Als wir tanzten

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Levan Akins großartiges Liebes- und Tanzdrama „Als wir tanzten“ erzählt die Geschichte des Nachwuchstänzers Merab, der an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis studiert. Als Irakli neu in die Klasse kommt, sieht Merab in ihm zunächst einen Rivalen. Aus der Konkurrenz wird bald ein immer stärkeres Begehren. Doch im homophoben Umfeld der Schule wird von den beiden erwartet, dass sie ihre Liebe geheim halten. Akins vielfach ausgezeichneten Film gibt es nun auf DVD und Blu-ray. Der in Georgien erschreckend weit verbreiteten Queer-Feindlichkeit, die sich auch in homophoben Protesten bei der Landespremiere zeigte, hält Akin eine entschiedene Feier von nicht-heterosexueller Liebe entgegen. Und sissy feiert gleich doppelt mit: Sascha Westphal spürt der sexuellen und tänzerischen Befreiungsbewegung nach, die Merab den Repressionen in seiner Heimat energisch entgegensetzt. Und Stefan Hochgesand musste aufpassen, nicht gleich wie Honig dahinzuschmelzen.

Foto: Salzgeber

Zum Licht, zur Freiheit

von Sascha Westphal

I. To the Beat of the Drum

Während stumme Dokumentaraufnahmen von Auftritten des Georgischen Nationalballetts im Briefmarkenformat über die Leinwand flimmern, erklingen einzelne Trommelschläge, hart und unerbittlich. In den Pausen dazwischen hallt ihr beinahe martialischer Gestus tonlos nach. Diesem Rhythmus müssen sich die Tänzer unterwerfen. Selbst die Akkordeon-Melodien, die sich schließlich um die Trommelschläge ranken, nehmen ihnen nichts von der kalten Bestimmtheit. Nachdem die alten Bilder aus den Jahren, in denen die georgischen Nationaltänze zu ihrer heutigen Form und Rigidität gefunden haben, im umgebenden Schwarz verschwunden sind, fällt der Blick der Kamera auf Merab, gespielt vom Tänzer Levan Gelbakhiani. Der junge Mann, der aus einer Tänzerfamilie stammt, reißt seine Arme nach oben und streckt sie zur Seite. Es sind ausladende, ritualisierte Bewegungen, Überbleibsel einer archaischen Zeit, an die sich die orthodoxe Kirche und die von ihr beherrschte Gesellschaft klammern. Merabs Schritte passen sich den Schlägen der Trommel an. Aber es bleibt eine Differenz.

Aleko, der Lehrer, der Merab und dessen Mitschüler*innen an der Akademie unterrichtet, fordert von ihm, er solle sich gerade wie ein Nagel halten. Steife und Strenge als Modell einer Gemeinschaft, die alles, was weich ist, was sich biegt und vielleicht sogar fließt, aus ihren Reihen verbannen will. Das patriarchalische System kennt nichts als Männer hart wie Nägel und Frauen, die sich auf immer ihre jungfräuliche Unschuld bewahren. Der strenge Familienvater auf der einen Seite, Maria, die Mutter Gottes, auf der anderen. So will sich eine Nation, die nach dem Untergang des sowjetischen Reiches in den 1990er Jahren in eine tiefe wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise gerutscht ist, gegen den Westen und die Globalisierung behaupten.

Für Abweichler, für Homosexuelle und für Feministinnen gibt es in diesem nationalistischen, die Tradition missbrauchenden System keinen Platz. Sie werden entweder zu Nägeln geschmiedet oder aber zerbrochen. Etwa seit 2012 formiert sich in Georgien zwar ein Widerstand gegen eben diese Tendenzen. Die LGBT-Gemeinde kämpft mit Paraden und Protesten, mit öffentlichen Raves und geschlossenen Partys in Techno-Clubs für Freiräume und Veränderungen. Doch die Gegenwehr der orthodoxen Kirche und rechtsextremer Gruppierungen ist brutal und unerbittlich. Gewaltsame Angriffe auf Homosexuelle stehen auf der Tagesordnung.

