Die Hütte am See

Trailerqueerfilmnacht

Im Mai läuft einer der ersten schwulen finnischen Liebesfilme überhaupt in der queerfilmnacht. Mikko Makela lässt in seinem Debütfilm zwei junge Männer mit unterschiedlichen Lebensperspektiven und ähnlichen Grunderfahrungen bei der Renovierung eines idyllisch gelegenen Ferienhauses zusammentreffen. Der eine hat Finnland verlassen, weil es ihm keine Möglichkeit lässt, sich zu verwirklichen. Der andere ist dorthin geflohen, weil er sich an jenem Ort mehr Freiheit verspricht, als er in seiner syrischen Heimat erwarten könnte. Ein in seiner Unmittelbarkeit tief berührender Film, findet unser Autor Axel Schock.

Foto: Edition Salzgeber

Das neue Zuhause

von Axel Schock

Jede Frage, die der Vater Leevis stellt, ist insgeheim ein Vorwurf und Ausdruck davon, wie wenig er die Lebensentscheidungen seines Sohnes versteht, geschweige denn respektiert, und dennoch antwortet Leevi ganz freundlich und entspannt, gerade so als würde er die darin versteckten Spitzen und Vorwürfe gar nicht bemerken. Doch jede Antwort, alles, was Leevi von seinem Literaturstudium in Paris erzählt, lässt den Graben zwischen Vater und Sohn nur tiefer werden. Leevis Plan, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um so dem finnischen Wehrdienst zu entkommen, trifft seinen konservativen Vater Jouko wie ein Schlag. Das Militär wäre schließlich eine Chance, den Jungen vielleicht doch noch zu einem „richtigen“ Mann zu machen. Und auf das Thema vom Leevis Abschlussarbeit – die Geschlechterperformativität in den Werken von Arthur Rimbaud und Kaarlo Sarkia – kann der Vater nur mit einem unmissverständlichen, verbalen Tiefschlag reagieren: „Meinst du nicht, du wärst besser darüber informiert, wenn du das andere Geschlecht mal treffen würdest?“

Kein Zweifel: Um das Vater-Sohn-Verhältnis ist es nicht sonderlich gut bestellt. Trotzdem hat sich Leevi bereiterklärt, in sein finnisches Heimatstädtchen zu reisen, um für ein paar Tage mitzuhelfen, das idyllisch an einem Waldsee gelegene Wochenendhaus der Familie auf Vordermann zu bringen. Danach will es der Vater zu einem guten Preis verkaufen und die finanzielle Schieflage seiner Firma ausgleichen. Für die Arbeit hat der Vater noch eine weitere Hilfskraft organisiert. Aus Mangel an fachlich versierten finnischen Bewerbern hat er einen Refugee engagiert, „Tamer, Tareq – irgendein Ausländer“. Mit diesem knappen Satz macht Jouko auch gleich deutlich, was er von ihm hält.

Tareq ist erst vor wenigen Monaten aus Syrien geflohen. In seiner Heimat hat der zurückhaltende, aber bestimmt auftretende Mann als Architekt gearbeitet; hier in der finnischen Provinz ist die Renovierung einer Hütte das beste aller möglichen Arbeitsangebote.

Foto: Edition Salzgeber

Viel mehr als diese drei Protagonisten gibt es nicht in Mikko Makelas Langfilmdebüt. Und weil der Vater aus beruflichen Gründen dringend in die Stadt zurück muss und seinen Sohn allein mit Tareq zurücklässt, verdichtet sich „Die Hütte am See“ noch weiter zu einem geradezu klassischen Kammerspiel: zwei Menschen, die sich im Gespräch und mit ehrlicher Neugierde für- und Interesse aufeinander und nicht nur aus förmlicher Höflichkeit auf Augenhöhe begegnen. Und die im Gespräch erkennen, dass sie trotz der so unterschiedlichen biografischen Hintergründe und Lebenssituationen durchaus Erfahrungen, Sehnsüchte und Wünsche teilen. Wie etwa die gesellschaftlichen Zwänge und Erwartungen der Familie, die sich mit der eigenen Homosexualität nicht vereinbaren lassen, oder das Gefühl der (sexuellen) Freiheit, das Leevi als Student in Paris und Tareq als Asylsuchender in Europa erlebt.

„Die Hütte am See“ präsentiert keinen ungewöhnlichen Plot, keine ausgefeilten Twists. Seine Stärke und Vitalität bezieht er vielmehr aus seinem überraschenden Naturalismus und aus seiner bestechend klaren Einfachheit. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass sich die beiden Männer mit einem schlichten Englisch miteinander verständigen und nicht in ihrer jeweiligen Muttersprache.

