Die glitzernden Garnelen

Trailer queerfilmnacht / Kino

Nach einem homophoben Statement im Fernsehen wird der Vize-Schwimmweltmeister Matthias Le Goff von seinem Verband zu einem besonderen Job verdonnert: Er muss die schwule Wasserball-Mannschaft „Die glitzernden Garnelen“ trainieren und für die Gay Games in Kroatien fit machen. Irritierend ist für ihn vor allem, dass es den „Garnelen“ weniger um den Wettkampf geht, sondern in erster Linie darum, gemeinsam eine schillernde Zeit zu haben – und nebenbei die heißesten queeren Athleten der Welt kennenzulernen. Cédric Le Gallos und Maxime Govares Sport-Komödie basiert auf den eigenen Erfahrungen Le Gallos in einem schwulen Wasserball-Team, mit dem er seit sieben Jahren von Turnier zu Turnier reist. Der Film, der in Frankreich über eine halbe Million Zuschauer*innen im Kino begeisterte, startet nun auch auf deutschen Leinwänden und läuft in diesem Monat in der queerfilmnacht. Unser Autor Andreas Wilink hat sich von der ermutigenden Geschichte über Freundschaft und die Kraft der nicht-heterosexuellen Gemeinschaft mitreißen lassen.

Foto: Edition Salzgeber

Freischwimmer

von Andreas Wilink

In der Welt des Sports, wo es um „Toleranz und Respekt“ gehen sollte, wie hier ein alerter Verbandssprecher sagt, ist dieses ideelle Anliegen nicht immer gut aufgehoben. Rassistische und homophobe Parolen in den Fankurven sind nicht selten, um den Gegner auf dem Feld und auf den Tribünen – wahlweise auch im Schwimmbecken – zu diskreditieren. Matthias Le Goff (Nicolas Gob) hat solch eine Äußerung getan und muss sich dafür vor dem Schiedsgericht verantworten.

Zur Strafe, besser: als sozialpädagogische Lektion, wird der Vize-Schwimmweltmeister mit dem kaputten Privatleben (getrennt von der Mutter seiner Tochter Victoire und ein mieser Vater) verdonnert, drei Monate lang eine schwule Amateur-Mannschaft zu trainieren und sie für die Gay Games in Kroatien zu qualifizieren und fit zu machen. Für den Champion gewissermaßen der Sprung ins kalte Wasser, wobei dieser Super- und Saubermann mit dem dreckigen Mundwerk, aber knackigen Arsch, wie zwei der schwulenbewegten Wasserballer entrüstet bzw. anerkennend finden, vermutlich die Metapher vom brühwarmen Wasser nicht gescheut hätte.

„Les Crevettes Paillettes“ von Cédric Le Gallo und Maxime Govare klingt im Original schnittiger, als die deutsche Übersetzung es trotz Alliteration liefern kann. Was den Assoziationsspielraum für das gekrümmte rosa Meeresgetier betrifft, darf man sich filmhistorisch auf sicherem Terrain fühlen, wenn man Stanley Kubricks „Spartacus“ und die darin eindeutig sexuell gemeinte Präferenz entweder für die (weibliche) Auster oder die (männliche) Schnecke aufruft.

Die Minoritäten gewinnen die absolute Mehrheit, als sich der Wasserball-Sechser zum Oktett erweitert, Fred (früher Fredo) nach der Geschlechtsangleichung wieder mit-flösselt und – rauschend in Chanel – die Transgender-Quote vertritt und ein schüchterner Newcomer seine zweite Taufe erlebt und die LGBT-Community für sich entdeckt. Die Jungs – dekoriert mit putzigen Badekappen – müssen anfangs gegen das Hardcore-Lesben-Team „Die Wegräumer“ ihren Mann stehen und beim Finale gegen eine körpergewichtige „Wikinger“-Armada antreten.

Foto: Edition Salzgeber

Die Wasserball-Bande hat aber eigentlich mehr Lust auf gute Laune als Lust auf Mühe. Lieber machen sie Party. Wenn sie irgendwo, wie bei einem Wettkampf in Berlin, Letzte wurden, aber dafür viel und guten Sex hatten, ist der zweite gegenüber dem ersten Einsatz mehr wert.

Gruppendynamische Prozesse, therapeutische Maßnahmen und emotionale Bewegungen, wie sie hier auf dem Trockenen und im Feuchtgebiet geübt werden, kennen wir schon aus dem Kino, wenn etwa englische Arbeiter „Ganz oder gar nicht“ strippen, walisische Kohlekumpel und Londoner Queers gemeinsame Sache machen und sich „Pride“ fühlen, oder Fischer, die nichts mehr am Haken haben, mit einem Shanty-Chor Plattenmillionäre werden, wie in „Fisherman’s Friends“. Überdrehte Situationen wechseln in dem französischen Publikumsliebling mit Krisenmomenten, auf stille Beichten folgt ein emanzipatorischer Erinnerungs-Appell – die Gruppe ist unterwegs im Reisebus zur Adria – auf der Höhe von Dachau.

Es geht folglich weniger ums Siegen, als vielmehr darum, sich zu bewähren, zu der Person zu werden, die man / frau sein kann, und auf sich und die anderen Shiny Shrimps, wie sie beim internationalen Wettbewerb genannt werden, stolz zu sein.

Foto: Edition Salzgeber

Der Wille zum Erfolg, der Matthias Le Goff anstachelt, hat in der zwischen Komödie und Drama changierenden und auf eigenen Erfahrungen des Co-Regisseurs Cédric Le Gallo basierenden Geschichte unterschiedliche Motive: Matthias braucht einen Treffer, Jean (Alban Lenoir) will seine Krebserkrankung, wenn nicht überwinden, so doch für eine kurze Weile vergessen, Cédric (Michael Abiteboul) schnappt nach Luft außerhalb der gleichgeschlechtlichen Familienidylle mit adoptierten Zwillingen, Vincent singt sich frei in einer Provinz-Kneipe mit einer Travestie von Céline Dion, Joel (Roland Menou) tut sich schwer mit dem Älterwerden und Alleinsein, Alex (David Baiot) schmerzt das leere Herz; erste Liebe gibt es auch und eine Disco-Nacht der großen Illusionen mit lustvollem Abtauchen und mit Jeans Untergehen und Freischwimmen hinein ins Grand Bleu.

Foto: Edition Salzgeber

Bei Billy Wilder durfte eine Komödie (vielleicht die allerbeste, die je gedreht wurde) mit einem Blutbad am Valentinstag im Chicago der Prohibition beginnen, in „Die glitzernden Garnelen“ kann sie mit einem Trauergottesdienst und einem choreografierten Bonnie-Tyler-Song enden – zwar ohne allgemeines Versöhnen am Sarg, aber mit Zuversicht und einem trotzig-fröhlichen Alltags-Heroismus.




Die glitzernden Garnelen
von Cédric Le Gallo und Maxime Govare
FR 2019, 103 Minuten, FSK 12,
französische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Ab 05. Dezember hier im Kino und im Dezember in der queerfilmnacht.

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