The History of Sound

Trailer • Queerfilmnacht

Paul Mescal und Josh O’Connor als heimliches Liebespaar: Für „The History of Sound“ hat Regisseur Oliver Hermanus („Moffie“) eine Traumbesetzung für die beiden Hauptrollen verpflichten können. Doch das Liebesdrama um zwei musikbegeisterte Studenten zu Zeiten des Ersten Weltkriegs hat noch viele andere Qualitäten: „intensiv, traurig und wunderschön“, schreibt Andreas Köhnemann.

Bild: Universal Pictures Germany

Erinnerungen an eine Liebe

von Andreas Köhnemann

Die Filme des 1983 in Kapstadt geborenen Regisseurs Oliver Hermanus sind stets von Melancholie durchdrungen. So erzählt er etwa in „Beauty“ (2011) vom heimlichen schwulen Begehren eines älteren Mannes, in Moffie“ (2019) von der Liebe zwischen zwei Soldaten zur Zeit der Apartheid und in „Living – Einmal wirklich leben“ (2022) von einem Londoner Büroleiter, der seine Existenz im Angesicht des Todes zu überdenken beginnt. Hermanus setzt auf ruhiges Tempo, auf zurückhaltendes Schauspiel – und kombiniert das Stille, Bedachte mit einer epischen Bildsprache. Dadurch lässt er uns in den Finessen der Kameraführung, Ausleuchtung und Montage all die brodelnden Emotionen spüren, die seine Figuren nicht artikulieren. Oft fühlt sich das Gezeigte so an, als träfe die zarte Präzision einer Kelly Reichardt auf die visuelle Hingabe ans Große, Poetische eines Terrence Malick, um letztlich etwas ganz Eigenes, unaufgeregt Wuchtiges zu werden.

Auch Hermanus’ aktueller Film „The History of Sound“ ist zugleich verhalten und intensiv, traurig und wunderschön. Ein Drama, das einen trotz der leisen Tragik immer wieder strahlen lässt, weil kein noch so dunkler Schatten den vermittelten Gefühlen ihren Glanz rauben kann. Auf Basis zweier zusammenhängender Kurzgeschichten des Schriftstellers Ben Shattuck, der zudem das Drehbuch beigesteuert hat, begleitet Hermanus zwei junge Akademiker, die amerikanische Volkslieder sammeln, damit diese für die Nachwelt erhalten bleiben. Allein, wenn wir den beiden Männern beim Zuhören und Versunkensein zuschauen, lassen sich in ihren Gesichtern so viele innere Bewegungen erkennen, die das Skript höchstens anzudeuten braucht.

Im Jahr 1917 lernt der auf einer Farm in Kentucky aufgewachsene Lionel (Paul Mescal) den Komponisten David (Josh O’Connor) in einer Bar kennen. Die beiden studieren am Konservatorium von Boston. Es ist die geteilte Leidenschaft für Folkmusik, die ihre bald schon sehr enge Verbindung einleitet. Wie uns Lionel zu Beginn via Voiceover schildert, nimmt er Töne auf außergewöhnliche Weise wahr, da er sie auch sehen und schmecken kann. Als David am Klavier eine Melodie spielt, die Lionel an seine Kindheitstage mit seinem Vater erinnert, kommen sie ins Gespräch. David kann den schüchternen Lionel gar zum Singen animieren. Die Sequenz ist ein absolut hinreißendes Meet-Cute, wie aus einer MGM-Produktion der Classical-Hollywood-Ära. Nur eben zwischen zwei Männern im frühen 20. Jahrhundert – und deshalb weniger offenkundig flirty.

