Tove

Trailerqueerfilmnacht

Tove Jansson ist die Schöpferin der Mumins – der knuddeligen Trollfiguren aus dem Mumintal, die seit über 70 Jahren Kinder und Erwachsene auf der ganzen Welt verzaubern. Das mitreißende Biopic „Tove“ erzählt nun vom aufregenden Leben der wohl bekanntesten Autorin und Zeichnerin Finnlands. Von Toves turbulenter Suche nach Identität, künstlerischer Freiheit und sexueller Selbstbestimmung. Und davon, wie ihre zunächst nur nebenbei gezeichneten Fabelwesen zu einem einmaligen Erfolgsphänomen wurden. Der Film läuft in diesem Monat in der queerfilmnacht, ehe er am 24. März 2022 auch regulär startet. Beatrice Behn vermutete zunächst ein typisches „Drama à la lesbienne“, wurde aber mit einer sehr komplexen Hauptfigur überrascht.

Foto: Salzgeber

Rustikale Leichtigkeit

von Beatrice Behn

Ich weiß nicht mehr, wann genau es so weit war. Aber irgendwann zwischen „Carol“ und „Die Taschendiebin“ habe ich aufgegeben, mich gegen die niemals enden wollenden Lesben-Kostümmelodramen zu wehren, in denen sich mal berühmte, mal weniger berühmte Frauen plötzlich ins gleiche Geschlecht verlieben und dann aus verschiedenen Gründen leiden und lieben und hach… bis dann endlich die erste der drei gemeinsamen Sexszenen kommt, bei denen dann aber verschämt-romantisch die Kamera weggedreht wird und das Ganze so entsexualisiert, dass man alsbald denken mag, dass hier nicht gevögelt, sondern nur ein bisschen geschmust wird. Um am Ende cremen sie sich noch gemeinsam die Schultern ein.

So ein Film scheint auch „Tove“ von Zaida Bergroth zu sein. Der spielt in Finnland und da ist es bekanntlich oft kalt und das ist schlecht für die Haut und schlecht fürs Gemüt, denn Kälte macht die Dinge spröde. Spröde ist anfänglich auch die Hauptfigur, Tove, die zu den berühmten Lesben zählt, kennt man Tove Jansson doch als die Erfinderin der Mumins, den nilpferdartigen Trollwesen, die ganze Generationen von Kindern begleitet haben und von denen jede gestandene Lesbe wenigstens eine Andenkentasse in der Küche haben sollte (ich habe zwei).

„Tove“ ist dabei eine doppelte Emanzipationsbewegung einer jungen Frau, die sich in einer Nachkriegsgesellschaft verorten muss, die für jemanden wie sie nicht allzu viel Platz und Verständnis hat. Tove ist quasi der Inbegriff einer unnützen Frau. Sie ist als Malerin gut, aber nicht so gut wie ihr berühmter Bildhauer-Vater Viktor, der nur wenig Verständnis dafür aufbringt, dass Tove nicht so talentiert ist wie er. Als Illustratorin ist Tove wiederum extrem begabt, doch ihre Zeichnungen von Nilpferdwesen sind eben nicht die große Kunst und nutzloser Quatsch in seinen Augen. Dem ständigen Gezeter von der richtigen Kunst entgeht Tove erst, als sie nach dem Krieg von zu Hause auszieht in ein kleines, kalt-nasses Atelier, dessen Miete sie kaum zahlen kann. Auch als Frau ist Tove keine gute Investition, will sie doch ihre Freiheit behalten und deshalb nicht heiraten und auch keine Kinder kriegen. Das ist natürlich attraktiv für manche Männer, wie für den Politiker Atos Wirtanen, der auch eher seine Freiheiten will und Tove deshalb zur Geliebten nimmt. Oder besser: sie nimmt ihn. Erst klassisch finnisch in der Sauna und dann für ein paar Jahre als gelegentlichen Freund und Bettgefährten.

