Boy Meets Boy

Trailerqueerfilmnacht

In seinem Debütfilm erzählt der spanische Regisseur Daniel Sánchez López von Harry und Johannes, die sich in einem Berliner Club kennenlernen und in den folgenden 15 Stunden verliebt durch die Stadt ziehen. Je länger sie zusammen sind, umso schmerzlicher wird das Bewusstsein, dass ihnen dafür nicht mehr viel Zeit bleibt – Harry muss nämlich am nächsten Tag nach Großbritannien zurück. „Boy Meets Boy“ steht in der Tradition realistischer Liebesdramen wie „Before Sunrise“ und „Weekend“: gefilmt an Originalschauplätzen mit zum Teil improvisierten Dialogen und zwei hinreißenden Neuentdeckungen, Matthew James Morrison und Alexandros Koutsoulis. Christian Lütjens über eine queere Berliner Indie-Perle.

Foto: Salzgeber

Bitte geh jetzt nicht!

von Christian Lütjens

Es beginnt mit einem Tanz. Zu den fluffigen Beats der K.W.S.-Version von „Please Don’t Go“ sehen wir einen jungen Mann in Unterhemd und gelben Shorts barfuß durch einen Tanzsaal toben. Er dehnt sich vor dem Spiegel, springt hin und her, duckt sich, schlägt Rad, macht Handstand, wirbelt herum, wirft sich zu Boden, steht wieder auf. Es ist kein durchgeplanter Tanz, eher eine etwas zerrissene, zwischen Euphorie und Selbstverlorenheit schwankende Choreografie des Zufalls. Vielleicht ein bisschen wie das Leben. Oder die Jugend. Vor allem aber ist er ein Abbild des Innenlebens des Tänzers – der Johannes heißt, und über den wir in den folgenden 70 Minuten noch eine Menge erfahren werden.

Dann kommt Harry, die zweite Hauptfigur aus „Boy Meets Boy“. Ihn sehen wir nach dem Tanz-Opening, wie er allein nackt im Bett sitzt, auf dem Handy rumtippt, ein Foto von seinem Arsch macht, es verschickt und – Schnitt – einen Fick später wortlos von seinem Dating-Partner im gleichen Bett sitzengelassen wird. Dann wieder Johannes. Diesmal im Badezimmer. Beim Zähneputzen. Auch er hat jetzt einen Mann an seiner Seite. Der ebenfalls wortlos den Raum verlässt. Doch bevor man sich einen Reim auf diese wie beiläufig dahingeworfenen Szenenskizzen machen kann, hat schon die dritte Hauptfigur des Films ihren Auftritt: die flackernde, dröhnende, lodernde Stadt Berlin, auf einer derer überfüllten Tanzflächen sich Johannes und Harry zum ersten Mal begegnen, in die Augen sehen, antanzen und knutschen. Dann der Titel-Credit: „Boy Meets Boy“. Ende der Exposition und Anfang eines sommerlich schwebenden, aber von diversen Abgründen durchzogenen Reigens voller kleiner großer Momente.

Nach dem Kuss auf der Tanzfläche beschließen die beiden Jungs die nächsten 15 Stunden gemeinsam zu verbringen – diese Zeitspanne bleibt Harry, der nur zu Besuch in Berlin ist, bis der Flug zurück in seine Heimatstadt London geht. Sie reicht für einen Abstecher in die kleinste Disko der Welt, ein ergaunertes Hotelfrühstück, ziellose Fahrrad- und U-Bahn-Fahrten, Sekt an der Spree, Bier über den Dächern der Stadt, jede Menge mehr oder weniger tiefgründige Gespräche, einmal Sex und das unweigerliche Aufkeimen des Gedankens, ob dies der Beginn einer großen Liebe sein könnte – eine Frage, die mehr mit den wortlos entschwindenden Männern aus der Exposition zu tun hat, als es zunächst den Anschein hat …

Seit der Uraufführung von „Boy Meets Boy“ beim London LGBTIQ+ Film Festival im März 2021 wurde der Film auf Festivals von Hongkong bis Los Angeles und in Rezensionen von Attitude bis Boyz Magazine mit der griffigen Formel „‚Before Sunrise‘ trifft ‚Weekend‘“ zusammengefasst. Nicht zu Unrecht. Greift das Spielfilmdebüt von Daniel Sánchez López doch unverhohlen den erzählerischen Rahmen von Richard Linklaters Kult-Indie-Romanze aus dem Jahr 1995 auf (zwei spontan Verliebte lassen sich durch eine Großstadt treiben und diskutieren unter den Vorzeichen eines vorprogrammierten Abschieds elementare Sinn- und Daseinsfragen) und wendet es wie „Weekend“ auf schwule Lebensentwürfe an. Aber statt in die Vergleichsfalle zu tappen und den Film zu sehr an den (letztendlich doch gar nicht so zahlreichen) Parallelen mit den Referenzfilmen zu messen, ist es aufschlussreicher, die Motivation zu betrachten, aus der heraus er entstand.