Von all dem erzählt Levan Akin in seinem Film „Als wir tanzten“. Etwa wenn an der Akademie die Gerüchteküche brodelt und es heißt, dass ein Tänzer aus dem Ballett ausgeschlossen wurde, weil er beim Sex mit einem Armenier erwischt wurde. Sein tragisches Schicksal, das den Erzählungen der Ballett-Eleven nach von Gewalt und Missbrauch überschattet wird, gleicht einem mahnenden Beispiel. So wird Merabs Tanzpartnerin Mary ihn an den verstoßenen Tänzer erinnern, als sie erkennt, was er für Irakli empfindet, den neuen Tänzer in der Klasse, in den er sich verliebt hat.

Foto: Salzgeber

Doch die Mahnungen und Warnungen prallen an dem jungen Tänzer ebenso ab wie die im Befehlston erklingenden Anweisungen seines Lehrers. Er geht seinen Weg, wie es ihm sein Herz diktiert. Und der führt ihn auch in die Szene der queeren House- und Techno-Clubs. Auch dort ist der Rhythmus, zu dem sich die Körper bewegen, hart und stampfend. Aber die elektronischen Beats sind anders als die Trommelschläge im Ballettstudio offen für Rausch und Ekstase. Sie schenken Merab die Freiheit, die er an der Akademie so vermisst. Im Club kann er seinen Körper instinktiv hin und her wiegen lassen. Seine Bewegungen haben nichts Kriegerisches und Rigides mehr an sich. Sie sind weich und flüssig, auf eine Weise biegsam und geschmeidig, die von einer Stärke zeugt, die Aleko und den anderen Angst macht, die sie mit aller Macht unterdrücken wollen.

II. Labyrinthe und Spiegel

Eine Wohnung wie ein Labyrinth. Die Zimmer gehen nahezu ansatzlos ineinander über. Flure gibt es nicht. Selbst Türen sind hier eine Seltenheit. Trotzdem wirken die Räume nicht offen. Sie haben eher etwas Bedrückendes. Denn keines dieser Zimmer bietet eine Rückzugsmöglichkeit. Der Einzelne kann sich in dieser labyrinthischen Struktur verlieren und bleibt doch immer ein Gefangener fremder Blicke. Selbst ein Raum fernab der feiernden und trinkenden Hochzeitsgesellschaft, die sich in der Wohnung eingefunden hat, kann schnell zu einer Art Präsentierteller werden. Obwohl ein Innenhof das Zimmer von dem gegenüberliegenden Raum trennt, schaffen Fenster auf beiden Seiten klare Sichtlinien. Merab und Irakli sind zwar allein in diesem Zimmer, aber doch nicht für sich. Die Feiernden im Zimmer auf der anderen Seite des Innenhofs sind während ihres Gesprächs immer präsent.

Während sich im Hintergrund die Hochzeit von Merabs Bruder David abspielt, verhandeln Merab und Irakli im Bildvordergrund ihre fragile Beziehung. Der aus Batumi kommende Irakli tendiert zu einem Leben in der Sicherheit der Konventionen. Alles in seinem Innersten mag ihn zu Merab hinziehen. Doch hat ihre Liebe im zutiefst konservativen Georgien überhaupt irgendeine Chance? Bringt sie die beiden nicht sogar in Gefahr? Sollte er nicht zurück in seine Heimatstadt gehen und seine dortige Verlobte heiraten?

Diese Art von Kompromiss, von Sicherheit um den Preis der Anpassung und Selbstverleugnung, kommt für Merab nicht infrage. So wie er sich ohne Rücksicht auf den eigenen Körper in den Tanz stürzt, so hat er sich auch vorbehaltlos in seine Liebe zu Irakli fallen lassen. Von dem Moment an, in dem er seine Gefühle für seinen Tanzpartner und Konkurrenten verstanden hat, gab es für ihn kein Zögern, keine Vorsicht mehr.

Merabs und Iraklis Begegnung abseits der großen Feier atmet den Geist großer Melodramen. Und wie einst Douglas Sirk und später Rainer Werner Fassbinder arbeitet auch Levan Akin auf grandiose Weise mit Spiegeln, um die Wahrheiten der Herzen zu offenbaren. Die entscheidende Szene kommt ohne jeden Schnitt aus. Die beiden stehen sich einfach gegenüber, und zwei perfekt im Raum platzierte Spiegel verdoppeln sie jeweils. Während Merab und sein Spiegelbild Seite an Seite nebeneinander stehen, blickt Irakli die ganze Zeit in seine Reflektion. Beide haben sie zwei Leben, das, das sie ganz offen führen können, und das, das sie in der streng patriarchalischen, von der orthodoxen georgischen Kirche geprägten Gesellschaft verbergen müssen. Das Melodramatische ist in „Als wir tanzten“ das Politische.

