Der Prinz

Trailerqueerfilmnacht / Kino

Chile 1970. Am Ende einer durchzechten Nacht begeht der 20-jährige Jaime einen Mord. Im Gefängnis landet er in einer Gruppenzelle, die vom gefürchteten „Potro“ geführt wird. Dieser wird Jaimes Beschützer und macht ihn zu seinem neuen „Prinzen“, erwartet dafür aber Loyalität und sexuelle Unterordnung. Die „schwarze Liebe“ zwischen den beiden erfüllt Jaimes Bedürfnis nach Zuneigung und Zugehörigkeit. Doch dann entbrennt im Knast ein brutaler Machtkampf… „Der Prinz“ von Sebastián Muñoz basiert auf Mario Cruz’ lange verschollenem Roman, der parallel zum Film erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Das faszinierende Porträt Chiles kurz vor dem Amtsantritt Salvador Allendes kommt am 19. November ins Kino und läuft schon in diesem Monat in der queerfilmnacht. Unser Autor Andreas Wilink hat hinter die Gitter auf ein emotionales Biotop geblickt.

Foto: Salzgeber

Der König ist tot. Es lebe der König!

von Andreas Wilink

Blut ist ein ganz besonderer Saft. Bindemittel – und Lösungsmittel. Um einen am Boden liegenden Körper mit klaffender Wunde breitet sich eine Lache aus und stockt vor den Füßen des Mörders. Die Leute in der Bodega weichen vor dem 20-jährigen Jaime zurück, der zur Musikbox wankt, in der der rotierende Schallplatten-Speicher rattert. Keine Musik erklingt. Die hebt erst an – mit einem sehnsüchtigen Tango-Gesang –, als das Gefängnis Jaime umschließt und er, noch im blutbesudelten Hemd und mit dem Gesichtsausdruck des besinnungslosen Täters, durch die Gänge in eine Zelle geführt wird, wo ihn vier Insassen erwartungsvoll taxieren.

Derjenige, der dort das Sagen hat, ist der ältere zernarbte Ricardo, genannt „El Potro“ („Der Hengst“). Der seit dem Jugendknast mit den in dieser separierten Welt herrschenden Gesetzen, Gefahren und Überlebenstechniken erfahrene „Potro“ sagt auch Jaime, was er zu tun hat, staffiert ihn aus, erklärt ihn zu seinem Schützling, holt ihn zu sich ins Bett und macht ihn zu seinem Geliebten, seinem „Prinzen“.

„Der Prinz“, der 2019 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere feierte, führt in eine reine Männerwelt, nur durch Rückblenden in Jaimes Kindertage im Dorf San Bernardo sowie durch die Episode der Verführung durch eine ältere Frau, die ihn nach Santiago einlädt und ihm schöne Kleider kauft, und durch die zum Mord führende Freundschaftsgeschichte aufgebrochen. Denn Jaime war verliebt in einen wenig älteren Mann, genannt „Der Zigeuner“, der aber für „Schwuchteln“ nichts übrighat, von Jaimes Gefühlen nichts weiß oder wissen will und nicht bemerkt, wie Jaime ihn und eine Frau beim Sex und beim Tanzen beobachtet. Als „Der Zigeuner“ aber mit einem anderen Mann schöntut, schlitzt Jaime ihm in wütender Eifersucht mit einer Scherbe die Kehle auf.

Wir sind in Chile, in dem Jahr, als Salvador Allende Präsident wird und das Experiment einer sozialistischen Republik wagt, die vom Militär mit Unterstützung der CIA durch Putsch beendet werden soll. „Der Prinz“ spielt also 1970 und damit zur gleichen Zeit wie Alan Parkers „Midnight Express“, der eine ähnliche Situation in Istanbul beschreibt, wo ein wegen Rauschgiftbesitzes aufgegriffener und verurteilter junger Amerikaner in den türkischen Polizei- und Justizapparat und Gefängnisalltag aus Willkür, Gewalt und Sadismus gerät.

Im Genre Gefängnisfilm verdichten sich, ähnlich anderer Isolierstationen, die Emotionen, Beziehungen, Konflikte. Es gibt keinen Ausweg, kein prison break. Der Einzelne ist gefangen, nicht nur hinter Mauern, auch in sich selbst. Ein Biotop auch für homosexuelle Phantasie und Praxis, driftend zwischen der heterosexuellen Norm und einer schwulen Identität wie zwischen Pflicht und Kür, für Gewalt und Leidenschaft, Treue und Verrat, Zärtlichkeit und sich offensiv gebärdender Männlichkeit, Hingabe und Preisgabe menschlicher Regungen, Resignation und Selbstgewinnung.

