Magick Lantern Cycle (1947–1980)
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Sie sind rätselhaft, provokant, rauschhaft, queer und anarchistisch, mit einem Faible für Mythologie, Okkultismus und Gegenkultur: Mit seinen neun Kurzfilmen des „Magick Lantern Cycle“ (1947 bis 1980) wurde Kenneth Anger zum Monumentalfilm-Regisseur des experimentellen Kinos. Michael Kienzl über einen legendären Filmemacher, der die Lust feierte und gleichzeitig ihre Abgründe erforschte.

Bild: Zweitausendeins Edition
Unkontrollierte Sexualität
von Michael Kienzl
Kenneth Angers Karriere begann 1947 mit einem denkbar banalen Ereignis: einem Wochenende mit sturmfreier Bude. Der damals 20-jährige Regisseur, der bereits zuvor einige (heute verschollene) Filme gedreht hatte, nutzte die elterliche Wohnung in Beverly Hills, um eine Fantasie voller Sex, Gewalt und Romantik auf Film zu bannen. Da es Anger scheinbar nie an Ehrgeiz mangelte, hat es ihn vermutlich nicht überrascht, dass „Fireworks“ zu einem Meilenstein des experimentellen und queeren Kinos wurde.
Im gleichnishaften Voice-Over des Films geht es zunächst um unser leicht entflammbares Begehren, das wir tagsüber unterdrücken, nur damit es in der Nacht umso heftiger und mit schimmernder Glut hervorquillt. Der Regisseur selbst spielt in „Fireworks“ die Hauptrolle und inszeniert seinen nackten, drahtigen und schlafenden Körper selbstbewusst als Objekt der Begierde. Ein improvisiertes Schild mit der Aufschrift „Gents“ führt ihn in eine dunkle Traumwelt, in der er von einer Gruppe Matrosen entkleidet, gedemütigt und verprügelt wird. Die 1943er Zoot Suit Riots, die Anger persönlich miterlebte, inspirierten ihn zu dieser Szene. Randalierende weiße Matrosen zogen damals durch die Straßen L.A.s und griffen Latinos in extravagant geschnittenen Anzügen an.
Entscheidend in „Fireworks“ ist jedoch, dass die Brutalität sexuell stark aufgeladen ist. Das schmerzverzerrte Gesicht des Opfers wirkt regelrecht verzückt und neben Blut läuft auch literweise eine milchige Flüssigkeit mit naheliegender Assoziation über sein Gesicht. Später holt ein Matrose einen großen Böller aus seinem Hosenlatz und zündet ihn an. So maßlos wie dieses phallische Symbol Funken versprüht, so unkontrollierbar wirkt auch die Sexualität im Film. Man kann sich ausmalen, wie verstörend und anstößig „Fireworks“ zu seiner Entstehungszeit gewirkt haben dürfte. Homosexualität war damals noch verboten und sowohl Anger als auch ein Kinobetreiber mussten sich wegen des Films vor Gericht gegen den Vorwurf der Obszönität verantworten.
„Fireworks“ ist der Auftakt einer Reihe von neun Kurzfilmen, die zwischen 1947 und 1980 erschienen sind und unter dem Namen „Magick Lantern Cycle“ vereint werden. Der Titel bezieht sich zum einen auf die Laterna magica und damit eine Frühform des Kinos, zum anderen mit der englischen Schreibweise des Worts Magie auf den Okkultisten Aleister Crowley, den Anger kultisch verehrte. Häufig sind die Filme rätselhaft, provokant, farbenfroh, lustvoll und campy. Sie haben ein Faible fürs Mythologische wie auch für die rebellische Gegenkultur der Nachkriegszeit.
„Fireworks“ ist insofern typisch für Angers Werk, weil es um die Fetischisierung von Kleidung geht – in diesem Fall um die zum Standardrepertoire schwuler Stereotype gehörende Matrosenuniform – sowie um attraktive, athletische Männer, die so sexy wie bedrohlich sind. Der Reiz des Verbotenen und die Verführungskraft des Bösen spielen in Angers Filmen immer wieder eine zentrale Rolle. Einer zügellosen, aggressiven, zerstörerischen und auch anziehenden Männlichkeit hat der Regisseur vor allem mit „Scorpio Rising“ (1963) ein Denkmal errichtet. Der halbstündige Film erzählt von motorradbegeisterten Kerlen, ihrem obsessiven Verhältnis zu Maschinen sowie von ihrem radikalen Außenseitertum, das für Anger ebenso revolutionäres wie faschistisches Potenzial in sich trägt.
Immer wieder wird dabei die Lederkluft als edles und begehrenswertes Material in Szene gesetzt, das häufig auf nackter Haut getragen wird. Die Biker lässt Anger herausfordernd die Hände in die Hüfte stützen und wählt dafür einen provokativen Kameraausschnitt, der sich lediglich auf Bauch und Schritt konzentriert: Instinkt und Lusttrieb. Gesten der Kameradschaft und spöttisches Herumbalgen lädt „Scorpio Rising“ homoerotisch auf. Die Playlist aus Pop-Songs der frühen 1960er Jahre kommentiert dazu das Geschehen, nicht selten zweideutig: den Kleidungs-Fetisch („Blue Velvet“), die emotionale Beziehung zu den Motorrädern („Wind-up Doll“), die dunkle Energie, die in den Männern schlummert („Devil in Disguise“) oder den Führerkult von Motorradgangs („I Will Follow Him“). Für Anger sind die Biker an Hollywood-Stars wie Marlon Brando und James Dean geschulte Rebellen mit Todestrieb. Sie bewegen sich irgendwo zwischen Jesus und Hitler, wie die Montage nahelegt. Charismatische Verführer, die einen in den Abgrund ziehen.

