Nevrland

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Ab Donnerstag im Kino: Jakob ist 17, arbeitet als Aushilfskraft in einem Schlachthof und kämpft mit einer lähmenden Angststörung. Als er in einem Sex-Cam-Chat den 26-jährigen Künstler Kristjan kennenlernt, beginnt für ihn eine transpersonale Reise nach Nevrland und zu den Wunden seiner Seele. Bildgewaltig und atmosphärisch dicht zeigt der österreichische Regisseur Gregor Schmidinger in seinem ersten Langfilm „Nevrland“ den Prozess des sexuellen Erwachens und der Selbstfindung als existentiellen Trip, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie immer mehr verwischen. Newcomer Simon Frühwirth wurde für seine Rolle als Jakob bereits mehrfach ausgezeichnet. Sebastian Markt über einen tiefenpsychologisch fundierten Coming-of-Age-Film über den Mut, man selbst zu sein, und die gewaltige Angst, die oft davor liegt.

Foto: Edition Salzgeber

Zwischen Angst und Verheißung

von Sebastian Markt

Ein junger Mann rennt durch den Wald, fast nackt, und mit dem Anschein einer Gehetztheit, aber zugleich auch ekstatisch und schnell, die Bäume rauschen vorbei, bis er plötzlich an eine Geländekante kommt, eine Klippe, über die er hinausspringt, durch die Luft fliegt, auf einen See zu, unter ihm. Einmal dem Boden entkommen, scheinen Zeit und Schwerkraft wie suspendiert, langsam und in fast majestätischer Ruhe segelt er dahin, taucht tief ins Wasser ein, und wirbelt ein Muster auf die Leinwand, das ins Abstrakte geht.

Schon das erste Bild von Gregor Schmidingers Spielfilmdebüt ist das Bild einer Grenzüberschreitung, einer Überwindung von Dimensionen, Laufen, Springen, Fallen, Eintauchen, Untertauchen, von dicht nebeneinanderliegenden Affekten.

Von der weiten, lichtdurchfluteten, ortlosen, nahezu mystischen Außenwelt springt der Film dann in einen sehr konkreten Innenraum, das Jugendzimmer des Wiener Teenagers Jakob. Dort sitzt er vor seinem Bildschirm und versinkt in wiederum anderen Welten, spielt Computerspiele, sieht auf Pornoseiten Männern beim Sex zu und klickt sich durch Webcam-Chaträume.

Jakob lebt als jüngstes Glied in einem patrilinearen Haushalt dreier Generationen mit einem Vater (Josef Hader), der sich mangels Empathie bei seinen Erziehungsversuchen an das hält, was ihm selbst am nächsten ist, und einem Großvater (Wolfgang Hübsch), der unter dem Eindruck von Alter und Krankheit nur noch eine schattenhafte Präsenz in dem Männerhaushalt ist, der auch sonst von einer leicht oppressiven Kommunikationsarmut geprägt ist. Zwischen Jakob und seinem Großvater existieren noch zärtliche Bande, die Pflege besorgt er, nicht der Vater. Seine Mutter, erzählt Jakob später einmal, hat die Familie verlassen, als er noch ein kleines Kind war. (Mit Jakobs Mutter scheinen alle weiblichen Figuren aus der Welt ausgezogen zu sein, wir begegnen in „Nevrland“ keiner.)

Foto: Edition Salzgeber

Der Teenager hat ein Faible für Astrophysik, was sich sowohl in der Dekoration seines Zimmers widerspiegelt, als auch in der Bilderwelt des Films selbst, vor allem mit Fortschreiten der Erzählung, wenn die Grenzen zwischen äußeren Realitäten und inneren Fantasien brüchig werden, und die Leinwand für einen Moment jedes raumzeitliche Gefüge hinter sich lässt, und unter den dräuenden Klängen von Gerald VDHs Soundtrack, drohend, lockend, einem schwarzen Stern huldigt.

Vor allen Träumen vom Universum (die für Jakob auch mit beruflichen Fantasien in Verbindung stehen) kommt die bittere Realität des Schlachthauses, wo Jakobs Vater dem Jungen einen Ausbildungsplatz verschafft, wo er nun damit beginnt, frischgeschlachtete Tierhälften abzuwaschen und die bluttriefenden Kacheln sauberzuspritzen. Der Film erzählt das Schlachthaus wiederum in der zugleich präzisen und suggestiven Kameraarbeit von Jo Molitoris als Raum neuer Logik, ein klinischer und zugleich von dreckigem Dampf verhangener Unort voller Tierkadaver und schwitzender Männerleiber.

