Adam

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Neu im Salzgeber Club: Der 16-jährige Adam besucht seine lesbische Schwester in New York und hat große Erwartungen. Er will sich verlieben oder zumindest endlich mal Sex haben! Auf einer queeren Party funkt es zwischen ihm und Gillian. Doch die glaubt, dass er ein trans Mann ist. Für unseren Autor Stefan Hochgesand ist „Adam“ von „Transparent“-Regisseur Rhys Ernst nur vordergründig eine ungewöhnliche Verwechslungskomödie. Eigentlich erzählt der Film nach dem gleichnamigen Roman von Ariel Schrag mit viel Herz, wunderbar diversen Figuren und empowernden Momenten eine smarte queere Coming-of-Age-Geschichte.

Foto: Salzgeber

Diverse Wirrungen

von Stefan Hochgesand

Dieser Plot klingt sehr nach Risiken und Nebenwirkungen: Ein Typ von der Highschool, cis und hetero, gibt sich als trans College-Student aus, um eine lesbische Frau rumzukriegen. Das klingt nach einem richtig schlimmen, queerfeindlichen „American Pie“-Abklatsch. Wohl deshalb gab es aus der Queer-Community heraus Boykott-Aufrufe gegen „Adam“ – vermutlich hauptsächlich von Leuten, die den Film niemals gesehen haben. Denn den Plot auf die eingangs skizzierte Weise zusammenzuraffen, wäre schon grob sinnentstellend – und täte „Adam“ absolut Unrecht. Denn der trans Regisseur Ernst Rhys erzählt in „Adam“ unter den Vorzeichen der Verwechslungskomödie eine kluge, liebevolle Story über einen sensiblen, verunsicherten hetero Jungen, der als Dorfkind nach New York kommt. Dort wird ein Sommer im queeren Freundeskreis der Schwester seine Augen und sein Herz öffnen. Dabei begeht er folgenreiche Fehler, nicht aus Bosheit, sondern aus Naivität. Diese Fehler feiert der Film nicht ab, sondern problematisiert sie angemessen.

Aber der Reihe nach: Viele Menschen, die zum ersten Mal New York sehen, sagen das ja: dass ihnen die Stadt seltsam vertraut erscheine. Als wären sie, durch all die New-York-Filme, die sie gesehen haben, irgendwie schon hier gewesen, viele Male schon. Adam, mit 16 am Ende der Highschool, hat nicht wirklich einen Plan von New York, als er dort ankommt. Er weiß aber: Ein Sommer (es ist der Sommer 2006) bei der Schwester in Brooklyn verheißt mehr Abenteuer als ein Urlaub mit den Eltern. Die blechen sogar für Adams Gästezimmer, das kaum mehr ist als eine Abstellkammer mit Matratze drin. New York, New York! Dass die Schwester, Casey, den Eltern einen imaginären Boyfriend vorschützt, weiß Adam allerdings. In Wahrheit interessiert sie sich für Frauen.

Adam ist solch ein Neuling auf diesem Gebiet, Queerness, und holt sicher auch ein hetero Publikum gut ab mit seinem minimalen Kenntnisstand. Doch Adams Schwester nimmt ihn mit in ihre Kreise. Bei einem queeren Videoabend, bei dem man sich gemeinsam an der lesbischen Serie „The L Word“ (2004-09) erheitert, ist Adam dann doch schnell überfordert, als eine Person, die er eben noch als lesbisch gelesen hat, sich als trans Typ herausstellt: „You’re a guy? I thought you were gay?“ Casey gibt ihrem naiven kleinen Bruderherz Zeichen, lieber die Klappe zu halten. Auf dem Nachhauseweg kommt er aber doch noch mal darauf zurück: Die Person sei ja kein richtiger Typ, schließlich fehle ihr der Penis. „Trans guys are real guys“, kontert Schwester Casey, so als müsste sie J.K. Rowling überzeugen. Und sie selbst, Casey, ist sie nicht etwa lesbisch? „I’m queer, whatever!“

Adam findet Eintritt in die queere Welt, kommt mit in den Dyke-Club und geht mit auf eine Demo – um klarzustellen, dass er selbst nicht heiratet, bis seine Schwester auch darf. Wobei es selbst da komplizierter wird: Klar, die alten Damen mit ihren Schildern „God Hates Fags“, das sind die Gegnerinnen. Aber offenbar demonstrieren hier auch Queers gegen die Ehe für alle – weil sie ein Hetero-Konstrukt sei und die Queers ihre Prioritäten lieber auf Themen wie Armut und Migration setzten sollten statt auf dekorative Hochzeitsfeierlichkeiten. Auf solche Weisen zeigt der Film „Adam“ recht oft: Die queere Welt ist ganz divers, sie hat sehr viele Stimmen.

