Jim Queen

Trailer • Im Kino

Ein Virus macht in Paris schwule Männer hetero – und plötzlich ist die eigene Community der Ort, an dem man nicht mehr dazugehören darf. In „Jim Queen“, dem wunderbar überdrehten Animationsabenteuer von Marco Nguyen und Nicolas Athané, wird diese amüsante Idee zum Ausgangspunkt für eine raffinierte Komödie über Körperkult, sexuelle Identität und die widersprüchlichen Regeln queerer Zugehörigkeit.

Bild: Capelight

Enthemmt bunt

von Laura Sternberg

Am Anfang ist die Welt des schwulen Fitness-Influencers Jim noch in Ordnung: Er ist schön, erfolgreich, alle beten ihn an – während er sich vor allem mit sich selbst beschäftigen kann. Doch dann bricht in Paris bricht die Heterose aus und als sich Jim mit dem mysteriösen Virus infiziert, passiert das Undenkbare: er wird langsam aber sicher heterosexuell. Während sich die Krankheit rasant in der queeren Community ausbreitet, muss Jim ein Heilmittel finden und sich dafür mit dem gerade erst geouteten Twink Lucien zusammentun. Ihre gemeinsame Mission führt die ungleichen Verbündeten quer durch Paris, während die Zeit immer knapper wird. Denn es gilt nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Community vor dem Virus zu retten.

Das ist, in ein paar Sätzen, die ganze Geschichte von „Jim Queen“ – dem in Cannes zu recht gefeierten Animationsfilm von Marco Ngyuen und Nicolas Athané, der nun auch in Deutschland endlich in die Kinos kommt. Und er erzählt diese Geschichte aus einer kompromisslos queeren Perspektive, ohne das Bedürfnis, sie für ein heteronormatives Publikum zu übersetzen. Queerness ist hier kein Thema, das abgearbeitet wird, kein Problem, das überwunden werden muss und schon gar nicht bloß eine Ergänzung zu einer ansonsten konventionellen Geschichte. Sie ist die Grundlage dieser Welt. Das macht „Jim Queen“ in seiner Konsequenz so befreiend. Schwule Männer bilden die gesellschaftliche Norm und erst die plötzliche Verwandlung in Heterosexualität macht Jim zum Außenseiter. Diese simple Umkehrung verändert den Blick auf viele Situationen, die für queere Menschen zur Realität gehören: Jim hat sich nicht dafür entschieden, plötzlich anders zu sein und trotzdem wird seine veränderte Sexualität zum Problem für sein Umfeld. Und für ihn selbst.

Besonders viel Spaß macht, wie hemmungslos „Jim Queen“ seine eigene Übertreibung zelebriert – alles ist kompromisslos groß, bunt und laut. Die Welt sieht aus, als hätte man einen Zeichentrickfilm durch eine queere, campige und völlig enthemmte Erwachsenenperspektive gejagt. Die Animation übersetzt diesen Exzess direkt in ihre Gestaltung: Körper werden bis zur Karikatur proportioniert, Gesichtsausdrücke und Bewegungen bewusst überzogen und auch sexuelle Fantasien explizit ausgestaltet. Dazu kommen flächige Farben und eine Bildgestaltung, die an die Ästhetik von Adult-Swim-Cartoons erinnert. Nichts daran versucht, realistisch oder zurückhaltend zu wirken. Gerade dadurch passt die Form so gut zum Inhalt: „Jim Queen“ treibt die Körperbilder und Rollenklischees seiner Welt so lustvoll ins Absurde, dass ihre Künstlichkeit ganz authentisch wirkt.

