Girl

Trailerqueerfilmnacht

Bei seiner Weltpremiere im Mai in Cannes wurde „Girl“ erst mit stehenden Ovationen gefeiert und dann mit der Queer Palm und der Caméra d’Or – dem Preis für den besten Erstlingsfilm – ausgezeichnet. Mit traumwandlerischer Sicherheit erzählt der junge belgische Regisseur Lukas Dhont darin die Geschichte der 15-jährigen Lara, die mit ihrem Vater und kleinem Bruder nach Brüssel zieht, um sich an einer renommierten Akademie zur Ballerina ausbilden zu lassen. Neben dem Einstieg in die neue Schule beschäftigt Lara vor allem die bevorstehende Hormonbehandlung. Denn mit ihrem 16. Geburtstag darf sie, die als Junge geboren wurde, aber sich schon immer als Mädchen gefühlt hat, endlich offiziell mit der Anpassung ihres biologischen Geschlechts beginnen. Dhonts großer Wurf besteht darin, dass er einen Film weniger über eine Transition, als, sehr viel subtiler und grundlegender, über einen Penis gemacht hat, findet unser Autor Philipp Stadelmaier. Und ist dabei vor allem von Victor Polster beeindruckt, dem kühnen Lara-Darsteller, der in Cannes mit dem Darsteller-Preis der Sektion „Un Certain Regard“ geehrt wurde und diesen erst annahm, als das Festival einwilligte, ihn geschlechtslos zu verleihen. Im Oktober ist „Girl“ als Special in der queerfilmnacht zu sehen, am 18. Oktober startet er regulär in den Kinos.

Foto: Universum Film

Ein Penis zu viel

von Philipp Stadelmaier

Victor Polster ist eine Frau. Das ist das Versprechen von „Girl“, dem ersten Langspielfilm von Lukas Dhont, das sich nicht auf die Person, den Schauspieler Victor Polster selbst bezieht, sondern auf Victor Polster, insofern er seinen Körper diesem Film vermacht. Ganz und gar, bis hin zu seinem Geschlecht. Das Plakat des Films, auf dem der Titel, „Girl“, gleich neben dem Gesicht von Lara auftaucht, verkörpert von Victor Polster, ist in dieser Hinsicht das Versprechen auf eine perfekte Mimesis, eine vollkommene Deckungsgleichheit von Victor und Mädchen, Polster und Frau, Schauspieler und Rolle.

Victor, das ist gleichzeitig der Name des fatalen Fluchs, der auf der 15-jährigen Lara liegt, ein Tabu-Wort, ein Name, der im Film niemals ausgesprochen werden darf, und ausgesprochen wird er dann doch nur einmal, von einem Kind, das nicht weiß, was es sagt und seine Worte im Zorn gewählt hat. Das Kind ist Laras Bruder, gemeinsam mit ihrem Vater, einem Taxifahrer, sind sie in eine größere belgische Stadt gezogen, damit Lara dort an einer renommierten Tanzschule ihre Ausbildung zur klassischen Balletttänzerin beginnen kann. Außerdem soll hier ihre Behandlung mit Hormonen, und später die Umwandlung ihres Penis in eine Vagina stattfinden. Laras Bruder kommt also auf eine neue Schule, hat dort Probleme, sich zurechtzufinden, und bedenkt daher, um sich zu rächen, Lara mit dem V-Wort. „Nenn mich nie wieder so“, warnt sie ihn.

Lara hieß also einmal Victor, aber sie ist nie er gewesen. Lara war immer schon Lara. Sie war immer schon eine Frau (im falschen Körper). Und dennoch gibt es diesen Victor – den Victor, der sie spielt. Der Fluch der Figur liegt darin, dass es den Körper eines (männlichen) Schauspielers braucht, um sie zu spielen. Der ihr vorausgeht, ebenso wie Victor Lara vorausging. Victor (der Schauspieler) opfert sich für sie auf, strebt die perfekte Imitation an, ohne etwas für sich selbst zurück zu behalten, und kann dabei dennoch nicht aufhören, zu stören. Er trägt eine Irritation in die Figur hinein. Nämlich einen Penis.

