Nina

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Nina ist Mitte 30, Lehrerin und mit Wojtek verheiratet. Die Ehe der beiden hat schon vor einiger Zeit einen toten Punkt erreicht. Um die Beziehung zu retten, suchen sie nach einer Leihmutter, die ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen soll. Mit der jungen Magda, die offen lesbisch lebt, scheinen sie endlich die ideale Kandidatin gefunden zu haben. Doch als sich Nina in Magda verliebt, wird alles, was in Ninas Leben vorher wichtig war, plötzlich bedeutungslos. Regisseurin Olga Chajdas fängt das komplizierte Beziehungsgeflecht ihrer drei Hauptfiguren mit großer Intimität ein und nähert sich nach und nach dem lesbischen Begehren einer jungen Frau an, die im Polen der Gegenwart bis dahin in gesellschaftlichen Rollen und Erwartungen gefangen war. Für ihr subtil politisches Regiedebüt wurde Chajdas u.a. mit dem renommierten Big Screen Award auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam. Alexandra Seitz über einen Film der Blicke und Gesten, der subtilen Andeutungen, Auslassungen und Ambivalenzen.

Foto: Edition Salzgeber

Geburtshilfe

von Alexandra Seitz

Magda arbeitet am Flughafen beim Security Check, und wenn sie eine Frau abtastet, dann entsteht da durchaus mal eine gewisse Spannung, ein erotisches Knistern – das sich dann, man weiß nicht wie, auch schon im Bett fortsetzt. Aber mehr als ein Quickie ist das nicht, denn Magda setzt die Frau ohne mit der Wimper zu zucken noch halbnackt vor die Tür, als ihre semi-feste Freundin ihre Heimkehr ankündigt. Magda ist schön, und die Frauen zu erobern fällt ihr leicht, und ebenso leicht lässt sie ihre Eroberungen dann auch wieder fallen. Weil sie cool ist und forsch und sich nicht festlegen will, weil sie nicht verletzt werden will und ihre Freiheit immer in Gefahr sieht.

Die Titelheldin von Olga Chajdas Langfilmdebüt aber, Nina, ist eine Französisch-Lehrerin aus gutem Hause, wie man so sagt. Also gehobene Mittel- bis Oberschicht, katholisch natürlich, denn wir sind in Polen. Nina hat unter Stand geheiratet, was ihr ihre Mutter, eine dominante Dame, die sich noch immer mit größter Selbstverständlichkeit ins Leben der Tochter einmischt, vorwirft. Wojtek, Ninas Mann, besitzt immerhin eine Autowerkstatt, zieht aber zu einer Hochzeitsfeier schon mal rote Socken an. Die Mutter hält den Schwiegersohn für einen stillosen Proletarier, was vielleicht gar nicht stimmt – oder genau das ist, was Nina an ihm angezogen hat.

Nina und Wojtek leben in einer konservativ bildungsbürgerlichen, großzügigen Altbau-Wohnungen mit reichlich Büchern und reichlich Wein, kultiviert eben, intellektuell. Magda dagegen kann noch nicht einmal die Verantwortung für eine Zimmerpflanze tragen, und ihre Wohnung ist gerade so dem Stadium „Studentenbude“ entwachsen.

Das alles erfährt die Zuschauerin in diesem Film weniger, weil es ihr gesagt wird, als vielmehr, weil es gezeigt oder auch nur angedeutet wird. Jene Informationen über die Figuren und ihre Beziehungen zueinander, über die Verhältnisse, in denen sie leben, über die Schwierigkeiten, in denen sie stecken, über Nöte und Unsicherheiten, Hoffnungen und Träume, Wünsche und Sehnsüchte – jene Informationen also, die gemeinhin in der Exposition dargelegt oder in funktionellen Dialogen auserzählt werden, und die das Fundament einer Narration bilden – werden hier nicht zügig präsentiert. Sie ergeben sich vielmehr aus dem, was zwischen den Zeilen steht oder wie beiläufig zu sehen ist, sie kommen allmählich zum Vorschein – und sie bringen immer einen Interpretationsspielraum mit. Einer Story, die von schwierigen Zwischen- und Übergangsstadien handelt, ist das sehr angemessen. Chajdas hat an einer konventionell stringenten Erzählung wenig Interesse. In einem Dialog gegen Ende etwa teilt Wojtek Nina eine für den Ausgang der Geschichte entscheidende Information mit, diese wird jedoch von Lärm und Musik einer Hochzeitsfeier übertönt. Warum? Zum einen, weil wir uns ohnehin denken können, was da geredet wird, und zum anderen, weil Chajdas das Melodramatische, das im Plot dieses Films angelegt ist, wo immer möglich meidet.