Foto: Edition Salzgeber

Schon beim Nachhauseweg des ersten Arbeitstags beginnen Panikattacken Jakob zu plagen, und in der Gemeinschaftsdusche der Schlachthausarbeiter, von der Jakob sich zunächst aus Gründen fernhält, die von Scham herrühren könnten oder der Angst vor der möglichen Schamlosigkeit, kippt er eines Tages um. Jakob wird, nach dem Ausbleiben einer physiologischen Diagnose zum Psychotherapeuten (Markus Schleinzer) überwiesen, der ihn zu einer Art Familienaufstellung mit seiner eigenen Angst zu bewegen versucht. Die Szene, in der sich Jakob gleichsam entzweit und verdoppelt, ist einer von vielen klugen dramaturgischen Kniffen in „Nevrland“, ein unmittelbar sinnfälliges Bild des Nicht-Identischen, des Nicht-mit-sich-selbst-in-Deckung-Seins.

In dieser Latenz zwischen Alltag und Sehnsucht und unter den Eindrücken von Pornos und Schlachthaus, aber ohne die Erfahrung eines Berührtwerdens, eines Berührenkönnens, trifft Jakob auf den älteren amerikanischen Kunststudenten Kristjan (Paul Forman), im Netz zuerst, und dann in real life, eine Begegnung die sich verschlungen gestaltet. Das erste geplante Zusammentreffen auf einer Technoparty ist mehr Verfehlen. Anders wird das, nachdem Jakob Kristjan nach dem Begräbnis seines Großvaters kontaktiert, und die beiden sich im Kunsthistorischen Museum verabreden.

Foto: Edition Salzgeber

Die Zeit, die die beiden dann miteinander verbringen, im Museum, und in Kristjans hippem Loft und auf dem Dach des Hauses nimmt die ganze zweite Hälfte des Films ein und führt schließlich, nachdem Kristjan Jakob nach einer neuerlichen Panikattacke zu einen DMT-Trip überredet hat, direkt in die Psyche des Jungen.

Vor „Nevrland“ hatte Gregor Schmidinger zwei Kurzfilme gedreht, die schon einige der Motive enthalten, die in seinem ersten Langspielfilm weiterentwickelt werden. In „Boy Next Door“ (2008) führt die Begegnung eines von Angstattacken geplagten Strichers mit dem jungen Sohn eines nichtgeouteten Klienten zu einem Moment wechselseitiger Selbsterkenntnis. „Homophobia“ (2012) folgt einem jungen schwulen Rekruten im Grundwehrdienst des österreichischen Bundesheers in den Einsatz an die Landesgrenze. Zwischen Mannschaftsdusche und scharf bewaffneter nächtlicher Patrouille zum Grenzschutz erweist sich die soldatische Jungmännlichkeit als vermintes Terrain.

Coming-of-Age-Geschichten erzählen häufig vom Überschreiten einer Schwelle, von Transformationen, die jene, die sie durchmachen, zu sich selbst führt, sind meist also auch Coming-of-Self-Filme. Das Programm, das Schmidinger in „Nevrland“ verfolgt, nimmt den Faden einer Selbstfindung auf, vollführt dabei auch eine Radikalsierung, im Ästhetischen wie im Erzählerischen. „Nevrland“ verlässt sich nicht auf Selbstverständlichkeiten, die anderswo Vorrausetzung bleiben. Was ein Name verbürgt, was ein Gesicht verbindet, löst Schmidinger in einen Wirbel auf, der von den Kräften erzählt, die unterhalb dessen wirken, was an der Oberfäche als Identität sichtbar wäre, von Begehren und Ängsten, von Erfahrungen, die zurückliegen, auch jenseits von Erinnerung und von solchen, die noch Fantasie sind, von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dass Jakob ausgerechnet an Panikattacken leidet, ist mehr als konsequent und führt in der Angst vor dem eigenen Zerfall, der Sorge um die eigene Kohärenz, in den Kern einer Problematik, die allzu gerne nur gestreift wird. Darin fügt sich, dass Simon Frühwürth Jakob in seinem beeindruckenden Schauspiel-Debüt mit einer Intensität verkörpert, die ganz Präsenz ist, ohne zu verbergen oder zu projizieren.

„Nevrland“ als eine Art schwule Variation des von Lost Boys (wie sie in den Geschichten von „Peter Pan“-Autor J. M. Barrie aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts heißen) bevölkerten Nimmerland, Insel der verweigerten Adoleszenz, im Zeitalter digital vermittelter Beziehungen und dem Druck von Identitätszumutungen. Ein Drama in Bildern, die die Spannung zwischen Angst und Verheißung bis zum Ende halten, das davon handelt, was es bedeuten mag, „Ich“ zu sagen.




Nevrland
von Gregor Schmidinger
AT 2019, 90 Minuten, FSK 16,
deutsche Fassung & deutsch-englische OF, teilweise mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Ab 17. Oktober hier im Kino.

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