Das Nest

Trailerqueerfilmnacht

Binge-watching auf der großen Leinwand: Im Mai zeigt die queerfilmnacht keinen klassischen Kinofilm, sondern die großartige, durch und durch queere Miniserie „Das Nest“ der jungen brasilianischen Regisseure Filipe Matzembacher und Marcio Reolon („Seashore“). Die vierteilige Serie erzählt von einer Brudersuche in Porto Alegre, die unverhofft zu neuen Freiheiten führt, und vom subversiven Entwurf einer alternativen Familie, die keine Formen der Ausgrenzung mehr kennt. Unser Autor Toby Ashraf hat sich mit den beiden Filmemachern via Skype über die Entstehungsgeschichte der Serie unterhalten, über queeres Leben in Brasilien und die vielfältigen Formen des Widerstands, die „Das Nest“ entwirft.

Foto: Edition Salzgeber

Army of Us

von Toby Ashraf

Filipe entschuldigt sich, er musste erst noch Kaffee kochen. Es ist noch früh in Porto Alegre, aber die Leitung von Brasilien nach Berlin steht. Die Videoverbindung ist zusammenge­brochen, und so ist im Hintergrund nur eine Küchentür und das Klimpern eines Löffels zu hören, während Marcio schon mal mit unserem kleinen, informellen Interview zu ihrer Serie „Das Nest“ begonnen hat. Die Bilder, Figuren, Momente und Stimmungen aus den vier Folgen schwirren mir seit langer Zeit durch den Kopf, genauso wie diese ganzen Fragen.

Einiges ist im Voraus klar: Filipe Matzembacher und Marcio Reolon sind zwei junge brasilianische Filmemacher und ein Paar. Vor zwei Jahren konnten sie nach langer Arbeit ihren ersten gemeinsamen Spielfilm „Seashore“ zuerst in Berlin und dann weltweit auf Festivals präsentieren. Beide kommen aus Porte Alegre und haben dort auch „Das Nest“ gedreht, der jetzt in der queerfilmnacht in 23 deutschen Städten und Kinos läuft. Das freut Filipe und Marcio umso mehr, da es sich tatsächlich um eine vierteilige, in sich abgeschlossene Miniserie handelt, die zuerst einmal nur im brasilianischen (Regional-)Fernsehen lief. Später wurde “Das Nest“ dann zu verschiedenen bedeutenden Queerfilmfestivals wie dem Outfest in Los Angeles, dem Queer Lisboa und dem Gay and Lesbian Film Festival nach Turin eingeladen. Doch Serien haben es nun mal schwerer überhaupt auf die große Leinwand zu kommen. Umso schöner, dass es hierzulande gleich 23 sein werden.

Aber eins nach dem anderen: Porte Alegre, das im südlichen Bundesstart Rio Grande do Sul liegt, ist mit einer Bevölkerung von über 1,5 Millionen vielleicht nicht provinziell, aber trotzdem kein Mekka für Queers, die es – wie fast überall auf der Welt – zwecks Szeneanbindung in die Großstädte verschlägt. Porte Alegre liegt zudem knapp unterhalb der tropischen Breitengrade und ist aufgrund seiner harten Winter allein schon klimatisch vom Rest Brasiliens abgekoppelt, wie Marcio es ausdrückt. Nach Rio oder São Paulo zu fliehen kam für ihn und Filipe aber trotzdem nie in Frage, obwohl der Süden Brasiliens  von einem Traditionalismus und einem Machismo gekennzeichnet ist, die nicht nur junge schwule Männer wie sie aus der gesellschaftlichen Geschlechterordnung ausschließt.

„Gaúcho“ ist der regionale Begriff, den Filipe ins Spiel bringt, und der Männer bezeichnet, deren hypermaskulines, sexistisches und homophobes Verhalten vielerorts auf den Straßen den Ton angibt. Das war nicht immer so, sagen beide, aber als vor 12 Jahren eine rechts-konservative Regierung in das Rathaus der ehemals eher links-liberalen und queer-freundlichen Stadt Porto Alegre einzog, schlossen nicht nur die LGBTIQ-Zentren, sondern auch beinahe alle homofreundlichen Clubs. Das veränderte Klima der Stadt war für Filipe und Marcio ein weiterer Grund zu bleiben und sich stärker zu engagieren und zu vernetzen, anstatt das sinkende Heimatschiff endgültig Richtung Norden zu verlassen. Und jede restriktive Zeit hat auch ihre Vorteile: In Porte Alegre verlagerten sich die Partys auf die Straßen und Parkplätze, auf die es schließlich auch viele queere Jugendliche aus dem Umland gezogen hat.

