Moneyboys

TrailerQueerfilmnacht

Der junge Fei lebt in einer chinesischen Großstadt und verdient sein Geld als „Moneyboy“, als illegaler Sexarbeiter, um seine Familie auf dem Land zu unterstützen. Seine Verwandten akzeptieren zwar sein Geld, nicht aber seine Homosexualität. Fei beschließt, sein Leben neu zu ordnen, sich zur Liebe zu bekennen und Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für seinen neuen Geliebten Long. Doch die Vergangenheit als „Moneyboy“ ist nicht so einfach abzustreifen … In seinem packenden Spielfilmdebüt erzählt C.B. Yi von der Verlorenheit eines jungen Mannes und einer ganzen Generation, die zwischen dem wirtschaftlichen und moralischen Druck der Gesellschaft in einer Sackgasse festzustecken scheint. „Moneyboys“, der in Cannes uraufgeführt und in Saarbrücken mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde, läuft im Juli in der Queerfilmnacht und wird am 28. Juli regulär im Kino starten. Sebastian Markt über einen Film mit sanft gezeichneten Figuren im hartnäckigen Widerstand.

Foto: Salzgeber

Brüchige Träume

von Sebastian Markt

Geplagte Menschen trösten und umarmen einander
Sie suchen und jagen dem letzten Hauch ihrer brüchigen Träume hinterher
Hier lachen wir, hier weinen wir
Hier leben und sterben wir
Hier beten wir, hier verirren wir uns
Hier suchen wir und verirren uns.

Das Lied, das Fei mit Xiaolai in einer der ersten Szenen beim Karaoke – erst schüchtern und zögerlich, dann inbrünstig – im Duett zum Besten gibt, und von dem man nicht so recht weiß, ob es sich auf das besungene Beijing, oder doch einen nicht so genau lokalisierbaren Ort bezieht, wirkt wie ein diegetisches Motto für das Panorama, das der Film in den zwei Stunden, die folgen, ausbreitet, in seinen Lichtstimmungen, in seinen Gefühlslagen, in seinen Figuren und ihren Bewegungen.

Fei ist die Hauptfigur von „Moneyboys“, dem Debütfilm des österreichischen, in China geborenen Filmemachers C.B. Yi. Ein junger Mann, der, als wir ihm zum ersten Mal begegnen, erste Schritte als Sexarbeiter geht, in einer unbenannt bleibenden chinesischen Stadt, fernab des Dorfes in dem er aufgewachsen ist. Der ältere Xiaolai fungiert für den unerfahrenen Fei als eine Art Mentor, der ihm Orientierung im manifesten wie schwerer fassbaren Regelsystem der Schattenökonomie illegaler Prostitution bietet. Zwischen den beiden entspinnt sich schnell eine Zärtlichkeit, die über die Solidarität zweier prekärer Existenzen hinausreicht. Eine Warnung vor einem zwielichtigen Freier schlägt Xiaolai in den Wind, mit fatalen Folgen. Der misshandelte Fei muss zusehen, wie Xiaolai, nach einem fehlgeschlagenen Versuch, den Freund zu rächen, von Schergen mit einer Eisenstage die Knie zertrümmert werden. An dieser Stelle kommt der Prolog an ein Ende. Der Film findet Fei fünf Jahr später wieder, in einer anderen Stadt, die wiederum ohne Namen bleibt, während Xiaolai zunächst aus der Geschichte verschwindet.

„Moneyboys“, der 2021 im Wettbewerb von Un Certain Regard seine Premiere hatte und in Saarbrücken in diesem Jahr den Max Ophüls Preis als Bester Spielfilm gewann, ist dabei selbst auch in seiner Produktionsgeschichte ein Resultat von Übertragungen und Transpositionen. C.B. Yi hatte erste Ideen zum Projekt bei einem Studienaufenthalt in Beijing entwickelt, unter dem Eindruck von befreundeten Schauspieler:innen, die sich das Studium über Sugar-Mommies und -Daddies finanzierten. Aus einer dokumentarischen Recherche wurde nach und nach ein fiktionales Projekt, ein Blick auf eine Realität, der den Geschichtsraum, für den er sich interessiert, in einen fiktionalen Raum verwandelt, auch weil er seinen Figuren eine andere Form von Schutz bieten kann. Die repressive Situation in China schließlich führte dazu, dass der Film, der in China spielt, in Taiwan gedreht wurde, was wiederum, angesichts einer spürbaren Faszination für das Kino von Hou Hsiao-hsien oder Tsai Ming-liang, seine eigene Schlüssigkeit gewinnt.

