The Beauty of Ballroom
Trailer • Im Kino
Die Ballroom-Communities von Sun, Teddy und Xyza gelten in Südostasien als Safe Spaces vor Homo- und Transfeindlichkeit, Colorism und Stigmatisierung. Dort kommen Menschen zusammen, die sich miteinander zu den Familien gemacht haben, die sie sich immer gewünscht haben. Der umwerfende Dokumentarfilm „The Beauty of Ballroom“ von Chan Sze-Wei erzählt von Identität, Zusammengehörigkeit und queerer Widerständigkeit – mit sensationellen Tanzeinlagen.

Bild: Rise and Shine Cinema
Old Way auf neuen Wegen
von Anja Kümmel
Mit dem Finger zeichnet Sun ein Unendlichkeitszeichen an die beschlagene Fensterscheibe der Straßenbahn, in der Mitte einen weiteren Kreis, in dem sich sämtliche Linien kreuzen: „Männlich. Weiblich. Nicht-binär.“ Auf die Frage, wo auf dem Spektrum Sun sich befindet, kommt die Antwort: „Ich bin nirgends.“ Und nach kurzem Überlegen: „Oder wenn, dann nur im Moment.“ Denn: „Presence is always moving.”
Gerade ist Sun zu Besuch in seiner alten Heimat Norwegen, auf dem Weg zu einer Solo Performance, in der er sich mit seinen thailändischen und norwegischen Wurzeln und den Themen Identität, Herkunft und Geschlecht auseinandersetzt. In der nächsten Szene sehen wir Sun in Gold getaucht über den Laufsteg stolzieren; in seinen Moves mischen sich Voguing-Elemente mit rituellen Handbewegungen aus thailändischen Tempeltänzen zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk. Jede Pose wird höchstens wenige Sekunden lang gehalten, bevor sie in eine andere übergeht, und so ist es auch mit der Genderfluidität, die Sun angesprochen hat: “I travel … I migrate… from gender to gender to gender. And also non-gender.”
Aurora Sun Labeija, seit 2022 Mitglied des Royal House of Labeija und Gründer des ersten thailändischen Kiki-House, ist einer der Protagonist:innen, denen „The Beauty of Ballroom“ folgt, das Langfilmdebüt der:des nichtbinären singapurischen Filmschaffenden Sze-Wei Chan. Über sieben Jahre hat Chan die Entwicklung der noch jungen Ballroom-Szene Südostasiens begleitet und sich dabei vor allem auf drei Hauptakteur:innen konzentriert, deren Hintergründe kaum unterschiedlicher sein könnten, und deren Wege sich doch auf den Bällen immer wieder kreuzen und die sich, aller Battles zwischen den einzelnen „Häusern“ zum Trotz, als Teil einer großen Wahlfamilie verstehen.
Clever ist, dass wir alle drei zunächst durch ihre Art zu tanzen kennenlernen: Xyza Pinklady Mizrahi, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der philippinischen Ballroom-Szene und International Mother des Iconic House of Mizrahi, sitzt am Bug eines kleinen Fischerboots, im Hintergrund Pfahlbauten, die aus dem Nebel tauchen. Ihre fließenden und zugleich kraftvollen Armbewegungen bekommen so eine rituelle, fast mystische Aura. Teddy Oricci, ehemaliger Breakdance-Star und heute prägende Figur der malaysischen Ballroom-Szene, tanzt durch den Flur seines Wohnblocks in Kuala Lumpur. Seine Spezialität, kapiert man sofort, sind ultraschnelle, ultrapräzise Arm- und Handbewegungen, „Arms Control“ im Ballroom-Jargon, aber auch Moves, die Teddys Ursprünge im B-Boying verraten.
Nach und nach erfahren wir, parallel erzählt und teils ineinander verwoben, von ihren Vor- und Familiengeschichten, von den politischen und religiösen Umfeldern, in denen sie leben. Doch verzichtet Chan bewusst auf lange Interviewsequenzen oder Erklärungen aus dem Off. Vielmehr bietet der Film eine Collage von mit Bedacht arrangierten Puzzleteile, aus denen wir uns die Narrative selbst zusammensetzen dürfen. Ganz nach dem Motto: Stringente Biographien gibt es nicht. Identität ist fluide. Presence is always moving.

