Sauvage

Trailerqueerfilmnacht / Kino

Ab jetzt im Kino: In seinem ersten Langfilm erzählt Camille Vidal-Naquet die Geschichte des 22-jährigen Léo, der in Straßburg lebt und als Stricher arbeitet. Nachts lässt sich Léo durch die Stadt treiben, tagsüber schläft er irgendwo für ein paar Stunden. Wenn es Ärger mit Freiern gibt, hilft ihm sein bester Freund Ahd. Aber der Partner, nach dem Léo sich sehnt, kann Ahd nicht für ihn sein. Für seine kompromisslose Darstellung eines jungen Mannes zwischen körperlicher Selbstausbeutung und einer unstillbarer Sehnsucht nach menschlicher Nähe wurde Félix Maritaud in Cannes mit dem Rising Star Award ausgezeichnet und als neue Hoffnung des französischen Kinos gefeiert. Unser Autor Sascha Westphal fühlt sich bei Léos rastloser Suche an die Hauptfiguren in Patrice Chéreaus „Der verführte Mann“ (1983) und André Téchinés „Ich küsse nicht“ (1991) erinnert – und nähert sich der zarten Rohheit von Vidal-Naquets Porträt deswegen über einen Rekurs auf das stolze Genre des französischen Stricherfilms an.

Foto: Edition Salzgeber

Die große Freiheit

von Sascha Westphal

Die Straße schlängelt sich an wild wachsenden Grünflächen vorbei. Auf der einen Seite beginnt hinter einem hohen Metallzaun ein Waldgebiet. Am helllichten Tag passiert hier nicht viel. Manchmal fährt ein Auto vorbei. Doch meist stehen die jungen Männer einfach nur im hohen Gras auf beiden Seiten der Straße herum. Sie warten und proben ihre Posen für den Abend und die Nacht. Jeder von ihnen hat seinen Platz, sein Revier. Nur gelegentlich stellt sich einer zu einem anderen und beginnt ein Gespräch. Wie ein Rudel von Einzelgängern, das nur zusammenkommt, um mögliche Eindringlinge gemeinsam abzuwehren. Aber an diesem träge dahinfließenden Nachmittag ist das nicht nötig. Niemand stört ihre Einsamkeit. Es bleibt bei einem Zwinkern, dass der kräftige, breitschultrige Ahd dem etwas schmächtigeren und auch deutlich jüngeren Léo über die Straße hinweg zuwirft. Ein Lächeln umspielt dabei seine Lippen, Léo lacht. Die Gesten und Reaktionen sind vieldeutig. Komplizenschaft liegt in ihnen, ein brüderliches Einverständnis, aber auch etwas von einem Flirt. Léo dreht sich weg und sofort wieder zurück. Seine Freude über Ahds Aufmerksamkeit ist nicht zu übersehen, er blüht geradezu auf. Wenig später hält ein Minivan neben Ahd an, und der winkt Léo herüber. Der Fahrer nimmt sie beide mit, aber sein Interesse gilt vor allem dem Älteren und Stärkeren.

Die Situation hat etwas merkwürdig Vertrautes. Dieses fortwährende Wechselspiel von Nähe und Distanz, Kameradschaft und Konkurrenz bestimmte schon „Der verführte Mann“ (1983), Patrice Chéreaus Studie einer amour fou zwischen einem jungen, noch gänzlich unerfahrenen Mann und einem etwas in die Jahre gekommenen Hustler.

Geschichten aus dem Milieu der Stricher sind immer auch Erzählungen von einer ganz speziellen Einsamkeit. Philippe Noirets Figur hat die Welt der Stricher in André Téchinés „Ich küsse nicht“ (1991) illusionslos und mit einem vernehmlichen Hauch von Bitterkeit so beschrieben: „Keine Lust, kein Gefühl, nur Geld“. In ihr haben tiefere Beziehungen kaum eine Chance. Alleine nur an Liebe zu denken, ist hier schon ein Zeichen von Naivität.

