Trübe Wolken

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Der 17-jährige Paul interessiert sich für seltsame Dinge: für Schleichpfade und verlassene Gebäude, geflüsterte Gespräche und liegengelassene Taschen. Ansonsten hat der stille Einzelgänger scheinbar keine Eigenschaften. Auf seine Mitschülerin Dala und seinen kunstsinnigen Lehrer Bulwer übt er gerade deswegen eine merkwürdige Faszination aus. Bis eines Tages ein Jugendlicher tot im Wald aufgefunden wird… Nebel, Dunst und dunkler Schauer. In Christian Schäfers vielschichtigem Regiedebüt „Trübe Wolken“, der ab 24.02. im Kino läuft, bricht sich das Unheimliche vom Grund der tristen Normalität eines grauen Provinzstädtchens unaufhaltsam Bahn. Stefan Hochgesand folgt dem Coming-of-Age-Thriller über Genregrenzen hinweg, auf falsche und richtige Fährten und durch Falltüren hindurch.

Foto: Salzgeber

Die Innenseite des Außenseiters

von Stefan Hochgesand

„Ich glaub’s ja nicht“, sagt David, splitterfasernackt, unter der Sportvereins-Dusche, mit gespielter Empörung, aber strahlend, als Paul ihn hemmungslos anstarrt. „Guck weg, Alter!“, schiebt David hinterher, und es wirkt eher so, als würde er sich das Gegenteil davon wünschen. Was für ein Erstkontakt, was für ein Kennenlernen! „David übrigens“, sagt David. „Und wie darf ich dich nennen – Voyeur?“ Wobei durch die spezielle, sinnliche Art, wie David die Frage intoniert, offen bleibt, ob „Voyeur“ schon Davids Idee dazu ist, wie er Paul fortan nennen will.

Passen würde es ja, denn David hat eine Passion dafür, sich Dinge anzusehen, die nicht direkt für seine Augen bestimmt sind: Kurz bevor er sich zu David in die Dusche geschlichen hat, hatte er seine Finger schon in einer fremden Tasche in der Umkleidekabine. Ein Stoffhase und Seifenblasen waren drin. „Magst du mein Guide sein?“, fragt David, frisch auf dem Dorfe, Paul. Denn Paul, das versteht auch David rasch, kennt sich aus mit Trampelpfaden im Wald. Und womöglich ja mit sehr viel mehr noch. Ob Paul wirklich Davids Guide sein will (und welche Gefahr das bedeuten könnte), das bleibt aber erst mal offen: Wie nach so vielen Dialogen in „Trübe Wolken“ kommen am Ende einer Szene oft mehr neue Fragen hinzu als zuvor beantwortet worden wären. Viele Gespräche enden im Rätselhaften: Ist Gefahr im Verzug? Die Charaktere haben groteske Arten, aufeinander zu reagieren, bei denen man sich oft augen- und ohrenreibend fasziniert fragt: Ist das extrem künstlich? Oder reden wir tatsächlich oft so miteinander oder besser gesagt: aneinander vorbei?

Missglückte Kommunikation ist ein zentrales Thema des Films. Paradigmatisch dafür steht der Esstisch der Familie Nebe, also von Pauls Papa Per-Ulrich, Pauls Stiefmutter Sylvia und Pauls Bruder Silas. Allein dieser Name schon: Nebe! Einerseits eine Familie von nebenan, andererseits auch Leute, die im Nebel stehen und stochern. „Trübe Wolken“ halt. Während Teenager Silas beim „gemeinsamen“ Abendbrot lieber im Handyscreen versinkt („Willkommen im 21 Jahrhundert!“) oder das Austern-Omelett degoutiert („Wäh!“), schmiedet Sylvia Jackett-Outfit-Pläne fürs baldige Dinner mit verhassten Bekannten, und Per-Ulrich liest aus der Zeitung eine Polizei-Meldung vor: tödlicher Unfall. Schon wieder habe jemand von der Autobahnbrücke Steine geworfen, am Freitag. Paul wirkt, wie so oft, recht teilnahmslos. „Wo warst du eigentlich am Freitag?“, will Sylvia von Paul wissen. Schwingt da ein Verdacht mit? Ist Paul der ominöse Steinewerfer, der das Dorf nervlich auf Trab hält? Nach außen hin ist Paul ein unscheinbarer Niceguy. Was in seinem Inneren los ist, gibt zunehmend Rätsel auf.

