Im Stillen laut

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Erika und Tine sind beide 81 und seit über 40 Jahren ein Paar. Zusammen leben und arbeiten sie auf dem Kunsthof Lietzen in Brandenburg – und blicken auf ein bewegtes Stück gemeinsame Geschichte zurück. Mit ihrer Neugier und Offenheit stellen Erika und Tine alles in Frage, das Vergangene und das Bestehende. Therese Koppes vielschichtiges dokumentarisches Porträt „Im Stillen laut“, das jetzt im Kino startet, ist ein Film über das Leben, die Kunst und selbst geschaffene Freiräume in der DDR, über Liebe im Alter und die Frage, wie man sich und seinen Idealen treu bleiben kann. Unsere Autorin Anja Kümmel genoss den Einblick in den Alltag von Erika und Tine und in eine Liebe, die ohne große Worte spürbar wird.

Foto: Salzgeber

Aufbruch statt Abbruch

von Anja Kümmel

„Größtmögliche Bewegungsfreiheiten“ würde der Kunsthof Lietzen der Malerin und Bildhauerin Erika Stürmer-Alex bieten, heißt es in einer der Anfangsszenen des Dokumentarfilms „Im Stillen laut“. Klingt super, mag man spontan denken. In diesem Fall ist diese Beschreibung allerdings alles andere als positiv gemeint: Sie entstammt ihrer Stasi-Akte, aus der Erika ihrer Partnerin Christine Müller-Stosch vorliest.

Die beiden sympathischen alten Frauen, 1938 geboren und seit über 40 Jahren ein Paar, sitzen am Wohnzimmertisch in eben jenem Gehöft in Brandenburg, von dem in der Akte die Rede ist. Wenn sie gemeinsam zurückblicken und sich dadurch die Geschichte der DDR und ihre Biografien Stück für Stück entrollen, gehört dies zu den stärksten Momenten des Films, der als Abschussarbeit an der Filmhochschule Babelsberg entstand. Regisseurin und Produzentin Therese Koppe, 1985 in Berlin geboren, hat sich für eine angenehm entschleunigte Herangehensweise entschieden. Anstatt „sprechende Köpfe“ aneinanderzureihen, setzt „Im Stillen laut“ auf ein natürliches Miteinander, dem anzumerken ist, dass die Filmcrew über ein Jahr hinweg immer wieder lange Zeit mit Erika und Christine zusammenwohnte.

Dazu braucht es nicht viele Worte. Lange Einstellungen zeigen unbelebte Zimmer, in denen höchstens mal eine Katze durchs Bild spaziert. Oder das Gebäude von außen, das in nächtlicher Ruhe daliegt. So haben die Zuschauer_innen Zeit, die Umgebungsgeräusche auf sich wirken zu lassen, die in den Räumen befindlichen Utensilien, Bücher und Kunstdrucke in Augenschein zu nehmen, die möglicherweise Aufschluss über die Bewohnerinnen geben. Dass auch intime Momente – etwa wenn Erika versunken mit einer Katze auf dem Bauch auf der Gartenliege entspannt – nicht übergriffig wirken, belegt, wie sehr das kleine Filmteam während der Dreharbeiten Teil des Lebens auf dem Hof gewesen sein muss.

Indes spielt der Titel nicht nur auf die Grundstimmung des Films an, sondern insbesondere auf die so unprätentiösen wie eigenwilligen Widerstandspraxen der beiden Protagonistinnen. Die Szene, in der Erika und Christine abwechselnd amüsiert und erschrocken auf den (stark realitätsverzerrenden) Bericht eines Stasi-Mitarbeiters reagieren, der dem Hof in den 1980er Jahren einen Besuch abstattete, ist die erste des Films, in der gesprochen wird. Äußerst misstrauisch beäugt der Informant die „ideologisch negative Entwicklung“ der Künstlerin. Zwar sei es der Stasi gelungen, ihr die Aufenthaltsgenehmigung für Berlin zu entziehen und sie so von ihren ehemaligen Studierenden an der Kunsthochschule Weißensee fernzuhalten. Nun allerdings muss der Informant entsetzt feststellen, dass sie zusammen mit ihrer (lesbischen!) Gefährtin in der vermeintlichen Isolation in Lietzen jeden Sommer Menschen zusammenbringt, die dort diskutieren, feiern, Kunst und Musik machen, Freikörperkultur praktizieren, kurzum: „sich selbst erfahren“ – fernab jeglicher Ideologien.

Zunächst bricht Christine immer wieder in kopfschüttelndes Lachen aus ob der blühenden Fantasie des Agenten, der den nackten Menschen, die er auf dem Hof antrifft, wilde Orgien andichtet, in einem mit Betten bestückten Zimmer gar ein „Liebeskabinett“ entdeckt haben will. Als den beiden im Lauf des Vorlesens jedoch aufgeht, wie weit die Bemühungen der Stasi reichten, Erika aus dem Verkehr zu ziehen, verebbt das Lachen und eine bedrückte Stimmung kehrt ein – perfide Worte wie „Zersetzung“ und „Isolierung“, die immer wieder im Bericht auftauchen, wirken noch lange nach.

