Label Me

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Das Verhältnis zwischen dem geflüchteten Syrer Waseem und seinem deutschen Freier Lars ist klar geregelt. Und doch verändert sich ihre Beziehung im Laufe ihrer sexuellen Begegnungen. Es kommt zu einer Annäherung, die zur Gefahr in der harten Lebensrealität von Waseems Unterkunft wird. Nachwuchsregisseur Kai Kreuser, einer der Macher der queeren Webserie „Kuntergrau“, wurde im vergangenen Jahr für „Label Me“ mit dem Max Ophüls Preis für den Besten mittelangen Film ausgezeichnet. Zusammen mit „Bester Mann“ von Florian Forsch ist seine prägnante Charakterstudie ab sofort im Salzgeber Club zu sehen. Axel Schock über einen klug nuancierten Abschlussfilm.

Foto: Edition Salzgeber

Risse in der Mauer

von Axel Schock

„Ich ficke dich, solange du es aushältst. Du kommst. Ich bekomme mein Geld. Ich gehe.“ So kalt und abweisend, wie sich Waseem in seinem Job gibt, dürfte er es in dieser Branche auf lange Sicht schwer haben. Freundlichkeit ist nicht seine Sache, kühl und reserviert geht er bei seinen Kunden auf Distanz und macht unmissverständlich seine Regeln klar. Für Smalltalk ist er auch nicht zu haben.

Lars aber ist von diesem wortkargen Kerl fasziniert und nimmt immer wieder seine Dienste in Anspruch. Er versucht Nähe zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und diese Mauer des Schweigens, Waseems Schutzwall gegenüber der verinnerlichten Homophobie, einzureißen. So leicht ist der bärtige Mann jedoch nicht zu knacken. Auch die Neugierde seines Freiers lässt er sich bezahlen, jede beantwortete Frage mit 20 Euro. Ob er einfach nur geschäftstüchtig ist, er Lars testen oder mit ihm spielen will, bleibt offen.

Ohnehin spart Regisseur Kai Kreuser, Jahrgang 1993, in „Label Me“ vieles aus: all die Klischees und Stereotype im Zusammenhang mit Sexarbeit, Asylsuchenden und Homosexualität bei Muslimen, aber auch Details zu seinen beiden Hauptfiguren. Was der offensichtlich wohlhabende Lars beruflich eigentlich macht, ob er Freunde hat – das bleibt für den Zuschauer ebenso ein Geheimnis wie die Lebensgeschichte Waseems. In Aleppo habe er Musik studiert, über seine Flucht auf dem Boot mag er nichts erzählen, wirklich Angst mache ihm vor allem das Leben hier, sagt er.

Die Lebenswirklichkeiten könnten also kaum unterschiedlicher sein: hier das geräumige Luxusloft mit nüchterner Sichtbetonästhetik und Designermobiliar, dort das beengte Zimmer in einer abgelegenen Flüchtlingsunterkunft, wo es weder Ruhe noch Privatsphäre gibt. Als Waseem ein paar Stunden allein in Lars‘ Wohnung verbringen muss, nutzt er die Gelegenheit, packt zusammen, was ihm wertvoll erscheint – um dann doch auf Lars zu warten. Den geplanten Diebstahl verheimlicht er nicht mal. Im Gegenteil, er spielt mit offenen Karten: „Das Zeug zu verkaufen hätte mir mehr Mühe gemacht, als dich zu ficken“.

Foto: Edition Salzgeber

In einem Skizzenbuch von Lars voller erotischer Zeichnungen hat Waseem ein Bild von sich entdeckt. Es zeigt nicht etwa seinen Schwanz oder seinen Körper, sondern sein Gesicht. Waseem sieht sich nicht bloß als Ware, sondern als Mensch, als Individuum wahrgenommen. Und ab diesem Moment bekommt die Mauer zwischen den beiden tatsächlich erste Risse.

Doch Kreuser ist klug genug, seine bis dahin so ökonomisch erzählte, vielschichtige Charakterstudie nicht für ein schnelles Happy End preiszugeben. Als Waseem im Asylbewerberheim Augenzeuge eines homophoben sexuellen Übergriffs wird, macht Kreuser unaufdringlich und ohne viele Worte deutlich, weshalb für den in einer arabisch-muslimischen Gesellschaft aufgewachsenen Mann ein Coming-out oder eine schwule Identität nach westlicher Vorstellung – noch – undenkbar sind. Das berührend-schöne Schlussbild aber ist voller Zartheit und Melancholie, hoffnungs- und verheißungsvoll.

Foto: Edition Salzgeber

„Label Me“ wirkt wie ein großes Versprechen für Kreusers ersten Langfilm. Wie er hier das labile zwischenmenschliche Verhältnis zwischen Waseem und Lars nuanciert entwickelt hat und die beiden theatererfahrenden Hauptdarsteller zu führen versteht, hat unter anderem auch die Jury des Max Ophüls Preises überzeugt. Seinen Abschlussfilm an der internationalen filmschule köln wurde 2019 in Saarbrücken als Bester mittellanger Film ausgezeichnet. Eine frühe, ebenfalls mehrfach prämierte Talentprobe Kreusers ist übrigens online zu entdecken: die queere Webserie „Kuntergrau“.




Label Me
von Kai Kreuser
DE 2019, 60 Minuten, FSK 16,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

vimeo on demand

VoD: € 3,90 (Ausleihen)

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