Nicht ohne Grund verfällt der von Jean-Hugues Anglade gespielte Henri in Chéreaus Hommage an das haltlose Kino Rainer Werner Fassbinders nach dem ersten Kuss des Strichers Jean in eine Art rauschhafter Besessenheit. Ganz außer sich taumelt er fortan durch die Straßen der namenlos bleibenden Provinzstadt und die Kellergeschoße des örtlichen Bahnhofs. Sein Verlangen muss Liebe sein, anders kann er es sich nicht erklären. Doch die wird niemals erwidert werden. Also finden die beiden erst nach einem Moment eruptiver Gewalt zusammen, als sich Jean der Zärtlichkeit wie auch den Besitzansprüchen Henris nicht mehr entziehen kann.

Foto: Edition Salzgeber

„Ich küsse nicht“, das ist die andere Seite der schmutzig gewordenen Medaille. Der 17-jährige Pierre, der bei Manuel Blanc eine arglose Kälte ausstrahlt, sieht sich selbst als D’Artagnan. Nur gibt es keine Musketiere mehr, denen er sich anschließen könnte. So landet er, der niemandem etwas schuldig sein will, schließlich im Bois de Boulogne und in den Cafés der Drag Queens, bei Prostituierten und Freiern. Aber selbst als Stricher bleibt Pierre unnahbar, eine Phantasie, die sich seinen Kunden entzieht. „Ich blase nicht und ich küsse nicht. Aber sonst mach ich alles.“ Die Prostitution als Weg, sich jede echte Leidenschaft zu verbieten. Wie Henri muss auch Pierre scheitern. Und wie Henri verliert auch er über die Liebe den Kopf. Seine Obsession ist eine junge Prostituierte, die einem anderen, ihrem Zuhälter, gehört. Im Prinzip hat er, der aus der Enge der Pyrenäen nach Paris gekommen ist, die Welt, in die er dort gerät, durchschaut. Aber seine Sehnsucht ist so groß, dass er sein eigenes Credo „nur Geld“ vergisst, und dafür muss Pierre einen hohen Preis bezahlen.

Natürlich schwingen in Camille Vidal-Naquets „Sauvage“ und den Bildern von Léo und den anderen, die auf dem Straßenstrich am Rande Straßburgs auf ihre Kunden warten, Erinnerungen an Henri und Pierre mit. Aber auch an die Figuren aus Gaël Morels „Unser Paradies“ (2011), dessen Protagonist Vassili durchaus eine gealterte Version der Protagonisten aus den Filmen von Chéreau und Téchiné sein könnte. Aber diese Erinnerungen gleichen Kontrasten, die den Blick für Léos Eigenheiten schärfen. Der von Félix Maritaud gespielte 22-Jährige steht in einer Linie mit den Hustler-Figuren des französischen Kinos und hat dennoch kaum etwas mit ihnen gemein. Vidal-Naquet nimmt mit seinem Spielfilmdebüt einen ganz anderen Weg als seine Vorgänger.

Foto: Edition Salzgeber

Für Chéreau und Téchiné ist die Welt der Stricher, die sie durchaus realistisch porträtieren, immer auch ein Kosmos, der es ihnen erlaubt, grundsätzliche Konflikte und Konstellationen so weit zuzuspitzen, dass sie tragische Züge erhalten. Die Szenerie in den Bahnhöfen und Parkanlagen wird zum Brennglas, unter dem die Leidenschaften und Obsessionen ihrer Figuren wild auflodern können. Diese Art von Überhöhung ist Vidal-Naquet ganz und gar fremd. Er versucht einfach, Léo, Ahd und ihren Stricherkollegen Mihal, der eine Zeitlang alles daran setzt, Léo für sich zu gewinnen, so nahe wie nur eben möglich zu kommen.