Ja, die Sicht trübt sich fast so, als flögen wir durch Wolken. „Trübe Wolken“ changiert meisterhaft (weil: immer spannungsvoll) zwischen Plot-Antrieb und Plot-Verweigerung: Direkt in der ersten Szene sahen wir, im Dunkeln, wie jemand einen Stein warf, auf ein Auto, von der Brücke aus. Der Krimiplot ward eröffnet. Doch dann folgen wir erstmal David durch rätselhafte Szenerien. Alltagsszenerien, leicht neben der Spur. Etwa wenn er sich durch eine nur angelehnte Schiebefenstertür in ein Haus an ein hölzernes Yamaha-Klavier schleicht – und dann zu einer alten Frau, die schläft, ans Bett, nachdem er Briefe von ihr durchgelesen hat. Oder auch im schon erwähnten Provinz-Sportverein, wo Paul neben der Schule jobbt und wo man für Wandern, Kajak und Grillfeste brennt. Oder in der Schule, wo wir erfahren, dass ein Junge offenbar zu Tode kam. „Passen Sie gut auf sich auf, mein Junge“, mahnt der Schuldirektor Paul. Dann sind da noch der Text-Bild-Projektkurs, wo Paul mit seiner neblig-modernen Lyrik den Lehrer Bulwer für sich einnimmt und vernebelt, und die Theater-AG, wo Paul aus einer der hinteren Reihen seine Mitschülerin Dala beim Schauspiel beobachtet. Schnell mutet uns „Trübe Wolken“ eine Vielzahl an Settings zu; wir sehen Paul allein im Mischwald, über Bahngleise und durch Ruinen streunend – oder auch mal mit der Brechstange gefährlich nah an einem niedlichen Hamster. Was diese Vielzahl tragikomischer und immer Suspense-geladener Settings und Szenen zusammenhält, ist die Frage: „Wer ist eigentlich Paul?“ Mal wird er mit dem Vater verwechselt (sogar von der eigenen Stiefmutter, die zu ihm ins Bad drängt und ihm „zur Hand gehen“ will), mal glauben Leute, dass sie Paul von woanders schon kennen, was der aber negiert. Die Schauspiellehrerin, die es ja wissen muss, sie findet Pauls Gesichtsausdruck: „neutral“. Also: allerlei Interpretationsspielraum für die Außenwelt. Wie ist die Innenseite dieses Außenseiters?

Foto: Salzgeber

Ganz und gar nicht neutral bleibt Paul hingegen, als Dala aus der Theater-AG, mit der sich eine Liebschaft anbahnt, in sein Zimmer will: Paul packt sie grob, ja, aggressiv beim Handgelenk, als sie die Klinke seiner Zimmertür ergreifen will. Er, der sonst überall ohne Erlaubnis hineinspäht, dreht durch, als Dala bei ihm Einblicke erhaschen will. Bei diesem „Niceguy“ schlummern Psycho-Abgründe im Nebel. Hatte er auch was mit dem toten Mitschüler David im Wald zu schaffen, dessen Guide er sein sollte? Die Lage wird immer verzwickter und komplexer, da Dala und auch der Lehrer Bulwer ihre ganz eigenen Phantasien auf Paul, die perfekte Projektionsfläche, projizieren. Aber auch am Esstisch mit der Familie kippen groteske Gespräche (bei denen man im Nu vom Hackbraten zu „Reichsgletscherspalte“ Leni Riefenstahl driftet oder umgekehrt) im Heimischen oft ins Unheimliche, subtil, oft still in Szene gesetzt und herausragend fotografiert: bedrohlich, aber dabei niemals überbordend plakativ. Manchmal auch mit komischer Auflösung, etwa wenn ein Messer dann am Ende der Szene doch nur dazu dient, den Granatapfel zu halbieren. Oder umgekehrt: eine harmlos-ulkige Zahnputz-Szene, an deren Ende die Frage bleibt, ob Paul die Zahnpasta vergiftet hat.

Foto: Salzgeber

„Trübe Wolken“ ist ein faszinierendes, mitunter böses Spiel mit falschen und richtigen Fährten und auch voller Falltüren. Herkömmliche Genregrenzen werden demontiert. Regisseur Christian Schäfer nennt für seinen Debüt-Kinofilm sowohl „Nosferatu“-Horror als auch Gus Van Sant als Vorbilder. Das passt. Wer auf Sicht fliegt, braucht einen guten Kompass und auch einen klaren Horizont. Beides entreißt uns dieser großartige Film immer wieder. „Trübe Wolken“ ist ein Verwirrspiel mit der mörderischen Frage, wer hier eigentlich wem folgt – und wen verfolgt. Wer manipuliert hier wen? Wer vertraut sich wem an und was riskiert er dabei? Man kann auch an Gregor Schmidingers Post-Gay-Psychothriller „Nevrland“ (2017) oder Michael Hanekes „Benny‘s Video“ (1992) denken, obwohl dort zugegebenermaßen deutlich mehr Blut fließt; aber auch Paul hantiert gerne tabulos mit Kameras. In „Trübe Wolken“ wackeln gen Ende hin ganz schön die Balken, während wir Lichtreflexe, durchs Wasser gespiegelt, in einem alten Gemäuer sehen. Jemand strauchelt. Pokerface-Paul-Hauptdarsteller Jonas Holdenrieder (der dem vorgeblich neutralen Paul eben doch Gesichter und Stimmen gibt, bei denen man merkt, es brodelt hinter der Fassade sehr in ihm) ist eine phantastische Besetzung, und wir werden sicher noch viel von ihm sehen – das ist dann mal nicht wolkigtrüb, sondern glasklar. „Guck weg, Alter“, hat David am Anfang, splitterfasernackt, unter der Dusche zu Paul gesagt. Aber natürlich gucken wir nicht weg bei „Trübe Wolken“, sondern sehr gebannt hin – vielleicht ja gerade, wie Paul, weil wir es nicht sollten.




Trübe Wolken
von Christian Schäfer
DE 2021, 104 Minuten, FSK 12
deutsche OF,
Salzgeber

Ab 24. Februar im Kino.

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