Bild: Rise and Shine Cinema
Wer bei den Sprüngen zwischen den einzelnen Personen, Orten und Zeiten den Überblick verliert, wird spätestens von den mitreißenden Tanzeinlagen wieder abgeholt, die das Herzstück des Films bilden. Immer ist man ganz nah dran, fast mit dabei. Oft genug möchte man aufspringen und das eigene Wohnzimmer oder den Kinosaal augenblicklich in einen Laufsteg, einen Dancefloor verwandeln. Zugleich ist „The Beauty of Ballroom“ aber auch ein Film, der Aufmerksamkeit und Ruhe verlangt. Es lohnt sich, ihn mehrmals anzuschauen, bis sämtliche Puzzleteile an ihren Platz fallen.
Wenn Chan Wissen vermittelt, dann auf smarte und organische Weise, wie etwa in einer Szene, in der fünf fabulöse Femme Queens im Vorfeld des Diversity Balls in Bangkok zusammensitzen und über die Situation für trans Frauen und geschlechternonkonforme Menschen in ihren jeweiligen Herkunftsländern sprechen. Auf den Philippinen, erzählt eine von ihnen, konnten in der vorkolonialen Gesellschaft genderfluide Menschen und trans Frauen als „Babaylan“ schamanische und spirituelle Führungspositionen einnehmen; die systematische Diskriminierung begann erst mit der Ankunft der Spanier. Im buddhistisch geprägten Thailand gibt es zwar weniger offene homo- und transphobe Gewalt, doch beherrschen Stereotype von trans Showgirls und Sexarbeiterinnen sowie diskriminierende Begriffe wie „Ladyboys“ noch immer das Gesamtbild.
Im islamischen Malaysia werden Teddy und eine Tochter seines „House of Neverland“ im Oktober 2022 von der Religionspolizei verhaftet, weil sie „als Frauen auftraten“. Auch von seiner Familie erfuhr Teddy nur wenig Rückhalt: Nachdem ihn sein homophober Vater verstieß, suchte er im Tanz Zuflucht und fand schließlich in der Ballroom-Szene eine neue Heimat. Über den Namen des von ihm gegründeten „House of Neverland“ sagt Teddy: „Ich bin wie Peter Pan. Ich bin von zu Hause weggelaufen, weil ich queer bin.“ Nun schafft Teddy für andere junge Queers die Sicherheit, die Fürsorge und den Rückhalt, die ihnen in ihren Herkunftsfamilien fehlten. Eine auf einer gemeinsamen Leidenschaft basierende Wahlfamilie, in der alle Mitglieder einander stützen: „Ich rette ihnen das Leben, und sie retten mir das Leben.“

Bild: Rise and Shine Cinema
Persönliches Leid, Anfeindungen und Ausgrenzungserfahrungen werden in „The Beauty of Ballroom“ nicht ausgeblendet, doch liegt Chans Fokus ganz klar auf der Freude, der Schönheit, der empowernden Kraft des Voguing und der „Häuser“, die ihren Mitgliedern Support und Solidarität bieten.
Auch darüber hinaus leisten alle drei Ballroom-Akteur:innen, die Chan porträtiert, Community-Arbeit und verstehen sich als politische Aktivist:innen. Sie geben kostenlose Tanzworkshops, Talks oder lokale Unterrichtsangebote, engagieren sich in der Aids-Aufklärung und gegen gesellschaftliche Stigmatisierung. Im Anschluss an einen Voguing-Ball in Kuala Lumpur etwa fordert Teddy die Gäste dazu auf, sich in einem im Backstage-Bereich eingerichteten „HIV Booth“ testen zu lassen. Derweil trägt Xyza mit Workshop-Angeboten Voguing noch in die entlegensten Provinzen der Philippinen. Und Sun betont an einer Stelle: „You can’t do voguing without a certain idea of a purpose, or a reason”.
Während Ballroom in weiten Teilen der westlichen Welt lediglich als ein weiterer hipper urbane Tanzstil wahrgenommen wird, spürt man, dass er hier, auf der anderen Seite des Globus und rund 50 Jahre später, in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurückkehrt: Ins Harlem der 1970er Jahre, als sich Voguing mit seinem Netzwerk der „Houses“ als Schutz- und Ausdrucksraum für queere People of Color entwickelt hat. Doch Sun sagt auch: „Bis zu einem gewissen Grad fühle ich mich immer noch als Gast in der Ballroom-Kultur.“ Und Twyloit, ein Kind des Hauses Mizrahi, pflichtet ihm bei: „Wir haben diese Kultur angenommen, aber sie gehört uns nicht.”
Das Spannungsfeld zwischen globaler Vernetzung, kultureller Aneignung und lokalen Eigenheiten verhandelt der Dokumentarfilm stets zwischen den Zeilen mit. So reist Teddy nach New York City, um dort bei einem Ball anzutreten und nicht zuletzt, um Nina Oricci, den „Father of Oricci“ endlich persönlich kennenzulernen. Dem Eindruck, einer Wiedervereinigung lange getrennter Familienmitglieder beizuwohnen, kann man sich kaum entziehen. Ähnlich berührend ist das Zusammentreffen von Xyza mit Father Andre Mizrahi aus New York und Mother Koppi Mizrahi aus Japan, die beide von Ballroom als globalem Phänomen sprechen, ohne dabei dessen Ursprünge aus den Augen zu verlieren. „Eine Familie zu sein ist das wichtigste für uns“, sagt Xyza sichtlich bewegt.
Doch der Film zeigt auch, wie queere Communities in verschiedenen Ländern bestimmte Praktiken und Ausdrucksformen aufgreifen und daraus etwas ganz Eigenes kreieren. Etwa wenn das Kiki House of Sun den ersten Preis beim Diversity Ball in Bangkok für „Arms Control to Buddhist Mantras“ abräumt. In der Vergangenheit, erzählt Sun, hat er einen Monat lang als Mönch gelebt. Seitdem ist es ihm ein Anliegen, im Buddhismus praktizierte Werte wie Güte, Mitgefühl und Weisheit ins Voguing hineinzutragen. Auch Suns Solo-Performance in Norwegen spielt auf diese Verbindungslinien an: Ein Mönch zu werden mag auf den ersten Blick wie eine Art „Drag“ erscheinen. Tatsächlich jedoch geht es nicht um die Robe oder die geschorenen Haare, sondern darum, im Handeln präsent zu sein. Eine Präsenz, die immer in Bewegung bleibt.

The Bauty of Ballroom
von Chan Sze-Wei
Philippinen, Singapur, Indonesien, Deutschland 2025, 96 Minuten, FSK 12
OF in Chinesisch, Englisch, Tagalog, Thailändisch mit deutschen UT
Ab 24. September im Kino