir von dir bleibt

Adam Silvera: Was mir von dir bleibt

Autor*innen lieben genau wie Leser*innen die Zeit des Erwachsenwerdens, das Coming-of-Age, denn die Protagonist*innen befinden sich dabei in einem Moment des Übergangs, das Leben hat sie noch nicht abgebrüht. Ihre Empfindlichkeit macht sie so besonders, doch zugleich ist es diese Empfindlichkeit, unter der sie so schrecklich zu leiden haben. Adam Silvera mutet seinem Helden Griffin eine der schlimmsten überhaupt denkbaren Prüfungen zu: Sein Freund Theo stirbt. Fabian Hischmann, der selbst Schriftsteller ist – 2017 erschien sein zweiter Roman "Das Umgehen der Orte" bei Piper, im Sommer folgt der Erzählunsgband "Alle wollen was erleben" – hat Silveras "Was mir von Dir bleibt" für uns gelesen und bespricht das Buch explizit persönlich.
Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Solidarität, Schönheit und ganz viel Glamour. Das waren die Überlebenskonzepte in der Ballroom Culture im New York der frühen 1980er, samt ihrer in Häuser zusammengeschlossenen Ersatzfamilien aus jungen Drag Queens und Transpersonen, queeren Latinos und Afroamerikanern, die in kein hetero- oder homonormatives Spektrum passten und in der US-Gesellschaft in gleich mehrfacher Hinsicht soziale Außenseiter*innen waren. Bei den regelmäßig stattfindenden, rauschhaften "balls" traten die einzelnen Häuser in "walks" gegeneinander an – Bewertungsgegenstand: "realness" – und konstruierten so zugleich eine gemeinsame subkulturelle Identität. Jennie Livingston hat der sagenumwobenen Szene, die Madonnas "Vogue" und "RuPaul's Drag Race" inspirierte und von der seit vergangenem Jahr auch Ryan Murphys preisgekrönte Serie "Pose" (aktuell auf Netflix zu sehen) erzählt, bereits 1990 mit ihrem Dokumentarfilm "Paris Is Burning" ein Denkmal gesetzt. Der US-Schriftsteller Joseph Cassara, Jahrgang 1989, hat nun die Geschichten der Hauptfiguren aus Livingstons Film recherchiert und erzählt in seinem Debütroman von ihnen und ihrer Ersatzfamilie, dem legendären Haus Xtravaganza. Elmar Kraushaar hat "Das Haus der unfassbar Schönen" für uns gelesen.
August von Platen: Die Sonette

August von Platen: Die Sonette

Graf August von Platen-Hallermünde (1796-1835) ist ein fast vergessener Klassiker der deutschen Literatur. Anfang des 20. Jahrhunderts waren seine Gedichte Schullektüre, doch heute ist sein Werk aus den Verlagsprogrammen verschwunden. Soeben ist im Männerschwarm Verlag eine Ausgabe seiner Sonette erschienen, die in zweifacher Hinsicht als Höhepunkte seines Schaffens gelten dürften: Die "Sonette aus Venedig" schufen den Mythos von Schönheit und Verfall und begründeten den Venedig-Tourismus, und die "Sonette an Freunde" thematisieren erstmals in der deutschen Dichtung die erotische Liebe unter Männern. Tilman Krause hat sie gelesen.
Das Mädchen mit den roten Haaren

