Futur Drei

Trailerqueerfilmnacht / Kino

Jetzt im Kino: Parvis wächst als Kind der Millennial-Generation im komfortablen Wohlstand seiner iranischen Einwanderereltern auf. Dem Provinzleben in Hildesheim versucht er durch Popkultur und Grindr-Dates zu entfliehen. Als er in einer Unterkunft für Geflüchtete das Geschwisterpaar Banafshe und Amon kennenlernt, beginnt eine fragile Dreierbeziehung. Faraz Shariats autobiografisches Regiedebüt, das im Künstler*innen-Kollektiv Jünglinge entstanden ist, war der queere Film der Berlinale und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Teddy und dem First Steps Award. Dennis Vetter spürt Shariats aktivistischem Gegenentwurf zum konventionellen deutschen Kino nach und plädiert selbst für mehr diverse Realität auf der Leinwand.

Foto: Salzgeber

Du kannst es tun, oh Sailor Moon

von Dennis Vetter

Wie würde das populäre deutsche Kino aussehen, wenn es sich der Realität im eigenen Land stellen und die Vielschichtigkeit der Bevölkerung angemessen repräsentieren würde? Als der Regisseur Faraz Shariat, die Produzentin Paulina Lorenz und die Casterin Raquel Molt begannen, gemeinsam an Shariats Langfilmdebüt zu arbeiten, stand für das Kollektiv unter anderem diese Frage im Zentrum. Sie waren frustriert davon, dass im groß produzierten Kino hierzulande migrantische Perspektiven vorwiegend in Verbindung mit seichten Komödien und romantischen Heimatverklärungen auftauchen – das haben sie in den vergangenen Monate immer wieder in Gesprächen zum Film betont. Ihr Ziel war ein Gegenbild für ein breites Publikum, das zeigt, dass es auch anders geht: eine populäre, queere Erzählung, die junge Menschen einer pluralistischen Gesellschaft zeigt und direkt anspricht.

Bei „Futur Drei“ soll Widerstand Spaß machen und Hoffnung wecken – und eine mögliche Zukunft denkbar werden. Diese Zukunft, die emanzipatorisch ist und frei, kann jedoch nicht ohne das Wissen um eine diskriminierende Gegenwart entstehen, in der Rassismus, Homophobie und strukturelle Gewalt an der Tagesordnung sind. Und so ist die Geschichte des Films eine Geschichte von Konflikten und Selbstzweifeln, auch wenn sie im Licht einer queeren, postmigrantischen Utopie schimmert.

Unter ihrem Kollektivnamen „Jünglinge“ haben Shariat, Lorenz und Molt einen sexpositiven Film gedreht, den sie als „juicy“ bezeichnen und dessen filmische Mittel ganz klar im Zusammenhang mit der Strategie stehen, sich gegen gängige – das heißt: weiße, patriarchale, heteronormative – Repräsentationsweisen im deutschen Kino aufzulehnen. „Futur Drei“ erprobt selbstbewusst eine queere Ästhetik und Körperpolitik.

Foto: Salzgeber

Parvis, der Held des Films, ist Sohn zweier iranischer Eltern, die seit 30 Jahren in Deutschland leben. Er ist offen schwul und eckt damit zuhause nicht an. In einem Heim für Geflüchtete erntet er für seinen Style und sein Auftreten jedoch schnell argwöhnische Blicke. Die ebenfalls iranische Clique um Amon, einem der Bewohner, gefällt sich währenddessen in prolligem Machogebaren. Die Kerle halten zusammen und lassen nicht zu, dass jemand ausbricht oder sich unloyal verhält. Als Amon auf Parvis neugierig wird und mit ihm zu sprechen beginnt, meint sein Kumpel, er solle besser damit aufhören, denn „sowas“ sei ansteckend. Amon lässt sich von seiner Clique einschüchtern und will den Kontakt zu Parvis wieder abbrechen, doch auch seine Schwester Banafshe freundet sich mit Parvis an.

