Neubau

Trailerqueerfilmnacht

Wo möchte ich leben – und wie? Mit diesen existentiellen Fragen beschäftigen sich Autor/Hauptdarsteller Tucké Royale und Regisseur Johannes M. Schmit in ihrem Debütfilm „Neubau“ aus der Sicht eines jungen queeren Mannes in der Uckermark. Und beantworten sie mit einem dezidiert nicht-normativen Lebensentwurf, in dem die Befreiung aus konservativen Vorstellungen von Sexualität und Geschlechterzugehörigkeit ebenso eine Rolle spielen wie Commitment und gegenseitige Fürsorge. Ihr queerer Heimatfilm entstand fernab der großen Metropolen als unabhängige Produktion in einem Künstler*innen-Kollektiv, dem es um ambivalente (Gegen-)Erzählungen und eine „Neue Selbstverständlichkeit“ geht. Lukas Foerster über das Glitzern queerer Körper in der Weite Brandenburgs.

Foto: Salzgeber

Queere Gespenster

von Lukas Foerster

Der Sex ist zunächst nur auf der Tonspur. Zu sehen sind in der ersten Einstellung von „Neubau“ vor allem grüne, hohe, weit ausladende Bäume, zwischen dem Blattwerk schimmert Wasser durch, oben der Himmel. Ein Blick in die freie, üppige Natur, aber gleichzeitig, wie direkt darauf klar wird, ein Blick aus der Distanz. Die Kamera fährt zurück und lässt den Rahmen des Fensters sichtbar werden, durch den hindurch wir auf die Bäume blicken. Im selben Moment, in dem die Natur ausgesperrt wird, tritt der Sex ins Bild (was aber eben auch heißt: Sex und Natur treten auseinander, sind ab sofort zwei voneinander getrennte Wahrnehmungsebenen): zwei Körper auf einem Bett, keuchend, einander erkundend. Gerade als einer der beiden die Hosen herunterlässt, meldet sich das Handy des anderen zu Wort.

Das Gespräch verläuft einseitig. Der bärtige junge Mann, der gerade noch auf dem Bett zugange war, bleibt fast durchweg stumm, hört zu, wirft nur ab und an ein, zwei Worte dazwischen. Noch während er sich das Handy ans Ohr hält, ist er schon halb aus dem Haus. Markus, so heißt er, ist viel unterwegs im Film. Joggen, Feldarbeit, Schwimmen, Autofahren, dazwischen gelegentliche Blicke aufs Handy, aber da passiert selten etwas Interessantes. Markus, gespielt von Tucké Royale, der auch das Drehbuch verfasst hat, hält den Kopf meist gesenkt, wenn er durch die Welt läuft. Wie als wüsste er schon, dass es das, was er wirklich sehen möchte, in seinem aktuellen Umfeld ohnehin nicht gibt. Nicht nur am Telefon ist er schweigsam.

Markus hieß nicht immer Markus. Zum Pinkeln geht er in die Hocke und unter der Brust trägt er eine Narbe. Am Anfang hat es weh getan, jetzt nicht mehr. „Neubau“: Das bezieht sich nicht nur auf das Haus, in dem Markus sich eher provisorisch eingerichtet hat. Die dramaturgischen Klischees des queeren Themen- beziehungsweise Problemkinos umschifft „Neubau“ weiträumig, ohne deshalb die Schwierigkeiten eines trans Lebens in der Provinz komplett auszublenden. Ganz abwesend ist der soziale Normierungsdruck, der auf Markus lastet, im Film nicht, auch wenn er, abgesehen von einer kurzen Szene auf einer Herrentoilette, nie explizit wird.

