Vratislav Maňák: Mit Wittgenstein in der Schwulensauna
Buch
Im Essay-Band „Mit Wittgenstein in der Schwulensauna“ tanzt der tschechische Autor Vratislav Maňák lust- und gedankenvoll durch die Freiräume zwischen Hoch – und Subkultur. Seine Reportagen über „gay spaces“ in Budapest, Wien, Prag oder Berlin setzen schwulen Cruising-Orten ein Denkmal, indem sie deren Vergangenheit und Bedeutung hinterfragen. Dabei enthüllen Maňáks Texte vieles, verschweigen aber auch so manches. Intellektueller Durchbruch oder literarischer Budenzauber? Marko Martin hat sich von der Lektüre inspirieren, irritieren und provozieren lassen.

Schwule als Objekte des erwünschten Begehrens
von Marko Martin
Orte des Begehrens ostentativ mit intellektuellem Gepäck und dem Analysebesteck der Gesellschaftskritik aufzusuchen, könnte schiefgehen und mehr als nur einen Hauch von Verschmocktheit verbreiten. Das dortige Menschengewimmel wie unterm Mikroskop oder im Reagenzglas observiert, um daraus dann Thesen zu gewinnen – das befremdete bereits beim stramm „antikapitalistischen“ Tuilerien-Cruiser Didier Eribon und machte auch Rolands Barthes´ postum erschienene post coitum-Notate zu einer Lektüre des Fremdschämens. Dann doch lieber Detlev Meyers „Im Dampfbad greift nach mir ein Engel“ oder Renaud Camus´ im wahrsten Wortsinn hinreißende Endsiebziger-Aufzeichnungen „Tricks“ über die Pariser Saunen seiner Zeit (nach denen der Autor leider abdrehte und zu einer der irrsten Gestalten des französischen Rechtsextremismus wurde).
In seinem Buch mit dem schönen Titel „Mit Wittgenstein in der Schwulensauna“ entgeht der 1988 in Westböhmen geborene und in Prag lebende Romancier und Sozialwissenschaftler Vratislav Maňák den Fallstricken der Prätention ebenso wie einem pseudo-vitalistischen Auftrumpfen à la „Schaut, was ich so alles erlebe“. Was ihn davor bewahrt, ist seine gänzlich uneitle Neugier aufs Tun und Denken und eine auf jeder Seite spürbare Freude am Beschreiben, Erzählen und Reflektieren – vor allem aber ein kristalliner Stil, der selbst in den Labyrinthen von Wiener Darkrooms und postmodernen Theorien nie abdriftet in raunenden Insider-Jargon.
Vratislav Maňáks „Soziologische Reportagen“ führen nach Budapest, Wien, in die Oper von Brünn, in Prager Parks und schließlich in den Berliner Kitkat Club. Sie beginnen allerdings geradezu züchtig in der altehrwürdigen ungarischen Badeanstalt Ruda. Hier entspannten sich die Männer bereits während der Osmanenzeit vor einem halben Jahrtausend, tauchten in Wasserbecken oder wandelten im Dampfnebel umher, so wie es dort auch heute noch Usus ist – zumindest an den „badehosen-freien Männertagen“.

Vratislav Maňák – Foto: Lucie Zajda
Maňák liest die dortige Atmosphäre in seinem (selbstverständlich noch zu Orbán-Zeiten geschriebenen) Text als Chance, eine nicht allein geographische Auszeit zu nehmen vom erhitzten Nationalismus draußen vor der Tür. Hier entstehe der „Anschein einer Raum-Zeit-Nische, dieser erstaunliche Effekt einer Existenz in der Lücke“, schreibt der Autor. Diese Lücke eröffnet naturgemäß dann auch die Möglichkeit, sich eventuell näherzukommen als lediglich im Gespräch – was die anderen Besucher duldsam nicht zu sehen vorgeben. Denn für offensiver ausgelebte Begegnungen in Budapest gibt es schließlich noch andere Orte, etwa einen unweit der Großen Synagoge gelegenen Club mit dem sprechenden Namen CoXx oder die (von Maňák unerwähnt gelassene) Magnum-Sauna.