Man muss sagen, dass „Girl“ weniger ein Film ist, der sich um den Prozess der Geschlechtsanpassung dreht. Klar, das Thema ist zentral. Lara trifft sich mit Ärzten und mit einem Therapeuten, wird von ihrem Vater (großartig) dabei unterstützt. Aber dennoch ist sie, wie ihr Therapeut von Anfang an betont, längst ein Mädchen. Das Thema der „Umwandlung“ herauszustellen würde bedeuten, Laras männlichen Anteil zu naturalisieren, würde den Verdacht in den Raum stellen, dass ihr „wahres“ Geschlecht möglicherweise eben doch das männliche war, das nun operativ zu überwinden ist. Penis hin oder her: Lara ist ein Mädchen. Und dennoch ist dieser Penis da, und damit dieses etwas, was stört. Dhonts großer Wurf besteht nun darin, dass er einen Film weniger über eine Transition, als, sehr viel subtiler und grundlegender, über einen Penis gemacht hat. Womit er bei den Dingen ansetzt, die ein Geschlecht vermeintlicherweise überhaupt festlegen können; bei den Dingen, die aufgrund dieser Festlegung Leute dazu bringen können, dieses Geschlecht zu ändern.

Foto: Universum Film

Der Penis ist in „Girl“ kein Geschlechtsorgan. Er ist kein Marker irgendeiner Identität, weder einer biologischen noch eines sozial konstruierten Genders. Er ist schlicht und ergreifend ein Skandal, also etwas, was zu viel ist. Er ist eine Sache, um die man sich lästigerweise kümmern muss, wie um eine Missbildung oder ein Geschwulst. Letztlich ist er, als einfaches Ding, nicht mehr und nicht weniger als eine Vagina: „Girl“ könnte auch „Boy“ heißen und gerade die umgekehrte Geschichte, die von einem Transjungen erzählen. Den Penis, dieses Ding zu viel, das man einfach nur so schnell wie möglich verlieren möchte, kann man nur verstecken (Lara bindet ihn sich beim Tanzen ab, mit Klebestreifen, die sie sich später in einer schmerzhaften Prozedur wieder abziehen muss) oder aber man wird gezwungen, ihn herzuzeigen. Dies geschieht Lara in einer brutalen Szene, in der Lara von den anderen Hetero-Cis-Ballettschülerinnen bei einer Wochenend-Pyjama-Party dazu genötigt wird, „ihn“ zur allgemeinen Erheiterung doch mal auszupacken.

Es ist dies die einzige offensichtlich transphobe Szene des Films, jedoch überlagert von gängiger Teenie-Grausamkeit, die sich auf Außenseiter aller Art beziehen kann. Letztlich sagt man sich, dass das Mobbing in der Szene weit weniger stark ist als der auffällige Mangel an Sensibilität, den selbst in einer darauf folgenden Szene der wirklich vorbildliche und coole Vater bei allem Bemühen, seine Tochter zu trösten und zu unterstützen, an den Tag legt, indem er sie zur Aussprache drängt: „Was stimmt denn jetzt nicht?“ Anstatt durch die Betonung von Transphobie auch nur den Hauch einer vermeintlich objektiven und diskutablen Idee ins Spiel zu bringen, dass mit Lara irgendetwas nicht „normal“ sein könnte, geht Dhont den anderen Weg und beharrt darauf, dass es für die Situation von Transleuten wie Lara auch von wohlmeinender Seite aus niemals genug Sensibilität geben kann.