Das Mädchen mit den roten Haaren

Benny ist 17 und lebt mit ihrem Vater, einem strenggläubigen Religionsgelehrten, in der jüdischen Gemeinde von Silwan, einem vorwiegend von Palästinensern bewohnten Stadtteil Ost-Jerusalems. Ihr Haar ist so rot wie das Fell des gerade zur Welt gekommenen Kalbs, von dem sich ihr Vater und seine Anhänger die lang ersehnte Erlösung versprechen. Benny soll sich um das Jungtier kümmern – dabei fühlt sie sich im religiösen Dogmatismus ihres Vaters, mit dem sie groß geworden ist, schon seit langem nicht mehr zuhause. Als die gleichaltrige Yael in die Gemeinde kommt, um dort ihren Wehrersatzdienst zu leisten, gerät Bennys streng geregeltes Leben gänzlich aus den Fugen: Plötzlich ist da ein körperliches Begehren, das ihren eigenen Glauben in Frage stellt – und noch mehr den des Vaters… Tsivia Barkai Yacov erzählt in ihrem Langfilmdebüt vom sexuellen Erwachen eines Mädchens, das nicht nur einen Familien- sondern auch einen Glaubens- und Ideologiekonflikt überwinden muss, um zu sich selbst zu finden. Auf dem Jerusalem Film Festival wurde "Das Mädchen mit den roten Haaren" mit gleich drei Preisen ausgezeichnet. Tania Witte hat den Film, den es jetzt als DVD und VoD gibt, für uns gesehen.
Gunther Geltinger: Benzin

Gunther Geltinger: Benzin

Im Dunkeln Fußgänger anzufahren, kann das Leben verändern: In ihrem Bestseller "Löwen wecken" (2015) erzählt die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, wie ein Chirurg einen illegalen Einwanderer überfährt und dadurch für kurze Zeit Anteil am Schicksal der Migranten nimmt. Gunther Geltinger ("Mensch Engel", 2008; "Moor", 2013) stellt das Szenario auf den Kopf: Zwei schwule Touristen fahren in Südafrika einen jungen Schwarzen an, der überlebt und sich zu einer Art Katalysator entwickelt – für das Verhältnis der Deutschen zu dessen Heimat und für die Beziehung der Reisenden zueinander. Detlef Grumbach hat den Roman "Benzin" gelesen.
Nina

Nina

Nina ist Mitte 30, Lehrerin und mit Wojtek verheiratet. Die Ehe der beiden hat schon vor einiger Zeit einen toten Punkt erreicht. Um die Beziehung zu retten, suchen sie nach einer Leihmutter, die ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen soll. Mit der jungen Magda, die offen lesbisch lebt, scheinen sie endlich die ideale Kandidatin gefunden zu haben. Doch als sich Nina in Magda verliebt, wird alles, was in Ninas Leben vorher wichtig war, plötzlich bedeutungslos. Regisseurin Olga Chajdas fängt das komplizierte Beziehungsgeflecht ihrer drei Hauptfiguren mit großer Intimität ein und nähert sich nach und nach dem lesbischen Begehren einer jungen Frau an, die im Polen der Gegenwart bis dahin in gesellschaftlichen Rollen und Erwartungen gefangen war. Für ihr subtil politisches Regiedebüt wurde Chajdas u.a. mit dem renommierten Big Screen Award auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam. Alexandra Seitz über einen Film der Blicke und Gesten, der subtilen Andeutungen, Auslassungen und Ambivalenzen.
Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Sebastian Barry: Tage ohne Ende

In Büchern und Filmen gilt der Wilde Westen als Domäne raubeiniger Männlichkeit. Umso größer war die Sensation, als Annie Proulx 1997 die Geschichte zweier Schafhirten veröffentlichte, die sich in der Einsamkeit des Brokeback Mountain ineinander verlieben. Ang Lees Verfilmung wurde 2005 nicht nur ein Welterfolg, sondern auch zum Schlüsselfilm des Queer Cinema. Doch "Brokeback Mountain" spielt im Jahr 1963, als der Westen schon lange nicht mehr wild gewesen ist. 2006 veröffentliche die deutsche Autorin Christine Wunnicke mit "Missouri" den ersten richtigen Western mit einer offen schwulen Liebesgeschichte. Danach gehörte der Westen erst mal wieder den Heteros, bis der irische Bestsellerautor Sebastian Barry vor drei Jahren ein Freundespaar in die Turbulenzen des amerikanischen 19. Jahrhunderts entsendet hat. Sein Roman "Tage ohne Ende", der jetzt in deutschen Übersetzung erschienen ist, erzählt die Geschichte eines queeren Glücks, findet unser Rezensent Christian Lütjens.
Border

