Love Me Tender

Trailer • Queerfilmnacht

Nach dem gleichnamigen Bestseller von Constance Debré erzählt „Love Me Tender“ von Anna Cazenave Cambet von einer früheren Anwältin, die nach ihrem Outing als lesbische Frau um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpft – und dabei ihren Wunsch nach Freiheit mit den Erwartungen an sie als Mutter vereinbaren muss. Anja Kümmel hat das Buch gelesen und den Film gesehen und seziert die wichtigsten Unterschiede. Fest steht auch für sie: Die charismatische Schauspielerin Vicky Krieps ist ein Glücksgriff für die Hauptrolle.

Bild: Salzgeber

Love is a Battlefield

von Anja Kümmel

„Homosexuelle Beziehungen zu führen, kann heutzutage nicht als Zeichen psychischer Instabilität gewertet werden. Ebenso wenig wie das Schreiben von Büchern.“ So steht es im psychologischen Gutachten, das Clémence dabei helfen soll, ihren achtjährigen Sohn wiederzusehen. Bei solchen Sätzen meint man sich ins prüde Amerika der 1950er Jahre zurückversetzt – tatsächlich jedoch spielt „Love Me Tender“, der zweite Langfilm der französischen Regisseurin Anna Cazenave Cambet, im Paris der Gegenwart. Kaum zu glauben, dass im 21. Jahrhundert einer Frau aufgrund ihres lesbischen Coming-Outs und ihrer Abwendung von bürgerlichen Familien- und Beziehungsidealen die Fähigkeit abgesprochen wird, eine gute Mutter zu sein – doch „Love Me Tender“ ist kein Werk der Fantasie. Der Film beruht auf dem gleichnamigen autofiktionalen Roman der französischen Autorin Constance Debré, der zwischen 2015 (dem Jahr, in dem Debré ihr heterosexuelles Familienleben und ihre Anwaltskarriere hinter sich ließ) und 2020 (der Erstveröffentlichung des Buches) entstanden sein muss.

Auf den ersten Blick präsentiert sich „Love Me Tender“ als kafkaeskes Psychodrama, das den nervenzehrenden Sorgerechtsstreit aus der Perspektive der neuerdings lesbisch lebenden Mutter nachvollzieht. Zugleich jedoch, und vielleicht sogar hauptsächlich, erzählt der Film von der Emanzipation und queeren Identitätsfindung einer Frau in ihren 40ern. Die charismatische Hauptdarstellerin Vicky Krieps ist zweifellos ein Glücksgriff für die Rolle – ebenso offensichtlich ist allerdings auch, wie sehr ihre Interpretation der Clémence von Debrés literarischem Alter Ego CD abweicht.

Wer noch das ikonische Autorinnenporträt auf dem Buchcover im Kopf hat (kahl rasierter Schädel, Lieber sterben-Tattoo am Hals, herbe Gesichtszüge, Bad Boy-Attitude), mag zunächst irritiert sein von der schlaksig-jungenhaft anmutenden Frau mit der weichen Kieferlinie, die am Anfang des Films aus dem Schwimmbad ins warme Spätsommerlicht tritt. Ja, sie zieht dort Morgen für Morgen diszipliniert ihre Bahnen, und ja, wir sehen sie en passant eine Frau in der Umkleide verführen – doch verzichtet Krieps‘ Darstellung auf die Härte und Getriebenheit, die durch Debrés Prosa pulsieren. Mit ihrem schlenkrigen Gang und ihren in die Stirn fallenden Löckchen wirkt sie eher liebenswert linkisch als hart und gestählt. Zumindest zunächst (der Move mit dem Rasierer wird kommen, doch er kommt erst spät) scheint sie weit entfernt von der toughen Butch-Lesbe, als die sich CD in der Romanvorlage stilisiert. Das mag einerseits – ironischerweise – ein Zugeständnis an genau die bourgeoisen, heteronormativen Sehgewohnheiten sein, gegen die CD ankämpft und gegen die Debré anschreiben wollte. Andererseits hilft uns Krieps‘ weichere, emotionalere Interpretation der Hauptfigur zweifellos dabei, Clémence näherzukommen und sie auf ihrer Tour de Force zu begleiten.

Der erste Moment der Verstörung, der Krieps die ganze Bandbreite emotionaler Regungen abverlangt, folgt auf dem Fuße: Sobald Clémence ihrem Ex-Mann Laurent offenbart, dass sie neuerdings mit Frauen schläft, schlägt dessen freundschaftliches Geplänkel um in kaum verhohlene Ablehnung. Bislang haben sich die beiden einvernehmlich das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn geteilt, doch beim nächsten Mal, als Clémence Paul abholen will, zieht dieser sich die Bettdecke über den Kopf und behauptet, sie nicht mehr sehen zu wollen. Dass Laurent das Kind als Spielball benutzt, um sich an seiner Ex-Frau für die Kränkung seines männlichen Egos zu rächen, ist für uns Zuschauende offensichtlich – Clémence jedoch hat dafür (noch) keine Beweise in der Hand.