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Wilde Typen mit erotischer Aura finden sich regelmäßig in Angers Werk. Etwa der muskelbepackte, dämonisch dreinschauende Gott Pan in „Inauguration of the Pleasure Dome“ oder der erlöserhafte Hippie-Antichrist in „Lucifer Rising“, der den Teufel als ultimativen Bad Boy verkörpert. In „Rabbit’s Moon“ wiederum ist es der aus der Commedia dell‘ Arte stammende anarchische Störenfried Arlecchino, der dem naiv melancholischen Pierrot Streiche spielt. Für den 1950 gedrehten, aber erst 1971 veröffentlichten Film nutzte der damals in Frankreich lebende Anger ein Set von Jean-Pierre Melville, der für seine entschleunigten Gangsterfilme weltberühmt geworden ist.
Ein Schalk steckt auch in Kenneth Anger selbst. Seine Produktionsfirma Puck wurde nach dem durchtriebenen Elf aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ benannt. Über dem Logo prangt ein Zitat aus dem Stück: „What fools these mortals be“. Anger treibt gern seine Späße mit dem Publikum und konnte auch in Interviews nicht immer beim Wort genommen werden. Manchmal war das Mittel zum Zweck. Etwa, als ihm 1967 das Geld für „Lucifer Rising“ ausging und er als PR-Maßnahme mit einer Zeitungsanzeige seinen Tod verkündete.
„Lucifer Rising“ (1972) zählt wegen seiner turbulenten Produktionsgeschichte, dem psychedelisch verspielten Rock-Soundtrack des verurteilten Mörders Bobby Beausoleil und der prominenten Besetzung zu Angers bekanntesten Filmen. Die Sängerin Marianne Faithfull spielt darin die Dämonin Lilith und auch Regisseur Donald Cammell („Performance“) sowie Led Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page – ebenfalls ein großer Bewunderer Aleister Crowleys – standen dafür vor der Kamera. Das Ergebnis ist ein rauschhafter Trip über die Auferstehung Satans; voller internationaler Schauplätze, spektakulärer Naturgewalten, hypnotischer Riten und einer rätselhaften Handlung. Anger bewies sich hier einmal mehr als Monumentalfilm-Regisseur des experimentellen Kinos.

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Der Teufel ist im Film ein charismatischer, erlöserhafter Revolutionär, der für eine neue Ära steht. Auch in „Invocation of My Demon Brother“ (1969) – einer Vorstudie zu „Lucifer Rising“ – fließt Mythologisches, Popkulturelles, Sexuelles und Politisches ineinander. Man sieht darin Anger im verfremdeten Zeitraffer bei einer okkulten Zeremonie, Hippies beim Kiffen, miteinander ringende nackte junge Männer, Aufnahmen aus dem Vietnam-Krieg, den Gründer der Church of Satan als Teufel verkleidet und Mick Jagger (der auch den experimentellen Moog-Soundtrack eingespielt hat) bei einem Stones-Konzert. Satan wird in dieser Gegenüberstellung zu einem Rockstar der damaligen Gegenwart.
Dass Angers Werk unabgeschlossen wirkt, hat auch damit zu tun, dass die Filme mitunter Jahre, wenn nicht Jahrzehnte liegen geblieben sind, bevor sie öffentlich gezeigt wurden. Manche von ihnen gibt es in unterschiedlichen Schnittfassungen und mit verschiedenen Soundtracks. Einige sind Fragmente geblieben.
Etwa „Kustom Kar Kommandos“ (1965), der sich wie „Scorpio Rising“ der männlichen Faszination für Maschinen widmet, wenn auch deutlich stilisierter: In einem pinken Studio poliert ein Junge mit enganliegendem hellblauen Outfit seinen Rennwagen. Zärtlich streicht er mit dem Staubwedel über das glänzende Chrom, während der Song „Dream Lover“ seine emotionale Verbindung zu seinem Auto unterstreicht. Während die Kamera die beiden umkreist, gehen die elegant geschwungenen Konturen des Fahrzeugs fließend in den wohlgeformten Hintern des jungen Mannes über. Ursprünglich sollte der Dreiminüter lediglich Anschauungsmaterial für einen Langfilm werden, der jedoch wegen mangelnder Finanzierung nie gedreht wurde.
Unvollendet blieb auch „Puce Moment“ (1949), der Angers Faszination für den Glamour und die Dekadenz des alten Hollywoods in sich trägt. Die bunten, mit Perlen bestickten flapper dresses aus den 1920er Jahren, die zu Beginn in die Kamera gehalten werden, stammen von Angers Großmutter, die in der Stummfilmzeit Kostümdesignerin war. „Puce Moment“ zeigt eine von Angers Cousine Yvonne Marquis gespielte Frau, die sich in ihrem luxuriösen Leben scheinbar selbst genügt. Doch Jonathan Halpers psychedelische Folk-Ballade „Leaving My Old Life Behind“ kündigt eine Veränderung an. Genussvoll bereitet sich die Protagonistin darauf vor, auszugehen. Doch nicht was sie macht oder wen sie trifft, ist entscheidend. Sie selbst und ihre Verwandlung sind das Spektakel.

