Die Starken

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Lucas weiß noch nicht so recht, wo er im Leben hinwill. Als er seine Schwester in einem abgelegenen Fischerdorf im Süden Chiles besucht, verliebt er sich ausgerechnet hier im Nirgendwo in den attraktiven Hafenarbeiter Antonio. Damit die Beziehung der beiden introvertierten jungen Männer eine Chance hat, müssen sie über sich hinauswachsen. Mit wahrhaftigen Dialogen, einer authentischen Darstellung des Dorfalltags und zwei beeindruckenden Hauptdarstellern entwickelt Drehbuchautor und Regisseur Omar Zúñiga in „Die Starken“ aus der melancholischen Grundstimmung nach und nach ein wild loderndes Liebesdrama. Für unseren Autor Christian Lütjens war der Film nicht weniger als ein Geschenk.

Foto: Salzgeber

Befreiungskampf

von Christian Lütjens

Leo Tolstoi sagte: „Es gibt nur zwei Geschichten: Ein Mensch geht auf Reisen oder ein Fremder kommt in eine Stadt.“ Wenn bei „Die Starken“ nach 95 atmosphärisch dichten Filmminuten die Credits über den Bildschirm laufen, hat man das Gefühl, beide Geschichten in einer gesehen und gleichzeitig den Raum dazwischen durchschritten zu haben. Indem Regisseur Omar Zúñiga eine Geschichte über das Fortgehen mit einer Geschichte über das Bleiben verwebt und sie mithilfe des dialektischen Titels „Die Starken“ zu einem stillen Plädoyer für Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen und -wege bündelt, begibt er sich auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob das Gefühl von Heimat an Familie, Herkunft oder einen bestimmten Ort gebunden ist. Ein Zeitgeistthema, das Zúñiga dank seiner sehr persönlichen Herangehensweise in die Zeitlosigkeit hinüberrettet und mithilfe einer schwulen Lovestory zum nachdenklichen Beitrag über die Integrität queerer Lebensentwürfe in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten ausbaut.

Es beginnt mit einer Schlacht. In der Festung Niebla kämpfen Soldaten in chilenischen Uniformen des 19. Jahrhunderts gegen spanische Kolonialisten. Der Anführer der Unabhängigkeitskrieger, ein stattlicher Düsterling mit Schnäuzer und schwarzen Locken, sticht einen Gegner nieder. Dann richtet er den Blick vorwärts – finster, entschlossen, unerschrocken. Es fängt an zu regnen. Ist die Schlacht gewonnen?

Der Kampf um Niebla im Oktober 1820 zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung von „Die Starken“. Allerdings nicht als Rückblick, sondern in Form von Reenactments, bei denen die Männer der Region heute in historischen Kostümen die Ereignisse von damals in Schaukämpfen nachspielen. Einer von ihnen ist Antonio, der in Wahrheit gar nicht so düstere Anführer aus der Eröffnungsszene. Er ist den Traditionen seiner Heimatregion fest verbunden, liebt chilenische Schlager, kümmert sich aufopferungsvoll um seine geliebte Großmutter und eifert als Fischer dem legendären Ruf seines Vaters nach. Dass er eine Affäre mit einem verheirateten Kollegen hat, wird öffentlich nicht gezeigt und thematisiert.