Foto: Salzgeber

Doch Atos kann nicht mithalten mit der atemberaubenden Vivica. Die große, schöne, lakonische Vivica mit ihren braunen Locken und knallroten Lippen und den Augen, die leuchten, wenn sie von Paris erzählt. Paris, dem Ort, an dem man als lesbische Frau einfach man selbst sein kann, sagt Vivica. Wo man mit Frauen bis in den Morgen hinein in den Bars tanzt und dann mit ihnen nach Hause geht, um sie genüsslich zu verschlingen. In Finnland ist Vivica dann Ehefrau, Tochter des Bürgermeisters und Theaterregisseurin. In Finnland ist es aber auch, wo sich die beiden kennenlernen und eine semi-heimliche Affäre eingehen. Es stellt sich natürlich hier die rhetorische Frage, ob das gut gehen kann, denn das Drama dieses Genres entspringt ja immer aus der Heimlichkeit, dem Tabu der queeren Liebe an sich und den eventuell bitteren Konsequenzen – auch wenn wir nicht mehr in jedem Film die klassische Trope der toten Lesbe erwarten müssen.

Doch was klingt wie klassisches Drama à la lesbienne, entpuppt sich dann ganz subtil und recht geschickt als ein Film, der im Gewand des Genres viel lieber die Idee von freiem Leben und Denken bearbeitet und von der Schwierigkeit, sich als Mensch und Frau in aller Ehrlichkeit selbst zu verwirklichen, als schlicht von Romantik und Liebe seiernd über das Übliche zu lamentieren. Hier kommt das Werk der Künstlerin in der Essenz erstaunlich nahe, die eher etwas rustikal und mit feinfühligem Witz das Leben als eine Gelegenheit erkannte, aus allem, auch den schmerzhaften Dingen, doch immer wieder gute Lehren zu ziehen, die voller Lebensmut und Güte sind. „Tove“ zentralisiert also nicht einfach die lesbische Liebesgeschichte als das, was seine Hauptfigur allumfänglich definiert, sondern arbeitet diese als Teil des ganzen Findungsprozesses eben mit ein – ohne dem Melodramatischen dabei allzu sehr zu verfallen.

Foto: Salzgeber

Genau dieser Modus ist herrlich empörend, weil er die Genreerwartungen unterläuft und man sich fragen muss: „Warum guckt man eigentlich solche Filme?“ Die Antwort ist schnöde und valide zugleich: Um der Dramatik der lesbischen Sehnsucht zu fröhnen, vielleicht ein bisschen heißen Lesbensex zu erahnen und dann am Ende ausgiebig zu heulen und karthartisch zu schluchzen. Bergroth wiederum ist aber tatsächlich an ihrer Hauptfigur interessiert und arbeitet sanft alle ihre Dimensionen heraus. Dabei streift sie nicht nur Fragen der individuellen Emanzipation, sondern auch soziokulturelle Schlüsselfragen, allen voran die der Deutungshoheiten und des stetigen Gatekeepings in der Kunst, aber auch der Gesellschaft und der freien Entfaltung der eigenen Lebensentwürfe. Dass sich Tove Jansson da am Ende nicht die Butter vom Brot hat nehmen lassen, ist klar. Und doch überrascht, wie viel Eigenkompetenz und gleichsam wie viel Komplexität „Tove“ zulässt.

Foto: Salzgeber

Und das gibt zu denken, offenbart es es doch das Genre in seinen Mechanismen, das lesbische Frauen dann doch oft als Opfer der historischen Umstände zeichnet, die sich hier und da ein paar Küsse und Freiheiten stehlen, wenn die Männer nicht hinsehen. Wie oft wird das Leben dieser Frauen, egal ob sie historisch verbürgt sind oder nicht, reduziert auf einzig eine Idee: die potenzielle Tragik ihres Lesbischseins in einer Zeit und an einem Ort, an dem kein Platz dafür ist. Dass das nicht reicht und dass es auch wirklich komplexer und damit auch interessanter und authentischer geht, beweist „Tove“ mit charmant-rustikaler Leichtigkeit – und legt die Latte damit ein bisschen höher.




Tove
von Zaida Bergroth
FI/SE 2020, 100 Minuten, FSK 12,
schwedische OF mit deutschen UT und DF,
Salzgeber

Im Oktober in der queerfilmnacht und ab 24. März 2022 im Kino.

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