Border

Die Grenzbeamtin Tina ist die Beste in ihrem Job, denn sie hat eine besondere Fähigkeit: Sie kann bei anderen Menschen Angst, Scham und Wut wittern. Weil diese Begabung sie ihren Mitmenschen gegenüber aber auch fremd sein lässt, lebt Tina zurückgezogen und einsam in einer Hütte im Wald. Doch dann begegnet sie Vore, der ihr nicht nur auffallend ähnlich sieht, sondern bei dem ihre Fähigkeit auch an eine Grenze stößt, selbst wenn sie ahnt, dass er etwas verbirgt. Vores Wildheit, die ihr merkwürdig vertraut vorkommt, zieht sie magisch an. Als er sein Geheimnis preisgibt, hat das auch für Tinas Leben weitreichende Folgen. Nachdem "Border" bereits letztes Jahr in Cannes als eine der großen Entdeckungen des Festivals gefeiert wurde und mit dem Preis der Nebensektion "Un certain regard" ausgezeichnet wurde, ist Ali Abassis abgründiges queeres Märchen jetzt endlich auch in den deutschen Kinos zu sehen. Dennis Vetter über einen fantastischen Film, der seine Zuschauer*innen kühn über Genre- und Identitätsgrenzen hinweg auf einen Pfad ungeahnter Erkenntnisse führt.
Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter

Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter

Heinrich Heine schrieb über die Liebe: "Es ist eine alte Geschichte, und ist doch immer neu". Und die Literaturgeschichte beweist seitdem, wie recht er hatte. Die allerneuste "alte Geschichte" stammt von Stephan Phin Spielhoff. Menschen mit Berufen, die es vor 20 Jahren noch nicht gab, erfinden sich ihre eigene Welt, ein irres Mosaik aus ganz Neuem und ziemlich Altem, und mitten drin, quasi als Kontrastmittel, die Freude und der Schmerz der Liebe. Spielhoff, Jahrgang 1983, lässt sich sprachlich auf die Welt ein, von der er erzählt, in einem bunten Mix aus Deutsch, Englisch und Internetsprech. Michael Sollorz, Jahrgang 1962, hat sich dem Text in einem Selbstversuch ausgesetzt und ist beeindruckt. Tipp für alle Berliner*innen: Am Donnerstagabend stellt Spielhoff seinen Roman persönlich in der Buchhandlung Hundt Hammer Stein (Alte Schönhauser Straße 23-24) vor.
Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

"Literatur muss kämpfen", sagt Édouard Louis, "für all jene, die selbst nicht kämpfen können". Sein erster, autobiographischer Roman "Das Ende von Eddy" (2014), der in Frankreich und Deutschland zum Bestseller wurde, ist nicht nur das mitreißende Dokument der Selbstbefreiung eines jungen schwulen Mannes aus prekären Verhältnissen; es ist, ähnlich wie Louis' zweites Buch "Im Herzen der Gewalt" (2016), ein energischer Text gegen eine homo- und xenophobe französische Gesellschaft, die von kaum überbrückbaren sozialen Barrieren durchsetzt ist. In seinem neuen, gerade mal 80 Seiten dicken Buch geht Louis nicht mehr nur im eigenen Leben, sondern auch in dem des Vaters auf Spurensuche: Woher kam die Gewalt, die diesen erfüllte; wieso wählte der Vater die letzten Jahrzehnte stramm den Front National; inwieweit haben die sozialen Verhältnisse gar zu seinem allzu raschen körperlichen Verfall beigetragen? In der Nachfolge seiner intellektuellen Leitfigur Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") entdeckt Louis in seiner soziologischen Analyse den eigenen Vater noch einmal neu – und entwickelt so für sich die Möglichkeit, um ihn zu trauern. Andreas Wilink über eine wütende und höchst persönliche Protestnote.