Bent

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Ab 14. Mai ist der queere Klassiker „Bent“ aus dem Jahr 1997 in digital restaurierter Fassung im Salzgeber Club zu sehen. In seiner Verfilmung von Martin Shermans bahnbrechendem Theaterstück erzählt Regisseur Sean Mathias eindrücklich von den Grauen der Homosexuellen-Verfolgung durch die Nazis – und von zwei KZ-Häftlingen, die trotz widrigster Umstände einen Weg finden, sich zu lieben. Die Hauptrolle spielt Clive Owen, in weiteren Rollen sind u.a. Ian McKellen als schwuler Onkel, Mick Jagger als alternde Dragqueen und Nikolaj Coster-Waldau („Game of Thrones“) als blonder SA-Mann zu sehen. Für unseren Autor Andreas Wilink ist „Bent“ weit mehr als ein historisches Dokument: Es ist Gleichnis und Aufforderung zur Erziehung der Herzen.

Foto: Edition Salzgeber

Unbeugsame Herzen

von Andreas Wilink

Das Leben ist schön im Berlin der frühen dreißiger Jahre. Noch. „Bent“ ist in seinen zehn Anfangsminuten „Babylon Berlin“, nur besser. Das macht in etwa einen Unterschied wie den von, sagen wir, Max Raabe zu Mick Jagger. Die Schönheitslinie von schwuler Dekadenz und faszinierendem Faschismus verläuft in dem 1997 gedrehten britischen Film entlang von Viscontis Stahldynastie-Wortoper „Die Verdammten“ (1969) und Bob Fosses „Cabaret“ (1972) nach Christopher Isherwoods Erzählungen mit einer steilen Kurve hin zur Ästhetik der Anti-Thatcher- und Underground-Ikone Derek Jarman – und schlägt dann eine ganz andere Richtung ein.

Die verruchten Lustorgien der schon untergegangenen und abgefackelten Weimarer Republik sind situiert in einer Industriehallenkulisse, die wie die Ruine des Kirchenschiffes aus dem Schlussbild von Tarkowskys „Nostalghia“ (1983) scharf in die Zeit hinein schneidet und gleichermaßen durch sie hindurch zielt. „Bent“ ist weniger historisches Dokument als Gleichnis und Aufforderung zur Erziehung des Herzens. Interessanterweise entstand Sean Mathias’ „Bent“ als Verfilmung des 1979 uraufgeführten Stücks von Martin Sherman zwei Jahre vor Max Färberböcks „Aimée und Jaguar“ (1999) nach den Erinnerungen der Lilly Wust über einen lesbischen Frauenzirkel in Berlin und den Widerstand der Herzen vor der Drohkulisse des Hakenkreuzes.

„Bent“ beginnt kurz vor dem sogenannten „Röhm-Putsch“ (eine der vielen Goebbels-Lügen und ein Euphemismus wie der von der „Reichskristallnacht“). Im Film bilden die Ereignisse des Sommers 1934, als Hitler und seine Spießgesellen die ihm zu eigenwillig gewordene SA unter Stabschef Ernst Röhm samt Führungskräften abschlachteten, den Hintergrund einer Liebes-, Passions- und Erweckungsgeschichte. Als Fanal brennt die aus Kleiderschränken wacklig zusammengezimmerte Künstlergarderobe der Dragqueen Greta ab, die wie ein Fremdkörper in einer unwirklich anmutenden Szenerie aus Schutt und Abbruchhäusern steht, als sei schon jetzt und hier der Untergang vorweggenommen und der alliierte Feuersturm über die Reichshauptstadt hinweg gefegt. Mit einem „Ciao“ verabschiedet sich Mick Jagger in der Rolle der ambivalent changierenden Transe aus seiner bisherigen Demi-Monde-Existenz (und aus der Filmgeschichte) und verwandelt sich zurück – „queer is out, queer is dead“ –  von Greta in den christlichen guten Bürger und Familienvater Georg.