Merab lässt sich von den äußeren Umständen nicht spalten. Sein öffentliches und sein zweites Lebens sind vereint. Es gibt kein Geheimnis, kein Verstecken. Seine beiden Leben stehen miteinander in Einklang. Das hat gerade auch in diesem zutiefst privaten Moment, in dessen Hintergrund die gesamte georgische Gesellschaft mit all ihren Verboten und Geboten fortwährend anwesend ist, durchaus etwas Provozierendes. Er, der eigentlich immer ein wenig weich und etwas zu zart wirkt, ist in diesem Moment der Starke.

III. Into the Light

In einer der Trainingstunden hat sich Merab am Knöchel verletzt. In einem Akt absoluter Affirmation, die in Wahrheit immer schon seine Form des Widerstands gegen Alekos Disziplinierungen war, ist er zu weit gegangen. Er musste stürzen, um zu zeigen, wie das System des Nationalballetts die Tänzerinnen und Tänzer methodisch deformiert. Aber zugleich hat er damit seine Chance auf einen Platz im National-Ensemble in große Gefahr gebracht. Mit dem lädierten Knöchel kann er den Anforderungen des Leiters des Balletts kaum gerecht werden. Doch darum geht es ihm jetzt nicht mehr. Seine Liebe zu Irakli und die gestohlenen Momente des Glücks im Schatten der Nacht auf einer Datscha im Umland von Tiflis haben ihn aus den Fesseln seines bisherigen Lebens befreit. Nun kann er zum Vortanzen für die freigewordene Position im Nationalballett gehen, ohne sich den Zwängen und Konventionen dieser Institution zu ergeben.

Foto: Salzgeber

Trotz seines verletzten Knöchels tanzt Merab vor. Selbst als er stürzt und Aleko die Audition um jeden Preis beenden will, hört er nicht auf. Er steht auf und tanzt weiter. Seine sich von den ritualisierten Formen des georgischen Nationaltanzes lösende Choreographie gleicht einem überschwänglichen Akt der Befreiung und Erlösung. Merab tanzt nur für sich. In diesem Moment findet Levan Akins Inszenierung zu einer berauschenden Freiheit, die den Bogen zurück zu den Clubszenen schlägt. Merab stellt sich mit seinen Schritten und Sprüngen, seinen Bewegungen der Hände und Arme, keineswegs außerhalb der Traditionen des georgischen Tanzes. Er folgt ihnen und verflüssigt sie zugleich. Es ist ein utopischer Tanz, einer, der von einer Zukunft träumt, in der die Tänzerinnen und Tänzer ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken müssen, in der sie nicht zu Nägeln werden müssen, sondern sich wie Schilf im Wind wiegen können.

Merabs ekstatische Bewegungen sind ein Tanz mit dem Licht, ein Tanz, der zum Licht strebt, das in das Studio fällt und sich im großen Wandspiegel bricht. Immer fallen die Sonnenstrahlen, die durch große Panoramafenster in das Studio eindringen und zugleich die allgegenwärtige repressive Außenwelt auslöschen, direkt auf die Linse der Kamera. Das so entstehende lens flare scheint ein phantasmagorisches Pas de deux mit Merab zu tanzen.

Nicht Aleko und auch nicht die Regeln bestimmen, wann dieser Tanz endet. Darüber entscheidet alleine Merab. Die georgische Gesellschaft mag den einzelnen ständig beobachten und versuchen, ihn in Formen zu pressen. Doch der kann sich dem auch entziehen und die Tür hinter sich schließen. Vielleicht liegt Merabs Zukunft im Westen, vielleicht findet er sie auch in seinem eigenen Land, indem er einfach vorausgeht und so den anderen den Weg weist. Merab beim Beginn seines Weges zu begleiten, ist berührend und mitreißend zugleich.


Foto: Salzgeber

Come Get Your Honey

von Stefan Hochgesand

Der Tanzlehrer ist not amused: Gerade halten wie ein Nagel solle sich Merab gefälligst! Nicht so lasch! Und Merabs Tanzpartnerin Mary solle nicht so neckisch gucken! Man sei hier nicht beim Lambada! Der georgische Tanz kenne keinen Platz für Sexualität. Jungfräuliche Unschuld wird gefordert. Zumindest die Fassade davon. Die jungen Tänzer*innen, alle so um die 20, prusten schon los, doch mit Aleko, dem Tanzlehrer, ist nicht gut Kirschen essen. Schon gar nicht lasch und neckisch. Dann kommt auch noch ein neuer Tänzer rein: Irakli. „Zieh ihn raus!“, moniert Aleko und meint (Stichwort: keine Sexualität) selbstredend nicht dessen Gemächt, sondern Iraklis Ohrstecker.