Foto: Salzgeber

Die Jünglinge, so nennt sich die kreative Gruppe um Shariat, schickten „Futur Drei“ noch vor seiner Weltpremiere bei der Berlinale 2020 ins Rennen um den First Steps Award der Deutschen Filmakademie – den Nachwuchspreis der deutschen Filmbranche, der üblicherweise nur an Hochschulfilme verliehen wird. „Futur Drei“ entstand außerhalb eines solches Kontexts. Shariat, Lorenz und Molt studierten zwar an der Uni in Hildesheim, wo Kunstpraxis aus der Perspektive der kritischen Theorie gelehrt wird, ihren Film finanzierten sie mit Fördergeldern von Nordmedia, jedoch nicht als Studienprojekt. „Futur Drei“ entstand als selbstorganisierter Langfilm. Trotz dieser Unabhängigkeit gewannen die Jünglinge bei First Steps. Das dreiköpfige Darsteller*innen-Ensemble wurde zudem mit dem Götz-George-Nachwuchspreis ausgezeichnet. Im Februar bei der Berlinale folgte der Teddy-Award und ein enormes Presseecho. Zum Kinostart ist „Futur Drei“ also bereits in aller Munde.

Foto: Salzgeber

Der Film trägt autobiografische Züge: Wie Parvis ist auch Faraz Shariat das Kind von aus dem Iran emigrierten Eltern und wuchs in Deutschland auf. Er zählt damit zu jenen, die in zweiter Generation in Deutschland leben. Zu seiner Studienzeit arbeitete er in einem Wohnheim für Geflüchtete, Migrant*innen erster Generation, er kennt also das Milieu des Films aus erster Hand. Die Generationsfrage, die das Regiekollektiv beschäftigt, und die das Verhältnis zwischen Parvis, Banafshe und Amon prägt, präsentiert der Film als inneren Konflikt, den alle Personen der zweiten Generation potenziell kennen und in sich tragen. Amon und Banafshe stehen zwischen einem Leben in Deutschland und im Iran, während Parvis sich frei bewegen kann und von seinen Eltern ein sicheres Leben im Wohlstand in die Wiege gelegt bekam. „Futur Drei“ beginnt mit einem Archivvideo, das den Regisseur selbst zeigt, als Kind im „Sailor Moon“-Kostüm, singend und tanzend. Weitere Archivaufnahmen kommen hinzu und begleiten die Fiktion mit einem real gelebten Unterbau. Und: Shariats Eltern spielen im Film Parvis’ Vater und Mutter.

Foto: Salzgeber

Immer wieder jongliert „Futur Drei“ mit den Spannungen zwischen einer populären, fesselnden Vision von gegenwärtiger Queerness und einem biografisch aufrichtigen, realitätsnahen, manchmal didaktischen Politkino, das soziale Fragen konfrontieren will. In den besten Momenten des Films funktioniert dieses Spannungsfeld als sachte Irritation.

Den Tonfall setzt eine frühe Kusszene zwischen Parvis und einem Fremden im Neonlicht, getrieben von Technobeats und unterbrochen von einer rassistischen Frage. Sofort folgt ein Schnitt, der Taumel kocht erst hoch und wird abrupt beendet. Zum Ende hin geht „Futur Drei“ tiefer ins Träumerische und Überhöhte, der Stilwille spitzt sich immer weiter zu. Herausgehobene Bilder zeigen das Wohnheim als Kunstraum, die Menschen posieren und blicken direkt in die Kamera, der Film will zur Popmeditation werden. Im Abspann läuft der deutsche „Sailor Moon“-Titelsong. Das Gefühl, das nach dem Film bleibt, ist einem Popsong entsprechend nicht fern: überschwänglich, spielerisch, eingängig, plakativ mit einem zarten Hauch von Oberflächlichkeit.




Futur Drei
von Faraz Shariat
DE 2020, 92 Minuten, FSK 16,
OF in Deutsch und Farsi, teilw. mit deutschen UT

Edition Salzgeber

Ab 24. September hier im Kino und im September in der queerfilmnacht.

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