August von Platen: Die Sonette

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Graf August von Platen-Hallermünde (1796-1835) ist ein fast vergessener Klassiker der deutschen Literatur. Anfang des 20. Jahrhunderts waren seine Gedichte Schullektüre, doch heute ist sein Werk aus den Verlagsprogrammen verschwunden. Soeben ist im Männerschwarm Verlag eine Ausgabe seiner Sonette erschienen, die in zweifacher Hinsicht als Höhepunkte seines Schaffens gelten dürften: Die „Sonette aus Venedig“ schufen den Mythos von Schönheit und Verfall und begründeten den Venedig-Tourismus, und die „Sonette an Freunde“ thematisieren erstmals in der deutschen Dichtung die erotische Liebe unter Männern. Tilman Krause hat sie gelesen.

Eine Liebe ohne Erwiderung

von Tilman Krause

Nur die Sonette? Ja, ganz genau! Kein „Tristan“ also, jenes betörende Gedicht, das da beginnt mit den magischen Zeilen „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben“. Dass diese Auswahl von Gedichten des spätromantischen Dichters August von Platen, der von 1796 bis 1835 lebte, sich vielmehr auf diejenigen seiner lyrischen Arbeiten beschränkt, die den strengen Formgesetzen des Sonetts gehorchen, hat seinen guten Grund.

Das Sonett mit seinem starrem Versbau, gefügt aus zwei vierzeiligen und zwei dreizeiligen Strophen (Quartette und Terzette), hat Platen nämlich vor allem zu Huldigungen an die Schönheit junger Männer genutzt. Hier drückt er Liebesglück, viel öfter allerdings Liebeschmerz aus. Hier variiert er mal pathetisch, mal anrührend schlicht, hin und wieder auch ein wenig floskelhaft seine Empfindungen der Ausgrenzung und des Unverstandenseins, die er in einer weitgehend homophoben Umwelt erleben musste.

Aber in den Gedichten gibt es eben auch immer wieder den Aufschwung zu Empfindungen von „reiner“ Männerfreundschaft, die dem Dichter als besonders erhaben, weil jenseits der Interessen der „Welt“ und der „Gesellschaft“ stehend, vorkamen. „Ich aber weiß, was wen’ge Menschen glauben, / Dass wahre Freundschaft zarter ist als Liebe“, heißt es in einem der Sonette an Carl Theodor German. Denn Platens Vorstellung von Seelenfreundschaft schloss das Körperliche zwar nicht aus – im Gegenteil: Er preist Männerkörper sehr anschaulich. Aber das bleibt doch überwiegend eine Angelegenheit andächtiger Kontemplation. Das Sexuelle zwischen Männern, falls er es überhaupt erlebt hat, bedichtete er jedenfalls nicht.

Damit ist auch der erste Punkt benannt, der auf heutige Leser befremdlich wirken mag. Zwar sind sich Kenner und Liebhaber inzwischen darin einig, Platen als denjenigen zu feiern, der als erster die mann-männliche Liebe unumwunden für die deutsche Literatur zu einem kardinalen Thema gemacht hat. Homosexualität ist gewissermaßen der Glutkern von Platens Kreativität – viel expliziter übrigens als bei Thomas Mann, für den das ja auch gilt. Aber Platens Gesänge auf die mann-männliche Liebe, auf Männerschönheit, Männergrausamkeit ist doch immer ein spirituelles Moment beigemischt. Bei Platen oder, besser gesagt: bei dem lyrischen Ich seiner Gedichte ist die Liebe zu einem Mann, ähnlich wie seine Begeisterung für Werke der bildenden Kunst (speziell für die Maler der italienischen Renaissance) immer auch Ausdruck seiner Sehnsucht nach dem Absoluten.

Nicht in einem christlichen oder gar kirchlichen Sinne. Eher im Sinne jener Humanitätsreligion, die in der Antike und eben später in der Renaissance sowie der deutschen Klassik gepflegt wurde, nicht zuletzt von Shakespeare, dessen Sonette Platens erklärtes gedankliches Vorbild waren (formal orientierte er sich an Petrarca). Diese Dichter waren es, die das Sonett als Ausdrucksform einer Liebe, die keine Erwiderung erwartet, etablierten, und deshalb muss man vorsichtig sein, von Platens in den Gedichten wortreich beschworenen Gefühlen der Verzweiflung und des Liebeskummers, aber auch ganz allgemein seines Weltschmerzes, rückzuschließen auf sein Leben. Hier handelt es sich in erster Linie um dichterische, rhetorische Konventionen.