Foto: Edition Salzgeber

Die Parallelsetzung von Homosexualität und Verrat  – als jeweils systemgefährdendes Verhalten – ist immer schon eine Spezialität (nicht allein) autoritärer und totalitärer Regimes gewesen. Nach seiner von Sex und Drogen bestimmten Nacht mit dem attraktiven Wolfgang (Nikolaj Coster-Waldau) – Typ „Blonde Bestie“ und Freund einer hochrangigen SA-Charge – stürmt die Gestapo die Wohnung von Max (Clive Owen) und schneidet dem Lover die Kehle durch. Max und sein Lebensgefährte, der Tänzer Rudy (Brian Webber), können flüchten und untertauchen. Doch für sich beide Bahntickets zu beschaffen, um über die Grenze und nach Amsterdam zu entkommen, ist nicht so einfach. Noch glaubt der als eigensüchtiger Opportunist gezeichnete Max, er käme davon und könnte sich, aus wohlhabender Fabrikanten-Familie stammend, als heimkehrender verlorener Sohn in eine Ehe camouflieren und perfekt straight assimilieren.

Foto: Edition Salzgeber

Die „Streets of Berlin“, die Jagger als Greta quasi als Ouvertüre besungen hat, scheinen selbst das Bühnenbild einer zuschanden gegangenen Welt zu sein, wie überhaupt Sean Mathias gemeinsam mit dem Kameramann Yorgos Arvanitis das Theatrale des Geschehens eher forciert inszeniert als naturalistisch überdeckt: zunächst den Tanz auf dem Vulkan; dann den sprichwörtlichen deutschen Märchenwald, der zum Finsterwald uniformierter Wölfe wird, die Max und Rudi jagen und einfangen; den Bahnwaggon, in dem Max seine Unschuld verliert, als er sich zum Liebesverrat beugen lässt; den Steinbruch im Konzentrationslager Dachau, in dem Max kreideweißes Geröll von einer Seite auf die andere schleppt wie in einer ewigen sinnlos mythischen Tortur.

Foto: Edition Salzgeber

Im KZ noch versucht Max, sich aus seiner Identität davonzustehlen, einen Deal mit dem Schicksal zu machen und sich mittels Bestechung einen privilegierten Status zu sichern. Statt zum Stigma ‚Rosa Winkel’ zu stehen und damit an unterster Stelle in der Hierarchie, bevorzugt Max den gelben Judenstern. Aber er ist schon ein Gezeichneter – von Schuld. Max, der nach der Festnahme die Schreie des gefolterten Rudi repetitiv kommentiert mit „Das darf nicht wahr sein“, verleugnet Rudi, schlägt ihn auf Befehl tot und wird zum Mordsspaß der Soldaten gezwungen, mit einem toten Mädchen zu schlafen, um seine heterosexuell genormte Männlichkeit zu beweisen, bevor noch der Transport im KZ eintrifft.

Foto: Edition Salzgeber

Weil er seine Schwäche fürchtet, will Max nicht lieben und vor allem nicht geliebt werden. Dass Gefühl aber zur Stärke werden kann, lernt er bei Horst (Lothaire Bluteau). Der Krankenpfleger, der sich zum Sexualwissenschaftler  Magnus Hirschfeld bekannt hatte, behauptet auch hinter Stacheldraht stolz sein Schwul-Sein. Zwischen Beiden entsteht, aus Befremden, Freundschaft, ein Flirt – Liebe. Sie muss auf das geringste Berühren des Anderen verzichten und körperlos bleiben, aber nicht gefühllos, sondern wird in intimer Zwiesprache in der berührendsten Szene des Films zum sprachlich evozierten, imaginativen sexuellen Akt der nebeneinander und voneinander getrennt stehenden Männer. Horst gelingt es, sein Innerstes vor äußerer Gewalt und der Brutalisierung und Korrumpierung des Gefühls zu bewahren. Darin wird er für Max zum Lehrer. Die Frage, ob der einzige Wunsch zu überleben jede moralische Kategorie entmachtet und den Geist des Humanen abtötet, wird in „Bent“ klar beantwortet, begleitet von einer für den Minimal-Komponisten Philip Glass erstaunlich emotionalen Musik und mündend in einem Märtyrer-Bild.




Bent
von Sean Mathias
UK/JP 1997, 102 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

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VoD: € 4,90 (Ausleihen)

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