Die beiden gehen rasch eine intime Beziehung ein, bis David als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen muss. Als er zurückkehrt und an einem College in Maine tätig wird, treten sie auf Davids Vorschlag hin eine gemeinsame Recherchereise durch Neuengland an: Mit einem Phonographen wollen sie Volkslieder aufnehmen und so in musikalischer Form ein Stück der amerikanischen Geschichte erfassen. Die Lieder, die sie in zahlreichen kleinen Gemeinden im ländlichen Raum auf Wachszylindern festhalten, entsprechen in ihrer Art dem Stil des Regisseurs: Sie kommen unaufdringlich und sanft daher, beinhalten aber die ganz großen, emotionalen, existenziellen Themen, deren Tragweite in den Stimmen der Singenden bei aller Milde durchklingt.

Mit ihrer Konservierungs- und Katalogisierungsarbeit bewirken Lionel und David, dass etwas Wertvolles nicht in Vergessenheit gerät und Generationen überdauern kann. Sie ermöglichen den Liedern und den darin erzählten Geschichten ein Fortbestehen – wie auch den darin steckenden Gefühlen.

Bild: Universal Pictures Germany

Der Liebe zwischen den beiden Männern scheint das jedoch nicht vergönnt zu sein. Ihr ist von vornherein ein klares Ende, sogar eine Negierung eingeschrieben: Nur im Verborgenen darf sie für eine Weile als flüchtige Phase stattfinden – im Wissen, dass Lionel und David in naher Zukunft getrennt voneinander ein anderes Leben im Einklang mit der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft einschlagen müssen. Eine auffindbare Spur dieser Liebe ist deshalb nicht vorgesehen.

„Beunruhigt es dich, was wir so machen?“, heißt es an einer Stelle, nachdem die beiden ihr körperliches Verhältnis im Schutz der Wälder wieder haben aufleben lassen. Die Antwort fällt knapp aus. Lionel und David reden nicht viel. Dennoch unterscheiden sie sich etwa von den wortkargen Cowboys aus Ang Lees „Brokeback Mountain“ (2005). Denn sie wirken nicht so, als hätten sie grundsätzlich keinen Zugang zu ihren Empfindungen. Sie entscheiden sich jedoch bewusst dazu, die äußere Ruhe nicht durch einen aktiven Kampf um ihre Liebe zueinander zu stören.

Bild: Universal Pictures Germany

Während Lionel den Part der Identifikationsfigur übernimmt, aus deren Perspektive wir die Geschehnisse beobachten und der wir später durch weitere Lebensstationen in Rom und Oxford folgen, hat David stets etwas Enigmatisches an sich. Sein Charisma und sein zuweilen unbekümmert anmutendes Auftreten lassen es lange Zeit kaum zu, über die psychischen Konsequenzen seiner schmerzhaften familiären Erfahrungen, seines Kriegstraumas und der verpassten Chance seiner Liebe zu Lionel nachzudenken. David erscheint als Mensch, der alles Aufwühlende sicher verschließen kann – bis zu einem Punkt, an dem das nicht länger aushaltbar ist. Auch diese finale Wendung erzählt „The History of Sound“ nicht in einem hochdramatischen Tonfall, sondern als elegische Erkenntnis, die einen der beiden einsam zurücklässt – voller Wehmut, aber zugleich erfüllt von Erinnerungen, die ihm niemand je nehmen kann.

Mit Paul Mescal und Josh O’Connor hat Hermanus die Hauptrollen mit zwei der aktuell angesagtesten Jungstars besetzt, die beide schon einen tiefen Eindruck im queeren Kino hinterlassen haben (Mescal etwa mit „All of Us Strangers“; O’Connor zum Beispiel mit „God’s Own Country“) und hier eine fabelhafte Chemie entwickeln. Ihr Spiel ist behutsam, ihre Blicke sind prägnant. Sie verkörpern zwei Männer, die nur eine begrenzte Zeit miteinander hatten. Und sie lassen uns nachvollziehen, weshalb diese kurze Zeit so bedeutsam war und unvergesslich bleiben wird.




The History of Sound
von Oliver Hermanus
USA, UK, 127 Minuten, FSK 6
deutsche SF; englische OF mit deutschen UT