Schnell versteht man: Traditioneller Tanz ist in Georgien nicht einfach bloß ein hübsches Hobby, sondern ein Staatsakt. Wenn du es richtig anstellst und ins National-Ensemble kommst, stehen dir alle Türen offen, auch die der Scala in Mailand und der Met in New York. Dann darfst du reisen und ausländische Zigaretten paffen. Kann aber auch schiefgehen: Merabs Papa hat mal in der Met getanzt, nun rackert er auf dem lokalen Wochenmarkt. Und beim Tanztruppen-Tratsch streut sich schnell, neben Witzen übers Wichsen und Puffplänen mit Ukrainerinnen, das Gerücht, der Tänzer Zaza aus dem National-Ensemble habe es mit einem Armenier getrieben – und sei nun auf Sittenkur im Bergkloster, „um wieder normal zu werden“. Später erfahren wir gar, dass Zaza nunmehr vorm Zirkus anschaffen gehe, nachdem sogar der Priester im Kloster lieber Sex statt Sitte wollte. Deshalb also wird bald für das National-Ensemble ein Neuer gecastet. Da wäre Merab, der tanzt „seit er laufen kann“, seit er 10 ist auch mit Mary, freilich ein heißer Kandidat.

Sowieso: Hauptdarsteller Levan Gelbakhiani, 23, Sommersprossen, überstehende Oberlippe, mahagonirotes Haar, der auch gern mal oberkörperfrei auf dem Balkon unter Herbstlaub die Wäsche abhängt, ist eine phantastische Wahl für diese Hauptrolle. Selbst wenn er sich bloß niedergebeugt das Knie streichelt in seinen karierten Boxershorts und dabei ein Tanzvideo schaut, sieht das schon wahnsinnig sinnlich aus. Auch je nachdem aus welcher Perspektive sich die Kamera ihm nähert, kann Merab sehr knabenhaft, sehr weise, sehr fröhlich oder sehr melancholisch ausschauen. Die Zehen knacken auf den Fliesen, Merab will extra früh im Tanzstudio sein, blickt beim Dehnen bewundernd auf Irakli, es spielt noch keine Musik, nicht das typische Trommeln. Nur die Schuhe klingen hart auf dem Parkett. Verschwitzt lehnen sie beide hinterrücks am Spiegel, Merab und Irakli. „Seid ihr ein Paar?“, will Irakli über Mary und ihn wissen. „So was in der Art“ sagt Merab. Irakli greift ihm harmlos an den Oberschenkel, schließt die Augen und stöhnt ein „Hach!“, das wohl meint: „C’est la vie!“

Die beiden nähern sich trotzdem an, obwohl das Leben das Leben ist: Sie greifen sich auf die Schultern bei der Choreo. Sie naschen Feigen bei Iraklis Oma, die sich eben noch an Merab erfreute – und der dann schon wieder, dement, Merabs Name entgleitet. Irakli zeigt Merab auch sein traditionelles, bordeauxrotes Tanzgewand, das er trägt, wenn er auf Hochzeiten tanzt. Sie haben ihre helle Freude daran, Aleko nachzuäffen. Das aufgelockerte Miteinander gibt Merab sichtlich ein High. „Großmutter, du bist so schön!“, sagt er seiner Oma zu Hause. „Und du bist vom vielen Training schon ganz verdreht!“, erwidert die neckisch. Sowieso: Die Großmutterfiguren dieses Films sind wirklich knuffig. Sind etwa nur die Großväter als Verwalter starrer Konventionen Schuld an den konservativen Männerbildern?