Insgesamt jedoch interessiert sich der Film weitaus mehr für die inneren Prozesse: die stille Frustration eines Menschen, der sich in seiner Umgebung fehl am Platz fühlt und die Fantasieproduktion, die Abhilfe zu schaffen versucht. Was Markus zu schaffen macht, ist weniger die Anwesenheit von Repression als die Abwesenheit alternativer Erfahrungswelten. Gelegentlich ragt ein anderes, verführerisch glitzerndes Leben in den Film hinein, eine Gemeinschaft der befreiten Körper, die in die Naturidylle hineinprojiziert wird, aber für Markus vorläufig unerreichbar bleibt. Es zieht ihn in die Großstadt, nach Berlin.

Foto: Salzgeber

Zurück zur ersten Szene: Angerufen hatte Markus, stellt sich bald darauf heraus, die Lebensgefährtin seiner Großmutter. Die beiden alten Frauen leben in der Nähe und es ist vor allem die enge Beziehung mit den beiden sowie die zunehmende Gebrechlichkeit der Großmutter, die auch Markus in der Gegend hält. Die Gegend: ein Dorf im ländlichen Brandenburg mitsamt Umgebung – Wiesen, Felder, ein Badesee. Als einen „Heimatfilm“ bezeichnet Johannes Maria Schmit sein Regiedebüt im Abspann. Man darf das wohl so verstehen, dass auch das deutscheste und vermeintlich konservativste aller Filmgenres einem Neubau unterzogen werden soll. Schmit ist allerdings keineswegs mit der revolutionären Abrissbirne zugange; eher geht es um eine sanfte Erweiterung und Verlagerung des Blicks, etwa wenn ein Heuballen plötzlich zur Kulisse einer Masturbationsszene wird oder wenn die Lebensgemeinschaft zweier alter Frauen plötzlich um eine erotische Dimension ergänzt wird.

Foto: Salzgeber

Es gibt neben den queeren, unerreichbaren Gespenstern noch einen weiteren, einen erreichbaren Körper: Duc, ein junger Fernsehtechniker, schlank, langes, schwarzes Haar, weiche Stimme. Der erste Kontaktversuch über einen Badesee hinweg misslingt – die Handys sind bereits synchronisiert, die Blicke noch nicht. Auch danach ist Duc noch eine ganze Weile lang eine eher randständige, fast ebenfalls geisterhafte Präsenz in „Neubau“. Die zum Heimatfilm fast zwingend dazu gehörende Liebesgeschichte lässt sich Zeit, und es ist schließlich ein am Seitenspiegel von Markus’ befestigtes Haarband, das sie in Gang setzt. Ein Zufallsobjekt, das mit Bedeutung aufgeladen wird, das nicht nur die vorher unerreichbar erscheinende Nähe verspricht, sondern außerdem einen neuen Blick ermöglicht.

Foto: Salzgeber

Mit der Liebesgeschichte findet der Film außerdem zur Sprache. Markus öffnet sich nicht nur zu Duc, sondern auch zur Welt hin, er beginnt über den Ort zu reden, in dem er lebt. Gletscher lagen einst über Brandenburg, vor vielen 1000 Jahren, lange bevor Mitteleuropa von Menschen besiedelt wurde. Die Eismassen sind verschwunden, aber sie haben die vielen Seen zurückgelassen, die der Landschaft einen eigenen Charakter verleihen. Dinge verändern sich, manchmal langsamer, manchmal schneller. „Ich könnte jetzt gerade nirgendwo anders sein, als hier“, sagt wiederum Duc einmal zu Markus. In Berlin war er schon, fünf Jahre lang, „das war anders schön“. Markus jedoch sehnt sich gerade nach dem „anders“. Die Großstadt bleibt der zentrale, abwesende Fluchtpunkt des Films. Die zentrale Utopie von „Neubau“ ist dennoch eine andere: Wäre es nicht denkbar, dass irgendwann einmal auch in der Weite Brandenburgs das Glitzern queerer Körper mehr ist als nur eine Illusion?




Neubau
Buch Tucké Royale · Regie Johannes M. Schmit
DE 2020, 81 Minuten, FSK 16,
deutsche OF,

Salzgeber

Ab 1. April in der queerfilmnacht online.


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