Genderation

Trailer Kino

Über zwei Jahrzehnte nach „Gendernauts“ (1999) kehrt Monika Treut nach Kalifornien zurück, um die Protagonist*innen ihres bahnbrechenden queeren Filmklassikers wiederzutreffen. Sandy Stone, Susan Stryker, Stafford und Max Wolf Valerio waren einst die jungen Pionier*innen der Transbewegung und lebten fast alle in der damaligen Außenseitermetropole San Francisco. Heute sind sie zwischen 58 und 84 Jahre alt, und kaum eine*r kann es sich noch leisten, in der Stadt zu wohnen. Doch die Energie der Gendernauten und ihrer Unterstützer*innen Annie Sprinkle und Beth Stephens ist ungebrochen. Anja Kümmel über „Genderation“, einen radikal offenen und brandaktuellen Film, der jetzt im Kino zu sehen ist.

Foto: Salzgeber

Gendernauts Forever!

von Anja Kümmel

1999 schuf die deutsche Regisseurin Monika Treut mit „Gendernauts“ ein einfühlsames, energiegeladenes Porträt einer Gruppe von Transgender-Aktivist*innen in San Francisco. Dass eine Filmemacherin aus dem LGBTQI-Spektrum – oder überhaupt jemand mit einer gewissen Sensibilität für das Thema – einen Film über genderqueere und trans Menschen drehte, war damals eine kleine Sensation.

Heute, über 20 Jahre später, sind die Stimmen vielfältiger geworden und die Diskurse haben sich ausdifferenziert. Was auch nach sich zieht, dass ein Dokumentarfilm über trans Menschen, von einer cis Frau gemacht, zumindest eine Verortung der eigenen Position verlangt. Treut, die 2017 den Special Teddy Award für ihr Lebenswerk gewann, geht mit der Zeit und nimmt aktuelle Diskussionen ernst – wie sie auch in ihrem inzwischen über 35-jährigen Filmschaffen immer wieder bewiesen hat. So verwundert es nicht, dass ihr neuer Film „Genderation“ mit Fotos aus ihrer eigenen Kindheit beginnt, unterlegt mit einigen schlichten Sätzen zu ihrer Positionierung als „Tomboy“ mit uneindeutiger Geschlechtsidentität. Auch aufgrund ihrer eigenen Gender-Fluidität hätte sie sich in den 1990er Jahren zu der Community transidenter und nicht-binärer Menschen in Kalifornien hingezogen gefühlt. Nun ist sie erneut in die USA gereist, hat einige von ihnen wieder besucht, befragt und – zusammen mit ihrer Kamerafrau Elfi Mikesch – eine Zeitlang filmisch begleitet.

Für diejenigen, die „Gendernauts“ nicht gesehen oder nur noch schwach in Erinnerung haben, sorgen Interviewausschnitte und Archivschnipsel dafür, dass die Protagonist*innen von damals – Annie Sprinkle, Susan Stryker, Sandy Stone, Stafford und Max Wolf Valerio – einem schnell wieder vertraut sind. Mit ihnen wehen auch die damalige Aufbruchsstimmung, die fiebrigen Energie und Experimentierfreude ins Jetzt: Als „Klitoris der USA“ bezeichnete Sex-Aktivistin und Trans-Ally Annie Sprinkle damals ihre Wahlheimat San Francisco – klein, aber ungeheuer elektrisierend und kraftvoll. Von einem „Mekka für Queers“ sprach die Gender-Studies-Professorin Susan Stryker. Sandy Stone, die 1987 mit „The Empire Strikes Back: A Posttranssexual Manifesto“ einen Grundlagentext der Trans Studies vorlegte, schwärmte enthusiastisch von den Möglichkeiten virtueller Räume, dem neuen Massenmedium Internet als Katalysator für Kreativität und neue Identitäten. Kurz gesagt: San Francisco in den 1990er Jahren präsentierte sich als endlos scheinende Spielwiese für lustvolles Experimentieren, künstlerische Freiräume, Gender Bending und queere Solidarität.

Am Anfang von „Genderation“ fließen Vergangenheit und Gegenwart so organisch ineinander wie die nicht-binären Identitäten einiger ihrer Protagonist*innen. Nach und nach offenbaren sich allerdings die Unterschiede zwischen Damals und Jetzt, schon allein im Straßenbild: In den letzten 20 Jahren hat sich das Mekka für Queers in ein Mekka der Tech-Industrie verwandelt. Man sieht weniger Wandmalereien, Graffiti und bunte kleine Häuschen, dafür mehr Bürokomplexe und Luxus-Apartments. Andere Wandlungen sind weniger offensichtlich und bilden eine Art dystopisches Hintergrundrauschen: Während der Dreharbeiten sitzt der Trump-Schock noch tief, und die Klimakatastrophe ist in Kalifornien in Form verheerender Waldbrände omnipräsent.

Trotz allem ist „Genderation“ kein nostalgischer Film geworden, keine Hymne an eine untergegangene Ära. Vielmehr haben sich die Themen aufgefächert, die Kämpfe verlagert. Anstatt resigniert die Hände in den Schoß zu legen, blicken die Protagonist*innen wie füher tatkräftig in die Zukunft. Da analoge Räume für queere Zusammenkünfte in der Bay Area größtenteils der Gentrifizierung zum Opfer gefallen sind, wirken sie zunächst vereinzelter, verstreuter, auf sich selbst bzw. ihre Partnerschaften zurückgeworfen. Zugleich weitet sich dadurch der Blick über den Nukleus San Francisco hinaus.