Foto: Edition Salzgeber

Mikko Makela und seine beiden Protagonisten gestalten diese Gespräche und die sich daraus langsam entwickelnde Annäherung mit solcher Beiläufigkeit und einer fast dokumentarisch wirkenden Wahrhaftigkeit, dass der Zuschauer unweigerlich mitgenommen wird. Dadurch entsteht eine Intimität, die selbst in den Sexszenen aufrichtig, folgerichtig und deshalb authentisch erscheint – und eben gerade nicht, wie in vielen anderen schwulen Filmen, gewisse Zuschauererwartungen an nacktes Fleisch und Softcore-Erotik bedienen möchte.

„Die Hütte am See“ gilt als Finnlands erster richtiger schwuler Liebesfilm. In kleinen Ländern kann es für solche Meilensteine schon mal etwas dauern. Dass es das schwule Biopic „Tom of Finland“ letztes Jahr sogar zum finnischen Beitrag für den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film geschafft hat, lässt gar auf einen kleinen Trend hoffen. Dome Karukoskis Spielfilm hat allein wegen seines Stoffs die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seine inszenatorischen Schwächen und die bewussten Auslassungen in der Erzählung sollen an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Auf lange Sicht aber wird sich der – was Budget, PR und Ensemblegröße angeht – deutlich schlichtere Film des Nachwuchsregisseurs Makela sehr gut gegen das bodenständige, aber wenig inspirierte Biopic des Routiniers Karukoski behaupten können.

Foto: Edition Salzgeber

Und weil wir gerade bei Vergleichen sind: Natürlich muss man aufgrund der Storyline und die zeitliche Nähe der Produktion an Francis Lees großartigen Debütfilm „God’s Own Country“ denken. Hier wie da finden ein Einheimischer und ein Migrant bei der Landarbeit zueinander. (Eine Konstellation, die übrigens auch schon in Ádám Császis „Sturmland“ von 2014 als erzählerische Grundidee diente.) Doch damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Was die Dramaturgie und die Intensität angeht, erweist sich Makelas teilweise crowd-finanziertes Spielfilmdebüt eher noch als Zwillingsstück zu Andrew Haighs „Weekend“ (2011), einem der besten, weil realistischsten schwulen Liebesgeschichten der letzten zehn Jahre. Auch bei „Weekend“ wird der Zuschauer beinahe in Echtzeit Zeuge eines sinnlichen und emotionalen Crashs zweier Männer und eines augenscheinlich perfekten Matchs.

Foto: Edition Salzgeber

Während Tareq an diesem Wochenende womöglich die erste tiefergehende menschliche Begegnung überhaupt erlebt, seit er in Finnland angekommen ist, mag man bei Leevi vermuten, dass es auch für ihn seit langem die erste Bindung von Bedeutung zu einem anderen Mann ist. Und doch spürt man schon früh, dass es für beide schwer sein wird, ein Paar zu werden. Wie der Brite Haigh steht auch der in London lebende Makela dem Gedanken eines Happy Ends skeptisch gegenüber. Das wäre dramaturgisch zwar ziemlich leicht zu haben, würde aber, wenn man die rosa Brille absetzt, wohl nur bis kurz nach dem Abspann halten. Stattdessen behält auch in „Die Hütte am See“ einer der Protagonisten in einer von Hormonen und Emotionen geschwängerten Situation klaren Kopf und sieht der Realität ins Auge. So greifbar wie das gemeinsame Glück scheint, so klarsichtig zerpflückt Tareq die Chancen, dass es sich tatsächlich als alltagstauglich bewähren könnte. Nicht zuletzt auch, weil er und Leevi verschiedene Vorstellungen davon haben, wo sie ihre neue Heimat zu finden hoffen. Für Leevi liegt die Zukunft ganz sicher nicht in Finnland. „Ich sehe dieses Land anders als du“, erwidert ihm Tareq: „Es ist jetzt mein Zuhause.“

Foto: Edition Salzgeber

Als Leevis Vater wieder zum Wochenendhaus zurückkehrt, braucht er nur eine Handvoll Sätze, um den beiden jungen Männern unmissverständlich vor Augen zu führen, welche Lebensrealitäten sie kurzzeitig an diesem wie aus der Welt gefallenen Ort ausblenden konnten: Tareq die Feindseligkeit, welchen Migranten und insbesondere Refugees entgegenschlägt, und Leevi die Homophobie seines Vaters.

Es wäre vielleicht auch interessant gewesen, wenn Makela noch tiefer das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn ausgelotet oder Tareqs Lebenshintergrund als Refugee mehr Raum gegeben. Vielleicht hätte das dem Film aber auch seine Unmittelbarkeit genommen. Denn wie Francis Lee in „God’s Own Country“ gelingt auch Makela, so direkt und eindringlich von schwuler Liebe in einem gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext zu erzählen, dass es beim Zuschauer einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Ein Debüt, das zugleich auch ein großes Versprechen auf Makelas kommende Filme ist.




Die Hütte am See
von Mikko Makela
FI/UK 2017, 107 Minuten, FSK 12,
finnisch-englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Im Mai in der queerfilmnacht.

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