Und was hat Ludwig Wittgenstein, Philosoph und zeitlebens unglücklich uneingestandener Schwuler, mit alledem zu tun? Er hat seinen imaginären Auftritt schließlich in der Wiener Sauna Kaiserbründl nahe des Stephansdoms. Diese wurde unter dem ebenso schönen Namen Centralbad bereits zur Zeit der Donaumonarchie eröffnet und geht ebenfalls auf die bezirzende Architekturtradition des osmanisch-maurischen Hamams zurück. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, lautete Wittgensteins berühmtester, inzwischen beinahe zu Tode zitierter Satz, und Vratislav Maňák begeht mit Gewissheit keinen reduktionistischen Frevel, wenn er die resignative Aussage lebensnah deutet. Denn jenseits von Sprechen und Schweigen wäre doch zumindest ein temporär befreiendes Tun möglich, das sich Maňák dann auch für den jungen Wittgenstein im Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorstellt.
Derlei hätte leicht plüschig – oder, um im Dampfbad-Jargon zu bleiben: schwadig – werden können, doch Maňák ist ein luzid beobachtender und präzis schreibender Intellektueller, der darüber hinaus auch noch mit Humor gesegnet ist. „Man könnte sagen, das Über-Ich fällt im Kaiserbründl schon beim Drücken der Klinke in ein tiefes Koma“, heißt es in Anspielung auf den Wiener Sigmund Freud zu Beginn der ausführlich geschilderten Tour, die den Autor von den Spindräumen zur Bar und alsdann in Kabinen und weiter in die diffus beleuchteten unteren Gewölbebereiche führt. Doch selbst hier gilt: Nur keine unnötige Verbal-Verdunklung! „Ich versuche, das keusche Schweigen über das angeblich so Mystische zu überwinden – denn gerade im Hinblick auf nicht-heterosexuelle Erfahrungen ist der Verweis ins Mystische ohnehin oft Heuchelei, ein mit aller Macht errichteter Wall, mit dem die gleichgeschlechtliche Erfahrung auf die andere Seite gedrängt werden soll.“ Überdies stellt es ja auch kein Problem dar, dass der Saunagast ab jetzt „nicht einfach nur ein Objekt ist, sondern ein Objekt des erwünschten Begehrens“.
Angesichts solcher Vorrede ist es dann freilich doch etwas seltsam, dass Maňák das Begehren sich am Ende doch vollständig schweigend vollziehen lässt und schreibt: „Der Besuch einer Schwulensauna schärft das Bewusstsein für den eigenen Körper dadurch, dass er den Großteil des Ichs verdunkelt.“ Tatsächlich? Wo solche Orte der miteinander geteilten Lust doch schon seit der Antike auch Gelegenheit für Gespräche schenken, für versonnenen, von keinerlei Konvention gehemmten Austausch bei der berühmten „Zigarette danach“? Ist nicht gerade das nach 1989 ohne mörderische Eiserne Vorhänge wieder zusammengefügte Mitteleuropa der ideale Raum, in dem schwule Globetrotter und Einheimische aufeinandertreffen können, und zwar im allumfassenden Wortsinn?
Schade, dass der Autor so gar nichts über solche Dinge schreibt – oder sich die Chance zum umfassenderen Austausch bei Saunabesuchen einfach entgehen ließ. Wo doch sein (heterosexueller) Landsmann, der Romancier und Libertin Milan Kundera, in seinem „Buch der lächerlichen Liebe“ dazu schon vor Jahrzehnten das geradezu universelle Diktum lieferte: „Sie müssen begreifen, dass das eigentliche Vergnügen des Körpers, wenn man es in seiner Stummheit belässt, auf ärgerliche Weise gleichförmig ist. Und Sie müssen wissen, mein Freund, nur ein in diesen Szenen ausgesprochenes Wort besitzt die Kraft, jene in einem solchen Licht erscheinen zu lassen, dass sie unvergesslich bleiben.“ Ein schöneres Plädoyer gegen die selbstauferlegten Schweigegelübde beim oder nach dem Sex wurde wohl nie geschrieben.
Nach Wien geht’s dann erst einmal in die Oper, deren größter Fan Vratislav Maňák zwar nicht ist, deren Selbstermächtigungspotenzial gerade für schwärmerisch projizierende Schwule er jedoch plausibel beschreibt, indem er die prunkvolle, aus vollem Hals und Herzen singende Bühnendiva – ob nun wortreich leidend an zurückgewiesener Liebe oder bitchy ihre Lover instrumentalisierend – zum imaginierten role model für einen Abend erklärt. Oder auch für ein ganzes Leben, wobei die charakterlichen Nebenkosten für derlei Anverwandlungen allerdings auch wieder recht züchtig (oder furchtsam) verschwiegen werden. Und so ist es gerade die subtile Prägnanz der Analysen von Maňáks Essays, die Auge und Ohr des Lesers für das schärft, worüber der Autor dann eben doch glaubt, ebenfalls schweigen zu müssen.
