Maspalomas

Trailer • Im Kino

Ein Schlaganfall schickt den Rentner Vicente aus seinem schwulen Paradies auf Gran Canaria in den tristen heteronormativen Alltag eines Pflegeheims auf dem Festland. Er muss sich zurück ins Leben kämpfen. Aber ist ein Neuanfang mit 76 Jahren möglich, wenn man sich kein schöneres Leben vorstellen kann als das alte? Mit ihrem warmherzigen Comedy-Drama „Maspalomas“ zeichnen die baskischen Regisseure Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi ein melancholisches und authentisches Bild von Queerness im Alter. „Ein Film, der sehr genau hinschaut“, wie Andreas Köhnemann schreibt.

Bild: Salzgeber

Zurück ins Verborgene

von Andreas Köhnemann

Ein Menschenleben besteht aus vielen Kapiteln mit etlichen Geschichten. Fiktionale Erzählungen müssen zwangsläufig einen Schwerpunkt setzen und eine Auswahl treffen, um das Dasein einer Figur zu beschreiben. Oft liegt der Fokus auf den jungen Jahren – auf der ersten Identitätssuche und dem Beginn der Selbstfindung. Im queeren Kino geht damit meist das Coming-out im sozialen Umfeld einher. Aktuellere Beiträge wie „Drifter“ (2023) von Hannes Hirsch oder „Sauna“ (2025) von Mathias Broe vermitteln indes eine Ahnung davon, dass das Coming-out noch lange nicht der Abschluss einer Reise ist, sondern nur der Startpunkt zu zahlreichen Folgerunden der (Selbst-)Erkenntnis.

Filme, die sich der Queerness im mittleren sowie im hohen Alter widmen, sind nach wie vor erheblich seltener. Abseits des Bildes der tragisch-einsam gealterten queeren Figur, wie es etwa Thomas Mann in seiner Novelle „Der Tod in Venedig“ (1912) und Luchino Visconti in der Leinwandversion (1971) entwerfen, schildern zum Beispiel Ira Sachs’ „Liebe geht seltsame Wege“ (2014), Filippo Meneghettis „Wir beide“ (2019) oder „Frau aus Freiheit“ (2023) des Duos Małgorzata Szumowska und Michał Englert, wie ältere queere Protagonist:innen ihr Leben führen. Zuweilen müssen diese immer noch um eine grundsätzliche Anerkennung ihrer Identität kämpfen. Zugleich blicken sie aber auf erfüllende Momente zurück beziehungsweise sammeln weiterhin schöne Erfahrungen. Sie sind nicht einfach nur rührende Gestalten, sondern komplexe Menschen, die in all den verschiedenen Phasen ihres bisherigen Lebens schon die unterschiedlichsten Rollen eingenommen, Konflikte überwunden und Einsichten hinzugewonnen haben – woraus sie mal verletzt, mal ermächtigt hervorgegangen sind.

Auch bei dem 76-jährigen Vicente (José Ramón Soroiz) aus „Maspalomas“ ist bereits in der Auftaktsequenz einiges von dem gelebten Leben zu spüren, das hinter ihm liegt. In der Cruising-Area nahe des Gay-Strandes auf Gran Canaria läuft er in luftig-bunter Sommerkleidung durch die Dünen. Er beobachtet drei junge Männer beim Sex – und hat schließlich selbst eine spontane sexuelle Begegnung mit einem deutlich Jüngeren. Dabei wirkt Vicente jedoch auffallend unsicher – nicht wie jemand, der all das seit mehreren Dekaden völlig selbstverständlich macht. Allmählich erfahren wir, dass er (wie viele Leute aus seiner Generation) sein Coming-out erst spät und mit entsprechend hartem Einschnitt hatte. Die ersten 50 Jahre habe er „im Verborgenen“ verbracht, wie er es selbst an einer Stelle ausdrückt – bis er dann seine Ehefrau und seine Tochter verließ.