Foto: Salzgeber

Auf der Demo erblickt Adam erstmals Gillian, kurze Zeit später sieht man sich auf einer Party wieder, wo Adam ihr einen Drink über das Regenbogen-Outfit kippt. Weil alle auf der Party so queer sind und Adam offenbar, bei aller charmanten Weirdo-Verpeiltheit, Interesse an Gillian zeigt, geht die kurzerhand davon aus, Adam müsse wohl ein trans Mann sein. Adam, überrumpelt, widerspricht nicht. Mehr noch, er beginnt, aktiv zu lügen: Er sei 20 (statt 16) und studiere in Berkeley. Auf dem Klo probt er in verschiedensten Tonlagen, seine Lüge zu beichten – was er sich dann aber, erst mal, doch nicht traut. Stattdessen googelt Adam „I think I’m a trans man”, um Fragen nach seiner vermeintlichen trans Identität beantworten zu können. Dabei sieht er sich Videos von trans Menschen an. Sein Wissen und sein Verständnis wachsen. Trotzdem ergeben sich bei den Dates von Gillian und Adam, der, heillos überfordert, fortwährend mit seinen Augen und mit seinen Lippen zuckt, immer wieder Situationen, in denen Gillian zu Recht misstrauisch wird.

„Adam“ hat einen wunderbar diversen Cast. Gillian, im Film eine bisexuelle Frau, wird etwa gespielt von Bobbi Salvör Menuez, die sich als nicht-binär trans definiert. Der trans Schauspieler Leo Shen spielt Ethan, der Adams bester Kumpel in Brooklyn wird, er gelt ihm die Haare, geht mit ihm ins Kino zum Filmquiz und leiht ihm Hemden für die Dates mit Gillian. „Adam“ zeigt zauberschön empowernde Momente in der queeren Clique, etwa wenn man zusammen „Shameless“ von Ani DiFranco in der Karaokebar freudenkreischt. Kurz darauf liegt man weinend auf der Couch, nachdem der Mord an einer trans Frau im Fernsehen gemeldet wurde. Das Private wird politisch und wird wiederum privat.

Foto: Salzgeber

Manche mögen sich an „Man on the Land“ erinnern, die neunte Folge aus der zweiten Staffel der tragikomischen Amazon-Serie „Transparent“, an der Regisseur Rhys Ernst ebenfalls gearbeitet hat: Auf dem Michfest, einem feministischen Musikfestival, das es real von 1976 bis 2015 gab, sind trans Frauen unerwünscht, sehr zum Leidtragen der trans Protagonistin Maura Pepperman. „Adam“ nun begibt sich nicht zum Michfest, sondern zur Protestveranstaltung gegen diese transfeindliche Women-born-Women-Politik: dem Camp Trans, direkt neben dem Michfest. Dort hat etwa Mj Rodriguez (bekannt als Blanca aus der genialen Netflix-Voguing-Serie „Pose“) als Emma einen zwar nur kurzen, aber ganz fantastisch selbstermächtigenden Auftritt. So erzählt „Adam“ auch ein Stück vom Trans Rights Movement, das sogar manchen Lesben, manchen Feministinnen zuwider war oder auch ist.

Für Gillian und Adam kommt es hier zum hochemotionalem Kammerspiel-beziehungsweise Nadelwald-Showdown. Sowieso: „Adam“ lebt von seinen Dialogen unter vier Augen. Was unter den Vorzeichen einer Verwechslungskomödie begann, entpuppt sich als verblüffend einfühlsamer Film. Ein Film, der sowohl ein hetero Publikum abholt als auch den Queers einen Sommer in dieser Brooklyn-Bubble gönnt, wo sie, die Queers, dann mal die Mehrheit bilden. Ein Gedankenexperiment darüber, wie es wohl wäre, als Hetero so sehr Outsider zu sein, dass man eine falsche Fassade aufziehen würde. Adam verlässt diesen Sommer als ein Anderer. Er hat verstanden, dass Queerness keine Jacke ist, die man nach Laune an- und auszieht. Sondern dass sie an die Existenz geht.




Adam
von Rhys Ernst
US 2019, 95 Minuten, FSK 16,

englische OF mit deutschen UT,
Salzgeber

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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