Articles Written By: Christian Weber

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Ralf König: Stehaufmännchen

Ralf König: Stehaufmännchen

In einem Interview erzählt Ralf König, er habe als Kind die Comic-Helden Asterix und Obelix geliebt. Das erkläre, warum in seinen Geschichten so oft ein sehr kleiner kluger und ein sehr kräftiger dummer Mann vorkommen, die jedoch nicht an Wildschweine, sondern etwas ganz anderes denken: an Sex. In "Bullenklöten" (1992) fing das an: der kleine Paul verliebt sich in einen spanischen Bauarbeiter namens Ramon. Viele weitere "Ramons" folgten, und der allerneueste ist zugleich der allererste der Menschheitsgeschichte: ein strunzdummer homo robustus mit Namen Rob, in den sich der kleine homo sapiens Flop verliebt. Und das mit Grund: Rob hat als homo robustus einen in der Evolution später verschwundenen Penisknochen! Alles weitere über "Stehaufmännchen" erzählt Christian Lütjens.
queerfilmfestival 2019

queerfilmfestival 2019

Am Mittwoch startet zeitgleich in Berlin, München und Stuttgart die erste Ausgabe des queerfilmfestivals. Bis Sonntag sind dann in den drei Städten 18 der besten queeren Filme des Jahres zu sehen – alle als Stadt-Premieren oder sogar Deutschland-Premieren. Zum Warm-up wirft sich schon heute Abend in Berlin und München eine Truppe schwuler Wasserballer ins Getümmel. Kooperationspartnerin sissy hat die wichtigsten Infos.
Heiner Möllers: Die Affäre Kießling

Heiner Möllers: Die Affäre Kießling

Noch anfang der Achtzigerjahre reichte allein der Verdacht, nicht-heterosexuell zu sein, um als Träger gewisser Ämter und Würden in Verruf zu geraten. Von Günter Kießling, dem hochdekorierten Viersterne-General der Bundeswehr und stellvertretenden Oberkommandierenden der NATO, hieß es irgendwann, er sei schwul. Es blieb bei Gerüchten, der General wurde dennoch entlassen. Die "Affäre Kießling" erregte die Bundesrepublik wie kaum ein zweiter Skandal in der Amtszeit Helmut Kohls, und das allein will einiges heißen. Nach 35 Jahren hat nun ein Offizier der Bundeswehr die offizielle Chronik der Ereignisse geschrieben. Detlef Grumbach, der die Affäre einst journalistisch begleitete, hat das Buch mit dürftigem Erkenntnisgewinn gelesen – und sieht alte Denkfiguren noch immer am Werke.
Einfach Charlie

Einfach Charlie

Jetzt als DVD und VoD: Charlie ist 14 und liebt es, Fußball zu spielen. Gerade hat der Teenager das Angebot bekommen, in die Jugendabteilung eines Clubs in der ersten englischen Liga aufgenommen zu werden. Charlies Vater platzt fast vor Stolz, auch weil es einst sein eigener Traum war, Profifußballer zu werden. Für Charlie ist die Aussicht aber ein einziger Albtraum, denn "er" ist eigentlich ein Mädchen, dem bei der Geburt das Geschlecht "männlich" zugewiesen wurde. Als Charlie sich ihren Freunden und Eltern anvertraut, reagieren nicht alle mit Verständnis. Die britische Regisseurin Rebekah Fortune erzählt in "Einfach Charlie" nicht nur vom Suchen und Finden der eigenen Identität, sondern auch die Geschichte von Charlies Familie und dem sozialen Druck, den das mutige Coming-out auslöst. Samuel Benke hat sich den in seiner Realitätsnähe berührenden Coming-of-Age-Film für uns gesehen.
Rupert Thomson: Never anyone but you

Rupert Thomson: Never anyone but you

Die 17-jährige Suzanne freundet sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit der etwas jüngeren Lucy an, Tochter eines jüdischen Zeitungsverlegers. Zunächst noch im Verborgenen entwickelt sich aus der Freundschaft eine Liebesbeziehung, die das Leben der beiden prägen wird. Sie legen sich die geschlechtlich uneindeutigen Künstlernamen Claude Cahun und Marcel Moore zu, gehen nach Paris und erregen dort in den Zwanzigerjahre mit ihren radikal modernen Texten, Collagen und Fotografien erstes Aufsehen. Ihr Salon wird zum Treffpunkt für Surrealisten und Literaten, Dalí, Breton und Hemingway geben sich die Klinke in die Hand. Mit dem Dichter Robert Desnos tauscht sich Cahun über das damals revolutionäre Konzept aus, "dass Geschlecht zufällig ist und austauschbar" – und Identität wandelbar. Doch der um sich greifende Antisemitismus treibt sie aus der Metropole und auf der Kanalinsel Jersey, die sie auch noch verteidigen, als die Wehrmacht sie 1940 besetzt. Rupert Thomson zeichnet in seiner meisterhaften Romanbiografie das wechselvolle Leben der der beiden Frauen nach, die in ihrer Lebens- und Denkweise der Queer Theory um Jahrzehnte vorgriffen. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Wege zu Kraft und Schönheit