Foto: Salzgeber

Tanz ist ein beliebter Topos im queeren Film. Man denke nur an „Girl“ (2018) über eine junge trans Ballerina. Oder an „Five Dances“ (2013) über einen jungen schwulen Tänzer, welcher der kontrollsüchtigen Mutter nach New York entfliegt. Kein Wunder: Einerseits ist Tanz doch das Natürlichstes der Welt. Unmittelbarer Ausdruck von Lebensliebe. Andererseits greifen im kompetitiven Kontext von Profitanz hart die Konventionen ein: Was nach außen hin den Anschein von Natürlichkeit erwecken soll, hat viel damit zu tun, sich diszipliniert an das Regularium zu halten. Ein Dilemma, mit dem sich sicher viele Queers identifizieren können, deren Körper (und wie er sich hält und wem er sich hinwendet) ohnehin rasch Politikum wird in einer Gesellschaft. Das Narrativ von Tanz als Sinnbild dessen, wie sehr man sich beugt oder nach Freiheit begehrt.

Momente der Freiheit sind in „Als wir tanzten“ etwa: Wenn nicht die Trommel den Takt vorgibt, sondern „Take A Chance on Me“ von Abba läuft, abseits der Tanzstunden: „If you change your mind / I’m the first in line / Honey, I’m still free / Take a chance on me.“ Merab, im knallorangefarbenen Hoodie, geht tief runter, fast in den Spagat. Nicht nur da macht sich bezahlt, dass die beiden Hauptdarsteller tanztrainiert sind! Popos wackeln auf dem Balkon. Noch in diesem Spirit nimmt Merab später, draußen im Wald, Irakli die Zigarette ab, eine leichte Rauferei deutet sich an, doch dann wichst man sich lieber gegenseitig einen, eng umschlungen. Gute Wahl!  Die starken Farben dieser Szene: leuchtende Erdtöne, Hinweis auf Intensität und Natürlichkeit. Honig scheint auch schon ein zähflüssig-süßes Leitmotivchen zu sein in diesem Film: Nicht viel später läuft eine neuere Disco-Hymne, „Honey“ von Robyn: „Baby, I have what you want / Come get your honey“. Lecker! Der Raum scheint, abermals magisch leuchtend, ins Honigfarbene getaucht, Mareb setzt sich eine Perücke auf, nähert sich Irakli, mit einer Spur (vorgeschützter?) Ironie und sehr viel Passion, wie ein Go-Go-Tänzer. Hier ist Tanz ehrlicher Ausdruck von Begehren – genau das, was im offiziellen Tanz Georgiens verpönt wird. Sie machen Liebe auf dem Boden, streicheln sich die Bärte. Hach! Man muss bei diesen Szenen wirklich aufpassen, dass man nicht gleich selbst wie Honig dahintropft.

Foto: Salzgeber

Mit seinem neuen Selbstbewusstsein flirtet Merab im Bus freundschaftlich – und landet in einem queeren Club, wo relativ harter Techno läuft. Auch hier ist er anscheinend sehr bei sich. Dummerweise kriegen das Leute aus der Tanztruppe mit. „Schwuchtel!“ hallt am nächsten Tag über den Vorplatz des Studios, Merab wird auch körperlich bedrängt. „Wo warst du? Das war so dumm von dir!“, maßregelt ihn Mary. Irakli ist derweil bei seiner Familie und der Frau, die womöglich seine Freundin ist. Merab hat das bezauberndste Lächeln, als er ihn bald trotzdem ans Telefon kriegt. Mary wollte eigentlich dessen schlimm verletzten Fuß einwickeln und pflegen – doch das spielt plötzlich keine Rolle mehr. Statt Schmerz überwiegt die Sehnsucht danach, liebend zu leben. Doch Irakli bleibt fern. Mit dem schließlich verbundenen Fuß probt Merab, schmerzverzerrt, die Drehungen.

Merabs Bruder schmiegt sich auf seiner Hochzeit voller Bruderliebe an ihn: Er habe sich gerade gekloppt, weil andere behauptet hätten, Merab sei eine Schwuchtel. Ach, das stimme? Habe er sich umsonst geprügelt? „Du musst weg hier, Merab.“ In einer letzten Szene stürzt Merab zu Boden. Wie er sich dann wieder aufschwingt und mit welchem Selbstbewusstsein er die Tür schließt – das kann einem wahrlich das Herz massieren. In diesem Film ist Tanz nicht einfach Entertainment oder Dekor – sondern in ihm vermittelt sich sinnlich die Essenz einer Selbstfindung und -behauptung. Wir tanzen in einer politischen Welt.




Als wir tanzten
von Levan Akin
SE/GE 2019, 106 Minuten, FSK 12,
deutsche SF und georgische OF mit deutschen UT,

Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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