„Moneyboys“ belässt den eigentlichen Akt der Sexarbeit im Off. Wenn er sich für das Zeigen von Intimität und Begehren öffnet, dann tut er das zu Begegnungen, in denen anderes getauscht wird als Sex gegen Bezahlung. Das ästhetische Organisationsprinzip, das „Moneyboys“ durchzieht, ist eines von elliptisch verbundenen, sorgfältig komponierten Plansequenzen von beeindruckender Eleganz und Eindringlichkeit, denen eine Genauigkeit der Beobachtung so sehr anhaftet, wie eine tiefe Solidarität zu den Charakteren. Ein wiederkehrendes Motiv ist ein Runde von Menschen, die sich um einen runden Tisch zum Essen versammelt hat und in den Gesprächen und Haltungen Bezogenheiten deutlich macht: Herkunftsfamilien, die die Tradition so sehr zusammenhält wie sie sie entzweit, die Wahlfamilien der Sexarbeiter:innen und ihre prekäre Bande zwischen Zweckgemeinschaft und Geborgenheit.

Foto: Salzgeber

Der Film folgt Fei als etablierterem Sexarbeiter, der sich ein komfortableres Leben aufgebaut hat, dessen Prekarität durch eine Polizeirazzia schnell wieder deutlich wird. Die Flucht bringt schließlich auch die Gelegenheit, nach langer Abwesenheit und losem Kontakt das heimatliche Dorf und den im Sterben liegenden Großvater zu besuchen. Feis Familie, die er aus der Ferne finanziell unterstützt, nimmt bereitwillig sein Geld, wahrt zunächst den Schein der stillschweigenden Übereinkunft über dessen Herkunft, bis die Gerüchte über Feis Leben in der Stadt sich doch als Ressentiment Bahn brechen. Long, ein Kindheitsfreund aus dem Dorf, folgt Fei in die Stadt, und möchte es ihm auch sonst gleichtun, eine Entscheidung, vor der Fei den Jüngeren bewahren möchte. Wie zuvor zwischen zwischen Fei und Xiaolai entspinnt sich zwischen den beiden ein Verhältnis, das zwischen Mentorschaft, Konkurrenz und Zärtlichkeit changiert.

Foto: Salzgeber

Es ist ein Blick auf eine Gesellschaft, die in tiefgreifenden und widersprüchlichen, dabei rasant um sich greifenden Transformationsprozessen steckt. „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“, heißt es im Kommunistischen Manifest. „Moneyboys“ schildert komplex aus im Umbruch befindlichen gesellschaftlichen Strukturen, ihrer politischen Reglementierung, den Migrations-Verwerfungen und individuellen Anpassungen, nicht als geschichtliche Teleologie. Die Bilder weben ein feines Geflecht aus Beziehungen, die sich immer wieder neu ausrichten, und richten den Fokus auf die unterschiedlichen Zirkulationen, die sie stiften: Geld und Lebenschancen, Begehren und Geborgenheit, Gewalt und Kälte, Nutzen und Liebe. Und dazwischen: Figuren, die bei aller Sanftheit der Zeichnung einen mitunter hartnäckigen Widerstand dagegen entwickeln, sich von den Verhältnissen festlegen zu lassen.

Eine unvermutete Wiederbegegnung mit Xiaolai, der gezeichnet von der Jahre zurückliegenden Verletzung in ein anderes Leben gefunden hat, ein pragmatisches-fürsorgliches Hetero-Familenleben führt und sich als Straßenmusiker durchschlägt, bringt die Ordnung aufs Neue ins Wanken. Das letzte Bild findet Fei und Long in einer Bar, im Neonlicht, im Tanz, was war, vergessen oder suspendiert, aufgelöst in Bewegungen, nebeneinander, einander zugewandt. Brüchige Träume, Suchen und Verirren.




Moneyboys
von C.B. Yi
AT/FR/BE/TW 2021, 120 Minuten, FSK 12,
DF und OF in Mandarin mit deutschen UT,

Salzgeber/eksystent

Im Juli in der Queerfilmnacht.

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