Take Me for a Ride

Trailer • DVD / VoD

Ein Lichtstrahl, der durch Baumkronen bricht; ein Sommerkleid, das im Wind weht; nackte Füße, die über feuchtes Laub wandern; das Rauschen des Meeres. Für ihr sinnlich-konzentriertes Coming-of-Age-Drama über zwei Einzelgängerinnen, die zu einem intimen Paar verschmelzen, findet die junge Regisseurin Micaela Rueda von Beginn an eine naturverbunden betörende Filmsprache. Die beiden Hauptdarstellerinnen Samanta Caicedo und María Juliana Rángel entwickeln die Beziehung zwischen Sara und Andrea ohne viele Worte, sondern mit zärtlichen Blicken, Küssen, Berührungen. Ein Film der leisen Zwischentöne und großen Empfindungen.

Foto: Edition Salzgeber

Zusammen allein

von Jessica Ellen

Ein Film über die Liebe zwischen zwei Mädchen in Ecuador – das macht neugierig! Wie kann diese Geschichte erzählt werden in einem Land, das, wie man zu wissen glaubt, noch immer tief vom Machismo geprägt ist? Welche Möglichkeiten existieren, sexuelle Orientierungen jenseits der heterosexuellen Norm zu leben? Was bedeutet das konkret für junge lesbische Frauen? Und wie lässt sich dafür eine filmische Form finden?

Bemerkenswerterweise gehört Lateinamerika heute zu den progressivsten Gegenden der Welt, was die Rechte sexueller Minderheiten betrifft. Die Homosexuellen-Ehe ist in mehreren Ländern legal; Ecuador und Chile haben die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare eingeführt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Region noch vor kurzem zu den schwulen- und lesbenfeindlichsten der Welt gehörte und bis heute unter dem prägenden Einfluss der katholischen Kirche steht. Deren Wirkung auf die lateinamerikanische Gesellschaft und Politik ist in den vergangenen Jahrzehnten aber stark zurückgegangen. Dabei spielt eine entscheidende Rolle, dass vor allem die Metropolen einen Prozess der Modernisierung und Säkularisierung durchlaufen haben. Dort ist es den liberalen, kosmopolitischen Mittel- und Oberschichten in diversen Ländern Lateinamerikas gelungen, die Rechte sexueller Minderheiten maßgeblich zu stärken. Im Gegensatz dazu haben sexuelle Minderheiten, die abseits größerer Städte leben, weiterhin einen schweren Stand: Sie sind alltäglicher Diskriminierung und brutalen Übergriffen ausgesetzt, werden von der Familie verstoßen und vom sozialen und beruflichen Umfeld ausgeschlossen.

Foto: Edition Salzgeber

Micaela Ruedas Spielfilm-Debüt verortet ihre beiden 17- und 18-jährigen Protagonistinnen in jener urbanen Mittel- bzw. Oberschicht Ecuadors, die Trägerin der dortigen Modernisierung ist. Die beiden Mädchen wohnen in Villen und verbringen ihre Tage zwischen Schule, Elternhaus und Diskos, in denen auch andere schwule und lesbische Paare tanzen und schmusen. Trotzdem ist ihre Beziehung von der Angst überschattet, geoutet zu werden. Das Thema Cyber-Mobbing wird gestreift. Geht es hier also doch um latente Gewalt gegen Lesben, trotz des vermeintlich liberalen Umfeldes? Oder um Paranoia?

Foto: Edition Salzgeber

„Take Me For a Ride“ erzählt die (Liebes-)Geschichte aus dem Blickwinkel von Sara. Ihr Vater ist Schriftsteller, womit auch Saras Liebe zu Büchern begründet wird. Die Eltern sind verständnisvoll, aber die Tochter tut sich schwer, mit ihnen zu reden. In der Schule ist sie eine unbeliebte Außenseiterin, die in den Pausen lieber in einer Ecke raucht, als sich zu den anderen Mädchen zu stellen. Doch dann kommt Andrea neu in die Klasse. Und es beginnt eine vorsichtige Annäherung zwischen den beiden Mädchen. Dass Andreas Elternhaus alles andere als harmonisch ist – die Eltern sind geschieden, und sie lebt bei ihrer Tante – wird angedeutet, aber nicht filmisch erzählt. Ihr Erleben bleibt eine Leerstelle.

Foto: Edition Salzgeber

Die Kamera beobachtet das Geschehen zwischen den Mädchen mit großer Sorgfalt. Schmiedeeiserne Bettgestelle und Zäune rahmen die schönen Gesichter ein, fast werden sie Teil des Ornaments. Auf ihren Fahrrädern verschwinden Sara und Andrea durch Spitzbogentore in einem dunklen Tunnel. Zum Sonnenuntergang laufen die Mädchen am Strand entlang. Romantische Phantasie und Realität gehen ineinander über. All das ist hübsch anzuschauen. Aber wie geht es weiter nach Saras berührendem Coming-out? Was sind die Konsequenzen?

Man mag Ruedas Film in seiner dramaturgischen Offenheit vielleicht als allzu unpolitisch empfinden. Vielleicht sollte man einen Film aus einem Land, dessen gesellschaftliche Entwicklung sich noch nicht in einer Fülle von Filmen zu LGBT-Themen niedergeschlagen hat, aber auch nicht mit Erwartungen überfrachten. „Take Me For A Ride“ ist ein zarter Film über das erste Verliebtsein und darüber, wie sich zwei Einzelgängerinnen gegenseitig aus der Einsamkeit erretten. Das an sich mag in Südamerika genauso leicht oder schwer sein wie im Rest der Welt, damals wie heute.




Take Me for a Ride
von Micaela Rueda
EC, CO, MX 2016, 68 Minuten,
spanische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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