Als wir tanzten

Trailer queerfilmnacht / Kino

Merab studiert an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis. Als Irakli neu in die Klasse kommt, sieht Merab in ihm zunächst einen Rivalen. Aus der Konkurrenz wird bald ein immer stärkeres Begehren. Doch im homophoben Umfeld der Schule wird von den beiden erwartet, dass sie ihre Liebe geheim halten. Das mitreißende Liebes- und Tanzdrama „Als wir tanzten“ des schwedischen Regisseurs Levan Akin wurde in Cannes als Entdeckung gefeiert und seitdem vielfach ausgezeichnet. Der in Georgien erschreckend weit verbreiteten Queer-Feindlichkeit, die sich auch in homophoben Protesten bei der Landespremiere zeigte, hält Akin, dessen Familie selbst aus Georgien stammt, eine entschiedene Feier von nicht-heterosexueller Liebe entgegen. Unser Autor Stefan Hochgesand hat die Momente der Freiheit, die der Film zelebriert, besonders genossen – und musste aufpassen, nicht wie Honig dahinzutropfen.

Foto: Edition Salzgeber

Come Get Your Honey

von Stefan Hochgesand

Der Tanzlehrer ist not amused: Gerade halten wie ein Nagel solle sich Merab gefälligst! Nicht so lasch! Und Merabs Tanzpartnerin Mary solle nicht so neckisch gucken! Man sei hier nicht beim Lambada! Der georgische Tanz kenne keinen Platz für Sexualität. Jungfräuliche Unschuld wird gefordert. Zumindest die Fassade davon. Die jungen Tänzer*innen, alle so um die 20, prusten schon los, doch mit Aleko, dem Tanzlehrer, ist nicht gut Kirschen essen. Schon gar nicht lasch und neckisch. Dann kommt auch noch ein neuer Tänzer rein: Irakli. „Zieh ihn raus!“, moniert Aleko und meint (Stichwort: keine Sexualität) selbstredend nicht dessen Gemächt, sondern Iraklis Ohrstecker.

Schnell versteht man: Traditioneller Tanz ist in Georgien nicht einfach bloß ein hübsches Hobby, sondern ein Staatsakt. Wenn du es richtig anstellst und ins National-Ensemble kommst, stehen dir alle Türen offen, auch die der Scala in Mailand und der Met in New York. Dann darfst du reisen und ausländische Zigaretten paffen. Kann aber auch schiefgehen: Merabs Papa hat mal in der Met getanzt, nun rackert er auf dem lokalen Wochenmarkt. Und beim Tanztruppen-Tratsch streut sich schnell, neben Witzen übers Wichsen und Puffplänen mit Ukrainerinnen, das Gerücht, der Tänzer Zaza aus dem National-Ensemble habe es mit einem Armenier getrieben – und sei nun auf Sittenkur im Bergkloster, „um wieder normal zu werden“. Später erfahren wir gar, dass Zaza nunmehr vorm Zirkus anschaffen gehe, nachdem sogar der Priester im Kloster lieber Sex statt Sitte wollte. Deshalb also wird bald für das National-Ensemble ein Neuer gecastet. Da wäre Merab, der tanzt „seit er laufen kann“, seit er 10 ist auch mit Mary, freilich ein heißer Kandidat.

Sowieso: Hauptdarsteller Levan Gelbakhiani, 23, Sommersprossen, überstehende Oberlippe, mahagonirotes Haar, der auch gern mal oberkörperfrei auf dem Balkon unter Herbstlaub die Wäsche abhängt, ist eine phantastische Wahl für diese Hauptrolle. Selbst wenn er sich bloß niedergebeugt das Knie streichelt in seinen karierten Boxershorts und dabei ein Tanzvideo schaut, sieht das schon wahnsinnig sinnlich aus. Auch je nachdem aus welcher Perspektive sich die Kamera ihm nähert, kann Merab sehr knabenhaft, sehr weise, sehr fröhlich oder sehr melancholisch ausschauen. Die Zehen knacken auf den Fliesen, Merab will extra früh im Tanzstudio sein, blickt beim Dehnen bewundernd auf Irakli, es spielt noch keine Musik, nicht das typische Trommeln. Nur die Schuhe klingen hart auf dem Parkett. Verschwitzt lehnen sie beide hinterrücks am Spiegel, Merab und Irakli. „Seid ihr ein Paar?“, will Irakli über Mary und ihn wissen. „So was in der Art“ sagt Merab. Irakli greift ihm harmlos an den Oberschenkel, schließt die Augen und stöhnt ein „Hach!“, das wohl meint: „C’est la vie!“

Die beiden nähern sich trotzdem an, obwohl das Leben das Leben ist: Sie greifen sich auf die Schultern bei der Choreo. Sie naschen Feigen bei Iraklis Oma, die sich eben noch an Merab erfreute – und der dann schon wieder, dement, Merabs Name entgleitet. Irakli zeigt Merab auch sein traditionelles, bordeauxrotes Tanzgewand, das er trägt, wenn er auf Hochzeiten tanzt. Sie haben ihre helle Freude daran, Aleko nachzuäffen. Das aufgelockerte Miteinander gibt Merab sichtlich ein High. „Großmutter, du bist so schön!“, sagt er seiner Oma zu Hause. „Und du bist vom vielen Training schon ganz verdreht!“, erwidert die neckisch. Sowieso: Die Großmutterfiguren dieses Films sind wirklich knuffig. Sind etwa nur die Großväter als Verwalter starrer Konventionen Schuld an den konservativen Männerbildern?