Das betrifft auch den Berliner Kitkat Club, dessen Techno-umwummerten Ausschweifungen eine wahre Hymne gewidmet ist. Das größtenteils Mechanische des dortigen Tuns wird dabei als das eigentliche Plus erfahren – als eine Selbstsakralisierung des Egos, ein Grenzen sprengendes Momentum, das zu nichts verpflichtet, eine Fragmentierung der Körperteile im Flow und im Rhythmus der Sound-Bytes. So viel steht schon einmal fest: Dieser Text mit dem Titel „Epiphanie ohne Gott“ ist die beste literarisch-soziologische Eloge ever. Eine ausgefeiltere wird der Club nur schwerlich bekommen. So detailliert die Wirkungen der dort konsumierten Drogen auf Physis und Psyche aber auch beschrieben sind – eine klitzekleine Reflexion über die Schattenseiten dieses weltweiten, nicht selten unter terroristischer Beihilfe betriebenen ‚Chemiehandels‘ wäre vielleicht doch nicht ganz überflüssig gewesen. Derlei müsste ja nicht in puritanischem Empörungston und mit schmallippiger Verzichtsrhetorik vorgetragen werden. Umso mehr Vratislav Maňák im Prag-Kapitel so gewitzt darstellt, wie die Zickzack-Wechselbeziehungen zwischen heterosexueller Umwelt und schwulem Cruising beschaffen waren und sind – zu Zeiten kommunistischer Repression und auch heute, wo die subversiven Kicks des Outdoor-Sex zwar spärlicher werden, aber in einigen Parks, die der Verfasser recht gut zu kennen scheint, noch immer abrufbereit sind.
Dass das abschließende Nachwort dann das mitteleuropäische Selbstbild der niedlich-friedlich „kleinen Nationen“ mit der Realität autoritärer Tendenzen und des fortdauernden Fremdelns mit Minderheiten konterkariert – es ist plausibel angesichts des (erst kürzlich, jedoch mit eindrucksvoller Zweidrittel-Mehrheit abgewählten) Victor-Orbán-Regiments in Ungarn, der rechtsnationalistischen FPÖ in Österreich und des slowakischen Potentaten Fico, der sich als linksnationalistischer „Sozialdemokrat“ geriert. All diese fortgesetzten Ressentiments gegenüber der Moderne aber zu benennen, ohne die vorangegangenen Jahrhundertbrüche anzusprechen – Erster und Zweiter Weltkrieg, Vertreibungen und Holocaust bis zum Niedergang der kommunistischen Regimes durch die Friedlichen Revolutionen ´89 – wirkt seltsam ahistorisch. Geht der stalinistische Totalitarismus, der so unsäglich viele Menschenopfer gefordert hat, tatsächlich in der Allerweltsvokabel „Kalter Krieg“ auf? Und gab es nach ´89 wirklich nur „die Rückkehr der Marktwirtschaft“? Irritierend zudem, dass der Autor kein Wörtchen verliert über das, was die erwähnten Potentaten (außer ihrer LQBTI+-Gegnerschaft) vor allem vereint: ihre Verachtung der EU und die Komplizenschaft mit Putins massenmörderischem Angriffssystem.
Statt der Erörterung solcher Fragen konstatiert Vratislav Maňák am Schluss, homosexuelle Existenz schließe stets „die Erfahrung mit dem Fragmentierten“ ein und müsse deshalb weniger illusionär-reaktionären Ganzheitsvorstellungen nachjagen. Das ist zutreffend und ermutigend. Aber dieser Vorteil ließe sich freilich auch buchstabieren als besondere Verantwortung für jene, die davon berichten: Freiheit, gerade weil sie immer wieder erkämpft werden muss, sollte nicht zu kleiner Münze herunterdefiniert werden, sondern benötigt Wahrnehmung und Wertschätzung – und zwar nicht nur innerhalb von Saunen und Clubs.

Mit Wittgenstein in der Schwulensauna
von Vratislav Maňák
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn
182 Seiten, 26 Euro
Karl Rauch Verlag