Queerpanorama

Trailer • Queerfilmnacht

In „Queerpanorama“ von Jun Li lässt sich ein schwuler Mann durch die Apartmentkomplexe Hongkongs treiben, von einem Sex-Date zum nächsten – und immer nimmt er dabei eine neue Identität an. Manchmal entsteht für einen Moment echte Intimität. Andere Male wird es hässlich. Jedes Mal studiert er sein Gegenüber genau und imitiert dessen Persönlichkeit beim nächsten Date. So ist er Schauspieler, Wissenschaftler, Architekt, Lieferant, Lehrer – und immer auf der Suche. Andreas Köhnemann über einen sinnlichen, abgründigen Film, der in faszinierend schönen Bildern über schwule Dating-Kultur philosophiert.

Bild: Salzgeber

Ich und die anderen

von Andreas Köhnemann

Boy meets Boy, in modernen Zeiten, in Hongkong. Am Anfang: ein Match auf einer Hook-up-App. Der eine schickt dem anderen seine Adresse. Ein bisschen Smalltalk beim Eintreffen in der Wohnung. Noch schnell einen Tee mit Milch trinken. Dann der Sex: „Komm in mir!“ Leidenschaftlich, intensiv, aber auch zärtlich und behutsam. Küssen, streicheln, lachen. Noch nackt auf dem Bett liegend, setzen die beiden ihre Unterhaltung locker fort, während im Hintergrund zwei Hauskatzen friedlich umherschleichen. Durch die gardinenlosen Schlafzimmerfenster ist der städtische Straßenverkehr am Nachmittag zu sehen.

Der 24-jährige Erfan, ein iranischer Expat und Hobby-DJ, erzählt auf die Nachfrage seines Sexpartners von seiner Arbeit als Doktorand an der örtlichen Universität, von seiner Forschung in den Molekularwissenschaften. Dass man aus den kleinen Dingen eine Menge über die großen Dinge lernen könne, sagt er.

Womit er auch eine besondere Stärke dieses Films beschreiben könnte. Denn „Queerpanorama“ von Jun Li besteht aus vielen vermeintlich kleinen Beobachtungen in reduzierten Settings, darunter verschiedene Apartments, ein Wohnheimzimmer, eine Dachterrasse, ein Schnellimbiss, ein Café, eine Clubtoilette, ein leerer Strand. Ein Panorama aus Miniaturen, aus denen sich am Ende ein großes, komplexes Bild der heutigen schwulen Dating-Kultur ergibt.

Nicht Erfan steht im Mittelpunkt von „Queerpanorama“, sondern sein nur wenige Jahre älterer Sexpartner. Dieser erzählt, dass er Schauspieler sei. Das stimmt so nicht, wie sich herausstellen wird. Doch er sagt auch, dass er gern vorgebe, jemand anderes zu sein – und das ist definitiv die Wahrheit. Denn der Protagonist, der namenlos bleiben wird, nimmt bei jeder neuen Verabredung die Persönlichkeit des Mannes an, mit dem er sich zuvor zum Sex getroffen hatte. So rezitiert er bei seinem nächsten Date mit dem britischen Lehrer Phillip nun Erfans Aussagen über den wissenschaftlichen Uni-Job nahezu Wort für Wort und wird zum überzeugenden Molekularwissenschaftler.

Dieses Muster wiederholt sich immer wieder. Der Protagonist wird zu Phillip, zu Dan, zu Stefan, zu einem Lehrer, einem Lieferdienstfahrer, einem Bühnenbildner. In ruhigen, konzentrierten Aufnahmen in elegantem Schwarzweiß fangen Jun Li und sein Kameramann Yuk Fai Hao die Begegnungen ein. „Ich habe keine Vorliebe“, sagt der Namenlose an einer Stelle. Und auch das scheint der Wahrheit zu entsprechen: Seine Matches sind mal jünger, mal älter als er, stammen aus verschiedenen Kulturen, sind mal extro-, mal introvertiert, mal Top, mal Bottom.

So divers seine Dating-Partner sind, so vielfältig fallen auch die Interaktionen mit ihnen aus. Phillip etwa mag es gern kinky. Der ältere Stefan aus Leipzig will lieber kuscheln und am Folgetag etwas für ihn kochen. Mit Matthew aus New York kommt es zum romantischen postkoitalen Engtanz, ganz nackt im Kerzenschein in einem abgelegenen Industriegebäude. Nicht alles endet gut. Mit einer Clubbekanntschaft ist der Sex völlig unpersönlich und führt zu einem Totalabsturz mit Erwachen am nächsten Morgen in einer Seitengasse.

Bild: Salzgeber

„Ich bin echt“, sagt Stefan lächelnd in einer Sequenz, in der es um das seltsame Gefühl geht, eine Person zunächst nur virtuell aus einem Chat auf einer App zu kennen. Wer weiß schon, an wen man da geraten könnte? Das ständige Rollenspiel in „Queerpanorama“ betont das Performative einer Dating-Situation. Selbst wenn wir unseren tatsächlichen Namen und Beruf nennen, liefern wir doch eine Selbstinszenierung, um uns als besonders begehrenswert, interessant, witzig oder clever zu präsentieren. Wir verheimlichen Dinge, die wir für unattraktiv halten. Vielleicht erzählen wir Unwahrheiten, nur um zu gefallen. Oder womöglich macht es uns einfach Spaß, uns Eigenschaften anzudichten, um den persönlichen Grenzen mal für kurze Zeit zu entfliehen.

Jun Li verarbeitet als Drehbuchautor und Regisseur hier reale Erlebnisse, auch er selbst kopiere zuweilen bei Dates die Persönlichkeiten seiner vorherigen Sexpartner, erzählte er in einem Interview. Ein paar dieser Männer verkörpern im Film nun fiktionalisierte Versionen von sich selbst. Mehrere Darsteller sind Laien. Der beinahe dokumentarische Blick und die kunstvolle Mise en Scène gehen dabei eine aufregende Verbindung miteinander ein. Authentische Momente und vertraute Erfahrungen aus dem queeren Alltag werden so in magisches Kino überführt: furchtlos, erotisch, melancholisch und mit leisem Humor.

Bild: Salzgeber

Trotz der offensichtlichen Vorspiegelung falscher Tatsachen wirkt der Protagonist nicht unehrlich. Er zeigt sich verletzlich, wenn er etwa darüber spricht, wie es ihm geht, er lügt nicht, wenn es um seine Gefühle geht. Auch ohne seinen Namen oder echten Beruf zu kennen, lernen wir ihn als aufgeschlossenen, abenteuerlustigen, sexpositiven Menschen kennen. Der Hauptdarsteller Jayden Cheung ist dabei eine echte Entdeckung.

Zwischen den Hook-ups sehen wir, wie der junge Mann allein seine Freizeit in seinem Zimmer verbringt – rauchend, singend, tanzend, auch mal masturbierend. Er scheint nie in seiner Einsamkeit verloren zu sein. In einer repressiven Umgebung ist er ein beeindruckender Freigeist, der es sich erlaubt, irgendwie alles und alle zu sein. Und der auf diesem Weg vielleicht zu sich selbst gefunden hat.




Queerpanorama
von Jun Li
USA/Hong Kong/China 2025, 87 Minuten
OF in Englisch und Mandarin mit deutschen UT

Ab Anfang Januar in der Queerfilmnacht