Foto: Edition Salzgeber

Tanz ist ein beliebter Topos im queeren Film. Man denke nur an „Girl“ (2018) über eine junge trans Ballerina. Oder an „Five Dances“ (2013) über einen jungen schwulen Tänzer, welcher der kontrollsüchtigen Mutter nach New York entfliegt. Kein Wunder: Einerseits ist Tanz doch das Natürlichstes der Welt. Unmittelbarer Ausdruck von Lebensliebe. Andererseits greifen im kompetitiven Kontext von Profitanz hart die Konventionen ein: Was nach außen hin den Anschein von Natürlichkeit erwecken soll, hat viel damit zu tun, sich diszipliniert an das Regularium zu halten. Ein Dilemma, mit dem sich sicher viele Queers identifizieren können, deren Körper (und wie er sich hält und wem er sich hinwendet) ohnehin rasch Politikum wird in einer Gesellschaft. Das Narrativ von Tanz als Sinnbild dessen, wie sehr man sich beugt oder nach Freiheit begehrt.

Momente der Freiheit sind in „Als wir tanzten“ etwa: Wenn nicht die Trommel den Takt vorgibt, sondern „Take A Chance on Me“ von Abba läuft, abseits der Tanzstunden: „If you change your mind / I’m the first in line / Honey, I’m still free / Take a chance on me.“ Merab, im knallorangefarbenen Hoodie, geht tief runter, fast in den Spagat. Nicht nur da macht sich bezahlt, dass die beiden Hauptdarsteller tanztrainiert sind! Popos wackeln auf dem Balkon. Noch in diesem Spirit nimmt Merab später, draußen im Wald, Irakli die Zigarette ab, eine leichte Rauferei deutet sich an, doch dann wichst man sich lieber gegenseitig einen, eng umschlungen. Gute Wahl!  Die starken Farben dieser Szene: leuchtende Erdtöne, Hinweis auf Intensität und Natürlichkeit. Honig scheint auch schon ein zähflüssig-süßes Leitmotivchen zu sein in diesem Film: Nicht viel später läuft eine neuere Disco-Hymne, „Honey“ von Robyn: „Baby, I have what you want / Come get your honey“. Lecker! Der Raum scheint, abermals magisch leuchtend, ins Honigfarbene getaucht, Mareb setzt sich eine Perücke auf, nähert sich Irakli, mit einer Spur (vorgeschützter?) Ironie und sehr viel Passion, wie ein Go-Go-Tänzer. Hier ist Tanz ehrlicher Ausdruck von Begehren – genau das, was im offiziellen Tanz Georgiens verpönt wird. Sie machen Liebe auf dem Boden, streicheln sich die Bärte. Hach! Man muss bei diesen Szenen wirklich aufpassen, dass man nicht gleich selbst wie Honig dahintropft.

Foto: Edition Salzgeber

Mit seinem neuen Selbstbewusstsein flirtet Merab im Bus freundschaftlich – und landet in einem queeren Club, wo relativ harter Techno läuft. Auch hier ist er anscheinend sehr bei sich. Dummerweise kriegen das Leute aus der Tanztruppe mit. „Schwuchtel!“ hallt am nächsten Tag über den Vorplatz des Studios, Merab wird auch körperlich bedrängt. „Wo warst du? Das war so dumm von dir!“, maßregelt ihn Mary. Irakli ist derweil bei seiner Familie und der Frau, die womöglich seine Freundin ist. Merab hat das bezauberndste Lächeln, als er ihn bald trotzdem ans Telefon kriegt. Mary wollte eigentlich dessen schlimm verletzten Fuß einwickeln und pflegen – doch das spielt plötzlich keine Rolle mehr. Statt Schmerz überwiegt die Sehnsucht danach, liebend zu leben. Doch Irakli bleibt fern. Mit dem schließlich verbundenen Fuß probt Merab, schmerzverzerrt, die Drehungen.

Foto: Edition Salzgeber

Merabs Bruder schmiegt sich auf seiner Hochzeit voller Bruderliebe an ihn: Er habe sich gerade gekloppt, weil andere behauptet hätten, Merab sei eine Schwuchtel. Ach, das stimme? Habe er sich umsonst geprügelt? „Du musst weg hier, Merab.“ In einer letzten Szene stürzt Merab zu Boden. Wie er sich dann wieder aufschwingt und mit welchem Selbstbewusstsein er die Tür schließt – das kann einem wahrlich das Herz massieren. In diesem Film ist Tanz nicht einfach Entertainment oder Dekor – sondern in ihm vermittelt sich sinnlich die Essenz einer Selbstfindung und -behauptung. Wir tanzen in einer politischen Welt.




Als wir tanzten
von Levan Akin
SE/GE 2019, 106 Minuten, FSK 12,
deutsche SF & englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

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