Während Chéreau, Téchiné und auch ihr Schüler Morel die Stricherszene bewusst ästhetisieren und sie in die dunkel verlockenden Farbtöne eines Caravaggio-Gemäldes tauchen, zeigt Vidal-Naquet das Leben seiner Figuren in alltäglichen Farben. Das Schwarz der Nacht wird in den Club- und Tanzszenen des Films von stroboskopischen Lichtblitzen erhellt, die ihm alles Dämonische nehmen. Jacques Giraults raue, teils auch auffallend körnige Handkamerabilder verleihen „Sauvage“ eine beinahe schon dokumentarische Anmutung. Wie Léo, der ganz frei lebt und diese Freiheit letzten Endes um keinen Preis aufgeben will, treibt auch der Film einfach so dahin. Die oft nur lose miteinander verbundenen Szenen und Situationen laufen nicht zielstrebig auf eine dramatische Spitze zu. Sie bilden vielmehr das ständige Auf und Ab des Lebens auf der Straße ab.

Foto: Edition Salzgeber

Auf die Enttäuschung, die Léo empfindet, als ein Freier Ahd zum Essen einlädt und ihn wegschickt, folgt ein Moment unbeschwerten Glücks mit einem alten Mann, der Nähe und Verständnis sucht. Vidal-Naquet idealisiert Léos Arbeit dabei nicht: Einmal erniedrigen ihn zwei Kunden auf zutiefst zynische Weise, ein anderes Mal gerät er an einen Sadisten. Aber diese durchaus schockierenden Momente sind eben auch nur Teil seines Alltags. Sie gehören zu seinem Leben dazu, und „Sauvage“ erzählt von ihnen ohne moralischen Impetus.

Freier sind hier keine Täter, und Stricher nicht ewige Opfer. In diesen Generalisierungen steckt zwar mehr als nur ein Körnchen Wahrheit, wie Gaël Morel so eindrucksvoll in „Unser Paradies“ gezeigt hat. Dennoch ist das Verhältnis zwischen den männlichen Prostituierten und ihren Kunden weitaus komplexer und ambivalenter. So warnen Ahd und die anderen Léo eindringlich vor dem „Pianisten“, der in seinem eleganten Jaguar durch die Straßen der Stadt cruist. Trotzdem steigt er schließlich doch in dessen Wagen. In diesem Augenblick nimmt sich Léo die Freiheit, sich selbst zu zerstören. Was dann passiert, spart der Film aus. Nur die Folgen sind nicht zu übersehen, wenn Léo blutüberströmt auf der Eisenbahnbrücke erscheint, zu der es ihn immer wieder hinzieht. Er bricht zusammen und lässt sich von dem Mann retten, den er Tage zuvor noch brüsk zurückgestoßen hatte.

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„Ich küsse nicht“, diesen Leitsatz Pierres würde Léo niemals aussprechen. Im Gegenteil. Einem Freier, der davon ausgeht, dass Küsse für ihn nicht in Frage kommen, antwortet er, dass er durchaus bereit ist, ihn zu küssen. Allerdings unter einer Bedingung, der Kuss muss sich aus der Situation heraus ergeben. Auch das ist Teil der Freiheit, die sich Léo nimmt. Für ihn gibt es keine festen Regeln und keine Grenzen. Er macht das, was sich in dem Moment für ihn richtig und natürlich anfühlt.

Genau damit irritiert er den von Eric Bernard gespielten Ahd, der von seiner ganzen Haltung her dem klassischen Bild des Hustlers entspricht. Wohl ganz ähnlich, wie Léo sich zu ihm hingezogen fühlt, fühlt auch er sich zu Léo hingezogen. Nur will er sich das nicht eingestehen. Für ihn sind die Linien, die er einmal gezogen hat, sakrosankt. Nur so kann er sich selbst die Illusion aufrechterhalten, nicht schwul zu sein. Einmal küsst er Léo auf Wunsch eines Freiers, um ihn sogleich danach wegzustoßen. Ein Kuss gegen Geld, das ist gerade noch akzeptabel. Aber dann muss die Grenze umgehend wieder gezogen werden. Léos Begehren muss zwangsläufig immer wieder ins Leere laufen.

