Literatur

Ersi Sotiropoulos: Was bleibt von der Nacht

Ersi Sotiropoulos: Was bleibt von der Nacht

Der schwule Dichter Konstantinos Kavafis (1863 – 1933) gilt als einer der bedeutendsten griechischen Lyriker der Neuzeit. Über neunzig Jahre nach seinem Tod zeichnet Schriftstellerin Ersi Sotiropoulos in dem Roman „Was bleibt von der Nacht“ ein sprachgewaltiges Porträt des bedeutenden Kollegen. Die 1953 geborene Sotiropoulos ist in Griechenland selbst eine gestandene und vielfach ausgezeichnete Literaturgröße. Sie nähert sich Kavafis an, indem sie ihn drei folgenreiche Tage lang durch das pulsierende Paris der Belle Époque im Jahr 1897 wandeln lässt. Marko Martin ist ihm durch den Roman gefolgt. Dabei hat er Treibhausluft und etwas Plüsch gewittert, vor allem aber einen großen Wurf entdeckt.
I.V. Nuss: R-O-N=O

I.V. Nuss: R-O-N=O

Was bedeutet es, wenn Queerness zur Allegorie wird? Was, wenn wir die ekstatische Überschreitung der Realität, die mit der „Ontologie“ des Transsexuellen verbunden ist, nicht als bloße Metapher, sondern als Aufgabe betrachten? Diesen Fragen widmet sich I.V. Nuss in ihrem zweiten Roman „R-O-N=O“ – unter anderem. Nuss’ literarisches Debüt „Die Realität kommt“ charakterisierte Anja Kümmel in ihrer sissy-Rezension als „wilden Ritt durch die Welten“ und als „Höllenspaß“. Im Nachfolger hat Kevin Junk eine nicht minder wilde Mischung aus Roadtrip, SciFi-Story, Furry-Manifest, Transitionsbericht und popliterarischem Experiment gefunden.
Eva Baltasar: Mammut

Eva Baltasar: Mammut

Als eine „sprachgewaltige und sehr originelle Autorin“ pries Pedro Almodóvar die katalanische Autorin Eva Baltasar. Nun ist erstmals einer ihrer Romane auf Deutsch erschienen. In „Mammut“ geht es um eine junge Frau, die, frustriert von ihrem schlecht bezahlten Uni-Job und ihren erfolglosen Versuchen, schwanger zu werden, beschließt, ein ursprüngliches und einfaches Leben fernab urbaner Zivilisation zu führen. Anja Kümmel hat die deutsche Version von „Mammut“ ebenso gelesen wie die spanischen Fassungen der beiden zuvor erschienenen Romane von Eva Baltasar – und dabei eine Autorin entdeckt, die brillant, komisch und zielstrebig zum Kern des Wesentlichen vordringt.
Enrico Ippolito: Modesta

Enrico Ippolito: Modesta

Was hält unsere Beziehungen zusammen? Wann beginnt sexuelle Freiheit? Und wie entkommen wir unserer Herkunft? Um all diese Fragen kreist „Modesta“, der neue Roman des deutsch-italienischen Schriftstellers Enrico Ippolito. Das Buch schildert zwölf Stunden im Leben eines Verlassenen. Während die beste Freundin eine Party für ihn vorbereitet, um ihn von der plötzlichen Trennung seines Exfreunds abzulenken, schlendert er gedankenverloren durch die Stadt. Dabei holen ihn die Phantome der Vergangenheit ein, allen voran die Moralhüterin Modesta. Aber auch Virginia Woolf, Boris Vian und der queere Zeitgeist spuken durch diesen Roman. Angelo Algieri hat sich von dem Buch irritieren und inspirieren lassen.
Mads Ananda Lodahl: Sauna

Mads Ananda Lodahl: Sauna

In Dänemark sorgte Mads Ananda Lodahls Debütroman „Sauna“ für einiges Aufsehen. Die altehrwürdige Tageszeitung Politiken charakterisierte die Liebesgeschichte zwischen dem Studenten Johan und dem trans Mann William als „zarten, harten und erschütternden Roman, der nicht davor zurückschreckt, das infrage zu stellen, was wir für gegeben hinnehmen“, Regisseur Mathias Broe verarbeitete den Stoff in einer Verfilmung. Bevor letztere im November in den Kinos des deutschsprachigen Raums startet, kam im September bereits die deutsche Übersetzung des Romans von Andreas Donat heraus. Kevin Junk hat das Buch gelesen, mit den Protagonisten mitgefiebert und mitgelitten, vor allem aber eine Geschichte entdeckt, die bis jetzt viel zu selten erzählt wurde.
Andrew McMillan: Herzgrube