Foto: Salzgeber

Sánchez López erklärte die Grundidee von „Boy Meets Boy“ im Zoom-Talk beim Calgary Fairy Tales Queer Film Festival damit, dass er einen zeitgemäßen Queer-Cinema-Beitrag liefern wollte, der über die Themen Coming-out und Unterdrückung durch die Heteronorm hinausgeht und stattdessen toxische Tendenzen innerhalb der Homoszene verhandelt. Als Hauptinspiration benennt Sánchez López neben eigenen Erfahrungen im schwulen Dating-Zirkus einen Huffington-Post-Artikel mit dem Titel „Together Alone – The Epidemic of Gay Loneliness“ aus dem Jahr 2017. In dem Text geht es um den Minoritätenstress queerer Menschen und die (nach dem Coming-out) „re-traumatisierende“ Wirkung von sexuellem Leistungsdruck in der schwulen Szene, die erwiesenermaßen zu massiv erhöhten Quoten von Substanzgebrauch, psychischen Erkrankungen und Suizidraten führen.

All das wäre genug Stoff, um daraus eine echte Tragödie zu stricken. Doch Opfertragik ist nicht Daniel Sánchez López’ Sache. Stattdessen jagt er die Missstände durch den Dialogfilter, lässt sie von Johannes und Harry teils empfinden, teils diskutieren, und kleidet sie durch das Setting eines strahlenden Sommertags in ein luftig-sonniges Gewand. Die nötige Reibung wird durch die Offenheit und Unterschiedlichkeit der Hauptfiguren erzeugt. Während Johannes – wertkonservativ und geprägt von der glücklichen Ehe seiner Eltern – das Ideal der monogamen Zweierbeziehung hochhält, hat sich Harry mit der Rastlosigkeit des seriellen Online-Datings arrangiert. Bei solch grundverschiedenen Lebensentwürfen bleibt Streit nicht aus. Doch er dauert nie lange, dafür sorgt die Sympathie zwischen den beiden Männern. Und die Tatsache, dass keiner von ihnen frei ist von Zweifeln an der Richtigkeit seiner jeweiligen Auffassungen – ein Punkt, der nicht nur interessante dramaturgischen Wendungen zutage fördert, sondern auch Zuschauer:innen Raum bietet, ihre eigenen Erfahrungen, Ideale und Fragen mit denen der „Boy Meets Boy“-Figuren abzugleichen. Das ist mal provozierend, mal inspirierend, aber nie langweilig.

Dass Sánchez López seinen Hauptdarstellern Matthew James Morrison (Model und Schauspieler aus England) und Alexandros Koutsoulis (derzeit Mitglied im Ensemble des Münchner Volkstheaters) viel Freiheit zum Improvisieren ließ, hat den Vorteil, dass ihre Gespräche bei aller Debattenhaftigkeit nie aufgesagt oder didaktisch anmuten. Und dass der Regisseur die Stadt, in der er seine Geschichte spielen lässt, wirklich zu kennen scheint, bewahrt „Boy Meets Boy“ davor, wie ein Instrument des Stadt-Marketings auszusehen. Der Indie-Charme bleibt gewahrt. Ob der Film auch das Zeug zum Kultstatus von „Before Sunrise“ und „Weekend“ hat? Sagen wir es so: Es wäre auf jeden Fall reizvoll, wenn mit dem Projekt das gelänge, was Richard Linklater nach „Before Sunrise“ zweimal hinbekam: die gleichen Schauspieler nach neun Jahren erneut zusammenzubringen und die Entwicklung ihrer Figuren und derer Ideale anhand einer Fortsetzung nachzuvollziehen. Im Moment ist „Boy Meets Boy“ vor allem eins: eine sonnendurchflutete Zuflucht vor grauen Wintertagen und eine unaufdringliche, aber nachdenklich stimmende Aufforderung zu etwas mehr Zärtlichkeit im queeren Miteinander – ein Hoffnungsschimmer also.




Boy Meets Boy
von Daniel Sánchez López
DE 2020, 75 Minuten, FSK 12,
englisch-deutsche OF, teilweise mit deutschen UT,
Salzgeber

Im Januar in der queerfilmnacht.

↑ nach oben