Foto: Edition Salzgeber

Die oft auf der Straße lebenden Stricher, die auf Bänken und in Unterführungen schlafen, die Drogen nehmen und sich verkaufen, leben an den Rändern der Gesellschaft. Sie sind Außenseiter und Ausgestoßene. Aber zumindest eins verbindet sie mit allen anderen: Auch sie verlieben sich konsequent in die Falschen. In dieser Hinsicht hat „Sauvage“ fast etwas von einer Tschechowschen Tragikomödie. So wie Léos Gefühle für Ahd unerwidert bleiben, so kann er die Gefühle Mihals nicht erwidern. Eines Nachts taucht Mihal im Revier von Ahd und den anderen auf. Er hält sich nicht an die bestehenden Vereinbarungen und nimmt für einen Blowjob nur 5 statt 20 Euro. Damit zieht er, der genau wie Léo zu seiner Homosexualität steht und in seiner Arbeit auch die Erfüllung seiner eigenen Lust sucht, Ahds Zorn auf sich. Der Kampf ums Territorium ist schnell entschieden. Aber ein paar Tage später kommt Mihal zurück und umschwärmt Léo. Für kurze Zeit sieht es so aus, als könnten die beiden zusammenkommen. Nur empfindet Léo für Mihal nicht das Gleiche wie für Ahd, und so driften sie wieder auseinander. So treiben alle alleine weiter. Einsamkeit ist die Kehrseite der Freiheit.

Natürlich offenbaren sich in dem Leben der Stricher die Ausbeutungsverhältnisse unserer Zeit in seltenen Klarheit. Aber „Sauvage“ will trotz seiner dokumentarischen Formsprache nichts aufdecken. Er genügt sich selbst und begegnet seinen Figuren konsequent auf Augenhöhe. Diese Freiheit von jeglicher Instrumentalisierung der Bilder gilt es auszuhalten. Nur dann lösen sich die vorgefertigten Vorstellungen und weichen einem Verständnis, das keineswegs blind ist für die Zerstörungen und den Verfall, die mit Léos Leben einhergehen.

Foto: Edition Salzgeber

Dreimal zeigt Camille Vidal-Naquet seinen Protagonisten in einer Arztpraxis. Gleich in der ersten Szene des Films lässt sich Léo untersuchen. Allerdings täuscht der äußere Anschein, die Situation entpuppt sich als Rollenspiel. Erst viel später sucht Léo eine echte Ärztin auf. Nur sieht er im Gespräch mit ihr keinen Sinn darin, sein Leben zu ändern. Erst in der dritten Version dieser Szene scheint sich etwas geändert zu haben: Léo will ein anderer sein. Dafür muss er jedoch aufgeben, was ihn im Innersten ausmacht. Aus dem Rollenspiel wird eine Rolle, die einfach nicht passt. Diese drei Szenen strukturieren den ansonsten mäandernden Fluss der Erzählung. Sie deuten drei Kapitel an, ohne den Film in eine starre Form zu gießen.

Es ist genau diese Offenheit, aus der „Sauvage“ einen unwiderstehlichen Zauber zieht. Er erzählt nicht nur von einem jungen Mann, der absolut frei lebt, dem selbst das Geld der Freier nichts bedeutet. Vidal-Naquets Film ist selbst frei, indem er die bekannten Motive des Stricherfilms aufgreift und in ein anderes, offeneres Licht setzt.

Auf der einen Seite bestätigt „Sauvage“ das Diktum, dass es letztlich nur um Geld geht. Philipp Noiret spricht es in „Ich küsse nicht“ aus, und Jacques Nolot, der die Vorlage zu Téchinés Film geschrieben hat, spielt es in seiner eigenen Regiearbeit „Ein Anfang vor dem Ende“ (2007) auf grandiose Weise noch einmal durch. Auf der anderen unterläuft Vidal-Naquet es komplett. Denn Léo geht es nie ums Geld. Nähe ist für ihn die eigentliche Währung. Je mehr er seine Freiheit lebt, desto stärker verzehrt er sich nach Intimiät. In der vielleicht berührendsten Szene des Films umarmt Léo die Ärztin, die ihn gerade untersucht. Nach kurzem Zögern erwidert sie die Geste. Für einen Moment steht die Zeit still, der Strom hält an.




Sauvage
von Camille Vidal-Naquet
FR 2018, 99 Minuten, FSK 16,
französische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Im November in der queerfilmnacht.

Ab 29. November im Kino.

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