Foto: Universum Film

Das bedeutet keineswegs, dass der Regisseur selbst diese Sensibilität dann doch für sich in Anspruch nehmen und sich in der Rolle dessen, der alles besser weiß und fühlt, gefallen könnte. Im Gegenteil! Dhonts Sensibilität für Lara zeigt sich gerade anhand des genauen, kühlen, manchmal gemeinen Blicks, den er auf sie wirft. Er zeigt die aufgescheuerte Haut und die blutigen Wunden, die sie sich beim Tanzen zufügt; er zeigt sie beim Pinkeln, wobei der Spiegel ihren Kopf vom Rest des ausgeblendeten Körpers abtrennt wie im Kabinett eines Doktor Frankenstein. Dhont montiert einen Kopf auf einen Körper und stellt die Diagnose, dass der Kopf mit aller Gewalt einen Körper, der vielleicht (noch) gar nicht existiert, dazu zwingen will, eine Tänzerin zu werden. Lara tanzt also, erhobenen Hauptes, und Dhont schaut zu, scheinbar voller Hingabe; aber dann lässt er seine Kamera über den Boden gleiten, um zwischen den Beinen der anderen Schüler_innen hindurch kaltschnäuzig, aber vielleicht auch ein bisschen mitleidig, nicht den Moment zu verpassen, wie ein Fuß beim Spitztanz auf einmal umknickt. Ein Moment, den man im Zweifel verpasst und den Zweifel daran sät, ob Lara es körperlich wirklich schaffen kann, eine Ballerina zu werden. Und eine Frau.

Denn ihre Geschlechtsanpassung und das Tanzen sind ein und dasselbe – der Beginn der Hormontherapie fällt mit ihrer Aufnahme an der Schule zusammen. Ob sie es mit ihrem „kräftigen“ Körper schaffen wird, eine Ballerina zu werden, und ob sie es schaffen wird, eine Frau zu werden – es ist dieselbe Frage, die auf eine dritte verweist: Kann es der Schauspielers Victor Polster leisten, ein Mädchen zu verkörpern, kann er wie ein Mädchen tanzen? Die Tanzausbildung, die Lara durchläuft, entspricht dann auch Victors Vorbereitung auf seine Rolle in Dhonts Film. Wird er es schaffen, oder nicht? Er, als Mann?

Den Knüppel – es ist hier die passende Metapher: der Penis – , den Dhont seiner Figur zwischen die Beine wirft, ist der Körper des Schauspielers, der sie verkörpert, und der, in der Logik des Schauspiels in einem Spielfilm, das äußerste Limit jeglicher Transformation ihres Körpers bleiben wird. Das heißt aber auch: Der Penis im Film gehört zum Schauspieler Victor, nicht zu Figur Lara. Er ist dasjenige, was Schauspieler und Figur voneinander trennt. Er ist folglich das Zeichen für eine Trennung, nicht das distinktive Merkmal für irgendein Geschlecht.

Foto: Universum Film

Am Ende findet Lara zu einer radikalen Reaktion auf ihren verdammten Penis, der ihr zugestoßen ist und für den sie ebenso wenig etwas kann wie für den Schauspieler, der sie verkörpert, dann doch entledigen. Worin die Rache einer immer schon weiblichen Figur an ihrem männlichen Schauspieler und an ihrem Regisseur gesehen werden kann, sowie die definitive Trennung, die Emanzipation einer Figur von ihrem Schauspieler. Wenn Lara, die immer schon ein Mädchen war, diese Sache regelt, dann so, wie man es sich schon längst nicht mehr anders vorstellen konnte: nicht durch Hormone oder einen chirurgischen Eingriff, sondern spontan, unvermittelt, wie durch Magie. Lara schüttelt Victor ab, entsteigt dem Film und lebt fortan ihr eigenes Leben.




Girl
von Lukas Dhont
BE 2018, 105 Minuten, FSK 12,
deutsche Synchronfassung & Originalfassung mit deutschen Untertiteln,

Universum Film

Im Oktober in der queerfilmnacht.

Ab 18. Oktober hier im Kino.

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