Firebird

Trailerqueerfilmnacht

Estland in den 1970ern, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Der junge Soldat Sergey und seine Jugendfreundin Luisa dienen auf einem Luftwaffenstützpunkt der UdSSR. Als Roman auf die Basis versetzt wird, verfallen beide dem Charme des kühnen Kampfpiloten. Doch die aufkeimende Liebe zwischen den Männern muss um jeden Preis geheim bleiben – Roman steht bereits auf der Überwachungsliste des KGB. Peeter Rebanes mitreißender Liebesthriller mit Tom Prior und Oleg Zagorodnii basiert auf einer wahren Geschichte und ist zu einer Zeit, in der in Russland queere Menschen immer noch schwersten Repressionen ausgesetzt sind, von beklemmender Aktualität. Axel Schock über ein romantisch-schönes Liebesporträt, das jetzt in der queerfilmnacht zu sehen ist.

Foto: Salzgeber

To Russia, with Love

von Axel Schock

Ein Luftwaffenstützpunkt im sowjetisch kontrollierten Estland. Der junge Gefreite Sergej, der seinen Dienst ableistet, zählt schon die Tage, bis er die Uniform endgültig ablegen und sich in Moskau seinen Traum erfüllen kann: auf eine Schauspielschule zu gehen. Dass seine Kollegin und beste Freundin Luisa, die als Sekretärin für den Stützpunktkommandanten arbeitet, eigentlich mehr von ihm möchte, scheint Sergej zu ignorieren. Oder er weiß nicht so recht, wie er mit deren Avancen und Hoffnungen umgehen soll. Und dann trifft da plötzlich dieser neue Kampfpilot ein, Roman – ein schnittiger Kerl mit kantigen Gesichtszügen, dessen Charme und Freundlichkeit nicht nur Luisa, sondern auch Sergej verfällt.

„Firebird“ spielt im Jahr 1977, als der Kalte Krieg zu eskalieren drohte.­ Auch wenn es im Film visuell respektable Kampfszenen und dramatische Luftwaffeneinsätze gibt, so hat er, abgesehen von adretten Männern in perfekt sitzenden Uniformen, mit klassischen Fliegerfilmen wie „Top Gun“ (1986) oder „Der Kommodore“ (1963) kaum etwas gemein. Das Spielfilmdebüt des estnischen Regisseurs Peeter Rebane ist in erster Linie eine bewegende dramatische Lovestory, die auch von den berechtigten Ängsten erzählt, denen schwule Männer in der Sowjetunion ausgesetzt waren – und davon, welche (selbst)zerstörerischen Folgen diese Bedrohungen hatten.

Zunächst aber erleben wir mit, wie Sergej und Roman sich ihrer gegenseitigen Anziehung nicht erwehren können. Das gemeinsame Interesse für Musik, Theater und Fotografie führt sie zusammen. Auf Gespräche folgen erste Berührungen. Wie intim und erotisch aufgeladen etwa das gemeinsame Entwickeln von Fotos in der Dunkelkammer sein kann! Ohnehin hat Peeter Rebane ein Gespür dafür, die permanente erotische Spannung und Sinnlichkeit zwischen den beiden Männern szenisch so intensiv umzusetzen, dass einem sogar Vergleiche zu „Brokeback Mountain“ (2006) oder „Call Me By Your Name“ (2017) in den Sinn kommen. In starken sinnlichen Bilder zeigt Rebane, wie die beiden Soldaten nächtens bei einem Bad im Meer übereinander herfallen oder sich in Bettlaken wälzen und sich dabei in Großaufnahme zärtlich ihre nackten Körper streicheln.

Ohnehin lebt „Firebird“ von seiner Visualität. Kameramann Mair Maekivi setzt die beiden Hauptdarsteller Oleg Zagorodnii (Roman) und Tom Prior (Sergej), der auch am Drehbuch mitschrieb, im wahrsten Sinne des Wortes ins beste Licht. Mit hellen, leuchtenden Farben bringt er ihre Körper in den intimen Szenen zum Strahlen. Die militärischen Anlagen des Luftwaffenstützpunktes hingegen wirken in ihrer grauen Tristesse geradezu erdrückend.

Foto: Salzgeber

Doch auch diese Bilder und noch mehr die malerischen Strandidyllen oder die Architektur des sowjetischen Moskaus sind gemacht für die große Leinwand! Nur manchmal lädt Rebane die Motiv- und Symbolsprache seines Films etwas zu stark auf. Wenn Roman und Sergej wieder einmal zu einem heimlichen, weil verbotenen Treffen zusammenfinden und das Licht, das sich durch die Fensterjalousien bricht, wie Gefängnisgitter erscheinen. Oder wenn ein Orgasmus vom Dröhnen der Kampfflugzeuge begleitet wird.

Die permanente Bedrohung, die in solchen Momenten evoziert werden soll, ist freilich real: Roman steht längst unter Beobachtung des KGB. Eine unbekannte Person hat ihn homosexueller Handlungen bezichtigt, und eine Verurteilung würde nicht nur das Ende seiner Karriere bedeuten, sondern im schlimmsten Fall auch viele Jahre Gefängnis und Zwangsarbeit. Für Roman ist dies ein allzu reales Risiko, das er nicht eingehen möchte. Er gibt nicht nur Sergey auf, seine große Liebe, er heiratet auch ausgerechnet Luisa.

Foto: Salzgeber

Wenn sich die beiden Männer auf Betreiben Romans nach langen Jahren in Moskau erstmals wiedersehen und sich die Folgen von dessen Lebensentscheidung mit allen Konsequenzen offenbaren, steckt man auch als Zuschauer:in in einer Zwickmühle: Soll man Roman dafür bedauern, dass er seine Liebe nicht leben konnte? Oder wäre es nicht angebracht, ihm alle Sympathien zu verwehren, weil er – aus Feigheit, aus Angst? – auch seine Ehefrau Luisa betrogen und um ein ehrliches, erfülltes Leben gebracht hat? Das Ende von „Firebird“ endet fast zwangsläufig tragisch, doch wie, das ist dann doch überraschend.

Erfunden aber ist weder die Geschichte, noch die finale Wendung. Der Film basiert auf den Memoiren von Sergey Fetisov, der damit auch das Schicksal seines Geliebten Roman dokumentiert und öffentlich gemacht hat. Rebane hat daraus ein romantisch-schönes und intimes Porträt einer Liebe gemacht, das zwar im letzten Jahrhundert spielt, aber leider doch auch viel von der Gegenwart erzählt. Zwar wurde der russische Anti-Homosexuellenparagraf 121 im Jahr 1993 ersatzlos gestrichen, 20 Jahre später jedoch erhob Putin mit dem Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“ in Russland die Diskriminierung von LGBT letztlich zur Staatsraison.




Firebird
von Peeter Rebane
EE/UK 2021, 107 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,
Salzgeber

Im November in der queerfilmnacht.

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