Allein dieser Lebensabschnitt böte Stoff für mindestens einen Film – ein Familiendrama, das in der Suche des Ehemanns und Vaters nach persönlicher Freiheit enden würde. Für Vicente folgte daraufhin eine 25-jährige Partnerschaft mit einem offenbar wohlhabenden Mann. Auch das könnte als spannende Geschichte für sich stehen: eine Beziehungsstudie, in der es unter anderem um finanzielle Abhängigkeit und eine daraus resultierende Ungleichheit ginge. Nach der Trennung hat Vicente nun Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen, trotz der Unterstützung durch seinen guten Freund Ramón (Zorion Eguileor). Unter den jungen Feiernden gilt man als Single um die 70 durchaus noch als guter Fang – allerdings nur dann, wenn man Geld besitzt.

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In einem Gespräch mit Ramón lässt Vicente auch Frustration durchklingen. Vielleicht hätte er seinen Partner früher verlassen sollen. Womöglich sei er jetzt einfach „zu spät dran“. Dennoch zeigt das baskische Drehbuch- und Regieduo Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi, dass Vicente immer noch Anschluss an die schwule Szene findet – etwa wenn er mit Freunden auf der Pride-Parade feiert oder sich im Club durch den Darkroom bewegt. Sein Umgang mit Dating-Apps mutet etwas tapsig an, aber Vicente ist weit von einem tragischen Gustav von Aschenbach entfernt.

Ein Schlaganfall läutet schließlich ein wesentlich düstereres Kapitel ein. Nach einem Zeitsprung von drei Monaten befindet sich Vicente auf dem Festland in San Sebastián in einem Pflegeheim, wo ihn seine entfremdete Tochter Nerea (Nagore Aranburu) untergebracht hat. Der Mix aus sonnendurchfluteten Strandaufnahmen mit vielen nackten Körpern und sinnlichen Partymomenten weicht dem zunächst extrem trist erscheinenden Inneren einer Einrichtung, die Vicente als absolute Zumutung empfindet. Wir sehen, wie er sich völlig zurückzieht und andere zunächst ignoriert oder schroff abweist – etwa seinen Zimmernachbarn Xanti (Kandido Uranga), andere Bewohner:innen im Speisesaal oder seine Tochter, wenn sie ihn besucht. Die Anwesenheitspflicht im Gemeinschaftsbereich, die den sozialen Kontakt fördern soll, nimmt er nur widerwillig hin.

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Goenaga und Arregi zeichnen das Heim durchaus nicht nur als trostlosen Ort. Mit der Zeit bemerkt Vicente die angenehmeren Seiten und baut eine Freundschaft zu Xanti auf. Der Film offenbart jedoch, dass eine solche Einrichtung für queere Menschen aus Vicentes Generation ein Rückschritt in alte Muster bedeuten kann. Das einst gewählte Umfeld, in dem die sexuelle Identität ganz frei ausgelebt werden konnte, ist weg – und die neue Umgebung folgt den heteronormativen Regeln, denen Vicente bewusst den Rücken gekehrt hatte. Wir erleben hier keine offene Homophobie, die Vicente dazu zwänge, seine Queerness zum Schutz wieder zu verbergen – aber eine heteronormative Selbstverständlichkeit, die ohne Hinterfragen davon ausgeht, dass ein älterer Herr wie Vicente doch ganz gewiss die jungen Pflegerinnen attraktiv finden müsse, so wie eben alle anderen Männer hier. In diesem Rahmen wird Vicente ein erneutes Coming-out abverlangt – zu dem er vorerst nicht bereit ist.

„Maspalomas“ ist ein Film, der sehr genau hinschaut. Auf die Dynamiken in einem System, die das Leben und das Freiheitsgefühl einer einzelnen Person entscheidend beeinflussen können. Und vor allem auf seine Hauptfigur. José Ramón Soroiz verkörpert die Rolle sehr einfühlsam, mit intensiven Blicken und kleinen Gesten, die auch viel Unausgesprochenes erzählen. Nach all den Erfahrungen, die Vicente in 76 Jahren schon gesammelt hat, durchläuft er nun weitere Erkenntnisprozesse – da jeder Lebensabschnitt neue Geschichten hervorbringt und immer wieder Entwicklungen möglich sind.




Maspalomas
von Jose Mari Goenaga & Ator Arregi
Spanien 2025, 115 Minuten, FSK 16
baskisch-spanische OF mit deutschen UT

Ab 24. September im Kino