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Ein zähes Verfahren setzt sich in Gang, das sich über zwei Jahre hinziehen wird. Unterdessen bekommt Laurent das alleinige Sorgerecht zugesprochen, während Clémence nur ein eingeschränktes Besuchsrecht unter Aufsicht gewährt wird – eine Stunde alle zwei Wochen. Demütigende Befragungen und abstruse Anschuldigungen („Pädophilie“ und „Inzest“) wechseln sich ab mit zermürbenden bürokratischen Spießrutenläufen. Ein Kunstgriff des Films besteht darin, Pauls Gesicht zum ersten Mal in der Mitte des Films zu zeigen – so lange werden wir, gemeinsam mit Clémence, auf die Folter gespannt. Und wer sich fragt, ob „Love Me Tender“ mit über zwei Stunden Laufzeit nicht ein bisschen lang geraten ist, dem sei gesagt: Ja, 133 Minuten sind viel, doch das ist Programm – denn für die Protagonistin zieht sich das Warten auf eine Anhörung, ein psychiatrisches Gutachten, einen Termin beim Familienzentrum quälend hin. Rührselige Szenen und exzessive Gefühlsausbrüche indes gibt es kaum; stattdessen setzt Cambet ganz auf die melancholische Rastlosigkeit ihrer Hauptfigur und serviert uns deren Gefühle vor allem im Voiceover, bereits verarbeitet und literarisiert. Clémence, begreift man, sublimiert ihren Schmerz im frenetischen Schreiben an ihrem Romandebüt, im Schwimmen, in One-Night-Stands und Affären mit wechselnden Frauen.

Wir sehen sie zweideutige Blicke mit Besucherinnen des Schwimmbads austauschen, wir sehen sie bei ihrer Buchpremiere mit einem weiblichen Gast anbändeln, wir sehen sie im Technoclub flirten, wir sehen, wie sie eine weitere Frau in einem Café aufreißt. Keine davon scheint eine emotionale Bedeutung für Clémence zu haben, oder aber sie springt ab, bevor es „ernst“ werden könnte. Ist das nun ein Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmtheit? Oder eher eine Form der Verdrängung und Ablenkung von sich selbst?

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Während im Roman CDs Zerrissenheit zwischen ihrer Sehnsucht nach Intimität, ihrer Ablehnung bürgerlicher romantischer Liebesideale und ihrem Gefangensein in genau diesen Skripten ausführlich verhandelt wird, belässt der Film Clémence’ Gefühlswelt weitgehend im Vagen. Von CDs drastischer Selbstanalyse scheint ihr neu erwachtes lesbisches Begehren jedenfalls weit entfernt. „Frauen, Frauen und noch mehr Frauen. Ich erhöhe die Dosis, denn die Wirkung lässt nach“, heißt es im Buch. „Leute, die viel ficken, machen das nicht aus Spaß. Ich bin wie ein Teenager an der Playstation, dank Call of Duty autistisch geworden.“ Clémence hingegen wirkt weit weniger abgestumpft oder von inneren Zwängen getrieben, sondern eher verspielt und souverän – wahrscheinlich nicht zuletzt, um ihre Rolle als Sympathieträgerin und den Grundton des Films als selbstermächtigende Emanzipationsgeschichte nicht zu gefährden. Ein bisschen mehr Komplexität, die auch die dunklen Seiten ihres Begehrens mit erfasst, hätte die Entwicklung ihres Charakters dennoch vetragen.

Zumal durch diese Glättungen einige Romanstellen, die es via Voiceover in den Film geschafft haben, nicht mehr recht zu Clémence‘ Attitüde passen: „Es gibt keine Liebe ohne Hass“, schreibt sie etwa in einem (nie abgeschickten) Brief an ihren Sohn: „Und dass man töten muss, wen man liebt, dass man sich dazu in der Lage wissen muss und stets das Recht dazu hat.“ Im Buch kommt hier die toxische Kehrseite jenes Romantikideals zutage, das CD so tief verinnerlicht hat, dass es sich kaum abschütteln lässt. Im Film dagegen klingen diese Sätze nur mehr wie abstrakte Formeln, die mit Clémence‘ Lebensrealität wenig zu tun haben.

Ein allzu gradlinig erzähltes queeres Selbstfindungsdrama mit erwartbarem Happy End ist „Love Me Tender“ dennoch nicht geworden – zum Glück. Denn gerade als Clémence beschließt, von nun an keine Frauen mehr aufzureißen und sich eine romantische Zweierbeziehung mit der bodenständigen Journalistin Sarah anbahnt, nimmt der Film ein paar unvorhergesehene Wendungen, die das Radikale, Transgressive der Romanvorlage ein Stück weit zurück ins Boot holen.

Debré beginnt ihren Roman mit einer kontroversen Passage zum Thema Mutterschaft: „Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir nicht aufhören können, einander zu lieben? Warum sollten wir uns nicht trennen können?“ In Cambets Filmadaption bröckelt der Mythos der ewig währenden, alle Widerstände überwindenden Mutterliebe schleichender, leiser, quasi en passant. Am Ende jedoch steht eine ähnlich schockierende Erkenntnis, die zugleich ein Höchstmaß an Freiheit erlaubt – die vielleicht radikalste Freiheit überhaupt: Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind kann genauso vergehen wie jede andere Liebe auch.




Love Me Tender
von Anna Cazenave Cambet
FR 2025, 133 Minuten, FSK 16
französische OF mit deutschen UT

Jetzt in der Queerfilmnacht; ab 7. Mai im Kino