Foto: Edition Salzgeber

In „Das Nest“ heißen sie Ariel, Iggy, Naomi, Kim und Pietro und sind das, was man gender-queere Paradiesvögel nennen könnte. Die fünf Hauptdarsteller_innen (die damals zwischen 16 und 21 Jahren alt waren) wurden von der Straßenparty direkt in die Serie gecastet, in der sie zu Beginn erlösergleich die Hauptfigur Bruno in das Reich der fiktiven Bar „Marlene“ und damit in ihre Welt ziehen. Tüllröcke über Metall-Leggings, Plateauschuhe, blaue oder rote Locken, Rastas oder Braids, gefärbte Augenbrauen, Ringe im Ohr und im Gesicht, Minikleider, Latzhosen, Bärenmützen, Zahnspangen: An den Queer-Kids der Serie kann man sich zuerst gar nicht sattsehen, und die Kamera nimmt sich dann auch genügend Zeit um uns die Gruppe zuerst im Neonlicht des Clubs und später beim wilden Tanz auf menschenleeren Industrieparkplätzen zu zeigen. Ihre märchenhafte Einführung in die Serie erscheint umso erstaunlicher, als Marcio und Filipe berichten, dass die schillernden und selbstbewusst als fashion/gender statements getragenen Outfits und Stylings keinesfalls für „Das Nest“ erfunden wurden, sondern der Realität entsprechen. „Es ist uns auch ein Rätsel, wie sie es im Alltag in ihren teilweise extrem harten Kleinstädten aushalten, und wir bewundern sie dafür sehr, vor allem weil wir wissen, dass sie ständig Anfeindungen und Sprüchen ausgesetzt sind“, sagt Marcio. Die Gruppe der an Club-Kids erinnernden Queer-Punks verkörpert für die beiden Filmemacher eine Form von Widerstand, und um den geht es in der Serie auf vielen Ebenen.

Foto: Edition Salzgeber

Der erste Widerständige, gewissermaßen wider Willen, ist Bruno (Nicolas Vargas als einziger junger Darsteller mit Spielerfahrung), den wir zu Beginn der ersten Folge nur von hinten sehen. Marschmusik, Army-Kleidung, aber hier nicht als fashion statement oder Fetisch, sondern als Beruf. Die Armee steht hier für eine normative Institution, die alle Individuen unter sich vereinnahmt, gleichmacht und „Individualität auslöscht“, wie es Marcio ausdrückt. Dieser Bruno, der seinen verschollenen Bruder sucht (der rote Faden, der durch alle vier Folgen führt), guckt sich auf Grindr Jungs an, während er im Hotelzimmer mit seiner Mutter telefoniert. Vor dem „Marlene“ duckt er sich zwar schnell, als er andere Soldaten sieht, doch sein Coming-out lässt dank der fünf Queer-Kids nicht lange auf sich warten. Widerstand von Innen gewissermaßen gegen das, was Brasilien von 1964 bis 1985 auszeichnete: die Diktatur des Militärs, die Diktatur der Gleichmachung, die Diktatur der dominanten, machistischen Männlichkeit. No more Gaúchos! Doch leider gibt es die noch immer, und deshalb steht Bruno, diese letztlich gebrochene und eben sympathische Figur, in der Mitte des Geschehens, denn: „Es kommen wieder dunkle Zeiten auf uns zu in Brasilien“, wie Filipe und Marcio nachdenklich bemerken.

Foto: Edition Salzgeber

Ariel, Iggy, Naomi, Kim und Pietro zeigen sich dagegen deutlicher als Rebellen und Widerstandskämpfer gegen die Homophoben, die Bullies, die Mitschüler, deren Eltern und alle anderen, die sie nicht sein lassen können, wie sie sind. Sie sind Teil ihrer eigenen Armee, angeführt von Marlene, der alten Drag Queen, der in der Serie die Bar gehört – wobei Marlene eher liebevolle Mutter als herrische Generälin ist. Es ist eine berührende und wunderbar unverstellt wirkende Szene, in der die Kids im Hinterzimmer des Clubs mit ihrer Patronin über Diskriminierungserfahrungen reden. In einer Reihe von empowering-Szenen setzen sich die Kids in der Folge gegen genau diese Erfahrungen zur Wehr– mit Stiften, Flugblättern, Worten oder Pisse. Ja, diese Kämpfe wirken stark, ihre Widerstandskämpfer bisweilen idealisiert. Doch das war genau so von den Filmemachern intendiert. No more victims! Stattdessen viel Schönheit, viel Stärke, viel Zärtlichkeit vor der Kamera und von der Kamera für diese Armee.

Und dann treten auch noch zwei alte Männer als Widerständige einer Zeit auf, die nicht mehr ihre ist. Alte schwule Männer, die „grausam“ aus der jungen queeren Szene verbannt sind, wie es Filipe und Marcio sagen, aber eben auch Vorreiter jener Rechte sind, die die Jungen in Brasilien genießen.

Foto: Edition Salzgeber

Am Ende der vier Folgen, die trotz einer Jugendfreigabe von 12 Jahren unverständlicherweise ins Nachtprogramm des brasilianischen Fernsehens verbannt wurden, hat man weniger das Gefühl man habe eine Serie, als tatsächlich einen Film gesehen.

Der Kaffee ist längst ausgetrunken, das Telefon klingelt, die Arbeit ruft – jedenfalls in Porto Alegre. Filipe und Marcio müssen rangehen, denn es sind die Produzenten ihres neuen Films „The Fading Light of Neon Boy“, den sie zur Zeit drehen. Das Wetter ist zu schlecht für Außenaufnahmen, der Drehplan muss geändert werden. Hätte der neue Film auch woanders als in Porto Alegre spielen können? Ich verkneife mir die Frage. Es ist schon spät, und der Widerstand muss schließlich weitergehen. In Porto Alegre und anderswo.




Das Nest
von Filipe Matzembacher & Marcio Reolon
BR 2016, 4 x 26 Minuten, FSK 12,
portugiesische OF mit deutschen UT
Edition Salzgeber

Im Mai in der queerfilmnacht


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