Foto: Salzgeber

Ergänzend streut die Regisseurin alte Fotos ein, die den Hof in seinem ehemaligen Zustand zeigen, „ruinös und verwildert“, bevor Erika ihn 1982 für 10000 DDR-Mark dem Staat abkaufte. Daneben Fotos, die gutgelaunte Menschen zeigen, die – bekleidet oder unbekleidet – Kunst schaffen, zusammensitzen, reden. Auch Aufzeichnungen von lebensfrohen Performances und Musikaufführungen sind zu sehen, die den verbissenen Bericht des Stasi-Mitarbeiters nonchalant konterkarieren.

Ansonsten verlässt sich Koppe ganz auf die visuellen Eindrücke des Jetzt und die – notwendig subjektiven und fragmentarischen – Erzählstimmen ihrer Hauptfiguren. Aus dem Off hören wir Auszüge aus Christines Tagebuch, in dem sie festhält, wie ihr als Tochter eines systemkritischen evangelischen Pfarrers der Zugang zum Abitur verweigert wurde und sie nur über Umwege Theologie studieren konnte. Wie sie nach der Wende ihren Job als Lektorin verlor und gemeinsam mit Erika den Verein „kreativ leben lernen“ für arbeitslose Frauen in der Lebensmitte gründete, der auch eine Begegnung zwischen Ost und West befördern sollte.

Erika wiederum liest aus Briefen vor, die sie in den 70er Jahren während einer Studienreise nach Paris an die Freundin schrieb: „Es gibt so viele schöne, bunte Dinge, da ist die Kunst eigentlich fast überflüssig. Ich denke wirklich, dass ich in der DDR mehr gebraucht werde – nicht nur mit meiner Kunstauffassung, sondern auch mit meiner Lebensauffassung.“

Foto: Salzgeber

Zusammen mit den farbenfrohen Plastiken, die im Garten in Lietzen stehen, den großformatigen Bildern, an denen wir Erika arbeiten sehen, geben diese Passagen flüchtige Einblicke in das Schaffen der Künstlerin. Wer darüber hinaus mehr wissen will, ist allerdings auf die eigene Neugier, die selbständige Recherche und Bildersuche im Internet angewiesen.

Auch das Thema „lesbische Beziehungen in der DDR“ reißt der Film lediglich an. Dass Erika und Christine ein Paar seien, taucht als knappe Feststellung in der Stasi-Akte auf – vielleicht verblasste dieser Fakt angesichts der imaginierten Sex-Skandale und Erikas ideologisch nicht vertretbarer Kunstauffassung. Dennoch fragt man sich: Wie erlebten die beiden ihr Coming-Out? Hat ihnen ihre Homosexualität je Probleme bereitet – innerhalb der Familie, mit dem Staat? Haben oder hatten die beiden Kontakte zu anderen Frauenpaaren, zur schwul-lesbischen Szene? Als Ergänzung könnte sich hier Barbara Wallbrauns Dokumentarfilm „Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR“ lohnen, der ebenfalls aktuell im Kino läuft.

Foto: Salzgeber

Indes wird die Liebe zwischen Erika und Christine ohne große Worte spürbar, indem Koppe die Zuschauer_innen an ihrem mal idyllischen, mal eintönigen oder auch beschwerlichen Alltag teilhaben lässt. Wir sehen Erika im Atelier und Christine bei der Gartenarbeit, im Arbeitszimmer am Computer, oder wie sie abends aneinander gelehnt im Bett sitzen – ein eingespieltes Team, das sich meist nonverbal versteht. Was aber keineswegs bedeutet, dass sie aufgehört hätten, miteinander zu sprechen: Aufschlussreich ist etwa ein Gespräch der beiden am Frühstückstisch, das en passant ihre unterschiedlichen Perspektiven auf die DDR, die Wende und die Zeit danach transportiert.  Hätte man sich vorher an manchen Stellen vielleicht mehr erklärende Kommentare gewünscht, Einschätzungen von außen oder eine größere Bandbreite an Erinnerungen, wird in dieser Szene deutlich, dass der unterschiedliche Werdegang der beiden Frauen und die daraus resultierenden voneinander abweichenden Sichtweisen bereits einen Großteil der komplexen gesellschaftspolitischen Gemengelage in sich tragen: Während Erikas abstrakte Malerei in der DDR auf Ablehnung stößt, hält sie sich mit staatlichen Auftragsarbeiten für bunte Plastiken über Wasser. Die Dissidentin Christine hingegen genießt das zweifelhafte Privileg, jederzeit ausreisen zu dürfen – wenn sie denn gewollt hätte.

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Allein diese fragmentarischen Einblicke in zwei Leben im permanenten Balanceakt zwischen Anpassung und Widerstand werfen viele Fragen auf, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Sieht man die beiden Frauen so lebhaft diskutieren, und dann, jede wieder ihren eigenen Gedanken nachhängend, einträchtig nebeneinander in ihre Marmeladenbrote beißen, formt sich der Gedanke: Vielleicht besteht Systemkritik – ob nun in Ost oder West – nicht zuletzt auch darin, Reibungspunkte zuzulassen, Respekt vor abweichenden Meinungen zu haben und einander Freiräume zu gewähren. Dies jedenfalls ist der bleibende Eindruck, den Therese Koppes leises, visuell kraftvolles Porträt hinterlässt.




Im Stillen laut
von Therese Koppe
DE 2019, 74 Minuten, FSK 0,
deutsche OF,

Salzgeber

Hier im Kino.
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