Auch darin zieht „Der Prinz“ eine Parallele zu „Midnight Express“, übrigens auch zu dem ebenfalls in Südamerika zu gleicher Zeit spielenden „Der Kuss der Spinnenfrau“ von Héctor Babenco nach Manuel Puigs nunmehr beinahe schon klassisch zu nennendem Roman. Der politische Bezug indes wird nur angetippt, nicht ausformuliert.

Foto: Salzgeber

Die rüde, saloppe Sprache der vor 50 Jahren im Selbstverlag erschienenen, mit einer abenteuerlichen Nicht-Karriere geschlagenen Buchvorlage von Mario Cruz („Wenn ich jetzt im Knast landete, dann aus lauter Blödheit“, heißt der erste Satz, mit dem Jaime sich und seinen Lebensbericht dem Leser vorstellt) wiederholt Sebastian Muñoz’ Verfilmung ebenso wenig wie deren Erzählperspektive, die Jaimes Sicht einnimmt. Der Film schaut vielmehr auf ihn. Jaime ist das Objekt der Kamera, weniger Subjekt seiner Geschichte. Auf ihn richten sich sehnsüchtige, neidvolle, auch hasserfüllte Blicke, die gefährlich sind, wenn die Blickachsen von Dritten gekreuzt werden. Muñoz unterfüttert das Drama mit weicherem Stoff statt mit dem rauen und groben Material des schmalen Buches. Jaimes Entwicklungsroman verwandelt sich so mehr ins Allegorische, wobei dem Original wie der Adaption eignet, dass sie wie nach der Partitur eines melancholietrunkenen lateinamerikanischen Liedes komponiert scheinen.

Es gibt keine Intimität, alles geschieht unter den Augen und beim Lauschen der anderen, ihrem Spott, ihrer Häme, ihrer Sensationslust, ihrem Spaß an der Demütigung. Scheinbare Freizügigkeit innerhalb der Arrestzone bis zum nächtlichen Einschluss kann kurz über die Unfreiheit hinwegtäuschen, aber hebt sich abrupt in brutalen Übergriffen des Wachpersonals auf.

Juan Carlos Maldonado hat das Gesicht eines jungen Filmhelden von Patrice Chéreau in seiner halb unbewussten, ebenso erstaunten wie verschüchterten und verstockten narzisstischen Unschuld. Jaime genießt seinen Status nahezu. Für ihn ist dieser Ort – auch und noch – ein Reservat, ein Genet’scher Phantom- und Illusionsraum und Schauplatz seiner Jugend und Schönheit, seines Begehrens und Begehrt-Werdens, in dem Sexualität die Bedeutung eines Regelverstoßes und befreienden Aktes zukommt. Der längst ernüchterte „Potro“ weiß es besser (Alfredo Castro erinnert in seiner witternden Spiel-Methode an den argwöhnisch und umsichtig agierenden späten Al Pacino). Sein Duell mit dem Rivalen „Che Pibe“, der im Knast ein Schwarzmarktgeschäft betreibt und sich ebenfalls einen hübschen Burschen hält, wird keine Sieger, nur Besiegte kennen.

Foto: Salzgeber

Im Verlauf seiner Initiation wird aus dem furchtsamen und ahnungslosen Jaime ein sich selbstermächtigender Mann: ein Caudillo, der am Ende einen neuen Häftling mit den gleichen Worten empfängt, wie „El Potro“ ihn aufgenommen hat. Jaime steht nun da in einem, nicht nur für Häftlings-Verhältnisse, eleganten Anzug, souverän, instinktsicher, machtgeübt. Der Kronprinz hat den König-Vater beerbt. Und das System verinnerlicht. Er könnte jemand werden wie Michael Corleone, um noch einmal den Bezug zu Mario Puzos und Francis Ford Coppolas „Der Pate“ aufzunehmen.

Das Radio sendet die Ansprache Allendes nach dessen Wahlsieg und lässt den Jubel des chilenischen Volkes hören: Freiheit, Gleichheit, Zukunft – eine Fiktion? Zumindest für die Emanzipation der Homosexuellen, die vom linken Regime ebenso wie von der auf sie folgenden rechten Junta verfolgt und stigmatisiert sind. Was mag aus Jaime werden? Wir können ihn uns als Märtyrer oder Marionette der Macht – Täter und Opfer – vorstellen.




Der Prinz
von Sebastián Muñoz
CL/AR/BE 2019, 96 Minuten, spanische OF mit deutschen UT, FSK 18,
spanische OF mit deutschen UT

Salzgeber

Ab 19. November im Kino und im September in der queerfilmnacht.

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