Jonas

Trailerqueerfilmnacht

Im Mai geht ist in der queerfilmnacht ins südfranzösische Toulon. Jonas ist 33 und arbeitet dort als Krankenträger. In seiner Freizeit lässt er sich von einem Sexdate zum nächsten treiben, nachts zettelt er in Clubs regelmäßig Streit an. Er kann nicht vergessen, was vor 18 Jahren mit ihm passiert ist, kann Nathan nicht vergessen, den coolen Jungen mit der Narbe im Gesicht, der im neuen Schuljahr plötzlich neben ihm saß und ihm kurz darauf seinen ersten Kuss gab. Und den er in einer verhängnisvollen Nacht für immer verlor. Regisseur Christophe Charrier verknüpft in seinem Film virtuos zwei Zeitebenen miteinander, auf denen er vom schwulen Heranwachsen im Frankreich der 90er, der ersten großen Liebe, von Scham, Schuld und einem gewaltigen, alles verzehrendes Trauma erzählt, das nach und nach an die filmische Oberfläche kommt wie die Erinnerung an einen düsteren Traum. In der Hauptrolle brilliert mit Félix Maritaud („120 BPM“, „Sauvage“, „Messer im Herz“) einer der derzeit angesagtesten jungen Darsteller des europäischen Kinos. Für unseren Autor Philipp Stadelmaier erzählt „Jonas“ vor allem die Geschichte einer verlorenen Unschuld.

Foto: Edition Salzgeber

Paradise Lost

von Philipp Stadelmaier

Jonas, Jonah, Joe – in den ersten Minuten des Films von Christophe Charrier wird der Name der titelgebenden Hauptfigur in immer neuen Variationen ausgesprochen. Jonas, 15 Jahre alt, sitzt im Auto und spielt Game Boy. Der Vater hält an einer Tankstelle, und während er zum Bezahlen in den Shop geht, hat der Teenager eine Vision – ein junger Mann presst sich an die Windschutzscheibe und fleht ihn an, ihm zu helfen. Jonas kriegt Panik, und als der Vater wieder zurückkommt, beruhigt er ihn, indem er den Namen des Sohnes durchdekliniert.

Nun gibt es noch einen zweiten, älteren Jonas. Gespielt wird er vom beeindruckenden Félix Maritaud. Während der eine Jonas von Visionen geärgert wird, macht der andere Ärger. In einem Schwulenclub prügelt er sich (mal wieder), beißt jemanden in den Arm und wird von der Polizei abgeführt. Am nächsten Morgen macht sein Freund endgültig Schluss mit ihm und schmeißt ihn aus der Wohnung – für ihn war es ein blaues Auge und ein Grindr-Date zu viel.

Im ersten Moment könnten die beiden Jungs auf derselben Zeitebene existieren und zufällig beide Jonas heißen – eine Möglichkeit, an die einen die Variationen des Namens am Anfang gewöhnt haben. Man braucht kurz, um zu kapieren, dass der zweite Jonas der erste ist, nur achtzehn Jahre älter. Von einer Zeitebene in die andere gelangt man nicht durch einen Sprung, sondern durch ein sanftes Hinübergleiten. Den Unterschied bemerkt man an einem technischen Detail: Der jüngere Jonas spielt Game Boy – wir sind offenbar in den 1990er Jahren, genauer gesagt im Spätsommer 1997, denn aus dem Radio erfahren wir, dass Lady Di gerade in Paris ums Leben gekommen ist. Der ältere Jonas hat ein Smartphone, auf dem er nachts auf dem Sofa einen Jungen auf Facebook sucht.

Foto: Edition Salzgeber

Dieser Junge heißt Léo. Bald fallen andere Namen, die man zunächst nicht zuordnen kann, aber die auf einen Zusammenhang, eine gemeinsame Geschichte hinweisen. Da ist Nico, ein Junge, in den Jonas früher offenbar verliebt war, der dann aber fortgezogen ist. Und vor allem Nathan, den Jonas zu Beginn des neuen Schuljahres kennenlernt. Nathan hat eine Narbe auf der Wange, ist mutiger und verwegener als der schüchterne Jonas und macht sich an ihn ran. Er täuscht im Unterricht einen Schwächeanfall vor und wird auf die Krankenstation geschickt, wohin er sich von Jonas begleiten lässt. Dann nimmt er Jonas mit in die Turnhalle, wo er ihm eine schlimme Geschichte erzählt: Er war vorher auf einer katholischen Schule – und sei dort von einem Priester sexuell belästigt worden.