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Angers Faszination für die schimmernde Fassade der Traumfabrik, aber auch die Abgründe, die sich dahinter verbergen, findet sich in seinen Werken immer wieder. 1965 veröffentlichte er das Buch „Hollywood Babylon“, das sich mit reißerischen Klatschgeschichten den Skandalen berühmter Stars widmet. Um einen elitären Kreis und dessen geheimnisvolle Rituale geht es auch in „Inauguration of the Pleasure Dome“ (1953). Die Inspiration für den Film soll zum einen von einer Kostümparty der Künstlerin Renate Druks stammen, mit dem Motto „Come as Your Madness“. Zum anderen soll Aleister Crowleys Idee eines Maskenballs, bei dem die Gäste in die Rolle von Göttern schlüpfen, Vorbild gewesen sein.
Shiva, Osiris, Aphrodite, Isis und Ganymed treten hier unter anderem in flamboyanten Kostümen auf. Die Gäste tragen bunte Haare, üppige Turmfrisuren, expressives Make-Up und groteske Gewänder. Um die Lust an der Verkleidung geht es im Film ebenso wie um das Begehren, sich zu präsentieren. Als schließlich ein Trank herumgereicht wird, endet das Fest in rauschhafter Ekstase, die sich in vielfachen Überblendungen entlädt. Angers Filme haben ein Faible für jeglichen Tand: für Stoffe, Ornamente und extravagantes Inventar, oder auch allgemein für schöne Dinge, die verheißungsvoll funkeln – ob es nun üppiger Schmuck ist, ein versilbertes Motorrad oder die Brunnenspiele im Garten der Villa d’Este vor den Toren Roms.
Letztere sind die alleinige Sensation von „Eaux d’artifice“ (1953). Der Mensch bleibt darin lediglich Statist. Zu den Klängen von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ läuft eine Frau in Renaissance-Kleidung durch ein endlos wirkendes Gartenlabyrinth. Dabei wird sie jedoch konsequent am Bildrand oder im Hintergrund platziert. Ihr Gesicht wird zudem von einem Fächer und einer anachronistischen Sonnenbrille verdeckt.
Denn das eigentliche Schauspiel sind die ausgefeilten Wasserchoreographien. In Bögen und Fontänen spritzt es in die Luft oder schwappt über Treppenstufen und Brunnenfiguren. Das unaufhaltsam strömende, weiß schimmernde Wasser wirkt mystisch und poetisch, erinnert aber auch an hemmungslos fließende Körpersäfte. Nicht zufällig bezieht sich der Film auf „Fireworks“, dessen Titel im Französischen „Feu d’artifice“ lautet. Beide Werke beschreiben ein überwältigendes Begehren – nur, dass es in einem der Filme buchstäblich Funken versprüht und im anderen maßlos sprudelt. Deutlich unterscheidet sich dabei die jeweilige Stimmung: Während „Fireworks“ die dunklen Regionen der Sexualität erforscht, ist „Eaux d’artifice“ eine beschwingte und lebensbejahende Feier der Lust.
Nach dem „Magick Lantern Cycle“ drehte Kenneth Anger für zwei Jahrzehnte keine Filme mehr, bevor er ab dem Jahr 2000 wieder regelmäßig Kurzfilme produzierte – den letzten im Jahr 2013. Er starb zehn Jahre später im Alter von 96 Jahren.

Magick Lantern Cycle
von Kenneth Anger
US 1947 bis 1980, 166 Minuten, FSK 16,
englische OF
Erhältlich als DVD