Night Stage
Trailer • Queerfilmnacht
Am Tag spielen sie ihre Rolle, bei Nacht sind sie ganz sie selbst: Der Schauspieler Matias und der Politiker Rafael aus Porto Alegre möchten ihre Affäre geheim halten, doch sie teilen eine Leidenschaft für nächtlichen Sex in der Öffentlichkeit. Damit bringen beide ihre Karriere in Gefahr – und bald ihr Leben. „Night Stage“ von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher ist ein wilder, queerer Psychothriller, irgendwo zwischen De Palma, Verhoeven und Almodóvar. Janick Nolting über einen Film, der im sexuellen Akt immer das Erhabene und das Rebellische sucht.

Bild: Salzgeber
Lust und Risiko
von Janick Nolting
In der Kunst werden Kampf und Schönheit eins. In ihr kollidieren die Konflikte auf und jenseits der Bühne. Dabei sind Tanz und Schauspiel in „Night Stage“ nur zwei Facetten des theatralen Wirrwarrs, in das die Figuren mit ihren unterschiedlichen öffentlichen und privaten Rollen verwickelt werden. Am Beginn lauert die Kamera hinter den Zuschauerreihen eines Theatersaals. Plötzlich folgt ein ruckartiger Zoom auf das Gesicht des Schauspielers Matias (Gabriel Faryas), als habe man ihn ertappt, aufgespürt, aus der Menge isoliert. Doch der voyeuristische Blick der Kamera wird erwidert und schon ist man Teil dieses verzwickten Schau-Spiels im wahrsten Sinne des Wortes.
„Night Stage“ betrachtet zunächst eine Theaterkompanie bei der Arbeit. Wenn sie während des Vorspanns probt, gleicht ihre tänzerische Choreografie einem Ringen, Zerren, Schlagen und Würgen, bevor alle kollektiv zu Boden gehen. Der Film von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher zeigt eine Branche, in der aufstrebende Talente erbitterte Konkurrenzen austragen, um von der Masse gesehen zu werden und aufsteigen zu können. Und wenn sie aus dem Mikrokosmos des Theaters ausbrechen, geraten sie nur an andere Konkurrierende. Ein jeder trägt seinen Kampf auf dem Markt, in der Liebe, in der Politik aus. Wo findet man dort aber einen Freiraum für die Lust, das Begehren? Und was ist der Preis dafür, wenn man endlich gesehen wird? Das sind die zentralen Fragen, die den dritten gemeinsamen Langfilm der beiden brasilianischen Filmemacher bestimmen.
„Night Stage“, der 2025 auf der Berlinale Weltpremiere feierte, spielt in Porto Alegre, der Heimatstadt der Regisseure. Matias gerät mit seinem Mitbewohner und Schauspielkollegen Fabio (Henrique Barreira) aneinander. Beide rivalisieren um die Rolle in einer neuen Serie. Zudem steht die Premiere ihrer neuen Theaterproduktion bevor. Das Ende fehlt noch. Es liegt Aggressivität in der Luft und während eines Streits hinter den Kulissen summt bereits Matias‘ Handy. Eine Nachricht von seiner Affäre, einem diskreten Liebhaber.
Im Online-Dating wird das Maskieren und Verhüllen der eigenen Person zur Fragmentierung des Körpers. Der User „Discreto, 35“ kann im realen Leben nur anhand eines nackten Oberkörperfotos aus der Dating-App identifiziert werden. „Night Stage“ blickt mit lakonischem Humor auf solche Szenen, doch sie sind ebenso wenig vom Unbehagen zu trennen. Matias wird von dem rätselhaften Mann, Rafael (Cirillo Luna) heißt er, zu einer falschen Adresse bestellt und mit dem Auto abgeholt. „Night Stage“ zeigt das Cruisen auch als Flirt mit der potentiellen Gefahr, die sich in diesem Film gleich an mehreren Fronten offenbaren wird.