Liebe unter Männern passt nicht hierher, in diesen verregneten Landstrich an der südchilenischen Pazifikküste, wo kollektive Traditionen wichtiger sind als individuelle Befreiungsschläge. Doch Antonios klar gefügte Welt gerät ins Wanken, als der Student Lucas aus der Hauptstadt Santiago in das Küstenstädtchen kommt. Lucas, aus dessen Perspektive der Großteil des Films erzählt wird, lebt eine andere Realität als Antonio. Zu seinen Eltern hat er den Kontakt abgebrochen, weil sie seine Homosexualität nicht akzeptieren. Um offen schwul zu leben, ist er in die Großstadt gezogen, und jetzt will er für ein Auslandssemester nach Montreal gehen. Eigentlich ist er nur gekommen, um sich vor der Abreise nach Kanada von seiner Schwester zu verabschieden, der Zahnärztin des Küstenstädtchens. Als Lucas und Antonio sich begegnen, fühlen sich die beiden vom ersten Augenblick an voneinander angezogen. Sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre, kommen sich körperlich und emotional sehr nahe. Für ein paar glückliche Tage scheinen die Grenzen zwischen ihren unterschiedlichen Lebenswelten überwunden. Doch dann steht Lucas’ Abreise bevor. Mit der unvermeidlichen Frage nach dem „Wie geht’s weiter?“ treten die Unterschiede zwischen den Liebenden, ihren Wünschen, Träumen und Werten zutage.

Foto: Salzgeber

Wie leben Schwule in der Provinz? Ist Bleiben mutiger als Fortgehen? Ist Liebe stärker als gesellschaftliche Klasse? Was macht Identität aus? All diese Fragen in einem Film unterzubringen, ohne zu urteilen, schafft nur ein Filmemacher, der seine Story und seine Figuren wirklich kennt und liebt. Beides tut Omar Zúñiga. Die Geschichte von „Die Starken“ begleitet ihn schon seit knapp zehn Jahren. Der Film basiert auf seinem 29-Minüter „San Cristobal“, der 2015 den Teddy Award in der Kategorie Best Short Film gewann. Für alle, die „San Cristobal“ damals auf der Berlinale gesehen und geliebt haben, ist „Die Starken“ nicht weniger als ein Geschenk – allein deshalb, weil Zúñiga für den Langfilm dieselben wundervollen Hauptdarsteller gewinnen konnte, die mit ihrem schrankenlos intimen Spiel schon den Kurzfilm zum Ereignis machten.

Auch die Langversion setzt voll auf die perfekte Chemie zwischen Samuel González in der Rolle des Lucas und Antonio Altamirano als Antonio. Wie die beiden das ambivalente, aber unaufhaltsame Begehren und die inneren Konflikte ihrer Figuren mal in indirekten Gesten und langen Blicken, dann wieder in leidenschaftlichen Küssen und impulsiver Körperlichkeit spürbar machen, ist einfach nur großartig. Dass sie teilweise die gleichen Klamotten tragen wie in „San Cristobal“ und einige Szenen aus dem Kurzfilm für die Langversion eins zu eins neu gedreht wurden, erzeugt bei Kennern des Teddy-Gewinners ein zusätzliches Gefühl von Rückkehr in vertrautes Terrain.

Foto: Salzgeber

Trotzdem steht „Die Starken“ für sich allein. Nicht zuletzt deshalb, weil Zúñiga seinen menschlichen Akteuren diesmal einen dritten, geografischen Hauptdarsteller zur Seite stellt: die raue Felsenlandschaft an der Pazifikküste Südchiles. Der Schauplatz ist für den Film weit mehr als eine Kulisse. Vielmehr wird er in berückend schönen Bildern als Ort etabliert, der mit launischem Wetter und rauer Natur seine Bewohner gleichermaßen erdet und knechtet, beschützt und beschenkt. Durch das Einbinden der Reenactments der Schlacht von Niebla stellt Zúñiga weiterhin das Motiv der kollektiven Befreiung in den chilenischen Unabhängigkeitskriegen den individuellen Befreiungskämpfen der Protagonisten gegenüber. Am Ende ist Lucas gleichzeitig der Fremde, der in eine Stadt kam, und der Mensch, der auf eine Reise geht, während Antonio und sein Heimatort den Raum dazwischen darstellen. Es ist ein Raum, den man nicht einfach so hinter sich lässt. Weil er in all seinen Widersprüchen betört, bewegt und prägt. Genau wie dieser Film.




Die Starken
von Omar Zúñiga
CL 2019, 98 Minuten, FSK 16,

spanische OF mit deutschen UT,
Salzgeber

Hier auf DVD.

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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