Nathan, so erklärt es Nathan, ist ein hebräischer Name und bedeutet „Geschenk“. Er ist tatsächlich ein Geschenk für Jonas, aber ein kompliziertes. Sie werden ein Paar, die Mitschüler verspotten sie. Nathan rächt sich auf effiziente Weise und verabreicht dem Anführer der Bande ein Brech- und Abführmittel, das in aller Öffentlichkeit seine Wirkung entfaltet. Er bringt Jonas das Rauchen bei, nimmt ihn mit ins Kino (sie sehen Gregg Akaris „Nowhere“), will mit ihm in einen Schwulenclub. Er hat etwas von einem Bad Boy, einer typischen Figur im schwulen Coming-of-Age-Film – in „Konsequenzen“ von Darko Stante etwa lernt der ebenfalls zurückhaltende jugendliche Protagonist einen mit allen Wassern gewaschenen Kriminellen kennen, der mit ihm schläft, um ihn sich gefügig zu machen. Charrier variiert dieses Motiv auf seine Weise: Nathan tut krass, ist aber ziemlich lieb.

Foto: Edition Salzgeber

Dennoch bleiben Zweifel. Zwischen Wahrheit und Lüge, Verschlagenheit und Verletzlichkeit ist bei Nathan alles möglich. Das ist die Spannung von „Jonas“, der dabei niemals das Gewicht der realen Ereignisse aus den Augen verliert, auf die er sich bezieht. Es geht in dem Film eben auch um die Geschichte eines Missbrauchs – von einem Jungen durch einen katholischen Priester –, aber anders als Pedro Almodóvar in „La mala educación“ (2004) oder François Ozon in „Grâce à dieu“ (2018) erzählt Charrier nur indirekt davon. Nathans Geschichte entpuppt sich später erst als Lüge, um dann, auf andere Weise, wieder zur Wahrheit zu werden – oder jedenfalls zur großen Wahrscheinlichkeit. Das Böse ist nicht eine Frage von Fakten und realen Ereignissen, sondern es steckt in den Geschichten, den Mythen, der Fiktion. Und diese sind niemals einfach Lügen oder falsch, sondern Annäherungen an eine Realität, die sich erst Stück für Stück zusammensetzt, wie die Steine im Tetris-Spiel, das Jonas auf seinem Game Boy spielt.

Die schöne Bewegung des Films besteht darin, diesen Zweifel und diese Ungewissheit auszuloten, denen sich der junge und der alte Jonas gegenübersehen. Beide Zeitebenen gehen intelligent ineinander über, so dass man nie genau weiß, worauf sie zulaufen, und immer nur gerade genug weiß, um mehr wissen zu wollen. Daher auch das Spiel mit den Namen. In ihnen ist von Beginn an eine ganze Geschichte eingeschlossen, die sie gleichsam verbergen. Jonas’ Name erinnert an Jonah, die biblische Figur, die einer Erzählung nach von Gott nach Ninive geschickt wird, um den Untergang der Stadt zu verkünden, und auf dem Weg dahin von einem Fisch verschluckt wird. Nicht, dass der Film als Gleichnis auf die Jonah-Geschichte zu verstehen wäre. Aber die Suche nach einem höheren Zusammenhang, das Auslegen und Interpretieren – das ist es, was mythisch aufgeladene Namen wie Jonas und Nathan einfordern, und was sich im geschickten Ineinandergreifen der beiden Ebenen auch im Film vollzieht.

Am Horizont von „Jonas“ stehen ein Ort und eine Zeit der (verlorenen) Unschuld und der harmonischen Einheit eines Paares. Dieser Ort wäre ein Paradies. „Boys Paradise“, so heißt der Schwulenclub, aus dem Jonas anfangs rausgeschmissen wird. Die Unschuld ist verloren, die Vertreibung hat stattgefunden. An diesem Punkt beginnt das Erzählen.




Jonas
von Christophe Charrier
FR 2018, 82 Minuten, FSK 12,
deutsche SF,

Edition Salzgeber

Im Mai in der queerfilmnacht.

 

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