Foto: Salzgeber

Stafford etwa, der damals als androgynes Model und Fotograf arbeitete, kann sich die Mieten in der Stadt nicht mehr leisten und hat – was sich auch als ironischer Kommentar zur Verdrängung lesen lässt – ein Umzugsunternehmen in Oakland gegründet. Zudem verbringt er viel Zeit in der Wüste Nevadas und träumt davon, dort ein billiges Stück Land zu kaufen und sich einen Alterswohnsitz zu bauen. Man kann diese Entwicklungen als erzwungene Neuerfindung lesen, aber auch als Eröffnung neuer Möglichkeitsräume. Staffords Fahrten auf langen, geraden Highways unter strahlend blauem Himmel beschwören jedenfalls immer wieder für Momente das erhebende Freiheitsgefühl amerikanischer Roadmovies herauf.

Max Wolf Valerio, den Treut seit ihrem Kurzfilm „Max“ von 1992 begleitet, lebt inzwischen bei seinen Eltern in der Nähe von Denver und bezeichnet sich als „radikalen Individualisten“, der Kollektiven misstraut. Sandy Stone wohnt in Santa Cruz, wo sie sich bei einem alternativen Radiosender engagiert. Einzig Susan Stryker und Annie Sprinkle harren in San Francisco aus – und das auch nur, weil ihre jeweiligen Partnerinnen dort Häuser gekauft hatten, bevor die Immobilienpreise in unerschwingliche Höhen schossen. Ganz nebenbei verhandelt der Film so auch Klassenunterschiede und die willkürliche Verteilung von Privilegien.

Foto: Salzgeber

Einer vorgegebenen Erzählstruktur folgt „Genderation“ nicht, vielmehr lässt Treut ihre Protagonist*innen vor allem das erzählen, was ihnen wichtig ist, und verzichtet weitgehend auf Nachfragen und Erklärungen. Dadurch wirken der Film sehr frei und das Ensemble außerordentlich selbstbestimmt, allerdings muss man sich einiges eben auch selbst zusammenreimen. Die großen Themenfelder erschließen sich im Laufe des Films ganz ohne Zeigefinger der Regie: Susan Stryker spricht vom Anthropozän, Sandy Stone von Stromausfällen und Waldbränden, Annie Sprinkle und ihre Partnerin Beth Stephens gründen eine „ökosexuelle Bewegung“ und heiraten in glamourösen Kostümen das Meer. Max Wolf Valerio veröffentlicht Gedichte und kämpft auf bürokratischem Weg um seine Anerkennung als Sohn einer indigenen Kanadierin. Stafford betreibt „Guerrilla-Marketing für Transmenschen“, indem er sich mit Leuten befreundet, die vermutlich nicht mit ihm befreundet wären, wenn sie wüssten, dass er trans ist, und outet sich erst dann, wenn eine vertraute Ebene gefunden wurde. Während sich die beiden trans Männer im männlichen Geschlecht angekommen fühlen und auch im Alltag so gelesen werden, spricht die mittlerweile 84-jährige Sandy Stone vom kontinuierlichen Dazwischensein: „Manche Menschen geben die Suche, das Abenteuer und die Fragen nie auf. Das ist eine Reise, die sie ihr ganzes Leben lang unternehmen. Sie werden immer ,Gendernauts‘ sein. Zu denen gehöre ich wohl, wenn auch nicht willentlich.“

Foto: Salzgeber

In seiner radikalen Offenheit reißt „Genderation“ viele brandaktuelle Themen an, beleuchtet die faszinierende Vielfalt von Genderidentität und -wahrnehmung, wie unterschiedlich Aktivismus aussehen kann, sowie die zentrale Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammenhalt, auch wenn sich das vormals engmaschige Netzwerk des „Queer Mekka“ inzwischen aufgelöst hat.

Etwas schade ist nur, dass wir nicht erfahren, was aus jenen „Gendernauts“-Protagonist*innen geworden ist, die in „Genderation“ nicht mehr vorkommen. In einem Interview erklärt die Regisseurin zwar deren Abwesenheit, nicht aber im Film. Texas Tomboy etwa sei nach einem transphoben Überfall physisch und psychisch zu instabil gewesen, um an den Dreharbeiten teilzunehmen. Hätte eine solche bezeichnende Lücke dem Film nicht eine weitere wichtige Dimension hinzugefügt? Auch die Perspektive von Hilda Viloria, Intersex-Aktivist*in und Buchautor*in, fehlt in der Fortsetzung ohne Erklärung. Aber vielleicht lag es ja gerade in der Absicht der Regisseurin, uns außerhalb der Leinwand weiter suchen zu lassen, bis wir die Antworten auf all unsere Fragen gefunden haben, die uns nach dem Schauen umtreiben.




Genderation
von Monika Treut
DE 2021, 88 Minuten, FSK 0,
englische OF mit deutschen UT,

Salzgeber

Ab 21. Oktober hier im Kino.


Gendernauts
von Monika Treut
DE 1999, 86 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT,

Salzgeber

Hier auf DVD und hier als VoD.


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