Andrew McMillan: Herzgrube

Ein Grubenunglück, das über Generationen hinweg Spuren hinterlässt. Ein Vater, der sein Schwulsein nur versteckt auslebt, anders als sein Sohn. Eine Drag Queen, die als Eiserne Lady queeren Stolz mit Polit-Aktivismus verbindet. Und ein Soziologie-Team, das den sozialen Abstieg einer nordenglischen Stadt aufarbeitet. In seinem autobiografisch unterfütterten Debütroman „Herzgrube“ führt Andrew McMillan alle Erzählfäden als vielstimmigen Chor zu einem großen Panorama zusammen. Axel Schock hat das Buch gelesen und darin ein Meisterstück der Komposition entdeckt.
Dino Heicker: Weltgeschichte der Queerness

Dino Heicker: Weltgeschichte der Queerness

Was für ein Versprechen: Die gesamte „Weltgeschichte der Queerness“ will Literaturhistoriker Dino Heicker in seinem neuen Buch aufrollen. Wie umfangreich muss ein solches Werk wohl sein? Zumal wenn der Autor vor den Kapiteln zu den alten Griechen und dem Römischen Reich auch noch die griechische Götterwelt und die Bibel auf ihren queeren Gehalt durchleuchtet. Axel Schock hat das 300-Seiten-Kompendium unter die Lupe genommen.
Blaise Campo Gacoscos: Der Junge aus Ilocos

Blaise Campo Gacoscos: Der Junge aus Ilocos

In der Kultur der Ilocanos im Nordwesten der Philippinen treffen uralte Traditionen auf die Einflüsse der modernen Hauptstadt Manila, landwirtschaftlicher Pragmatismus auf christliche Gottergebenheit. Victor ist ein Kind dieser Welt. Er wächst mit seiner Mutter, Bruder Raffy und den Großeltern am Quinarayan-Fluss auf. Schon früh ist er sich seiner Homosexualität bewusst – und spürt, dass draußen eine größere, vielleicht freiere Welt auf ihn wartet. Was diese Welt mit Victor macht, erzählt Blaise Campo Gacoscos in seinem Debütroman „Der Junge aus Ilocos“. Gabriel Wolkenfeld hat das Buch gelesen und verrät, warum es nicht nur im Hinblick auf den Gastlandauftritt der Philippinen bei der Frankfurter Buchmesse 2025 spannend ist.
Micha Riegel: Rauchzeichen für Rio

Micha Riegel: Rauchzeichen für Rio

Am 9. Januar 2025 wäre Rio Reiser 75 Jahre alt geworden. An den 1996 im Alter von nur 46 Jahren verstorbenen schwulen Sänger und ehemaligen Ton-Steine-Scherben-Frontmann erinnern dieser Tage nicht nur TV-Specials und Erinnerungskonzerte, sondern auch eine Reihe literarische Neuveröffentlichungen. Eine besonders liebevolle Hommage ist Micha Riegels Debütroman „Rauchzeichen für Rio“. Darin brechen die Straßenmusiker Samu und Lenni Mitte der Neunzigerjahre zu einem halsbrecherischen Roadtrip zur Landkommune nach Fresenhagen auf, wo Rio Reiser damals lebte, um „mal Hallo“ zu sagen. Auf dem Weg passieren ihnen lauter Dinge, von denen auch Rios Songs erzählen: emotionale Höhenflüge, menschliche Abgründe, das Scheitern, die Politik und – natürlich – die Liebe. Holger Brüns, der mit „Felix“ selbst einen teils von Scherben-Songs inspirierten Roman geschrieben hat, hat sich von „Rauchzeichen für Rio“ auf die Reise mitnehmen lassen.
Michael Sollorz: Abel und Joe

Michael Sollorz: Abel und Joe

Mit seinem Debütroman „Abel und Joe“ brachte der Berliner Autor Michael Sollorz 1994 das Lebensgefühl einer ganzen Generation schwuler Männer auf den Punkt. Die Geschichte über einen jungen Mann, der auf der Suche nach seinem Freund die Sehnsuchtsorte und Cruising-Spots im wiedervereinten Berlin durchstreift, wurde zum Dauerseller. Sie verschwand nur aus den Buchläden, weil der Verlag rosa Winkel, in dem sie erschienen war, Anfang der 2000er pleiteging. Jetzt, 30 Jahre nach der Erstausgabe und 35 Jahre nach dem Mauerfall, ist der Klassiker als Neuausgabe erschienen. Trifft er auch heute noch einen Nerv? Gabriel Wolkenfeld über ein noch immer waghalsiges und vor Potenz geradezu strotzendes Werk.