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Der Umgang mit der eigenen queeren Identität und Sexualität entwickelt sich hier in der Dunkelheit der Nächte zu einem echten Genrefilm, der mal mit Thriller-, manchmal sogar mit Slasher-Motiven arbeitet. Von Beginn an zieht einen „Night Stage“ mit seiner somnambulen, bisweilen fiebrig anmutenden Atmosphäre und seinen verführerischen Bildern in den Bann. Die Aufnahmen der Kamerafrau Luciana Baseggio sind immer wieder in düstere, bläuliche Lichtstimmungen getaucht. Die Männer im Film leben ihre sexuellen Begegnungen in visuellen Schattierungen aus. Einzelne rote Farbpunkte, etwa Matias‘ knallige Jacke, oder ein gelber Laternen-Schimmer bringen Kontraste in die Bilder. Während der ersten nächtlichen Sexszene werden Vorhänge aufgerissen, sodass eine Lampe vor dem Fenster die nackten Körper mit goldenem Glanz überzieht. In solchen Eindrücken stecken ein großes Pathos und eine Lust am Überstilisieren, weil der Film im sexuellen Akt an sich immer das Erhabene und Rebellische sucht.
Rafael ist ein ungeouteter Politiker, wie sich bald herausstellt. Er will Bürgermeister werden. Auch er muss sich durchsetzen, behaupten und eine Rolle spielen, um nach oben zu gelangen. Seine sexuelle Orientierung scheint nicht mit dieser öffentlichen Darstellung und ihrer Wahrnehmung vereinbar zu sein. Zumindest dann nicht, wenn sie das Sexuelle abseits einer bloßen Bezeichnung zum Erscheinen bringt. „Night Stage“ widmet sich damit einer strukturellen Homophobie aus zweierlei Perspektiven. Er betrachtet sie auf der politischen und der künstlerischen Bühne der Kulturindustrie. Vermeintliche Toleranz und Bekenntnisse zur Vielfalt werden vor sich hergetragen, aber nach außen hin soll dennoch das Irritierende, das Queere negiert und versteckt werden.

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Was der Film vorführt, passt zu den jüngeren, international zu beobachtenden Bewegungen, die die erkämpften Rechte von Minderheiten sowie deren öffentliche Teilhabe und Repräsentation zurückdrängen wollen. Ein jeder soll nach dieser Logik seine Identität ausleben, aber sie soll bitte nicht nach außen hin erkennbar sein – was nichts anderes als eine stillere Form der Diskriminierung bedeutet. Ihre Abweichung von einer mehrheitsgesellschaftlichen Norm soll ausschließlich ins Private verbannt und versteckt werden, um traditionelle Rollenmuster nicht zu verunsichern. Wahrnehmbar soll nur das sein, was jener Norm, ihrer Performance und Konstruktion entspricht und dient.
„Night Stage“ verwandelt den Druck eines solchen Systems in ein getriebenes Umherdriften und in sexuell aufgeladene Suspense. Matias und Rafael beginnen, Sex in öffentlichen Räumen zu haben. Der Film kostet dabei immer wieder aus, wie Hände Körper streicheln, wie Körper penetriert und Küsse ausgetauscht werden, wie Finger in Mündern versenkt werden. Die Lust am Sehen und Gesehen-Werden bietet den stimulierenden Kick. Je größer der Druck zur Anpassung und zum Versteckspiel im Berufsleben wird, desto freizügiger und riskanter leben die Männer ihre Sexualität aus. Mit jeder Minute wird wahrscheinlicher, dass ihre Affäre publik wird.
Und hier vollendet sich schließlich die Lust von „Night Stage“ am kompromisslosen Genre-Kino: wenn die Romanze zum Spannungsszenario wird und der Einbruch von Tod und Versehrung den ultimativen sexuellen Rausch freisetzt. Der Höhepunkt begibt sich an den Rand der Selbstzerstörung und in die Gefahr, für immer zum Außenseiterdasein verdammt zu sein. Zugleich wird genau aus diesem aufgeladenen Zustand die widerständige filmische Geste. „Wenn ich falle“, sagt Matias in einer Aufführung, während er in den Abgrund schaut, „wird mein Aufprall sie aufwecken?“

Night Stage
von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher
Brasilien 2025, 119 Minuten, FSK 16
portugiesische OF mit deutschen UT,
Im Februar in der Queerfilmnacht. Ab 26. Februar im Kino