Und Konvention, diesmal allerdings nicht aus der Dichtung stammend, sondern von Rousseau und seinen „Bekenntnissen“ entlehnt, ist auch der Duktus der Selbstanklage, des Ungenügens an sich selbst, der vor allem Platens Tagebücher durchzieht, die er unter dem Titel „Memorandum meines Lebens“ zur Veröffentlichung vorbereitete. Sie stellen wohl das schonungsloseste Dokument eines unglücklichen Homosexuellen, ja überhaupt eines Menschen dar, dem „auf Erden nicht zu helfen war“, wie die berühmte Formulierung Heinrich von Kleists lautet. Hier, in dieser depressiven Grundhaltung, liegt das zweite möglicherweise befremdliche Moment, denn wir sind heute schnell geneigt, da schwulen Selbsthass zu diagnostizieren. Doch davon war Platen weit entfernt.

Er hasste sich keineswegs für sein Schwulsein. Sein Selbstbewusstsein war überhaupt erheblich. Er hatte schließlich als Schriftsteller früh Erfolg, verkehrte auf Augenhöhe mit vielen berühmten Zeitgenossen, vor allem Dichtern und Philosophen. Mit dem romantischen Maler August Kopisch soll er sogar eine nicht nur platonische Beziehung gehabt haben. Auch die drastisch homophobe Polemik, mit der ihn Heinrich Heine in seinem Pamphlet „Die Bäder von Lucca“ überzog, haben Platens Ruhm nicht schaden können, zumal die Zeitgenossen, wie eine weitere Publikation im Männerschwarm Verlag zeigen konnte, eher für Platen als Opfer einer indiskreten öffentlichen Beschmutzung als für den Juden Heine Partei ergriffen.

Aber natürlich war Platen trotzdem ein Getriebener, mit Goethe zu sprechen „ein trüber Gast“ auf dieser Erde. Die letzten neun Jahre seines Lebens verbrachte er in Italien, immer auf nervöser Wanderschaft kreuz und quer das Land durcheilend. Und man wird wohl nicht nur lyrische Konvention ausmachen dürfen, wenn er eines seiner späten Sonette mit den Worten eröffnet: „Es sehnt sich ewig dieser Geist ins Weite, / Und möchte fürder, immer fürder streben.“ An anderer Stelle heißt es, in demselben Gedicht: „Wie leicht es ist, die Heimat aufzugeben, / Allein wie schwer, zu finden eine zweite.“

Vielleicht wird man Platen am meisten gerecht, wenn man ihn als einen Dichter liest, der sich schwer tat mit jeglicher Form von Lebenslüge. Er war ein Unbedingter, in der Liebe wie in der Kunst. Eines seiner nicht nur formschönsten, sondern auch gedanklich ansprechendsten späten Sonette hat dies für alle Zeiten gültig ausgedrückt. Seine ersten Zeilen mögen hier als Motto dieser ganzen, von funkelnden Herrlichkeiten durchsetzten Sammlung stehen, die in keiner schwulen Bibliothek fehlen darf. Sie lauten: „Wer wusste je das Leben recht zu fassen, / Wer hat die Hälfte nicht davon verloren / Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren, / In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen.“




Die Sonette

von August von Platen
Mit einem Nachwort von Werner Heck

Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 24 €,
Männerschwarm Verlag



Die Ghaselen

von August von Platen
Mit einem Nachwort von Ramin Shagagi

Gebunden mit Schutzumschlag, 136 Seiten, 28 €,
Männerschwar Verlag



„Schlaffe Ghaselen“ und „Knoblauchsgeruch“
Platen, Immermann und Heine streiten über freche Juden, warme Brüder und wahre Poesie

von Joachim Bartholomae & Christopher Keppel
Broschur, 248 Seiten, 20 €,
Männerschwarm Verlag

 

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