Der zügellose Humor von „Jim Queen“ funktioniert so gut, weil er gleichzeitig nach außen und nach innen schlägt. Der Film macht sich über heterosexuelle Klischees lustig, aber ebenso über queere Szenencodes, Körperideale und die Hierarchie innerhalb einer Community, die sich selbst gerne als besonders offen versteht. Die vermeintlich homogene „schwule Community“ erweist sich damit als ebenso vielfältig und widersprüchlich wie viele andere soziale Gruppen. Ob Gym Queens, Bears oder Twinks – sie alle entsprechen im Film einem bestimmten, oft überhöhten Bild von Queerness. Gerade diese Selbstironie verhindert, dass der Film seine queere Welt zu einem idealisierten Gegenentwurf verklärt. Auch eine Gemeinschaft, die sich über Offenheit und sexuelle Freiheit definiert, kann ihre eigenen Normen und Ausschlüsse entwickeln.

Bild: Capelight

Der Heterose-Virus lässt sich dabei als groteske Spiegelung von Erfahrungen lesen, die die queere Community insbesondere während der AIDS-Krise geprägt haben. Nicht nur die Vorstellung einer Krankheit, die sich innerhalb einer Gemeinschaft ausbreitet, sondern vor allem die Reaktionen darauf – Angst vor Ansteckung, Stigmatisierung und die Ausgrenzung Betroffener – finden in der absurden Prämisse des Films ein Echo mit ernstem Unterton. „Jim Queen“ macht daraus keine überdeutliche historische Allegorie und bleibt lieber (und dankenswerterweise) seiner überdrehten Komödienlogik verpflichtet. Trotzdem bekommt die Suche nach einem Heilmittel eine zusätzliche Bedeutung, wenn ausgerechnet die vermeintlich falsche Sexualität zur Bedrohung für eine ganze Gemeinschaft erklärt wird. Besonders deutlich wird die Verbindung in der Figurengruppe rund um die Drag Queen Glamydia, die an die Sisters of Perpetual Indulgence erinnert. Deren Verbindung aus Drag, Aktivismus und Aufklärungsarbeit verweist auf eine Geschichte queeren Engagements, in der Solidarität als Reaktion auf Ausgrenzung und Stigmatisierung entstanden ist.

Bild: Capelight

Dabei wird auch die Erkenntnis nicht ausgespart, dass Ausgrenzung nicht nur von außen kommt. Auch innerhalb einer marginalisierten Gemeinschaft können Angst, Vorurteile und das Bedürfnis nach Selbstschutz dazu führen, dass einzelne Menschen ausgeschlossen werden. „Jim Queen“ macht diese Dynamik in grellen Farben sichtbar und erinnert damit daran, dass Solidarität nicht automatisch entsteht, nur weil Menschen eine gemeinsame Identität teilen. Sie muss immer wieder hergestellt und verteidigt werden.

„Jim Queen“ funktioniert vor allem deshalb so gut, weil der Film seine politische und historische Ebene nie von seinem Humor trennen muss. Die Heterose ist zunächst ein schöner Einfall, über den sich wunderbar lachen lässt, entwickelt durch die Perspektivverschiebung aber eine überraschend gesellschaftliche Dimension. Indem ausgerechnet Heterosexualität zur Abweichung erklärt wird, legt der Film offen, wie sehr Vorstellungen von Normalität davon abhängen, wer eigentlich den Maßstab setzt. Dass „Jim Queen“ dabei auch die eigene Community nicht verschont, macht seine queere Perspektive umso interessanter: Der Film idealisiert seine Welt nicht, sondern zeigt auch deren Normen, Hierarchien und Ausschlüsse. Nicht jede Pointe ist dabei gleich treffsicher und der Spaß an hemmungsloser Übertreibung kann auf Dauer auch an seine Grenzen kommen. Trotzdem: selten so viel im Kino gelacht. „Jim Queen“ ist eine raffinierte Komödie, die ihre eigene queere Welt nicht erklären will, sondern selbstbewusst behauptet – und gerade deshalb auch sehr viel über unsere ganz reale Welt in der nicht-animierten Wirklichkeit zu erzählen weiß.




Jim Queen
von Marco Ngyuen & Nicolas Athané
Frankreich 2026, 85 Minuten, FSK 16
französische OF mit deutschen UT, deutsche SF

Ab 24. September im Kino