Bester Mann

TrailerDVD / VoD

Gemobbt zu werden ist für den schüchternen Teenager Kevin Alltag. Eines Tages kommt ihm ein Unbekannter auf einem Motorrad zu Hilfe. Kevin ist fasziniert von Bennie, der ihm erzählt, dass er als Talentscout arbeitet und professionell Fotos macht. Und er freut sich zunächst, dass Bennie auch ihn fotografieren will. Doch die Bilder werden viel freizügiger, als der Junge gedacht hat… Florian Forschs mittellanger Film erzählt eine Geschichte über Missbrauch, die Verletzlichkeit von Jugend und darüber, wie gut sich organisiertes Verbrechen hinter einer einfachen Ideologie verbergen lässt. „Bester Mann“ wurde 2018 mit den Max Ophüls Preis ausgezeichnet, war für den Österreichischen Filmpreis nominiert und ist zusammen mit „Label Me“ von Kai Kreuser im Salzgeber Club zu sehen sowie nun auf DVD erschienen. Rajko Burchardt über einen eindrucksvollen Film voller Abgründe.

Foto: Edition Salzgeber

Der falsche Freund

von Rajko Burchardt

Kevin ist ein Außenseiter. Von anderen Jungs wird er drangsaliert und erniedrigt. Eines Nachmittags trifft er sich mit zwei „Kumpels“ an einem gigantischen Staudamm. Die beiden anderen wollen Gras rauchen, das Kevin besorgt hat. Die Augen des Teenagers beginnen zu leuchten: Wie schön wäre jetzt Wertschätzung! Wie schön wäre es, Teil der Gruppe zu sein! Aus Kevins Blicken spricht tiefe Sehnsucht: Könnte er doch einmal anerkannt werden, anstatt geschlagen und beklaut. „Bester Mann“ von Florian Forsch beginnt niederschmetternd – als Geschichte einer Demütigung.

Als die brutalen Jungs sich aus dem Staub gemacht haben, begegnet Kevin zufällig Benny. Der unbekannte Blonde ist ein gut aussehender Typ, vielleicht Ende 20, mit Lederjacke und Motorrad. Er bietet an, Kevins demoliertes Bike auf Vordermann zu bringen, er wohne ganz in der Nähe. Die Fahrt dahin ist für Kevin aufregend, denn sie führt ins Ungewisse. Fest umklammert der schüchterne Teenager den Sicherheit ausstrahlenden Benny, nimmt seinen Nacken ins Visier, wirft ihm unbemerkt ein Lächeln zu. Auf dem Weg kreuzen sie die Bullys, zahlen es den „Wichsern“ mit einem Manöver heim. Momente der Genugtuung, Momente der Verbrüderung.

Bennys Retter in der Not wohnt entlegen auf einem malerisch anmutenden Grundstück mit Teich und Steg, in einer Hütte wie aus einem Märchen. Neben der Eingangstür des kleinen Waldhäuschens prangt ein Firmenschild, am Hinterausgang weht eine Deutschlandfahne. Kevins Aufmerksamkeit gilt sofort den Turnschuhen, die sich in der ganzen Hütte stapeln. Benny erzählt dem neugierig fragenden Gast, dass er als Talentscout arbeite. Ihm sei gerade ein wichtiges Model abgesprungen, das müsse er jetzt „dem Kunden beibringen“. Die scheinbar beiläufige Information wird Kevin später motivieren, selbst für Benny vor der Kamera stehen zu wollen.

Dem Jungen fehlen Erfahrung und Reife, die Warnzeichen richtig zu deuten. Kevin imponieren das selbstsichere Auftreten, die vorgebliche Unabhängigkeit, der schicke Lebensstil des Fremden. Er fühlt sich von Benny ernst genommen und akzeptiert. Das ist Teil einer Strategie, die im Englischen „Grooming“ genannt wird: Benny bereitet Kevins sexuellen Missbrauch vor, er gewinnt Vertrauen, indem er ihm vermeintliche Aufmerksamkeit schenkt. Was zugleich heißt, dass er auf kalkulierte Distanz geht, um eine gleichwertige Beziehung zu suggerieren. Der Täter vermittelt dem Opfer ein Gefühl autonomen Handelns. So bittet ihm Kevin auch bald an, für ihn posieren zu „dürfen“. Am Ende wird Benny sagen, der Junge habe es so gewollt. Und Kevin wird es glauben.

Foto: Edition Salzgeber

Forschs Film bekommt die spezielle Perfidie der „Grooming“-Methode ebenso eindrucksvoll veranschaulicht wie unterschiedliche Facetten von Missbrauch. Benny macht dem Jungen Geschenke und Komplimente, spielt mit dessen Neugier, nutzt sein Verlangen nach Nähe und Zuneigung gnadenlos aus. Er verstrickt das Opfer in eine emotionale Abhängigkeit, die ihn seine Grenzüberschreitungen falsch bewerten lassen soll. Kevin läuft irgendwann zwar davon, als ihm das freizügige Fotoshooting unangenehm wird. Aber er kehrt von sich aus wieder zurück, um einen Neuversuch zu starten. Die Angst, er könnte seinen „Beschützer“ enttäuschen, ist größer als die Skepsis über dessen kriminelles Verhalten. Benny hat den Jungen in einen fatalen Schuldkomplex verstrickt. Kevin ist Benny jetzt ausgeliefert.

Foto: Edition Salzgeber

An diesem Punkt spinnt der 2018 mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnete Film seine wahrlich abgründige Geschichte weiter. „Bester Mann“ erzählt von Täuschung und Wehrlosigkeit – und davon, wie es auf schreckliche Art gelingen kann, Ausbeutung umzudeuten. Vor allem schildert der Film aber die hochgradig komplizierte Trauer des Opfers über den Missbrauch eines Machtverhältnisses, der auch den Verlust von Nähe zum Täter markiert. Das gewagte Schlussbild versucht dieser Gefühlslage einen angemessen ambivalenten Ausdruck zu verleihen. „Bester Mann“ wirft unangenehme Fragen auf, die zu bedenken und zu diskutieren sich unbedingt lohnt.




Bester Mann
von Florian Forsch
DE/AT 2018, 44 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 3,90 (Ausleihen) / € 7,90 (Kaufen)

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