Foto: Edition Salzgeber

Wovon handelt „Nina“? Vom Erwachen der sexuellen Identität einer in heteronormativen Verhältnissen gut etablierten verheirateten Frau. Thema ist mithin ein Coming-out, und das ausgerechnet im erzkatholischen Polen. Zusätzlich kompliziert wird die Geschichte dadurch, dass Nina und Wojtek sich dringend und, nach vielfältigem Scheitern, zunehmend verzweifelt ein Kind wünschen und in Magda eine mögliche Leihmutter gefunden zu haben glauben. Verführt wird Magda dann aber nicht von Wojtek, sondern von Nina. Oder ist es umgekehrt? Erst flirtet die eine, dann die andere, die eine entzieht sich, die andere setzt nach. Als Magda sie in einen Lesbenclub mitnimmt, fühlt sich Nina jedenfalls wie ein Fisch im Wasser. Wojtek, der bald schon über die Eskapade seiner Frau im Bilde ist, weiß nicht, wie ihm geschieht. Die Sache mit dem Kind macht die Situation nicht einfacher, und als dann auch noch Magdas semi-feste Freundin von einer ihrer langen Reisen zurückkehrt, ist das Chaos perfekt.

Foto: Edition Salzgeber

Es geht also zu wie im Boulevardtheater, es fühlt sich aber keineswegs so an. Eben weil Chajdas diesen ganz eigenartigen und gar eigenwilligen Inszenierungsstil. Sie löst die kolportagehafte Erzählung auf in Szenen, die wie flüchtig hingetuscht wirken, aquarellartig verwischt, im Vorübergehen eingefangen. Szenen, deren Kontexte und Bedeutung manchmal nur schemenhaft bleiben. Szenen, in deren Zentrum die Körper stehen und die Berührungen, die Gesten und die Haltungen, und immer wieder und vor allem: die Blicke. Szenen, die ein Netz bilden, in dem sich nach und nach eine Narration voller Ellipsen und Auslassungen, Andeutungen sowie Zeit- und Raumsprüngen verfängt.

Foto: Edition Salzgeber

Diese durchaus riskante filmästhetische Struktur, die sich auf die Erzählung legt wie ein Nebel, dämpft und besänftigt – und nimmt doch den Konflikten nicht ihre Schärfe oder ihren Schmerz. Braun- und Rottöne dominieren in den Innenräumen, in denen sich vieles im Dämmerlicht und Halbdunkel zuträgt, während draußen und am Tag das kalte Blau und Grauweiß eines städtischen Winters herrscht. Sorgsam sind die Formen dieses Films ausgearbeitet – und bilden die Bühne für ein Drama, das sich vor allem in den Augen der ProtagonistInnen spiegelt, und in denen es also zu lesen gilt. Das Vertrauen, das die Filmemacherin hier in die Interpretationsfreude, ja das -vermögen ihres Publikums setzt, mag einerseits überraschen. Andererseits agieren mit Julia Kijowska (Nina), Eliza Rycembel (Magda) und Andrzej Konopka (Wojtek) in den Hauptrollen drei starke SchauspielerInnen, die keine Worte brauchen, um komplizierte Gefühle zum Ausdruck zu bringen, das Hin- und Hergerissensein zwischen der Sicherheit des Gewohnten und dem Sog des Neuen, die Gleichzeitigkeit von Faszination und Angst.




Nina
von Olga Chajdas
PL 2018, 130 Minuten, FSK 12,
polnische OF mit deutschen UT
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD (deutsche Fassung): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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