Wege zu Kraft und Schönheit

Was ist der vollkommene Körper – und wie erhält man ihn? Mit diesen Fragen setzte man sich bereits vor 100 Jahren auseinander. Nach dem Motto "Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper" zielt der Kulturfilm "Wege zu Kraft und Schönheit" (1925) auf die Wiederaneignung eines körperlichen Idealzustandes nach Vorbild der Antike ab und propagiert dazu vor allem die körperliche Ertüchtigung. In den 20er Jahren traf der didaktische Lehrfilm in sechs Kapiteln einen Nerv der Zeit und war Ausdruck eines neuen Körperbewusstseins, das sich in Form der Lebensreformbewegung und des Naturalismus etabliert hatte. Der Film ist aber auch ein wertvolles filmhistorisches Dokument, das als ideologischer Vorläufer des nationalsozialistischen Körperkultes angesehen werden kann, wie er später etwa in Propagandafilmen von Leni Riefenstahl zelebriert wurde. Nachdem "Wege zu Kraft und Schönheit" jahrzehntelang nur zensiert verfügbar war, erscheint der Film nun wissenschaftlich rekonstruiert, digital restauriert und erstmals in seiner vollständigen Fassung auf DVD und ist auch als VoD verfügbar. Andreas Wilink folgt den Spuren eines Klassikers des UFA-Kulturfilms.
Nell Zink: Virginia

Nell Zink: Virginia

Lesbisch, schwul oder hetero, weiß oder schwarz: Nell Zink jongliert in ihrem zweiten Buch "Virginia" mit Selbstbezeichnungen und Fremdzuschreibungen – und tritt dabei bewusst in jedes nur denkbare Fettnäpfchen. Ein sehr amerikanischer Roman, der in den Sechzigerjahren spielt, in die die Autorin (Jahrgang 1964) hineingeboren wurde. Michael Sollorz über Zinks fantasievolle und leicht verrückte Versuchsanordnung.
Brontez Purnell: Alabama

Brontez Purnell: Alabama

Eine Rückkehr von Kalifornien nach Alabama – das muss ähnlich gespenstisch sein wie eine Rückkehr von Köln nach Oberammergau. Was nicht heißen soll, dass man nicht auch in der Provinz so einiges erleben kann. DeShawn, die Hauptfigur in Brontez Purnells "Alabama", nutzt den Familienbesuch in der Heimat, um seine Jugend vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Und begreift, dass er sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen muss. Christian Lütjens über einen stark autobiografisch gefärbten Roman von beeindruckender Tiefe.
Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch

Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch

Prostitution, ob hetero- oder nicht-heterosexuell, ist weitverbreitet, aber kaum jemand redet oder schreibt darüber. Der literarische Realismus der vorigen Jahrhundertwende hatte da weniger Berührungsängste: Der Dirnenroman "Nana" (1880) ist eins der bekanntesten Werke des französischen Klassikers Zola. Dem schwulen Strich in Berlin hat John Henry Mackay mit "Der Puppenjunge" (1926) ein literarischen Denkmal gesetzt. Und nun hat die Bibliothek rosa Winkel mit Alec Scouffis "Hotel zum Goldfisch" (1929) die tragische Geschichte des Pariser Strichers Peter alias Chouchou neu aufgelegt. Dino Heicker stellt das Buch vor.
Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Alan Hollinghurst ist es gelungen, sich mit durchweg schwulen Themen in der britischen Literatur einen großen Namen zu machen. Sein Roman "Die Schönheitslinie" wurde 2004 mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet, was jedoch nicht dazu führte, dass er plötzlich "brav" geworden wäre. Hollinghursts Stärke liegt im Erzählen ganz alltäglicher Geschichten, mit denen er den Geist einer Epoche oder einer Gesellschaftsschicht meisterhaft einzufangen weiß. So auch in seinem neuesten Roman, "Die Sparsholt-Affäre", der schlaglichtartig den Zeitraum von 72 Jahren überspannt, vom Oxford der 1940er Jahre bis ins moderne London.